Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1915)
- Date
- 1915-01-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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anderen Orten wurden sämtliche Juden vektrieden. In Skiernewice traf sie der Ausweilungsbefehl am Freitag Abend, als sie gerade die Sabbathlichter angezündet hatten. Und so gingen die 1000 Skiernewicer Juden aus ihren Häusern, ließen Licht und Challoh zurück und zogen, der Rabbiner an der Spitze, hinaus ins Dunkel der Nacht. Die Grodsisker Juden wollten sich nach Warschau wenden und baten durch eine Deputation um die Erlaubnis. Der dortige General hieß sie nach dem linken Weichselufer gehen, und, da sie antworteten, das wäre dasselbe wie in die Weichsel gehen, nieinte er zynisch, das wäre das allerbeste. In Lowicz wurden zwei junge Juden aus Zgierz, Sandberg und Fraenkel, wegen angeblicher Spionage nach vorheriger Verstümmelung des einen aufgehängt. Dasselbe Los wurde dem angesehenen Getreidehändler Moses Lipschütz, einem dort sehr geachteten Talmudgelehrten, zuteil, weil er — vor dem Krieg! — Geschäfte nach Deutschland gemacht hatte. In Bechawa (Lubliner Gouv.) wurden im Oktober 78 Juden an einein Tage wegen Spionage, in Chramostaw (Lubliner Gouv.) viele Häuser eingeäschert, die Juden (200 Familien) zum großen Teil mit Frauen und Kindern dernichtet. In Lodz sind 16.000 Kleinhändler ihrer Habe beraubt und zu Bettlern gemacht worden. Lodzer Frauen wollten ihre verwundeten Manner in den Lazaretten in Petersburg und Moskau besuchen. Es wurde ihnen verboten, weil diese Städte nicht im Ansiedlungsrayon liegen. In Zdunska Wola wurden sämtliche Frauen und Mädchen geschändet: selbst eine Wöchnerin am dritten Tage nach ihrer Niederkunft und Kinder von 6 und 6 Jahren blieben nicht verschont. Eine Frau, deren Mann im Kriege war, starb an den Folgen einer Vergewaltigung. Bald darauf kehrte der Mann verwundet heim, fand sein Kind ohne Mutter und seine Frau von einem ״Kameraden" zu Tode geschändet. Dies ein kurzer Abschnitt aus dem Bild der unerhörten Judenverfolgungen hierzulande, das in seinen markantesten Zügen Ihnen wiederzugeben für meine Pflicht halte, für meine Pflicht gegenüber der Wahrheit, der Kultur und dem Judentum: denn ״Du sollst nicht׳ stehen bleiben beim Blute deines Nächsten". Lodz, den 24. Dezember 1914. Rabbiner Dr. Arthur Levy, zurzeit im Felde. Flüchtlinge. (Schluß.) Wenn man dessen ungeachtet doch hie Und da Glaubensgenossen begegnet, die die Unglücklichen Flüchtlinge als eine schwere Plage betrachdem Wege zu begleiten, von welchen: es kein Zurückkehren gibt, da war es die milde Stimme, die die Trauergesänge zu tief empfundenen machte, während Sulzer bei den Abschiedsworten: ״Gott hat gegeben, Gott hat genommen" sein Organ wie Donnerschall erklingen ließ und hiedurch den Inbegriff aller möglichen Empfindungen und Gemütsbe- Wegungen zum Ausdrucke brachte. Bei Traum:- gen hingegen war es derjenige, der die Herzen der unter dem Baldachin ein neues Leben beginnenden Eheleute einander näher führte, und seine Koinpositionen für diese feierliche Zeremonie bilden allein schon ein Zeugnis für die Kunst, deren Jünger Sulzer gewesen. Welch herrlicher Genuß ist das Hören des großen Festpsalmes 111, den Sulzer anläßlich der Thronbesteigung unseres geliebten Monarchen vertonte, welchen Eindruck erzielt dieses Werk bei jeder Wiedergäbe! Aber auch außerhalb seines eigentlichen Berufes, als Lieder- und Oratoriensänger, fand Sulzer nicht gar viele Rivalen, die sich mit ihm in Konkurrenz hätten einlassen können: Beweis hiefür die Anerkennung Dr. Ludwig August von Frankl-Hochwarts, die wir am Schlüsse unserer Betrachtung bringen. Im Jahre 1838 erschien der erste Band seines historisch gewordenen grundlegenden, heute aber namentlich in Wien leider vernachlässigten großen, epochalen Werkes ״Schir Zion", an welchem außer Sulzer seine ihm befreundeten Meister den Weltruf mitarbeiteten, so z. B. der Lielen, über sie raisonieren, ihr Tun und Lassen, ihre sonderbaren Manieren und Gesten kritisieren, als ob diese Armen gekommen wären, um sich da schulmeistern zu lassen, so darf dies nicht wundern, denn Ausnahmen hat es zu allen Zeiten gegeben und wird es auch immer geben. Es existiert kein Volk auf Erden, wäre es auch das liberalste, humanste und intelligenteste der ׳Welt, das nicht zuweilen Mißvergnügte, Nörgler und Krakehler in seiner Mitte hätte. Ebenso hat es auch im Volke Israel an einzelnen Unzufriedenen nie gefehlt. Zur Erhärtung dieser Behauptung möchte ich hier bloß auf zwei Fälle Hinweisen. Einer der hervorragHxdsten, angesehensten und frömmsten Rabbiner des vierzehnten Jahrhunderts war R. Isaak b. Scheschet (geb. 1310, gest. 1406). Charakterfestigkeit, Seeleimdel, Herzensgüte, äußerst strenge Religiosität und große Bescheidenheit waren die Tugenden und Eigenschaften, die ihn zierten und schmückten. Sein Hauptlehrer war R. Nissim Geroudi ״Rau", der seinerzeit, als die erste rabbinische Autorität galt.. Gleich seinem Lehrer zeichnet sich auch Ben Scheschct durch immense talmudische Gelehrsamkeit aus. Jnfolgedessen gelang es ihm bald die Aufmerksamkeit seiner Glaubensgenossen auf sich zu lenken. Die große, damals sehr geachtete jüdische Gemeinde Saragossa hatte ihn zu ihrem Oberrabbiner ernannt. Seiner großen talmudischcn Gelehrsamfeit wie seines äußerst religiösen Lebenswandels wegen wurde er von der ganzen Judenheit als hervorragende rabb. Autorität gefeiert. Später jedoch verlebte er in Spanien traurige.Tage. In Sevilla lebte nämlich ein herzloser, bekehrungssüchtiger Priester namens Fernando Martinez, der sichs zur Lebensaufgabe gemacht hatte, die Juden gewaltsamerweise zur Annahme der Taufe zu zwingen. Er hielt unausgesetzt Hetzreden auf der Kanzel, um das Volk gegen die Juden aufzustacheln, und ruhte nicht eher, bis es ihn: endlich gelang, sein angestrebtes Ziel zu erreichen. Am 16. März 1391 predigte er auf einem öffentlichen Platze in Sevilla gegen die verstockten Juden und eiferte die Menge an, die Ungläubigen gewaltsamerweise zur Abschwörung des Glaubens der Väter zu zwingen. Die Worbe des fanatischen Priesters wirkten diesmal zündend und cmfeuernd, denn der aufgestachelte Pöbel griff sofort recht tätig in die Situation ein, plünderte und mordetö ad majorem dei gloriam nach Herzenslust. Drei Monate später wiederhalte sich nochmals dasselbe Schauspiel und zwar in weit größerem Maßstabc. Es geschah dies nämlich am 6. Juni 1391. Von der großen, angesehenen, ungefähr 30.000 Seelen zählenden Gemeinde ist kaum ein kleiner Rest übrig geblieben. Viele Tausende wurden hingeschlachtet und viele gewaltsamerwcise zur Taufe gezwungen. Das gräßliche Feuer von Sevilla blieb nicht lokalisiert, sondern griff rasch um sich und flakderkönig Schubert, dann Drechsler, Würffel, Volkert und besonders der Lehrer Sulzers, von Seyfried, der auf diesen Schüler wohl stolz sein konnte; um die Mitte der Fünfzigerjahre folgte der zweite Teil des ״Schir Zion",, der seinen Siegeslauf über die ganze gesittete Erde nahm. Die Kunst Sulzers wurde auch durch die Berufung als Professor am Wiener Kons-ervatorium gewürdigt, die er aber nur ein Jahr inne hatte. Am 2. April 1881, nach 66-jähriger Tätigke'it und zum Ruhme und Rufe seiner zweiten Heimatsgemeinde beitragend, fungierte Sulzer das letztemal als Oberkantor im Stadttempel, den er dann noch mehrere Jahre als im Ruheftanb lebend, aufsuchte, und am 26. Tebeth, das war 17. Jänner 1890, an einem düsteren Freitagabend, ehe die Gläubigen sich noch an den Liturgiew Sulzers erfreut hatten, hauchte er in dex Hand seines unmittelbaren Nachfolgers, weil.׳ kaiserl. Rat Oberkantor Josef Singer, sein Leben aus. Das Begräbnis Sulzers, dessen Ueberreste in: Stadttempel, der Stätte seiner beinahe zwei Menschenalter umfassenden bedeutenden Tätigkeit, aufgebahrt waren, gestaltete sich zu einer grandiosen Feier. Prediger Dr. Jellinek hielt im Tempel an: Sarge Sulzers die Gedenkrede, die mit den Worten begann: «Die Stimmen verstummen" 2. B. M., 9, 29, eine ungeheure Menschenmenge folgte dem Leichenwagen in tiefernster aufrichtiger Teilnahme, und auf dem Zentralfriedhofe, kerte in fast ganz Spanien lichterloh empor. In jenen trüben, düster:: Tagen sahen sich viele spanische Juden wie auch Scheinchristen, Maranen, gezwungen, das Land zu verlassen und ihre Zuflucht zu den nordasrikanischen Städten: Algier, Buga, Constcmtine Miliana, Orän, Tenes, Tlemsan etc. zu nehmen. Unter den spanischen Flüchtlingen befand sich auch der greise Rabbi Isaak b. Scheschet, der Algier zu seinem neuen Domizil wählte. Trotz seines hohen Alters war er auch hier berufen, eine bedeutende Nolle zu spielen. Er wurde vom Könige von Tlemsan zum Oberrabbiner und Richter sämtlicher jüdischen Gemeinden seines Staates ernannt. Besonders hilfreich stand ihm der am königlichen Hofe hochangesehene, allgemein beliebte Arzt Saul Astrüc Kohen zur Seite. Hier in seinem neuen Wirkungskreise hatte B. Scheschet bald Gelegenheit, seinen mächtigen Einfluß zugunsten seiner aus Spanien geflüchteten Stammesgenossen geltend machen zu können. In der jüdischen Gemeinde Algier lebte ein engherziger, böswilliger Mensch, der bei den Be- Hörden großen Einfluß hatte. Dieser wollte dev zunehmenden Einwanderung der spanischen Flüchtlinge aus Eigennutz eine Grenze setzen. Er veranlaßte daher den Kadi, sich von jedem neuen Einwanderer eine Dablone (zwei Dukaten) bezahlen zu lassen. Da dieser ״Leibzoll" wirkungslos blieb, stachelte er die jüdische Gemeinde selbst auf, gegen den neuen Zuwachs zu demonstrieren. Ungefähr 66 Maranen harrten im Hasen von Algier, uu: Einlaß bittend, wur-' den aber von den, von dem erwähnten Ruchlosen verleiteten, Juden entschieden zurückgewiesen, ohne zu bedenken, daß die Unglücklichen bei einer Rückkehr nach Spanien in die Hände der Henker geraten wären. Da erhob sich der greise Oberrabbiner Isaak B. Scheschet und verhängte über jene herzlosen Juden, die sich gegen die Aufnähme der Scheinchristen, Maranen, sträubten, den Bann und das hat gewirkt, so daß die Flüchtlinge anstandslos ihre neue Zufluchtsstatte beziehen konnten. Ungefähr hundert Jahre später hatte sich ein ähnlicher Falle in Rom ereignet. Als nämlich im Jahre 1492 sämtliche Juden Spaniens vertrieben wurden, haben sich die Unglücklichen nach allen Richtungen dev Windrose gewendet, um Zufluchtsstätten zu finden. Was nur im Bereiche der Möglichkeit war, geschah überall von Seite ihrer Glaubensbrüder, eine höchst unrühmliche Ausnahme jedoch haben die Juden Roms, wo sich ebenfalls mehrere Exulanten um das dortige Domizilsrecht beworben hatten, gemacht, indem sie sich anstrengten, den Zuzug von so schwer geprüften Glaubensbrüdern zu verhindern. Sie schoßen sogar 1000 Dukaten zusamn:en, überreichten sie den: damaligen Papste Alerunder VI. mit der Bitte, er möge den spanischen Juden verweigern, sich in Nom anzusiedeln. Der Papst jedoch, obwohl-er nichts weniger als Philowo gleichfalls Tausende sich eingefunden hatten und auf welchen: Sulzer ein Ehrengrab zugesprachen worden war, gedachte Rabbiner Dr. Güdemann mit tiefen Eindruck hervorgerufenen Worten des Heimganges des gottbegnadeten und menschenfreundlichen Künstlers und der Vorstand der Kultusgemeinde ließ durch mehrere Redner seiner Trauer den Verlust zun: Ausdruck bringen, die naturgemäß in erster Reihe die Wiener Gemeinde erlitt ,nicht minder aber die gesamte Judenheit auf den: ganzen Erdball. Es sei noch erwähnt, daß der damalige Bürgermeister Dr. Brix die Verdienste Sulzers ehrte, indem er in allen Gassen, die der pompöse Leichenzug Passierte, die florumhüllten Gaslampen anzünden ließ. In: Jahre 1900 veranstaltete die danmls florierende ״Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst- und histovischen Denkmälern des Judentums" anläßlich des 10. Todestages eine glänzend verlaufene Sulzer-Gedenkfeier, in deren Nahmen der seither verstorbene Oberregisseur des k. k. Hofburgtheaters, Vizepräsident der Gesellschaft Adolf Ritter v. Sonnenthal bk oberwähnte Trauerrede Dr. Jelln neks zun: Vortrage brachte und vor den vereinten Chören der beiden Wiener Hauptsynagogen mehrere ausgewählte Tondichtungen Sulzers abgesungen wurden: diese Gedenkfeier war, gleich wie die an: 4. März 1904 anläßlich des 100.Geburtstages abgehaltenen Jubelfeier Sulzers wohl ein Pietätsakt, der dem damaligen, ebenfalls be-