Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1915)
- Date
- 1915-01-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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9t«. 1 »9»>W» s,lr,ßr»«» Sette L Rücksicht zu nehmen. Diese Unreinlichkeit läßt sich nicht entschuldigen, doch teilweise erklären. Wiederum ist in gewisser Beziehung Galizien mit seinem unbeschreiblichen Judenelend ein Schuldtragender. Das Elend, in dern die Juden leben, oft 10 oder gar mehr Personen in einem Namn, der auch als Küche dient, das ewige Hasten und Jagen nach dein kargen Verdienst, läßt sie nicht an die Pflege des Körpers denken. Daß der fromme Jude seine freie Zeit zum Bibel- und Talmudstudieren derwendet, wird immer anerkannt, doch sollte dies nicht zum Nachfeil für die Reinlichkeit und der im Gegensatz zum Bibel- und Talmudstudium, mit dem Leben Hand in Hand gehenden Kultur geschehen. Man muß oft staunen, wenn man einen galizischen Juden, mit langem weißen Bart, eingefallenen Wangen, glanzlosen Augen und zitternden Händen, den man 70 Jahre alt hält, nach dein Alter fragt und erfährt, daß er kaum das 50. Lebensjahr überschritten hat. Das frühe Altern, ja man kann sagen, das Altgeborenwerden, denn auch die Gesichter der Kinder sehen unverhältnismäßig alt im Vergleich zu ihren überaus schwachen Kinderkörpern aus, der schwache, nach vorn gebeugte Körper sind untrügliche Merkmale des armen galizischen Juden. Es .muß auch so sein, denn in den dumpfen Chederstuben, in denen die Jugend in den elenden, feuchten, von zu viel Personen bewohnten unhygienischen Zimmern ihr Leben verbringt, kann kein Körper gedeihen. Zu alldem muß der arme׳ Jude, nachdem er tagsüber mit einem schweren Pack voll Ware auf den! schwachen Rükken von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf gehastet hat, umden Groschen fürs tägliche Brot zu verdienen, nur allzuoft noch hungern. Die anstrengende Arbeit, wenig nahrhafte Kost und ungesunde Wohnungsverhältnisse lassen die Juden früh altern und die Jugend kraftlos und gebeugt einbergeheu. Dem Verfall des östlichen Judentums, der unter solchen Lebensbedingungen ganz selbstverstündlich ist, muß gesteuert werden. Wir Zionisten sind in erster Linie neben allen anderen, denen am Bestand des Judentums etwas liegt, denn der Osten ist das Reservoir des Judentums, berufen alles was in unserer Macht liegt, für unsere Brüder im Osten zu tun. Wir müssen in ganz Galizien Turnvereine gründen, rnn die schwachen Körper der jungen Generation zu stählen, denn die kanimende Zeit wird auch an uns Juden große Anforderungen stellen. Man müßte die Juden von Staats wegen zwingen, die öffentlichen Schulen zu besuchen — der Zwang scheint bis mm noch nicht zu ernst gewas kommen könnte, hinzu, ״wird er auch dann?" — ״Mache Dir keine Sorgen, Frau" unterbrach sie der Gatte; ״Bernhard ist klug genug, den alten Dr. Bölim nichts von seinem liebertritt wissen zu lassen; aber in mir lebt eine Hoffnung auf, ob nicht das streng religiös geführte Haus des Dr. Böhm, seine Wohltätigkeit, sein Gottvertrauen, vorbildlich auf Bernhard einwirken wird?" ״Im Kreise leichtfertiger Kamcraden wollte er nicht der Jud sein: im Kreise dieser wahrhaft edlen Juden, deren Religiosität in Wohltun und Pflichterfüllung besteht, wird er erkennen, welch ein Kern im Judentume lebt; glaube mir, unser Sohn wird wieder als guter Jud zu uns zurückkommen; Gottes Weisheit hat alles wohlgefügt."׳ ,.Du bist ein Optimist" sagte Frau Gelber: ich kenne Bernhard besser; Dr. Böhm wird so wenig Einfluß auf ihn gewinnen, wie . ." ״Laß ihn nur erst gesund werden" unterbrach sie der Gatte: ״Ich gebe die Hoffnung nicht auf." — Fortan fand ein Briefwechsel zwischen den! Gelberscheu und Böhmschen Ehepaare statt. Dr. Böhm berichtete, daß die Heilung der Wunde gute Fortschritte mache, daß sein Patient sich in seinein Hause Wohl fühlte, daß sie ihn gern haben. Vom Hauptmann Bernhard trafen jetzt öfter Nachrichten ein: er war voll des Lobes über Herrn und Frau Dr. Böhm; hie und da war auch der reizenden Tochter Paula gedacht, die ihm manche Stunde verkürze, indenr sie ihm vorlefe und unter seinem Diktat Briefe an seine Freunde schreibe. Gelber hat von einer befreundeten Lemberger Familie erfahren, daß Paula Böhm ein nommen worden zu sein, da es verhältnismäßig eine große Anzahl galizischer Juden gibt, die nur hebräisch lesen und schreiben können — damit sie teilnehmen an der Kultur anderer Völker. Man müßte sie durch volkstümliche Vorträge aufklären, sie zum Bewußtsein bringen, daß sie einem Volke angehören, das nicht in der Vergangenheit in den altlen Büchern lebt, nein, das jetzt lebt und lebendes schaffen will. All dies soll und kann geschehen, ohne ihre religiösen Gefühle zu verletzen und ohne den Anschein zu erwecken, man wolle sie dem orthodoxen Judentum entreißen. Nichts ist leichter zu vereinen als wahre Religion, Kultur und Nationalismus. Es ist keine leichte Aufgabe, die uns bevorsteht, doch sic muß erfüllt werden und ihre Früchte werden alle Mühen und Arbeit vergessen lassen. Ein großes, starkes Judentum ist der Preis, da gilt kein Zaudern! Brün n, im Jänner 1915. _ Felix Ungar. NIEDERLÄNDISCHE Lebfinsverslcherungs ־־ Gesellschaft, Wien I., Aspernplatz 1 lm eigenen Palais, Versichertes Kapital clrka 422 Millionen. Reserve zirka 116 MUliohen Kronen. — Billigste Tarife, Mitarbeiter werden überall gesucht — Unser neuester Tarif mit 5»/0 jährlich fallender garantierter Prämie Genaralagentur für Wien I., Aspernplatz 1, Leiter: David Nebenzahl. Sub Direktion für Prag Ferdinandsstr. 20 neu Leiter Roben Qeistel. Sub Direktion für Lemberg. 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Es steht das Kerzchen so einsam da und von allen bildschönes und sehr gebildetes Mädchen sei; ganz anders, wie andere Mädchen ihres Alters, sehr einfach, häuslich bescheiden, jetzt eifrig bei der Fürsorge der Stadt oder für die Verwundeten tätig, denen Dr. Böhm Aufnahme in seinem Hause gewährt. . Anfangs Dezember langt ein Brief ein, der das Gelbersche Ehepaar in nicht geringes Erstaunen versetzte; der Sohn schrieb: ״Teure Eltern! Mitfolgend sende ich Euch das wohlgetroffene Bild meiner lieben Braut Paula Böhm; sie hat wochenlang als treue Pflegerin bei mir ausgeharrt und jetzt, da ich dank dem Allmächtigen wieder gesund bin, haben wir uns das Wort gegeben, für das Leben einander anzugehören. Im Böhmschen Hause habe ich den hohen Wert des Judentums erkannt: freudigen Herzens und aus inniger Ueberzeugung kehre ich zu Euch und zur Religion meiner Väter zurück. Lasset es mich nicht entgelten, teure Eltern, daß ich Euch Kummer bereitete." War das ein Freudentag in der Familie! Dankbaren Herzens gegen Gott begingen ihn die glücklichen Eltern. Zwanzig Arme wurden gespeist, ebensoviele reich beschenkt. Sie hatten nicht nur den Sohn wieder gewonnen, er brachte ihnen auch eine Tochter, ein Mädchen aus gutem jüdischen Hause, der man alle Eigenschaften, die das Leben lebenßwert machten, nachrühmte. ״Siehst Du, Mutter" sagte der alte Gelber einst, als sie gemütlich am Familientische saßen, zu seiner Frau: ״auch der Krieghat sein Gutes; unser Sohn wäre uns für das ganze fernere Leben entfremdet geblieben, wenn ihm nicht seine Verwundung in Jsaac Böhms Haus gebracht hätte! In gar vielen, vielen Fällen wird sich der Segen des Krieges erst später Nachweisen unverstanden und will schon so schnell wieder ausgehen, als wäre in dieser Gesellschaft nicht sein richtiger Platz, als dürfe man hier nicht ein Zeichen seiner Gedanken kundgeben oder nur sichtbar machen. Gehe nur aus, mein Lichtchen! Du leuchtest ja nur mir und gibst mir Grüße aus der Heimat zu verstehen, und morgen brennst du mir ja wieder doppelt. Gute Nacht, meine Lieben! ״Scheoso nissim lawcmseinu bajomim hoheim," er wird uns auch wieder Wunder tun, hoffentlich ״baseman hasee." So, jetzt habe ich noch ein׳ bißchen mit meinen Franzosen, bei denen ich kampiere, gewelscht und werde nun sicherlich von Euch träumen: hellerleuchtetes Wohnzimmer, Chanukahlichter, Moaus-Zur, Trendel, Nun-Hei-Gimmel-Nun- Sh in, und schon wieder Shin ... Lieb Muttchen, wir haben uns in das neue Leben hier eingewöhnt und machen es mit; man gewinnt ihm die schönste Seite ab. Sei du auch stolz und zuversichtig, Gott vertrauend. Wenn Du Dich so härmst, — nein, das darfst Du nicht; je fester Du bist, je gesünder Ihr lebt, desto besser geht es uns. Als ich in die Schule ging, da glaubte ich, an der Türe immer mein Muttchen zu sehen: — jetzt soll es umgekehrt sein. A. R. * Draußen bläst der Wind und klatscht der Regen. Ich sitze bei den nach und nach vergliminenden Kerzen unserer Chanukahlichter, die selbst unsere ״Erdenhöhle" zu einer freundlichen Stätte menschlicher Behausung machen. Ringsum alles still. Nur das Husten unserer mutig im Regen ausharrenden Horch- und Beobachtungsposten dringt zu mir. Von Zeit zu Zeit hört man eine Granate in dem unweit gelegenen V. Einschlagen. Salvenartiges Jnfanteriefeuer belehrt mich, daß fern von uns — vor der Front — unsere im Aufklärungsdienst begriffenen Patrouillen auf den Feind gestoßen sind, und eine von Zeit zu Zeit über mein Haupt hinwegpfeifende verirrte Kugel oder Querschläger sagt mir, daß auch unsere Gegner auf der Hut sind. Und ich sitze hier und schreibe — und Philosovhiere über das, was war, was ist, was sein wird. Am längsten verweile ich bei dem, ״was sein wird." Ich kann es nicht ausdenken, zu rauh ist die Gegenwart. Wie ein schöner Traum erscheint mir, erscheint uns allen die Zukunft. Fort mit den Gedanken, zunächst spricht die Gegenwart. — Ich habe mich ׳eben unterbrochen und einen Kmtrollgang, durch die Schützengräben gemacht. laissen; der Nationalitätenhader hat aufgehört, Verweichlichung, Luxus, Ueberhebung, sind der Stärke, Einfachheit, Bescheidenheit gewichen. Die sonst oft wegen ihrer Putzsucht verspotteten, schwachgeistigen Frauen haben sich als das starke Geschlecht erwiesen, dem ungeteilte Anerkennug zuteil wird. Sind das nicht schöne Erfolge?" ״Mir geht das Herz auf" sagte begeistert Frau Gelber, wenn ich daran denke, daß unser Bernhard nun bald . ." Da wurde die Tür geöffnet und Hauptmann Bernhard Gelber, gestützt auf den Arm Dr. Böhms,- trat ein. Die alten Leute waren wie von einem Freudentaumel befangen. In ihrem Glück bemerkten sie nicht, daß eine junge Dame, schüchtern an der Türe stehend, die Tränen trocknete, die über die schönen Wangen niederrollten. ״Meine Paula" sagte jetzt sich umwendend der Hauptmann; und das schöne junge Mädchen, das voll inniger Rührung dem Wiedersehen der Glücklichen zugeschaut, bei׳ der Hand nehmend, führte er sie den Eltern zu. ״Meine Tochter! Geliebte Tochter!" jubelte Frau Gelber, während ibr Gatte segnend beide Hände auf das Haupt des schönen Mädchens legt und seinen Segensspruch tief gerührten Herzens sprach. — Wenige Wochen später wurde die Hochzeit des glücklichen Paares gefeiert; die Trauung fand nn Seitenstetter Tempel statt. Hauptmann Gelber, dein ein Schuß den Arm verletzt hatte, wurde superarbitriert: er wirkt als Kommandant eines Reservespitals in Wien, tut viel gutes und wird in seinem Wirken von seiner schönen frommen Frau unterstützt, deren Liebe und Hingebung ihn dem Judentume zurückgewonnen hat.