Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1915)
- Date
- 1915-01-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2621806-2621945-2621946--3105-2624262- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
" Ikl. ' י " י י.י "' “ י 9י■ ^l' l>^,DMWWMWWWWMMWP> VI L dieser Tendenz der deutschen Intelligenz Wesen und Inhalt des Islams zu vermitteln und so eine Annäherung der maßgebenden Kreise der christlichen und mohammedanischen Staaten zu ermöglichen. Die Pflicht, eine solche Tribüne zu schaffen, erwächst demzufolge insbesondere für die österreichisch-ungarische Monarchie nicht nur mn das religiöse Leben der 600.000 Mohammedaner im Annexionsgebiete zu erforschen, sondern auch mit Rücksicht auf die wertvolle Wasfenbrüderschaft, welche die Verehrer Muhammeds Deutschland und Oesterreich-Ungarn leisten. Es erscheint unabweislich, ein Sprachrohr ins Leben zu rufen, welches auch unserer Intelligenz über Sitten, Gebräuche, Leben und Geschichte unserer Kampfgenossen in Asien Bericht erstatten, zwischen beiden Gesellschaftsklassen vermitteln und so die Bekenner der verschiedensten Religionen einander näher bringen soll. Der Weltkri-eg, welcher Protestanten, Katholiken, Juden und Moslems auf dem Schlachtfelde zusammenführt, muß zur Folge haben, daß diese auch gemeinsam ihre Zukunft ausbauen und der ganzen Menschheit die Segnungen eines dauernden Friedens bringen. Freunde des Orients, die für diesen Gedanken Verständnis finden, sowie auch Finanzinstitute, Exporteure etc., welche nach dem Kriege in den Jslamländern merkantile Verbindungen anzuknüpfen beabsichtigen, werden eingeladen, ein diesem Zwecke dienendes Unternehmen durch ihre Förderung zu unterstützen und möglich zu machen. Die beabsichtigte Zeitschrift als Quartalsschrift soll, sobald die materielle Grundlage gesichert ist. ihr Erscheinen beginnen. Ohne uns mit den Ausführungen des Autors in allen Punkten einverstanden zu erklären, veröffentlichen wir diesen Artikel. Die Red. Ost-Judentum. Eine Betrachtung. Der Unterschied zwischen Ost- und West-Judentum besteht und läßt sich durch Abhandlungen und Disputationen nicht aus der Welt schaffen. Dieser Unterschied, der zum größten Teil durch die anderen Lebensbedingungen und das Nichtschritthalten des Ostens in kultureller und Wirtschaftlicher Beziehung mit dem Westen bedingt ist, trennt nicht nur die Juden, sondern auch die anderen Bewohner dieses Landes von denen der westlichen Länder. Die Monarchie, die schon seit der Einverleibung Galiziens ins österreichische Staatsgebilde bestrebt ist, das Land zu heben und zu fördern, kann die Aufgabe, die Bewohner Galiziens den andern Bewohnern der Monarchie gleich zu machen, nicht allein lösen. Da muß die Bevölkerung selbst den größten Teil, der Nivellierungsarbeit leisten. Daß wir den galizischen Juden zum größten Teile nur nach Beschreibungen oder nur durch den unangenehmen Typ des jüdisch-galizischen Hausiemer Jud?" fragte Dr. Lang unwillig. ״Er ist überhaupt kein Jud! Mir scheint, Sie wissen es nicht, daß er, als er Hauptmann wurde, zum Christentum übergetreten ist?" Frau Gelber war wie vom Schlage gerührt. "Nein, das wußte ich nicht." — Plötzlich versiegten ihre Tränen. Starr vor sich hinsehend saß sie da, keines Wortes mächtig. Der um die stets leidende Frau besorgte Arzt nahm ihre Hcmd; der Puls ging fieberhaft schnell. ״Ich hätte es Ihnen nicht sagen sollen" e er, ״aber ich glaube Ihren Schmerz dazu lindern. Wußten Sie es wirklich nicht, daß. . ." ״Nichts wußte ich" rief die Frau in Heller Verzweiflung. ״Ich wage es kaum zu denken, daß . ." ״Beruhigen Sie sich" mahnte teilnehmend der Arzt; ihr Sohn ist nicht der Erste und wird nicht der Letzte sein, der seinem Glauben untreu wird. Ich habe es schon oft erlebt, daß die Getauften reuig zur Religion ihrer Väter zurückkehren.". ״O, diese Schande!" jammerte die alte Frau. ״Ich überlebe es nicht, meinen Sohn der Religion, in der er als frommer Jude erzogen Worden, abtrünig zu wissen!" ״Geben Sie die Hoffnung nicht auf, daß er zurückkehrt!" tröstete Dr. Lang. "Wir leben in einer ernsten Zeit; wer weiß, ob er, wenn der Schlachtendonner rollt, nicht doch Einkehr bei sich hält!" rers kannten, ließ uns vergessen, daß wir in Galizien Reformarbeiten zu leisten haben. Erst als der Strom der Flüchtlinge zu uns kam, lernten viele, darunter auch ich, die Not, das Leben und die Art der östlichen Juden, zum ersten Male aus eigener Anschauung, kennen. Alles was man von ihrem Elend, ihrer Armut gehört hat, ist nichts im Vergleiche zur Wirklichkeit. Die Beobachtungen, die wir nun, nachdem Galizien zu uns gekommen war, machen konnten, sind umso interessanter, als sie uns dem Kern des Uebels näher kommen lassen und dadurch die Abhilfsmaßnahmen erleichtern. Vieles wiederum sehen wir, das wir nicht so leicht ergründen können, da es wahrscheinlich durch jahrhundertlange Vererbung verändert und verwischt wurde und das wahrscheinlich erst durch einen historischen Rückblick verständlich würde. So ist es auch mit dem Verhältnis zwischen Religion und Kultur. Daß ein verkehrt proportioniertes Verhältnis zwischen Vermögen und Religiosität besteht, ist hinlänglich bekannt. Diese Verhältnistheorie findet jedoch nicht nur bei den östlichen Juden Anwendung, sondern auch bei uns finden wir — wenn auch nicht so auffällig, da die Religiosität des armen Juden sich von der des Mittelstandes nicht so abhebt, denn uns fehlt zum größten Teil der streng-orthodoxe Jude und das ist wieder durch die anderen Lebensbedingungen des Westens bedingt — daß die Taufe z. B. ihre höchste Blüte in den Kreisen der Bankiers, Besitzern großer Warenhäuser und Fabriken, also den Kreisen der Geldaristokratie erreicht hat. Also je mehr Geld, umso weniger Religiosität. Dieses verkehrt proportionierte Verhältnis besteht, wie schon früher erwähnt, auch, und das ist gerade merkwürdig, zwischen Kultur und Religiosität. Merkwürdig deshalb, da doch die jüdische Religion selbst eine Kulturbringerin war. Diese Verhältnistheorie spielt fast nur bei den Ostjuden eine sichtbare Nolle. Ebenso besteht auch ein Verhältnis, das bei allen Völkern und überall Anwendung findet, zwischen Vermögen und Kultur, selbstverstündlich ein gerade proportioniertes. Der Zusammenhang zwischen Geld und Kultur, bis zu einem bestimmten Grade, ist jedem klar, denn mit Geld kann sich jeder mindestens einen ganz allgemeinen Grad von Kultur, ich möchte es Gesellschaftskultur, nennen, aneignen. Geld ist sicher nicht der Gradmesser für Kultur. Hier ist in erster Linie die Persönlichkeit ausschlaggebend. Daher muß cs umso höher veranschlagt werden, wenn jemand ohne Mittel ein mehr oder weniger hohe Kulturstufe erklimmt. Bei den Juden Galiziens tritt nun der Zusammen- Hang zwischen Geld und Kultur noch krasser als bei den Völkern Westeuropas zutage. Den armen Juden (es ist hier nicht von Studenten, sondern von Bürgern die Rede) der sich aus eigener Kraft unter Entsagungen und Not Bildüng oder gar^ Kultur erworben hat, sehen wir .״Wie wird mein Mann die Nachricht aufnehmen" jammerte' Frau Gelber, ״er, der sein Lebtag als frommer Jud Gott dem Allmächtigen gedient hat!" ״Ihr Mann weiß es seit Monaten" sagte Dr. Lang; ״nur um Ihnen den Kummer zu ersparen, hat er sein Leid allein getragen!" ״Daher die Schwermut" sagte Frau Gelber, ״die ich mir oft nicht erklären konnte! Der gute, edle Mensch wollte mich schonen und hat umso schwerer unter dein Unglück gelitten, das uns betroffen!" Nachdem Frau Gelber mit ihrem Gatten, als er heimkehrte, Rücksprache gehalten, ward sie ruhiger. ״Ja, leider ist es so!" ״Es ist ein schweres Unglück, das uns getroffen" sagte der alte Herr. ״Seit langem weiß ich, daß Bernhard dem Glauben seiner Väter untreu geworden. Ich verschwieg es Dir, um Dich nicht zu betrüben. Wir müssen unser Schicksal mit Ergebung tragen! Hoffen wir, daß er, wie so viele, die in freblem Uebermut diesen Schritt getan, reuig zurückkehrt." ״Das gebe Gott" sagte Frau Gelber, ihre Tränen trocknend. Aeußerlich schien sie ruhig, aber in ihrem Herzen nagte ein stiller Gram. Alle Briefe, die Harchtmann Gelber vom Kriegsschauplätze schrieb, ließ sie unbeantwortet, er sollte es fühlen, wie weh er ihr getan. Da kam aber doch, nachdem wochenlang jede Nachricht ausgeblieben, ein Brief, der sie bewog, ihr Schweigen zu selten, häufiger den Talnnrdgelehrten, der wohl in Galizien noch mit dem Leben fertig werden kann, jedoch einmal der heimatlichen Scholle ent- - rissen, unbeholfen wie ein Kind im heißen Kampfe ums Dasein unterliegen muß. Dadurch steht trotz des hohen moralischen und kulturellen .Gehaltes der jüdischen Religion der so streng orthodoxe Jude in! Durchschnitt mlf einer weit tieferen allgemeinen Bildungs- und Kulturstufe als die anderen unter ähnlichen materiellen Bedingungen lebenden Völker Westeuropas. Verschiedene Gründe lassen uns das unnatürliche Mißverhältnis zwischen Kultur und Religiositat erklärlicher erscheinen. In erster Linie trägt der allgemeine unglückliche Zustand Galiziens, der auf alle Völker dieses Landes in gleicher Weise ungünstig einwirkt, Schuld. Daneben spielt die einseitige Auslegung und das starre Festhalten an den Mligionsgesetzen eine sehr wichtige Rolle. Neben der jüdischen Eigenart, nur mit Glaubensgenossen zu leben und zu verkehren, die teilweise durch die Religion bedingt ist, so durch die Speisegesetze, die den Verkehr mit Andersgläubigen unge- Heuer erschweren, teilweise uns durch die Verachtung der anderen Rassen und das Absperren in Ghetti aufoktroyiert wurde, die fast schon zu einer atavistischen Eigenart wurde, legt das Verbot der Beschäftigung mit profanen Wissenschaften, zu der alle Wissenschaften mit Ausnahme der kritiklosen jüdischen Religionswissenschaft (ich meine z. B. Talmudstudien etc., ohne bibel- oder religionswissenschaftliche Kritik zu treiben) gehören, dem Eindringen der Kultur in diese Kreise ungeheure Schwierigkeiten in den Weg. Wir sehen also, daß die Religion unbewußt ein Hindernis für die Kultur bildet. Ein Hindernis, das uns die so streng orthodoxen Juden Galiziens wie aus einem von der Kultur des Westens noch ganz unberührten fernen Erdteil kommend erscheinen läßt. Eine weitere Eigenart des Ostens, über die man schon viel gesprochen.׳ geschimpft und gewitzelt hat, ist die Unreinstchkeit. Der Vorwurf der Unreinlichkeit, man kann es nicht leugnen, ist auch gegen die Judeu des Ostens gerechtfertigt. Dieser Umstand muß einem umso mehr Wundern, da doch ein Grundpfeiler der jüdischeu Religion die Reinlichkeit ist. Die Juden halten Wohl die so hygienischen Reinlichkeitsgesetze, doch führen sie sie eigentümlicherweise nicht in dem von der Religion verlangten Maße durch, so z. B. netzen sie beim Verlassen eines unreinen Ortes, wie ich selbst häufig beobachten konnte, nur die Spitzen ihrer Finger und umgehen so das Gesetz, das das Waschen der Hände vorschreibt. Aus welchem Grund sie das tun, konnte ich mir bis nun nicht erklären. Sollte es Bequemlichkeit sein? Ich glaube nicht, denn die Juden halten sich bei anderen Gesetzen genau an die Vorschrift, ohne auf die Bequemlichkeit m₪*₪^m₪mrn₪₪₪m₪im₪e₪₪₪₪m₪₪ms brechen. Von ihrem Sohn nur wenige Zeilen, anscheinend mit zittriger Hand geschrieben; er meldete: ״Bin in der Schlacht bei Lemberg verwundst worden; befinde mich in guter Pflege bei Dr. Böhm." Auf der Rückseite stand solgendes: ״Zu Ihrer Beruhigung kann ich Ihnen sagen, daß ihr Sohn außer Gefahr ist. Er kämpfte Schulter an Schulter mit meinem Sohn, dem er das Leben gerettet hat; um mich ihn! dankbar zu erweisen, übernahm ich ihn, als ich hörte, daß auch er in der Schlacht bei Lemberg verwundet worden, aus dem Lemberger Spital in mein Privatsanatorium. Meine Frau und Tochter sind eifrig bemüht, ihn gesund zu Pflegen. Gott der Allmächtige wird helfen, daß es ihnen gelinge. Das Fieber hat nachgelassen, wir hoffen das Beste. In aufrichtiger Teilnahme Dr. Jsak Böhm." Frau Gelber weinte und schluchzte; ihr Gatte betete still vor sich hin. ״Du siehst" sagte er dann!, ״Gott lenkt alles zum Guten. Unser Sohn ist jetzt im Hause eines frommen Mannes. Ich kenne Dr. Böhm von der Zeit her, da er Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Brody war. Er ist ein selten edler Mensch, wird von allen, die mit ihm verkehren, geliebt. Noch heute schreibe ich ihm und werde ihm unsere alte Bekanntschaft in Erinnerung bringen." ״Und ihm danken für alles, was er an unserem Sohne getan" ergänzte Frau Gelber. ״Wenn er aber erfährt, daß er einen Meschumed bei sich aufgenommen" setzte sie in banger Vorahnung dessen,