Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1915)
- Date
- 1915-01-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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>-—-i vezngspreisr: Für Sesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen «-20 ganzjährig .......... Kronen 12-— Deutschland, ganzjährig ...... Mark 12 — Rußland, ganzjährig.Rubel 6-— BaÜan, Frankreich ....... Frank» 14׳— 8 ו Herausgeber: Max Hickl. dp5© g- Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe S. Buchhändlerische Vertretung: Otto KlemK, Leipzig. Inserate: die vspaltige Petitzeile 80 K Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono. riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. .-. -.m Wien—Budapest. Brünn, A Z-b-ch 5675 Prag—Levberg.- Ein Brief aus Lodz. ״The Amerikan Hebrew", Newyork. , Ich bekonnne ins Feld, wo ich als Rabbiner für die jüdischen Soldaten einer deutschen Armee tätig bin, die Nachricht zugesandt, daß in Ihrem Blatt eine Notiz gestanden habe, die die bekannten Taten der Russen in Radom, über die seinerzeit das ״Berliner Tageblatt" berichtet hat, in ihrer elementaren Wucht abzuschwächen und die Schuld vor den Urhebern abzulenken sucht. Ich bin der eigentliche Autor jenes Berichtes, habe also an seinem Inhalt und Schicksal alles Interesse und erlaube mir däher. Ihnen hiermit feierlich und mit deM ganzen Ernst unserer blutigen Zeit zu wiederholen: Es ist leider buchstäblich wahr! Die Russen haben in Radom drei unschuldige Juden ohne Gericht und ohne Urteil aufgehangt, darunter einen Mann — den Sohn des in ganz Polen berühmten Alexander Rebbe — der von der ganzen Gemeinde wie ein Heiliger verehrt wurde, der seine Tage, hinter dem Talmud sitzend und seinen frommen Gedanken nachgrübelnd, in bescheidener Zurückhgltung und Selbstvertiefung verbrachte und sich nicht kümmerte um die Händel dieser Welt. JH selbst habe Gelegenheit gehabt, eine der unglücklichen Witwen in Radom zu.sprechen. Versteinert und starr in ihrem. Schmerz saß sie vor mir-, mit einer Ruhe, die mir das Herz ergriff, nahm sie ihr grausiges Erleben als eine Fügung Gottes hin, und, wenn das zerrissene Herz aufschreien wollte vor wahnsinnigem Weh, lehrte sie ihr frommer Sinn, in Gottes Namen zu dulden und sich seinem׳ Willen zu fügen. Und mit einem nervösen Zucken um den Mund erzählte sie mir mit gedämpfter Stimme von dem namenlosen Unglück, das sie getroffen, und den Männern, die durch^Henkershand gefallen. ״Mein Schwager — Feuilleton. Salomon Sulzer. Zu dessen fünfundzwanzigsten Todestage. 20. Tebeth. Wenngleich auch unsere Zeit sich zur Begehung einer Feier oder eines Jubiläums eben nicht geeignet ist, da ja das Interesse aller Kreise lediglich dein mit Hilfe Gottes uns und unseren treuen Verbündeten zu erringendem Siege übre die perfiden und hinterhältigen Feinde zugewendet ist, so dürfte doch die 26. Wiederkehr des Todestages eines'der bedeutendsten und unerreicht dastehenden Funktionärs unserer Kultusgemeinde, weil. Altmeister des Synagogengesanges, Oberkantor Professor Salomon Sulzer, geeignet erscheinen, den Gedanken an diesen Meister einige wenige Momente zu widmen. In Hohenems am 18. März 1804 geboren, woselbst der jugendliche Kantor einige-Jahre wirkte, konnten dessen Fähigkeiten nicht zur vollen Geltung gelangen, die kleine Gemeinde konnte den Anforderungen Sulzers nicht entsprechen, der schon in den Jünglingsjahren mit seinem herrlichen Organ ü. seinen weitaus schweifenden Ideen für etwas Großes prädistiniert -erscheint. Ja, es war anno 1825. die Einweihung und Benützung des ersten jüdischen Gotteshauses in Wien war in Aussicht genommen, fanden sich in Hohenems Vertreter der hiesigen Kultusgemeinde, die eben erst gebildet werden durfte, ein und der Sohn des Alexander Mbbe — war ein edler Mensch, eine stille Natur, ein göttlicher Mann." ״Warum man sie gehängt?" ״Fragen Sie den polnischen Denunzianten, der diesen dreifachen Mord auf dem Gewissen hat. " Ueberhaupt krampst sich mir das Herz zusammen, wenn ich hier in Polen sehe und höre, welch entsetzliche Gewalttaten an den Juden im Laufe dieses Krieges von den Russen verübt worden sind und tagtäglich verübt werden. Die Pogrome früherer Zeiten sind ein Nichts gegen die rasende Vernichtung jüdischer Häuser und jüdischen Lebens, die mit den: russischen Heer sich durch ganz Polen wälzt, mit ihm vorwärts, mit ihm rückwärts geht und es begleitet wie ein drohender Schatten. Mehr als 215 Ortschaften wurden bisher Pögromiert, und es ist kein Ende dieses Schreckens abzusehen. Ich will aber ins Einzelne gehen und Ihnen Tatsachen berichten, nackte Tatsachen, deren Wucht sich niemand wird verschließen können, und die sich durch keinerlei Schönfärberei aus der Welt schaffen lassen: In Staschef wurden am Jaum Kippur elf Juden in Tallis und Kittel in der Synagoge aufgehängt. Irr Klodowa wurden zwei der angesehensten jüdischen Bürger an einem Freitagabend, als die Juden aus der Synagoge kamen, am Balkon des eigenen Hauses aufgeknüpft, nachdem die Frau des einen selber die Stricke hatte herbeiholen müssen. 24 Stunden mußten die Leichen hängen bleiben, und die Juden der Nachbarschaft durften die Fensterläden' nicht schließen, damit sie sich dem entsetzlichen Anblick nicht entzögen. Auf der Brust der Getöteten hatte man einen Zettel mit der Aufschrift geheftet: ״Gehängt, weil er ein Drei-Nubelstück nicht wechseln wollte." nach einem Gottesdienste, dem sie ׳beiwohnten, war Sulzer nach Wien berufen. Daß diese Berufung bei ihm die hellste Freude auslöste, bedarf ׳Wohl keiner Erwähnung, ebenso wie in Mitte der danmls' treu und fest zum Judentum gehaltenen Gemeindemitglieder Wiens, deren Namen heute noch glänzen. Am 1. April des Jahres 1826 erfolgte die feierliche Einweihungszer-emonie des Stadttempels in Wien, in welchem Sulzer nach Ansicht des Vorstandes und an der Seite Jsak Noaß Mannheimers die Reformierung der gottesdienstlichen Handlungen vornehmen und deren Einrichtung besorgen sollte. Wie diese Neueinrichtung beschaffen worden war, dafür sprechen heute noch die in den Gemeindesynagogen Wiens eingeführten Gebetbücher Mannheimers-und die — leider — seit einigen Jahren zurückgesetzten Werke Sulzers eine beredte Sprache. Sulzer modernisierte die altberühmte Melodien, er bearbeitete diese mit Verwendung des Chorgesanges, ohne die Soli zu verwerfen, kurz er ward der Reformator des Synagogengesanges, man kann wohl sagen, für die ganze Welt. Er fühlte sich in seinem Elemente, etwas Neues, aber wahrhaft gediegenes zu schaffen und als Künstler seinen Mann zu stellen. /Es sind noch Zeitgenossen aus den letzten Tagen Sulzers am Leben, die die Abi-altung iedes Gottesdienstes, sei es an Sabbaten oder Festtagen oder anderen feierlichen Anlässen als Labsal, als genußreich und herzerhebend bezeich- In Lenczyca war eine Bürgerwehr einge-י richtet, in der 70 Prozent Juden organisiert waren. Als das russische* Militär nach L. kam, wurden sämtliche Inden sofort aus der Miliz entfernt, und in derselben Nacht haben die Kosaken geplündert und mißhandelt — nur in jüdischen Häusern. In Shidlowiec haben sich jüdische Mädchen in den Pilicer Teich geworfen, weil sie geschändet worden waren und diese Schmach nicht durchs Leben tragen wollten. In Ostrowice forderten die Kosaken die Auslieferung des Rabbiners Zaddik Kalischer, der gehängt werden sollte, weil er angeblich die Oesterreicher begünstigt hatte. In Wirklichkeit war er zusammen mit dem polnischen Geistlichen den österreichischen und den deutschen Truppen sowie früher den russischen entgegengegangen und hatte um schonende Behandlung, der Einwohner gebeten. Da der Rabbiner sich versteckt hielt, warteten die Russen den herannahenden Jaum Kip- Pur ab und umzingelten am Kol Nidre-Abend die Synagoge, um dort den Rabbiner gefangenzunehmen. Als sie im Begriff waren, in das Bet- Haus einzudringen, zogen die Deutschen in O ein, und die Kosaken wurden Vertrieben, nachdenr sie vorher Haus und Hof des Rabbiners zerstört hatten. *־ ׳ ' Am 4. Dezember, während des Freitag- Abend-Gottesdienstes, kam in Petrikau der Gouverneur mit Polizisten in die Synagoge, ließ sämtliche Thorarollen aus der heiligen Lade entfernen und diese nach einem geheimen Telephon durchsuchen, das die Juden dort untergebracht hätten. ' In Klescew wurden 150 Juden als Spione verhaftet und nach Warschau geschleppt. Aus Schiradow, Vruschkow, Blalopszek, Jwangorod, Grodzesk, Skiernewice und vielen net haben und in dieser ihrer Meinung bestärkt wurden, da die Kunst Sulzers mit dessen echt religiöser Anschauung und Auffassung der Gebete ein herrliches Ganzes bildete, ohne welches die wahre Weihe eines Gottesdienstes nicht denkbar ist. Wenn Sulzer an gewöhnlichen Freitagabenden mit seinem schmetternden Organ das ״Lecho daudi" intonierte, oder Samstag früh mit einer selbstkomponierten Keduscha entzückte, an den drei großen Festen die erhebenden Halleluiah-Gesange anstimmte und am Neujahrstage das Unesane-Tokew-Gebet mit den geradezu rührenden Chorgesängen zum Vortrage brachte, da. bemächtigte sich der Gläubigen eine mit Worten kaum wiederzugebende Stimmung, die ihren Höbepunkt am heiligsten Tage des Jabres, am Tage der Versöhnung, erreichte, an welchem er — er und Prediger Mannheimer waren allein im weißen Ornate — durch seine Toilette wie ein wirklicher Aharon, wie ein tatsächlicher Obervriester aus vergangenen Tagen erschien und als Sulzer, der mehreremale das Neilahaebet allein verrichtete, den Scheidegruß vor geöffneter Bundeslade berausschmetterte und kür sich und die zerknirschte, andererseits aber begeisterte Gemeinde - die letzten Bitten um Erbörung der inbrünstigen Gebete zu dem Allmächtigen emporsandte, da blieb Wohl kein Auge trocken?, heiße Tränen ranneu über di׳e Wangen und Gott erhörte das Flehen seines Gesalbten! Wenn Sulzer. berufen ward, einem teuren Angehörigen das letzte Geleite zu geben und auf