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Jüdische Volksstimme · 1914-12-30 · Heft 47 (30.12.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 47 (30.12.1914)
Date
1914-12-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. »3ttMMt 94mm*rnt.m M. 4f£ hatten fast alle Despoten, die die Welt durch zahllose Schlachten entvölkerten, uw sie desto leichtcr beherrschen und bedrücken zu können. Vor hundert Jahren hatte der große berühmte Feld- Herr Napoleon I.*) die ganze Welt durch seine siegreichen Feldzüge nicht nur in Staunen und Verwunderung, sondern auch in Angst und Furcht verseht, und wie schmählich hatte er geendet. Wenn es also den allgewaltigen Weltbehcrrschern früherer Zeiten nicht gelingen konnte, ihre angcstvebten Ziele voll und ganz zu erreichen, wie will der moskowitischc Despot, der keinen selbständigen Willen hat und in seiner Umgebung stark beeinflußt und beherrscht wird, so daß man mit Hobelet auszurufen berechtigt wäre: Ich loch erez scheinalken naar, wehe dem Lande, dessen Fürst wie ein schwacher, unreifer Knabe am Gängclbande geleitet werden muß, cs wagen zu bchauptcn, daß es ihm gelingen werde, die Germancn zu vernichten, die Monarchie zu zerstükkein und überhaupt den größten Teil der Welt zn beherrschen, die Kultur zu erschlagen und das Mittelalter heraufzubesckKvören? Diese panslawistischen Träume werden sich nicht verwirklichen. Wie die serbischen Werkzeuge bereits zum großen Teile gezüchtigt wurden, ebenso werden auch für die eigentlichen Anstifter des Weltbrandes, die ihren politischen Unrat in Belgrad abgelagert und durch ihre verpesteten Lügen ganz Serbien nebst anderen slawischen Ländern verseucht haben, die Zahltage kommen, denn es gibt einen gerechten Gott, der das Gute belohnt und das Bose bestraft. Die Weltgeschichte ist das Welt gericht, und dieses wird zweifellos über diesen,'- gen, die mutwillig den Weltkrieg hcraufbcschwöreu, ein vernichtendes Urteil fällen. Nach vielen Jahrhunderten noch werden die spätesten Ge schlechter von den Greueltaten, die die entfesselten Furien anläßlich des Weltbrandes im Jahre tlN t verübt haben, mit Schaudern und Entsetzen er zählen und die Brandstifter mit Abscheu verurteilen. Jeder Volksverderber wird Amalek genannt. Dieses Wort ist zusammengesetzt von Am—lek, wie es im Jalkut (Kiseze) heißt *) Es kann jedoch nicht geleugnet werden, daß es unter den früheren Despoten auch mchvere gab, die zuweilen nicht umhin konnten, dem Patriotismus der Juden die gebührende Auerlennung zu zollen. Als Alexander, der Mazedonier, Tyrus belagerte, fehlte es seinen Soldaten an Lebensmitteln; er forderte daher den damaligen Hohenpriester der Juden in Jerusalem auf, ihm zu huldigen und ihn mit Proviant zu versehen. Letzterer jedoch nahm Anstand, dem Wunsche des allgewaltigen zu entsprechen, indem er ihm sagen ließ: ״Wir haben dem Dorius einen Eid der Treue geleistet und dürfen daher nicht eidbrüchig werden und den Feind unterstützen." Alexander darüber sehr empört, rückte״ nachdeni er Tyrus erobert hatte, mit seinem Heere gegen Jerusalem, klügst und Bangen bemächtigten sich der Bewohner Jerusalems beim Herannahen des Feindes׳ nur der Hohepriester fügte sich ruhig und gottergeben in sein Geschick. Er?.og dem siegreichen Helden in Begleitung anderer Priester im vollen Ornate entgegen. Als Alerander die imposante, ehrsurchtgebietende Erschcinnng des Hohenpriesters erblickte, stieg er vom Pferde, reichte ihm freundlichst die Hand und sprach ihn in ehrcrbietendcr Weise an. Tie Feldherren erstaunt über diese Gesinnungsänderung, erkundigten sich nach der Ursache' derselben; da antwortete er: ״Ich habe in Alcxandrien im Traume eine ehrwürdige Gestalt gesehen, die der dieses HohepriesterS frappant ähnlich war und mir glänzende Siege verheißen hatte. Abgesehen davon," fuhr Alexander fort, ״habe ich nach reiflicher Ueberlegung die Uebcrzeuguirg gewonnen, daß gerade das Vorgehen der Juden, die den geleisteten Eid unter keiner Bcdingung brechen wollten, als loyale Gesinnung anerkannt zu werden verdiene." Als Pholomäus s. in den Besitz Aegyptens gelangte, erfreuten sich die dortigen Juden untcr seiner Negierung vielör Freiheiten, weil er die Uebcrzeugung gewonnen hatte, daß sie ihrer unverbrüchlichen Treue wie ihres Patriotismus wegen zu den besten und verläßlichsten Bürgern des Staates gehören. Viele jüdische Soldaten legte er. weil er ihnen ein besonders Vertrauen schenkte, als Besatzungen und erteilte den in Aegypten wohnenden Juden das vollständige Bürgerrecht. Wie ein wilder Hund kam Amalek, der nach, dem Judentum verloren gehen, sondern auch dem Blute Israels lechzte. Dieser Bolksverzehrer und Volksverderber hatte, so oft er auf dem Plane erschien, schinählich geendet, denn die Hand liegt auf dem Throne des Ewigen zum Schwur, daß der Ewige von Geschlecht zu Geschlecht wider Amalek Krieg führen wird. — Wie einst, als Amalek zum ersten Mal in der Geschichte erschien, an Israel, ebenso wird nach der Beend!- gung des jetzigen amalektisch. Kampfes an sämtl. Kulturvölker der Erde ein höherer Ruf ergehen: ״Gedenket, was euch Amalek getan, als ihr euch aus seinen Klauen befreien wolltet; wie er euch ans dem Wege überfiel und hinter euch her die chwachen, die Kranken, Verwundeten, Aerzte und Pflegerinnen, die im Dienste der Humanität standen und ihre schweren Pflichten äußerst gewisienhaft erfüllten, schonungslos niedermachte. Wenn es nun zum Friedensschluß kommen wird, seid auf der Hut, sorget dafür, daß es kein Frieden von heute auf morgen, sondern ein gesunder, kräftiger, lang dauernder Friede sei. Timche es secher Amalek, vertilget das Andenken Amaleks unter dem Himmel, sorget dafür, daß die Welt ein für alle mal von dieser furchtbaren Geißel befreit und verschont bleibe, vergesset es ja nicht! Fr. Die Literatur über den jüd. Prophetisums. Ueber die ungeheuere und weittragende Bedeutung des jüdischen Prophetismus für unsere Neligion und die Geschichte unseres Volkes hat wohl niemals ein Zweifel bestanden. Dennoch gehört dieses weite Gebiet zu den unsererseits am meisten vernachlässigten Zweigen unserer Neligionswissenschaft. Während draußen im Deutschen Reiche in den letzten fünfzig Jahren eine qualitativ und quantitativ bedeutsame protestantisch-theologische Literatur über die Bücher der Bibel entstand, wurden unsererseits nur spärliche Versuche gemacht, dieser uns drohen den Gefahr der Entstellung der heiligen Schriftcn wirksam entgegenzutreten und die jüdischen Propheten jüdisch zu erfassen, jüdisch zu schildern und den breiten Kreisen des Publikums nälMzubringen. Was uns zunächst bei Viesen Werken, welche dem Gros nach protestantische Theologen zu Verfassern haben, ganz besonders unangenehm berührt, ist der Umstand, daß man in ihnen Seite für Seite den wahren Gottesnamen sin det, den der religiöse Jude niemals ausspricht oder niederschreibt. Schon aus diesem Grunde könnten wir uns mit dieser Literatur, die aus die heiligsten die fühle eines großen Teiles der Juden heit durchaus keine Rücksicht nimmt, wenig befreunden. Was nun den Inhalt anlangt, ist er ganz dazu geeignet, die jüdische Jugend, welche in religiöser Hinsicht nur allzusehr destrukti vcn Tendenzen zuueigt, in diesen zu bestärken und damit den Abfall zu fördern. Daß wir die ernste Arbeit der Autoren vollauf würdigen und daß wir ihre ganz sicherlich guten Absichten zu schätzen wissen, darüber kann keinen Augenblick ein Zweifel bestehen. Daß wir jedoch ru hig zusehen sollen, wie die Bücher unserer Propheteu unter die bibelkritische Lupe genonxmen und zerfasert werden, wie der jüdische Proplie tismus nicht als Sache des Glaubens behandelt, sondern als Wissenschaft hingcstellt wird, deren Gesamtbild sich mit jeder neuaufgefundenen as syrischen Keilinschrift ändert, wie jeder Theologe die Weissagungen eines Jesaia nach seinem per sönlichcn Dafürhalten als Ausfluß mystischer Verzückung oder als Resultat dichterischer Be aabung hinstellt, das kann man nicht verlangen Nehmen wir den Fall an. daß ein Jude durch religiöse Veranlagung dazu gedrängt, voraus setzunaslos an das Studium von neueren Wer ken über jüdische Religionswissenschaft geht. Er wird diesen entnehmen, daß das fünfte Buck der Thora einen anonymen Verfasser hat. daß sich das Judentum nicht nur aus heidnisch-my stischen Kulten entwickelte, sondern auch mehr mals von Grund aus nmgcstaltet wurde, daß der Sabbat den Babylonern und die Beschnei düng den Aegyptern abgeguckt wurde und daß später das Judentum im Christentum aufgeganaen ist. Dieser Jude, der seinen religiösen Empfindungen und Erwartun gen so enttäuscht und verletzt wird, must nicht nur seine Religiosität unter harten Kämpfen einbüßen. Und das dürfen wir einfach nicht zulassen! Es ist gewiß ebenso erfreulich als reizvoll, wenn die Ausgrabungen in Palästina, in Babylonien und Aegypten uns daS Leben jener Zeit näherbringen, wenn sich die ersten deutschen Gelehrten mit semitischer Sprachforschung und ״alttestamentlicher" Theologie befassen und uns die Wechselbeziehungen, das Jueinandergreifen zwischen dem israelitischen und jüdischen Staate und dem alten Orient klarzulegen suchen. Wir können lins doch aber darüber nicht unsere Re igion gefährden lassen! Welcher Zynismus gehört dazu, die Bücher der Propheten als literarische Erzeugnisse, als Beginn der allgemeinen Literatur hinzustelleu. Wohl haben große, iegnadete Dichter wie Goethe. Shakespeare. .Hebbel einen Reflex höherer Inspiration in sich gefühlt, niemals jedoch waren unsere Propheten Dichter. Wie verhängnisvoll ist diese Umkehrung! Die überwiegende Mehrzahl der Menschen st bedauerlicherweise den tiefsten religiösen Le lensfragen gegenüber ganz oder fast ganz indif fevent und jene, welche die besten Absichten haien, ihrer religiösen Neigung nachzugehen, werden daran gehindert. Nur der ist Jude im wahren, ursprünglichen Sinne, welcher die Propheten des allen Bundeals gottgesandte nni» gottbegnadete Männer betrachtet, welche ohne parteiisches Jnteveffe oder dichterische Neigung die Ermahnung-- u. Trostaussprüche, die religiösen und politisch-religiöen Aufträge Gottes dem jüdischen Volke übermittelten. Wenn wir jedoch zugeben.daß unsere Jugend in der Anschauung aufwächst, daß die Propheten verträumte, schriftstellernde Schtvür mer und Phantasten, im besten Falle Dichter waren, wenn wir unser jüdisches Prophetentmn mit den griechischen Orakeln auf eine Stufe stellen lassen, daun freilich ist das Judentum in seinen Grundpfeilern erschüttert. Unser Prophetismus kennt keine ersten Ansänge und keine lebten Ausläufer, wie man es so gerne bezeichnet. Daß die apokryphen Bücher, B. das wichtige Makkabäerbuch, infolge des Zweifels, ob sie von fremden Zusätzen frei sind, nicht in die heiligen Schriften aufgenommen wurden, zeigt deutlich, daß der Begriff vom jüdischeu Prophetismus scharf umgrenzt bleiben muß. Namentlich müßte immer wieder hervor gehoben werden, daß die jüdische Prophetie lange vor der Entstehung des Christentums aufgehört hat. Bei aller Hochschätzung aller monotheistischen Religionen und trotz der teilweiseu Ueberein stimmung zwischen den ethischen Anschauungen des Judentums. Ehristeiitums und Islams müs ien wir jeden Versuch einer Verschmelzung der Religionsgeschichte und des Religionsinhalts aufs entschiedenste entgegentreten. Wir brauchen Werke, welche nicht nur Of senbarung, Judentum und Prophetie behandeln, sondern auch von Offenbarung und Prophetie ausgehen. Das ist keineswegs reaktionär. Es ist keine Schande, wenn man sich nicht seinen tiefinnerlichen Glauben an eine höhere Ordnung. an ein religiöses Geschehen und ein reliqiöses Leben van einer Wissenschaft will rauben lassen, welche alle zehn Jahre eine andere Plmsiognomie trägt. Wir wollen auch die Bibelkritik, welche alle religiösen Taten der Propheten als volitisch-parteiiscke hinstellt, und der es leicht fällt, alles zu kritisieren, weil sic vor nichts Halt macht, wir wollen auch sie als Wissenschaft hochschätze». Unsere religiösen Ueberzeugungeu tver den wir uns nicht rauben lassen. Wir möchten nickt missen, auch in diesem Zusammenhänge die Erwartung auSnisprecken. daß eS sobald sich die Zeiten bessern de!׳ Jüdinb-'n Verlaasaesellschast gelingen wird, auch hier Abhilfe zu schaffe». Es fehlt uns bis beute an einer Literatur, welche den vxnten Schickten ^es jüdischen Publikums einen tiefen Einblick in das grandiose Wesen des jüdischen Propbetismus gewährt und welche, um es m wiederholen, die jüdischen Propheten iüdisch behandelt. Diese Literatur, die zum Teil schon in älteren Werken vorhanden ist, muß dem jüdischen und auch dem außeriüdischen Leserkreis in wohlfeilen Ausgaben nähergebracht werden. Leopold Grünhut.

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