Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 46 (23.12.1914)
- Date
- 1914-12-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2621806-2621897-2621943--3086-2624242- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
Nr.-8. ■י׳ג ־׳.׳■ «•rcHHm*e״ RMVNMN'W» Settel Woche berichteten Redakteur Hickl und Dr. Fensterblau den Flüchtlingen über die Tätigkeit in der Angelegenheit der Unterstützung, sowie über die bisherigen Erfolge. Die Flüchtlinge votierten j dein Komitee das Vertrauen, weiters den herzlichsten Dank und Anerkennung dem Sektionsrat Baron Marquct, Abgeordneten Reizes und Redakteur Hickl. Es hängt nun von dem guten Willen der hiesigen Behörden ab, die Sache so rasch als maglich zu erledigen. Wir zweifeln nicht daran, daß die Behörden sich bemühen werden, noch vor Neujahr mit der Auszahlung der Unterstützungen zu beginnen. Die Not der Flüchtlinge steigt täglich und das Elend tausender Notbedürftiger nimmt immmer mehr zu. Das Wichtigste wurde geleistet, möge der Eifer unserer Behörden dieses Werk krönen. Ein gutes Stück Arbeit war cs. F . . . . Auf dem Felde der Ehre gefallen. Otto Glaser. Otto Glaser, geboren am 16. April 1885 in Pilsen, als Sohn des Kaufmannes Ludwig Glaser dortselbst, absolvierte in seiner Vaterstadt vier Untcrrcalschulklassen und vier Klassen der höheren Gewerbeschule, worauf er bei den Petroleumgruben zu Rownc in Galizien Praktikantendicnste nahm. Seine Einjährig-Freiwilligen-Präsenzdicnstzeit absolvierte er im Landwehrinfantericregiincnte Nr. 7, in welchem er am 1. Jänner 1618 zum Leutnant der Reserve ernannt wurde. Nach Ableistung seiner Militärdicnstzeit war er kurze Zeit bei der Ostrauer Mineralölraffineric Mar Böhm u. Comp, in Oderfurt als Betriebschcmiker tätig und kam von dort 1608 nach Boryslav, nachdem er früher die Prüfung zum Betriebsleiter vor dem k. k. Ncvierbcrgamt in Jaslo mit gutem Erfolg absolviert hatte. In seiner Stellung in Boryslav erfreute er sich besonderer Beliebtheit, war Sachverständiger für Gasvcr- Messungen und führte sonstige einschlägige, schwicrige Arbeiten aus. Er fand anr 17. September auf dem Felde der Ehre den Heldentod. Zwei Feldpostzuschriftcn seines Kompagniekommanbauten mögen hier ihren Platz finden: Lieber Glaser! Muß Dir leider die betrübende Nachricht geden, daß Dein Bruder den Heldentod gefunden und von mir gestern, den 18. September, bestattet wurde. Er fiel im Gefechte am 17. Er war tatsächlich ein Held sans peur et reproche. Er fiel einem Schrapnell zum Opfer. Wenn ich zurückkehre, bringe ich eine bei ihm gefundene Füllkugel mit. Tausend Grüße und auf Wiedersehen hoffend, Dein ergebener Purin, Hauptmann m. p. Euer Hochwohlgeboren! Heute ihren werten Brief vom 1. d. erhaltcn, bitte ich Sic, den verehrten Eltern meines tapferen Leutnants Glaser, mein und der ganzen Blick von der beruhigenden Schönheit, die die Sabbatflämmchcn ausstrahlen׳, von dem erhebenden Gottesdienst in den Synagogen, wo die alten heiligen Melodien formreich mit der Nationalhymne vcrschinolzen und es stark und unerschlittert von dem Munde der Beter klang: O, Herr; Wie vieler sind meine Feinde! Wie zahlreich, die da kommen über mich. Und vom Donauufer bis zu den Stranden des Dnjestt und der Wolga klingt überall der gleiche Ton, das gleiche Gebet. Ich schlich im Schatten der kleinen Torfsynagoge. Fälinchen in den nationalen Farben schmückten das Portal und selbst das gaffende Torfgcsinde, das sonst befremdet den orientalischcn Klängen folgte, fühlt cs und weiß es, daß die schluchzenden Lieder Gebete sind, die in Tränen getaucht zu Gott emporflattern für die Kinder, für die Väter, für die Brüder, die unter den Fahnen für uns alle kämpfen und siegen müssen. Es mag da kommen, was da wolle — gebe Gott, daß wir uns in glücklicher Zeit wieder treffen — wir werden nie vergessen, was uns die müßigen, zitternd flackernden Sabbatlichtlein brüderlich kündeten, in den Zeiten der Erwartung, des Vertrauens, in den von großeil Ahnungen überspannten Augusttagen unseres Jahres. Kompagnie herzliches Beileid auszusprechen. Ich habe daiilals an dein Tage drei Offiziere derloren, der vierte war an: Tage vorher gefallen. Ein Offizier der Kompagnie ist Herr Oberlcutnant Walter, der in Pilsen im Landwehrspitale verwundet liegt. Ueber den auf denl Felde der Ehre für die Größe unseres geliebten Vaterlandes Gefallenen kann ich nur meine unbegrenzte Verehrung und Hochachtung seiner Tapferkeit aussprechen. Wie ich bereits schrieb, war er ein 3iitter ohne Furcht u. Tadel. Der Ort, wo ich ihn zur ewigen Ruhe beisetzte, läßt sich nicht bcschrciben, nicht einmal nach der Karte. Komme ich, so Gott will, aus dem Kriege nach Hause, so wird cs mir eine Ehrenpflicht sein, den Eltern meines Offiziers in jeder Beziehung persönlich mich zur Verfügung zu stellen. Obzwar Herr Oberleutnant Walter nicht mehr bei der Beisetzung anwesend war, dürfte er, wenn ich nicht heimkchren sollte, den Platz auch finden. Die Gräber sind auf der Wiese, auf der wir am 16. September lagen. Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebener Purm, Hauptmann 111. p. Robert Koranyi. Robert Koranyi, geboren 1886 in Wien als Sohn des Börsensensals Heinrich Koranyi, war Beamter der Solvaylvcrkc, Bctricbsgesellschaft 111. b. H. in Wien, absolvierte die Handelsakademic, diente dann als Einjährig-Freiwilliger im Jnf.-Rcg. Nr. 66, wurde am 1. Jänner 1614 zum Leutnant dqL Reserve in jenem Nr. 2 ernannt. Er kämpfte mit seinem Truppenkörper auf dem nördlichen Kriegsschauplätze und fiel am 26. August vor dem Feinde. Der gramgebeugte Vater erhielt vom Adjutanten des letzterwähnten 3iegimentes nachstehend abgedruckte Fcldpostkarte: Auf Ihre werte Anfrage teile ich schweren Herzens und unter Mitempfinden mit, daß Ihr Sohn, soweit cs beim 3iegimentc erhoben werden konnte, in der Schlacht am^26. August seinen Heldentod gefunden hat. Da nicht vollauf erwiesen, will ich der Hoffnung Ausdruck geben, daß wie über so manchen teuren Kameraden die Zeit uns eines Besieren belehrte und die schon fast aufgegebene Hoffnung auf ein Wiedersehen verwirklichte. Mit den besten Herzenswünschen für ein Wiedersehen Ihren lieben Sohnes zeichnet Hochachtungsvoll (Unterschrift). Flüchtlingsfürsorge. Ein sehr wichtiger Teil der Flüchtlingsfürsorge ist die kulturelle Fürsorgetätigkeit. Gewiß nicht die wichtigste und viele werden sie sogar für unwichtig erachten. Es ist sicher, zuerst müssen wir für die Flüchtlinge Lebensbedingungen auf einer gesunden Basis schaffen, dann können wir daran denken, kulturelle Arbeit zu leisten. Nicht nur, damit wir diese gedrückten Menschen, die fast aus einem anderen, in der Kultur weit zurückgeblicbencn Erdteil zu kommen scheinen, der Kultur zugänglicher machen und sie dadurch den Lebensbedingungcn unseres Landes anpassen, sondern auch, um viel׳ durch die Not bedingtes Unheil abzuwenden. Ich will nur Vorschläge für die Jugend bringen, da hier die Arbeit leichter ist und die ältere Generation auch nicht solchen Gefahren ausgesetzt ist. Ich würde Kindergärten und ganztägige Beschäftigung für junge, beschästigungslose Mädchen in Vorschlag bringen. Ihre Notwendigkeit will ich jetzt besprechen. Viele Mütter, die Arbeit außerhalb des Hauses haben, sind gezwungen, ihre Kinder unbeaufsichtigt zu lassen. Man weiß, wie viel Unglück schon auf diese Art entstanden ist. Andere wieder können die große Zahl der Kinder nicht beaufsichtigen und sic vcrkonimen auf der Straße. Durch einen Kindergarten, in dem die Kinder zur Reinlichfeit und Ordnung angchalten werden, in dem sic etwas deutsch lernen, könnte vielen Müttern und vielen Kindern geholfen werden. Die jungen beschäftigungsloscn Mädchen könnten durch allzugroße Not oft gar zu leicht zur Prostitution gedrängt werden und das müssen wir zu verhindcrn suchen. Man könnte nun die Mädchen z. B. auf folgende Art beschäftigen. In einem Saale konnnen all diese Mädchen in der Früh zusammen und ein Teil strickt, ein Teil näht Sachen für die Flüchtlinge oder Soldaten. Dann um 10 Uhr bekommt jedes eine Jause. Nun geht ein Teil in die Volksküche, der andere in die Freitischkochschule (immer abwechselnd) u. für den anderen Teil wird z. V. ein volkstümlicher Vortrag gehalten. So geht cs bis Mittag. Dann folgt eine Pause bis 2 Uhr. Nachmittag geht ein Teil in den Kindergarten und hilft dort, der andere näht und sttickt, es wird vorgelesen, so daß auch der Nachmittag ausgefüllt wird. Man könnte ja auch einen Teil, der geeignet ist, Unterricht in Stenographie und Maschinenschreiben erteilen. Diesen Teil der Fürsorge, der ja nicht so gar große Mittel, eher viele willige Arbeitkräfte erfordert, halte ich nun für unsere Hauptaufgabe. Videaut consules.-! Brünn, 21. Dezember 1614. U. Notstandsarbeiten in Palästina. Der jüdische Nationalfond hat in der schwcren wirtschaftlichen Krise seit Ausbruch des Kriegcs Bedeutendes für die Verproviantierung der jüdischen Bevölkerung in Palästina geleistet. Mit den großen Getreidcvorräten seiner Farmen wurden nicht nur die Städte Jerusalem, Jaffa, Haifa, sondern auch Kolonien wie Petach-Tikwah, Rischonle-Zion, En-Ganim, En-Chai etc. versorgt, während aus der Nationalfonds-Farin Ben-Schemen täglich große Quantitäten Milch nach Jaffa geliefert wurden. Es bleibt aber eine andere, ebenso große Aufgabe zu erfüllen. Sofort nach Ausbruch des Krieges drohte — infolge Auf- Hörens der Geldzuflüsse aus dem Nuslande, der geringen Goldvorräte bei den Banken und Sieglnricrungen für die Mobilisierung — eine verhcercnde Arbeitslosigkeit in den Städten und Kolonien. Dank dem Eingreifen der amerikanischen Judcnheit wurde die größte Gefahr abaewendet und auch die Arbeitslosigkeit zumindest für einige Zeit gebannt. Zu seinem Teile hak auch der Nationalfonds erheblich beigctragen, indem er seine Betriebe nicht nur in vollem Umfange aufrecht erhielt, sondern auch die für die Hochsaison aufgenommenen Arbeiter weiterbehielt und sie mit außerordentlichen Arbeiten — Errichtung von Arbciterhäuscrn, Wcgbauten usw. — zu bcschäftigen suchte. Diese Arbeitsgelegenheit muß nun weiterhin erhalten werden. Der Nationalfonds bat deshalb beschlossen, eine Aktion zur Beschafrung von Mitteln für die Ausführung von Notstandsarbeiten in Palästina einzuleiten. Diese Notstandsarbeiten haben in Palästina noch eine ganz besondere Bedeutung: sie ermöglichen die weitere Errichtung von Arbciterfamilienhäusern. Die bereits vor dem Kriege mit Hilfe des Arbeitcrheimstättenfonds für die Jemeniten errichteten Arbeiterfamilienhäuser samt dem dazugehörigen Gartenland haben sich nach allgemeinem Zeugnis durchaus bewährt, dermaßen, daß der Nationalfonds im Begriffe war, diese Familien- Häuser — und zwar kleinere um den Betrag von 1000 Franks und größere um 2000 Franks — auch für die aschkenasischen Arbeiterfamilien zu errichten. Die verschiedenen Versuche führten zu einer Methode, die die Erbauung eines soliden, auf lange'Jahre bestimmten Arbeiterfamilien- Hauses für den erwähnten Betrag gewährleistet. Die Arbeiter, sowohl Jemeniten wie Aschkenasim, sind mit Freuden bereit, Haus und Garten zu beziehen, wobei sic Garten und Baugrund'von mehreren Dunam in Erbpacht nehmen, während sie das Haus in etwa 18—20 Jahren zu amortiiieren haben. Was aber im jetzigen Moment von besonderer Wichtigkeit ist, das ist die erfreuliche Tatsache, daß die Arbeiter die Bauten nach der neuen Methode leicht erlernen und selbst auszuführen in der Lage sind. Auf diese Weise erlangen die Arbeiter die Möglichkeit, früher eine Familieneristenz zu begründen und erhalten überdies eine lohnende Beschäftigung. Wo find die Christen? Die ״Süddeutsche Ztg." schreibt: Die englischen Christen haben in diesem Kriege völlig versagt, wie unsere Leser wissen. Sticht so die Juden. Wie die Zeitungen berichten, wurde der englische Schriftsteller Israel Zangwill, der Vegründer und Leiter der großen Jüdischen Landcsvcreinigung in England, von der Negierung verhaftet. Er hat sich gegen den Krieg, den England gegen uns führt, und gegen den Zarismus erklärt, mit dem England sich verbündet hat. Die Juden Englands waren auch seiner Meinung und folgten ihm als ihrem Führer. In einer Woche veranstaltete Zangwill drei große Versammlungen in London, die von Tausenden beucht wurden. In Leeds hielt er auch eine Ver-