Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1915)
- Date
- 1915-01-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2621806-2621945-2621946--3104-2624261- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Le-1»sSpreise: Für Oesterrelch.Nngarn, halbjährig ,ganzjährig. Deutschland, ganzjährig ... - Rußland, ganzjährig DaÜan, Frankreich.׳ . Kronen 6*20 . Kronen 12 — . Mark 12 - . Rubel 6*— . Franks 14*— Herausgeber: Max Hlckl. ®--g Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe 9. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die Kspaltige Petitzeile 80 K Unverlangte redaktionelle Beiträge Verden nicht hono« riert. — Manuskripten Ist Rückporto beizufügen. Wien-Budapest. Brünn, J; Prag—Lemberg. Die Jslamwelt. Von Dr. I. Eisenberg, Dobrzisch (Jänner 1915). Ein fester, immer vorwärts strebender Wille offenbart sich in der Geschichte der Menschheit, ' ein Wille, der der Entwicklung der Nationen den , Wegdes Fortschrittes weist und ihr Bahnen vorschreibt, welche einer Verständigung der Rassen und Atlassen zustveben. Es ist der Wille, den 1 allgemeinen Frieden zu sichern, der alle Völker beseelt, und, so Paradox es auch klingen mag, ihnen zuweilen die Waffen in die Hand drückt. So hat auch der Weltkrieg, den feindliche Nachbarn dem deutschen und österreichischen Staate : aufgezwungen, den Zweck, der Menschheit den * Weltfrieden zu erkämpfen. Denker und Forscher i suchen das Problem zu ergründen, wie dieser '־ Antagonismus, dieser Friedenswille, welcher oftmals den Kampf diktiert, ohne Blutvergießen einer wohltuenden Lösung zuzuführen wäre. Sie betrachten es als ihre Lebensaufgabe, Mittel und Wege ausfindig zu machen, um nationale oder religiöse Unterschiede 'auszugleichen, 'Vorurteile a Priori unmöglich zu machen und . friedliche Daseinsformen zu schaffen. Denker ä und Forscher betrachten es als ihre Lebensaufgäbe, Differenzen, welche diesem Weltkriege vor- ׳ angegangen waren, für die Zukunft unniöglich zu machen, Meinungsverschiedenheiten auf friedlichem Wege beizulegen und den Völkern die Wohltaten eines dauernden Friedens zu sichern. Meine langjährigen Strrdien auf dem Gebiete der orientalischen Literatur- und Neligionsgeschichte, meine Arbeiten für die Enzyklopädie Hebrew, für die Enzyklopädie des Islam, sowie für andere hervorragende Werke ließen in j mir die Ueberzeugung reifen, daß die Verschiej denheit der Abstammung und Religion noch kei- ׳ Feuilleton. Der Meschumed kein Meschumed. Erzählung von Jda V a r b e r. Hauptmann Bernhard Gelber stammte aus einer fronnnen, jüdischen Familie. Sein Groß- Vater war Rabbiner in einer angesehenen ungarischen Gemeinde gewesen, sein Vater hielt streng darauf, daß die Söhne eine religiöse Erziehung erhielten; trotzdem war es schwer, die jungen Herren zur Befolgung der rituellen Gebrauche anzuhalten. ״Ich bin ein Freigeist" Pflegte Bernhard Gelber, der ältere, zu sagen, wenn der Vater ihn ernmhnt-e, Samstag mit ihm den Tempel zu besuchen. ״Eure hebräischen Gebete verstehe ich nicht, die Gesänge sind veraltet, ich finde keine Erbauung bei- ,Eurem' Gottesdienst." Als Bernhard Gelber sein Jahr abgedient hatte, äußerte er den Wunsch, beim Militär zu verbleiben. Die Eltern waren -zwar dagegen*, - aber Bernhard wußte es durchzusetzen, daß sie; schließlich ihre Einwilligung gaben. Bernhard - Gelber war ein schmucker Offizier, verkehrte viel in den Kreisen der vornehmen Welt, brauchte , viel Geld, tat als sei es ganz selbstverständlich, daß der Vater für seine kostspieligen Passionen i aufkomme. j ״Werde dem Herrn Sohn Wohl die Brücke Aufziehen müssen" sagte der alte Herr zu seiner! neswcgs die Kraft hätte, unter den Menschen!solche unversöhnliche Gegensätze hervorzurufen.*) Wie viele Familien oder Familiengruppen verschiedener Nationalität und Kirche wohnen in Ost und West in schönster Harmonie und vollster Verträglichkeit nebeneinander, ohne daß die Verschiedenheit der Gesinnung ihre frcundlichen Beziehungen zu trüben vermochte! Wie viele Forscher wirken, wie Hohepriester im Tempel der Wissenschaft in aufrichtiger Harmonie für die Aufdeckung der ewigen Wahrheiten, ' zu einer Zeit, da die Völker gegeneinander rüsten zu müssen glauben! Wie viele Denker sind bestrebt, ihre Religion auch zu erforschen, welcher Forschertrieb eine Gasse der Verständigung zwischen den Gelehrten verschiedener Abstammung und^ Zunge ׳ bahnte! Wie viele hervorragende Geister unserer Tage wirken im Sinne der hö- Heren Mission der Weltreligionen, deren Wiege auf dem Boden Asiens stand, und sind bestrebt, die Menschen zu versöhnen und zu einigen. So verkündete der Stifter des Christentums (Evangelium Matthäi 5, 17). ״Glaubet nicht, ich sei gekommen, um das Wort der Thora oder der Propheten aufzuheben, nicht um zu zerstören bin ich gekommen, sondern um zu bestätigen." (Vergl. Lukas 16, 17). Welche Bedeutung diesen Worten in den ersten Jahrhunderten beigelegt wurde, erhellt daraus, daß selbst ׳,der Tlllnurd (Traktat Sabbat 9, 11) sie voll aus dem Neuen Testament zitiert: ״Ich kam nicht, um die Thora Mosis herabzusetzen, sondern um sie zu erweitern." י— Aber auch Muhammed knüpft an diese Worte an und erblickt darin ein Vorzeichen sei- *) Vgl. meine Artikel: Die versöhnende Kraft der Religionen, (lieber den Balkankrieg.) Jüd. Volksst. Brünn 1914. Der Weltkrieg im 20. Jahrhundert. Frau, die oft der erregten Unterhaltung zwischen Vater und Sohn zugehört hatte. ״Sehr gut, wenn du es tust" erwiderte die Mutter; ״Bernhard gefällt mir nicht mehr; er hat zu noblen Verkehr, schämt sich Wohl gar, daß sein Großvater der fromme Löw Gelber gewesen ist, der selbst vom Kaiser in Audienz empfangen wurde." ״Der Bernhard ist mir zu modern" sagte Gelber nachdenkend; ״ich bin seit langem nicht mit seiner Lebensführung einverstanden, würde auch Wohl energischer auftreten, wenn ich nicht fürchten müßte, daß wir ihn uns dann ganz entfremden." Frau Rebekka legte das Gebetbuch, in dem sie gelesen, bei Seite und sagte tieftraurig: ״Ich fürchte, er hat sich uns längst entfremdet. Weißt du nicht, daß sein intimster Freund, der Moritz Band, sich konfessionslos erklärt hat; nur die Rücksicht auf uns hält Bernhard zurück, das Gleiche zu tun und, wenn wir nicht mehr sind ..." ״Rebekka, führe keine sündigen Reden" unterbrach sie der alte Herr; ״es wäre mein Tod, wenn . . . ." ״Eveifre dich nicht" fiel ihm Frau Rebekka ins Wort; ״du weißt, jede Aufregung ist dir schädlich!" ״Ta soll man sich nicht aufregen" erwiderte Gelber, ärgerlich im Zimmer auf- und abgehend, ״wenn eine Mutter derartiges von ihrem Sohne sagen kann!" ner Sendung (Koran-, Sure 61, Vers 65). Und als Jesus, Sohn der Maria, sprach: ״O Kinder Israels, ich bin! der Gesandte Gottes an euch, um zu bestätigen, was ich in der Thora vorfcmd und um zu verkünden, daß nach mir ein Gesandter, Muhammed mit Namen, erscheinen wird" usw. Braucht man ein schöneres Dokument der Verträglichkeit, als diese geflügelten Worte der Religionsstifter selbst, welche in die weitesten Volksschichten drangen? — Nur eine Entstellung ihrer Grundsätze, eine unrichtige Auffassung ihrer Prinzipien, konnte die Religionen als Quelle des Hasses und Vor- Urteils ansehen und in ihrem Namen Aufstände und Unruhen anzetteln. — Es erscheint daher notwendig, in Volkswie in Zeitschriften die europäische Oeffentlichkeit über Wesen und Inhalt des Islams aufzukläveil, seine Verwandtschaft mit den älteren Restgionen, sowie das Denken und Fühlen seiner Bekenner zu schildern. Es erscheint notwendig, eine die Jslamwelt, bereu Vergangenheit und Gegenwart erschließende, populäre Zeitschrift für Oesterreich zu gründen, welche informative Artikel über die Religion von Mekka bringen, das religiöse, gesellschaftliche, politische, kulturelle und ökonomische Leben und Streben der Verehver Muhammeds schildern und so eine Annah׳,׳rung zwischen Ort ent und Okzident anbahnen chclfen soll. Diese Zeitschrift soll das Morgendem Abendland erschließen, die Weltanschauung der orientalischen Völker der Intelligenz Europas bekannt machen und ebenso auch Kultur in die Jslamländer tragen. Das Deutsche Reich, dessen militärische Instruktoren in den Jslamländern Bewunderung genießen, versteht es auch bereits seit Jahren durch reichliche Förderung zweier Zeitschriften Jahr auf Jahr verging. Bernhard Gelber wurde Oberleutnant, wurde Hauptmann, aber seine Eltern hatten an seiner Rangerhöhung keine Freude. Er mied das elterliche Haus, äußerte sich zu guten Freunden, daß der Vater ihm zu unmodern, die Mutter zu fromm sei und er jeden Verkehr im elterlichen Hause, um nicht stets zu Zwistigkeiten Anlaß zu geben, abbrechen wolle. Die guten Freunde hinterbrachten, was sie gehört, den Eltern, die, tief gekränkt, den Sohn zur Rede stellten, als er kurz vor seiner Abreise nach Galizien bei ihnen vorsprach, um Abschied zu nehmen. Hauptmann Gelber wußte sich auszureden, bat, man solle in letzter Stunde nicht Unangenehmes zur Sprache bringen. Der Krieg wair an Serbien erklärt worden. Hochgradige Aufregung hatte sich der Bevölkerung bemächtigt. Der alte Doktor Lang, seit Jahren Hausarzt in der Familie Gelber, machte seinen wöchentlichen Besuch, um sich nach dem Befinden der stets leidenden Frau Gelber zu erkundigen. Er fand sie in Träkien. ״Unser Sohn, unser einziger Sohn" jammerte die alte Frau. ״Er war heute hier Abschied nehmen. Mir ist. als hätten wir ihn für immer verloren ..." ״Verloren haben Sie ihn seit langem" erwiderte der Arzt; ״beruhigen Sie sich! Er ist cs wirklich nicht lvert, daß Sie seinetwegen Tränen vergießen!" Frau Gelber horchte gespannt auf. ״Sie meinen" sagte sie, ״weil er kein frommer Jude ist, darf ich nicht für ihn fühlen?" ״Kein from-