Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1915)
- Date
- 1915-01-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite S. Mini• M ,M, m WAUWAfWU vmvynwi• Re. 1. ') v ימ@ן: Bedingte Scheidung infolge Einberufung zum Heere. Eine ״bedingte Scheidung" vollzog in Frankfurt a. M. vor dem orthodoxen Rabbinatskollegium unter Vorsitz des Herrn Rabbiners Dr. Nobel, ein junger, zu den Fahnen einbe- Mfener Ehemann, als Vorsichtsmaßregel zugunsten seiner Frau für den Fall, daß er ohne den Nachweis, den die rituellen Vorschriften verlangen, im Felde bleiben sollte und die Frau dadurch als ״eheverlassen" gelten und ledig bleiben müßte. Vor hundert Jahren und früher taten dies oft Handelsleute, wenn sie Seereisen unternahmen. So geschah dies hier ehemals selbst bei Reisen nach London. Dem heutigen Geschlecht blieb infolge des langen Friedens und der gesicherten Reisewege diese religiöse! Einrichtung fremd, die der Krieg wieder belebt hat. Bestattung eines 64-jAhrigen jüdischen Kriegsfreiwilligen. Dem Aachener Anzeiger entnehmen wir: In die kühle Heimaterde betteten sie einen Helden: betteten sie Ludwig Stern. Als Kriegsfreiwilliger war auch er hinausgezogen; ״die Lust, fürs Vaterland zu streiten", rief ihn wieder zu den Fahnen seines alten Regiments, des Landauer Infanterieregiments, dem er, ein geborener Bayer, 1870 als Einjähriger angehör! hatte. Schon damals war er gegen Frankreich marschiert und war in Anerkennung seiner Verdienste zum Leutnant befördert worden. Ha) was er damals in schönem Iugendmut vollbrach: hatte, heute als alter Landsturmmann wollte er ׳es bekräftigen. Aber die Anstrengungen waren zu gewaltig, sein Körper hielt ihnen nicht mehr stand . . . Die Waffe entsank dem alten Kämpen: im Lazarett zu Landau hauchte er seine Heldensoele aus, ohne des heißgeliebten Vaterlandes ganze Siegesherrlichkeit geschaut zu haben ... An der Stätte im Walde, wo die gefallenen Helden ruhen, stehen sie feierlich-ernst versammelt um das offene Grab, sie, die ihn kannten, die ihn verehrten: eine'dichtgedrängte Menge, aus der auch die Standarte eines Vereines hervorragt: des Neichsverbandes der Wandergewerbetreibenden Deutschlands, Ortsgruppe Aachen. Und in dein nassen Sturmeswchen, das in erschütternden Stößen über die Erde fährt, in den Kronen der Kiefern dunkel rauscht, wie Totenklage, klingen nun troststark die Worte des Abschicdsgrußes, die Rabbiner Dr. Iaulus ״wehmutsvoll, aber dach innerlich gehoben", dein toten, heldenhaften Freunde weiht. Geist von dem heldenhafte Geiste des Makkabäergeschlechtes lebte in ihn). Und er, der Jude, der für das Land, das er sein Vaterland nennen durfte, sein Leben hingab. er wird uns unvergessen bleiben. Er hat dem jüdischen Namen Ehre gemacht. Er hat gezeigt, daß auch der Jude seine vaterländisckre Gesinnung mit den! Tode zu besiegeln freudig bereit ist. Unauslöschlicher Dank dafür dem teuren Toten! In 22 Schlachten gestanden. Wohl zu den seltensten Heldentaten selbst in diesen) Kriege gehören diejenigen des jungen Korporals Philipp Spitz, der im Verlaufe dieser vier Monate in zweiundzwanzig Schlachten gekämpft hat. Philipp Spitz, der im bürgerlichen Leben Tapezierer in Budapest ist, ist der Sohn des Kaffeesieders Samuel Spitz und dient Beim 71. Trencsener Infanterieregiment. Aus einundzwanzig Schlachten kam er unversehrt zurück. In der zweiundzwanzigsten bei Stryowice wurde er in einem blutigen Sturmangriff, wo er an der Spitze seiner Karneraden ins Feuer stürmte, verwundet. Er wurde nach Wien gebracht und im Krankenbette wurde ihm die Zuschrift des Generals Dank! zugestellt. Sie lautet: ״Für $T1re im Gefechte bei Str. besonders bei in Sturme bezeigte Tapferkeit spreche ich Jhnen meine Anerkennung und die Belobung im Namen des Allerhöchsten Dienstes aus. Dankt." Der junge Held von so unvergleichlicher Ausdauer wurde in Wien alsbald hergestettt und ist bereits wieder ins Feld gerückt, der — dreiundztvanzigsten Schlacht entgegen. Vierzig Jahre Kultusgemeindevorsteher in Karlsbad. Freitag, den 25. Dezember v. I. sind es 40 Jahre geworden, daß Herr Ludwig Moser zum ersten Male zum Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde in Karlsbad gewählt worden ist. Seit dieser Zeit bekleidete Herr Moser dieses Ehrenamt ununterbrochen bis auf den heutigen Tag. Vom ersten Augenblick der Konstituierung der Gemeinde hat Herr Moser rastlos an dem Gedeihen der Karlsbader Judenschaft mitgearbeitet, Zeit und Mühe immer bereitwillig geopfert, wo es galt, die Wohlfahrt und die Entwicklung seiner Gemeinde zu fürdern und zu heben. Möge es Herrn Moser, der trotz seines hohen Alters mit staunenswerter Rüstigkeit und Frische seines Amtes waltet, beschieden sein, umgeben von der Liebe der Seinen und der Verehrung der Gemeinde, noch viele Jahre an der Spitze der Karlsbader Judenschaft zu stehen zum Wohle der Gemeinde. Die Kochkiste eine Erfindung der Juden. In der ״Frankfurter Zeitung" lesen wir: Die Kochkiste, die unsere wackeren Truppen im Felde hier und da mit guten: Erfolg improvisieren, scheint eine durch die strenge Sabbathei- 4igung hervorgerufene Erfindung der Juden zu sein. Der berühmt^ Satirendichter Juvenal, der unter Trajan und Hadrian schrieb, erwähnte nämlich zweimal ״den Korb mit Heu" als bezeichnendes Gerät der Juden in! Ngm. Der Hausrat der jüdischen Bettler, die sich in dem Hain der Kamenen oder Musen vor dem Ca- Penischen Tor in der Nähe der Appischen Straße angcsiedelt haben, ist der Korb mit Heu (3, 14: Judaeis, quorum cophinus faenumque supellex). Die arme Jüdin, die der vornehmen römischen Dame ihre Träume auslegt, hat ihren Korb verlassen, um sich in der Stadt etwas zu verdienen (6, 543: cophino faenoque relicto). Man hat diese Stellen, obwohl ein alter Scholast die richtige Erklärung bot, lange mißverstanden, bi?׳ der klassische Philologe und Bibelforscher Hermann Nönsch (in ״Jahns Jahrbüchern", Band 123, 1881, und 131, 1885) nachwies, daß dieser mit Heu gefüllte Korb zu::: Warmhalten des Wassers und des Fleisches diente, dessen man am Sabbat bedurfte, ohne doch an dern heiligen Tage selbst etwas dafür tun zu dürfen. Die Erfahrung lehrt, daß eine solche Einrichtung die Speisen nicht nur warm hält, sondern auch gar macht: der altjüdische Heukorb ist also im Gründe ganz dasselbe wie die moderne Kochkiste. Willy Greifenhagen. Der frühere Vorsitzende der Jüdischen Turnerschaft, Willy Gveifenhagen, ist auf dern oft־ liehen Kriegsschauplatz gefallen. Sein Name, sein Bild lebt in allen, die das große Fest der jüdischen Turnerschaft anläßlich des XI. Zionistenkongrcsses in Wien mitzufeiern Gelegenheit hatten, klar wieder auf, wo Greifenhagen Beim Fcstturnen, Beim Kommers und beim Meeting durch seine zündenden und geistvollen Ansprachen alle Zuhörer irr seinen Bann zog und zu wahren Beifallsstürmen begeisterte. Selbstbewußt und tatkräftig, von mannhafter Erscheinung, mit glänzenden Rednergaben ausgestattet — so erschien er damals als der würdige Vertreter der wehrhaften Jurrgjuden vor der Oeffentlichkeit. Allzufrüh müssen wir rrun seinen Verlust beklagen. Ein liebendes Gedenken im Herzen unser aller ist ihm gewiß! Ein Königreich Juda. Die ״Tageszeitung" meldet: Der Londoner ״Globe" beschäftigt sich in einen: längeren Arikel mit der Zukunft Aegyptens und der Aus- )ehnung des Protektorates auf Palästina. Die Einverleibung Palästinas sei aus verschiedenen Gründen nicht opportun, es müsse vielnrehr als neuer Staat zwischen Aegypten und der Türkei hergestellt werde: rnan müsse den Zionisten algen rnrd ein neues Königreich Juda mit der Hauptstadt Jerusalm gründen. Sperrforts vor 3500 Jahren. Unr der unwillkommenen Einwanderung aus Asien her einen Riegel vorzuschieben, hatten die altügyptischen Herrscher auf den: Isthmus Befestigungswerke angelegt, die wiederholt in den Texten erwähnt werden. So geschieht dies in einer sehr anschaulich geschriebenen Erzählung aus dem mittleren Reiche, die uns die sagenhaft ausgeschnrückten Abenteuer eines gewissen Sancho, eines Sohnes Amonemhats des Ersten, schildert. Er ergriff beim Tode des Vaters die Flucht, durchquerte den Norden des Landes und kam an die Grenze, die nicht so leicht zu passieren war, da sich ihm die ״Fürstenmauern" entgegenstellten. Es gibt noch viele andere Beweise dafür, daß die Aegypter bereits in der grauen Vorzeit gezwungen waren, die Straße, die vom Isthmus her in das Wadi Tunrilat direkt in das Herz Aegyptens hineinführtc, scharf zu bewachen und zu sperren. In der Bibel heißt Aegypten Mizrajinr, welchem Worte die Wurzel Mozaur, Mauer, Wall, Befestigung zugrunde gelegt wird, also Doppelfestung oder Mauerland bedeutet. — Ein unterfrLnkischer Held. In Sennheim i. Elf. hatten der Bürgernreister und ein Stadtrat Verrat geübt und waren sofort erschossen worden. Der deutsche Kommandant vcrrnutete, daß sich noch zahlreiche Verräter im Ort befinden und wollte deshalb den ganzen Ort einäschern. Da begab sich der 75jährige Rabbiner Bambcrger, ein Sohn des verstorbenen Würzburger Rabbiners Seligmann Bär Banrberger, zu dem Kommandanten und bot sich als Geisel an. Er wies dabei, wie das ״Jsr. Familienblatt" schreibt, auf die Fürbitte Abra- Harns, als Gott ihm seine Absicht, Sodom zu vernichten, mitteilte, hin. ״Wenn nur zehn Gerechte inmitten der Stadt sind, schone sie", habe Abrahanr gesagt, und so sagte er auch jetzt zu den: Kommandanten. Der Kommandant nahm von seinen: Beschlüsse Abstand, verzichtete jedoch dankend auf das Anerbieten des heldenhaften greisen Rabbis, sich als Geisel zu stellen. Die Mahlverordnnng und die Mazzos in Ungarn. Auf Eingabe der beiden israelitischen Kauzleier: hat sich das Handelsministerium bewogen gesehen, für die nächste Zeit eine Enquete der Fachverständigen über die Frage einer Ausnahmsbestimmung bezüglich der Herstellung von Mazzos cinberufen. Professor Alexander Marmorek in Bern. Der berühmte Pariser Bakteriologe und Zionistenführer, Professor Alexander Marinorek, hat sich nach vorübergehendem Aufenthalte in seiner Vaterstadt Wien nach Bern begeben. Vertreibung der Juden aus Russisch-Polen. Einer Züricher Depesche der ״Kölnischen Zeitung" zufolge wirb den: Mailänder ״Avanti" aus Rußland von außerordentlich strenger Neaktion gegen die liberalen Elemente berichtet. Mit besonderer Strenge werde in Polen gegen die jüdischen Elenrente, die deutschfreundlich sind, vorgegangen. Sehr viele Juden seien bereits hingerichtet oder mit schwerem Kerker bestraft worden. Die jüdische Bevölkerung Russisch-Polens würbe innerhalb 24 Stunden ausgewiesen, ihre Besitztünrer wurden zerstört, Tausende von Frauen, Greisen und Kindern mußten wochenlang bei schlechten: Wetter zu Fuß abreisen, wobei viele unrgekonrnren sind. Die Leichenfeier für Karl Goldmark in Wien. Die Beteiligung der Wiener Kunstrnrd Musikkreise an der Leichenfeier für Karl Goldmark, war eine äußerst starke. Unter arrderen waren erschienen: Gräfin Misa Wydebruck- Esterhazy, der Präsident der isr. Kultusgenreinde Dr. Alfred Stern mit den Vorstandsnritgliedern Salo Cohn, Dr. Markus Spitzer u. S. Steiner, den: Ersten Sekretär kais. Rat Dr. Lieben und den: Amtschef Wilhelm Freistadt, der Präsident des Journalistenrrnd Schriftstellervereines ״Concordia" Dr. Sigmund Ehrlich, der Direktor des Hofoperntheaters Hans Gregor, Frau Karoline Gonrperz-Bettelheinr. mit ihrem Bruder Dr. Anton Bettelheim, Kamervirtuose Professor Alfed Grünfeld, die Schriftsteller Dr. Julius Korngold, Max Kalheck, Prof. Rich. Robert I. Neitler, Dr. E. Bienenfeld, Dr. Siegnrund Münz Friedrich Stern. Ignaz Schitzer, Hofschauspielerin Auguste Wilbrandt-Baudius, Prof. Airton Door, Generalsekretär Dr. Botstieber, die Kourponisten Charles Weinberger und Oskar Straus, der Ehrenchormeister des ״Schubertbund" Kirchl Hofkapellmeister a. D. Gericke, die Prof. Sulzer und Nasche, Kunsthändler kais. Rat Artaria, Direktor Windhopp in Vertretung der Autoren- 1