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Jüdische Volksstimme · 1914-12-23 · Heft 46 (23.12.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 46 (23.12.1914)
Date
1914-12-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. ״ ־awttffte »sWfH*««.1 Nr. 46. sammlung gegen den Krieg und sprach darin im Namen der Kultur die Forderung aus, daß England so bald als möglich diesen russischen Rettungskrieg ausgeben möchte. Als Zangwill von dieser Versammlung nach London zurückkehrte, wurde er auf Veranlassung des Ministeriums verhaftet. — Hiezu schreibt das Organ eines deutschen Gemeinschaftsmannes: ״Das war ein Jude, der ein so deutliches Empfinden von der Ungerechtigkeit und Schändlichkeit dieses Krieges hatte. Wo sind die Christen? Ist denn keiner da, der es wagt, der Regierung zu sagen, wie sie sich mit Schimpf und Schande bedeckt durch diesen Raubkrieg? Ist denn keiner da. der cs wagte, wie ein Elias einst zum König Ahab ging und das Gericht Gottes verkündete? Wie ein Johannes der Täufer es seinem König zu sagen: ״Es ist nicht recht . . ."? Wie eine Esther an den Hof zu gehen in dem Bewußtsein: ״Kamme ich um, so komme ich um?" Wenn ein Jude diesen Mut hatte, der Negierung ihr Unrecht klar vorzuhalten, wo sind die Christen? Es steht viel auf dem Spiele. Wenn sie nicht hervortreten, dann wird man mit der englischen Politik auch das englische Christentum verwerfen, dann wird ein großer, unberechenbarer Schaden entstehen. Darum rufe ich, so laut ich rufen kann — gebt ihn weiter, den Ruf, wo ihr könnt: ״Wo sind die Christen? Die Friedensstörer. Gäbe cs ein Gesetz gegen die Entweihung einer großen Zeit, dann müßten all die Fri׳cdensstörer unserer Tage vor das Tribunal des Volkes gestellt werden, und sie würden da keine Gnade finden. Es gibt nichts Häßlicheres, als Erbärmlichkeiten in einer Zeit, die uns mit aller Kraft der Größe zugeführt. Als der Krieg ausbrach, war es für alle anständigen Menschen, die init der Politik den Charakter noch nicht verdorben haben, selbstverständlich, daß wenigstens während des Krieges der Zwist der Parteien und Meinungen ruhe. Wir sind gewiß keine Freunde einer schablonenhaften Nivellierung und wir glauben, daß die wahre Harmonie aus den Meinungsvcrschiedcnheiten sich kristallisiert. Aber der häßliche Zank der Parteien und Richtungen berührt in einer Zeit, wo das ganze Volk seine Kraft und, seinen Willen auf einen Punkt konzentriert, geradezu unerträglich. Wir wollen gern konstatieren, daß die großen Zeitungen der rechtsstehenden Parteien ehrlich den Burgfrieden ge- Wahrt haben und nichts brachten, was die Einheit des Volkes stören könnte. Unsere antisemitischen Blättchen aber können es sich nicht versagen, immer wieder auf ihren Lieblingsgedankcn der Judenhebe zurückzukonunen. Bald offen, bald versteckt wird alles Jüdische verdächtigt und herabgesetzt. Und das geschieht in einer Zeit, wo sich die jüdische Opferfreudigkeit und Hingabe in Deutschland in geradezu leuchtender Gestalt zeigt! Man scheut sich nicht davor, die erbärmlichsten Lügen zu verbreiten, um die jüdische Gesellschaft zu verdächtigen. Man spricht immer wieder von der ״völkischen" Herrlichkeit und Größe. .Man schmiedet allerhand Phrasen über die germanische Kraft, und man vergißt ganz, daß wir heute Wohl ein deutsches Volk, aber kein germanisches haben. Es hat keinen Sinn, all diese Märchen zu widerlegen. Traurig genug, daß man solche Dinge in unserer Zeit überhaupt erleben muß! Ein Infanterist, der im -Kaftan kämpft. Franz Molnar berichtet dem ״Az Est" folgende Episode: In Rohatyn, in Mittelgalizien, ging, als es noch in unserem Besitz war, ein Hauptmann über die Straße. Plötzlich blieb ein Jude vor ihm stehen. Er trug weder Pajes noch einen -Bart, hatte bloß einen Kaftan an und eine Pelzmühe auf dem Kopf, was in Rohatyn genug zum Judentum ist. Im übrigen hatte er einen schönen ungarischen Schnurbart und ungarische Gesichtszüge. Der Jude sprach den Hauptmann an: — Herr Hauptmann, melde gehorsamst, ich bin da. Ich bin aus der russischen Gefangenschaft geflohen. Er nannte seinen Namen, die Nummer seincs Negin,ents. Er war ein stock-ungarischer Infantcrist. - — Was hast du für eine Maskerade an? .fragte der Hauptmann. Der Mann verharrt in seiner Habtachtstellung und meldet dem Herrn Hauptmann gehörsamst, daß ihn die Russen mit mehreren Kaineraden gefangengenommen hätten. Er sei abgeführt worden. In der Nacht sei er entflohen. Tagsüber habe er nicht gewagt, sich in der Ortschaft zu zeigen, denn er habe seine Uniform angehabt. Er habe sich bei einem armen Juden verborgen, der ganz verzweifelt war, als er ihn erblickte, da er um sein Leben fürchtete, wenn man den Soldaten bei ihm gefunden hätte. Deshalb habe er seine Kleider ausgezogen,.welche der Jude verbrannte, woraus er ihm eine karrierte Hose, einen Kaftan und einen verbrämten Judenhut gab. Ter Jude war selig, all dies hergeben zu - können, denn cs bedeutete, daß der Soldat sich entfernen werde. Er brach auch auf und bewegte sich nicht sehr munter, aber doch unter den russischen Soldaten, er hatte ein wenig Angst, daß ihn sein himmelschreiender Schnurbart und sein knochiges, braunes, ungarisches Gesicht verrateil werde, doch half er dem ab. indem er die zwei Enden des Schnurbarts in den Mund steckte und wenn er in die Nähe eines russischeir Soldaten kam, die auch zu Hause bekannten jüdischen Weisen zu summen begann. Mit Hilfe dieser jüdischen Lieder gelang es ihm, gegen Abend aus dem Städtchen hinauszuschleichen, dann hob er den Kaftan bis an die Hüsten auf und lief aus Leibeskräften und nun sei er b>->r. —Und was willst d>׳'-> — Melde geyorwnist: Kämpfen. — So, im Kaftan? — Ich werde schon eine Uniform bekommen. — Uniformen gibts keine. Und ohne Waffen willst du kämpfen? Ta hebt er den Kaftan auf, und zieht sein Bajonett hervor. Dieses hatte er versteckt und hatte cs auch in der Gefangenschaft bei sich. — Nun. mein Junge, sagte der Hauptmann, geh jetzt schön da und da hin. melde dich und du wirst ausgerüstet, eingeteilt und in einigen Tagen an dein Regiment abgeschickt. Da wurde der Ungar traurig und bat den Hauptmann inständigst, man möge ihm gestatten, daß er hier bleibe, er wisse, daß es in der Nähe einen Kampf geben werde, er möchte gleich in den Schützengraben, es wäre einerlei, was er anhabe, das übrige werde er schon besorgen. Dem Hauptwann-riß die Hßtduld und er herrschte ihn an: ״Kehrt Euch! Abtreten! Mach, was ich dir befohlen!" Er salutiert am Judenhut, hebt den Kaftan auf und geht. Nach einigen Tagen kommt dem Hauptmann folgendes zur Kenntnis. Der Mann ging nicht zur Vcrsammlungsstelle, sondern in den ersten Schützengraben, wo er ein ungarisches Wort vernahm. Er konnte kein Gewehr bekommen und auch keine Uniform, so stellte er sich denn in die Reihe, so wie er war und kontrollierte die Wirkung der Schüße. Einen halben Tag lang stand er in seiner Judcnverklcid-ung dort, ohne Sveise. ohne Trank, er feuerte die Soldaten an: ״Rechts schießen!" . . . Jetzt links!".Ein wenig näher!" Die Offiziere litten ihn. weil er ausgezeichnete Dienste leistete. Er schaufelte, dirigierte, ra- 1 ftcte keinen Augenblick. Nachmittags wurden die Infanteristen zum Ttnrni befohlen. Ta nahm er sein Bajonett hervor, erfaßte es wie ein großes Messer und rannte unter Hurrarufen mit den anderen. Seither wurde er nicht gesehen. Der Hauptmann interessierte sich sehr für ihn. doch konnte er über sein weiteres Schicksal nichts erfahren. Er wurde entweder gefangengenommcn oder fiel und wurde von den Runen beoraben. Di - Soldatcn konnten bloß berichten, daß er gräßlich mit seinem Bajonett um sich hieb und in seinem Kaftan oft hängen blieb. Der ungarische Infanterist im Kaftan hat zwar seinen Namen dem .Hauvtinann genannt, doch hat ihn der Hauptmann nicht im Gedächtnis behalten. _ _ Tüchtiger םו£ןיי wird gesucht. Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn, Adler- > - gaffe 9. Hoch der Kaiser. Von Morris R o s e n f e l d. *) In Rußland is mein Weg geftannen, Tort Hot men mich zum Schlaf gesungen . . Es Hot in Land vun die Tyrannen Mein Wieg-Lied trauerig geklungen. Vun Anfang Hot geweint mein Mutter, Nachdem hob ich gegossen Trähren; Mich Hot gepeinigt der Nit-Guter Un nit gewollt mein Jainmer hören. Ter Frühling pflegt far mir nit grünen, Tos Leben sein far mir verschlossen׳, 'ch hob nit gekennt dem Soine') dienen, Tenn wos wollt ich dervun genossen? In Weh gewacht, in Schreck geschlafen Hob ich in jenem Land vun Klagen, Ich hob gesüfzt un bin entloffen, Entloffcn, wu die Aeugen trogen. 'chob in der weiter Welt vernummen Die G'waltcn vun dem groben Schikker'), Gehört vun Bären dem wilden Brummen, Wenn er zerreißt mein Volk in Stücker. ״Wet Risches eibig, eifaig3) siegen? Ihr böser Dünner eibig rollen? Wet Jowon') mehr sein Psak »it kriegen''»? Wet Rußland mehr ihr Schuld nit zahlen?" Gefragt hob ich dos mit Verzogen, Ich hob gezittert noch Ne käme. Itzt hör ich, as sie werd geschlagen Un Freud füllt über inein Neschome. Far jeden Schmitz"), wos sei verlangen, Begleit' mit der Gefchichtes Besser'», Ruf ich mit fröhliche Gesängen: Hurra far Deutschland! Hoch der Kaiser! . . . *> In amerikanischen Jargonblättern dieser Tage erschienen. ') Dem Feinde. '־'» das Toben des rohen Trunkenbolds. :,1 ewig. '» volkstümliche Bezeichnung des Russentums. ד die verdiente Strafe erlangen. "> Hieb. ') Begleitet von» Zorn der Weltgeschichte. NIEDERLÄNDISCHE Lebensversicherung« ־ Besellschaft, Wien I., Aspemplatz 1 Im eigenen Palais, Versichertes Kapital cirka 422 Millionen. Reserve zirka US Millionen Kronen. — Billigste Tarife, Mitarbeiter werden Überall gesucht — Unser neuester Tarif mit 5M> jährlich fallender garantierter PrSmie Oenaralagenlur für Wien I., Aspernplatz I, L.lter: David Nebenzahl. Sub Direktion far Prag rerdmandsstr. 20 neu Leiter Robert Gerstel. Sub Direktion für Lemberg. Szajnocha 3 Leiter Löbel Taubes Qencral-Agentur für Krakau, Moritz Griffel Krakau, Rlr>gp:atz 9. General-Agentur für Blelltz, Schlossgraben 9, Leiter Adolf UeitlInger. Hauptagentur fflr BiOnn, Leiter: MAX DEUTSCH, Zeile 31. Jtundfchau. Ter jüdische Literat Eiieser Kaplan gestorben. Am :SO. Oktober d. I. ist in Warschau einer der bedeutendsten Literaten, Elieser.Kaplan, gestarben. Er war der Gründer der Verlags-Gesellschuft ״Aschiasaph". Ein eifriger Förderer Palästinas tat er sehr viel für die Wiederauflebung der hebräischen Sprache unter seinen Volksgenassen. Die Monatsschrift ״Hafchiloach" und die Tages-Zeitung ״Hazefirah" verdanken ihr Erscheinen der Initiative des hervorragenden Hebräisten. Mayer London, der einzige sozialistische Abgrordnete im Kongresse der Bereinigten Staaten. Bei den .Kongreßwahlen wurde im Ghetto von New shork der jüdische Sozialist Mayer London zum Repräsentanten (Mitglied des Unter- Hauses im Kongresse von Washington) gewählt. Dieses Mandat war seit dem Jahre 1 SOI in Händen des jüdischen Demokraten Henry Goldfogle. Mayer London wird im Kongresse der Vereinigten Staate» der einzige sozialistische Abgeordnete sein.

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