Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 46 (23.12.1914)
- Date
- 1914-12-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2621806-2621897-2621943--3085-2624241- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Jahrg XV. Erscheint jeden Mittwoch Nummer 46.!LJ- Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig ganzjährig.. . Deutschland, ganzjährig. Rußland, ganzjährig. Balkan, Frankreich . . . . . . . <v} -s . Kronen 6*20 1 . Kronen 12 — 1 . Mark 12 — . Rubel 6•— . Franks 14 — tf L 5) Herausgeber: Max Hickl. ..-Q Redaktion und Administration: Brünn, Adlcrgasse g. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die bspaltige Petitzeile 3Ü h. Unberlangie redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. E 0 Wien—Budapest. Brünn, fiäJJt•״ז“ Prag—Lemberg. Die Flüchtlinge. Das war eine Arbeit! Mitte August kam der erste Ansturm unserer unglücklichen Brüder aus Galizien und der Bukowina. Eine der Heimatschölle entrissene Masse — aus dem Meere der Flucht getrieben, landete sie endlich in Brünn. Am Bahnhofe lagerten Hunderte Flüchtlinge zum großen Teile, ohne Kleidung, obdachlos und hungrig. Ein Bild des Jammers. Ta hieß es nicht lange beraten und Nachdenken, sondern rasch arbeiten und Hilfe leisten, Tie Leitung dcS Vereines Machsike Hadas erfaßte sofort die Situation; es wurde ein Hilsskomitec begründet, welches die allcrnotwendigsten Arbeiten in rationeller Weise in Angriff nahm. Für Notwohnungen, Schlafstütten. Bekleidung, Bespeisung, Beratungsstelle wurde in entsprechender Weise vorgesorgt. Ein Empfangskomitee versah am Bahnhof Tag- und Nachtdienst. Die Ankömmlinge wurden empfangen, beraten, in die Stadt befördert und mit Wohnungen versorgt. Im Oktober war aber der Massenandrang von Flüchtlingen ein derartiger, daß das Komitee schier unter der Last der zu bewältigenden Arbeit zusammenbrach. Unzählige Scharen Notbedrückter zogen nach Wien, es ward, als ob eine Völkerwanderung die westlichen Länder Oesterreichs überfluten sollte. Mit Hab und Gut zogen die durch die Russeninvasion vertriebenen Juden in die Residenzstadt, um endlich dort Ruhe finden zu können. Wien wurde aber bald für die Flüchtlinge gesperrt und tausende mußten andere Orte als Zufluchtsstätten aufsuchen. Von Ort zu Ort getrieben, kam eine einige Tausend zählende Masse nach Brünn und fand hier durch die Tätigkeit des Hilfskomitees der Machsike Hadas Schub, Hilfe und brüderliches Entgegenkommen. ckeuikketon. Sabbatlichter im Kugelregen. Von Julius Szini.*) Tie Sabbatkcrzen sind angezündet. Ties- und jenseits der russischen Grenze flimmert ihr sanfter Schein, der vom Windhauch eines gewattigen Geschehens erbebt. Schließt man das?luge, dann umschwebt uns der Anblick von Milliarden zitternder Flammen. Je zwei aus einem Fenster. Ileberall, wo die Kanonen donnern, zw!- schcn rauchgeschwärztem Gemäuer, bei cingeftürztem Dache, unter dem Geflimmer des himmnschen Gestirns, weinen diese unruhigen F!ä:!::nchen über das Verwüstungswerk der Kosaken. Zwei Kerzen brennen, und schwere, bleiche Tropfen rollen von ihnen wie Tränen in die Tiefe hinab. Zitternd, doch immer vertrauend werden die heiligen Bücher geblättert. Arch dein Gotteswort ' *) Wir entnehmen dieses hübsche Stimmungsbild dem ״Pesti Naplo". Tas Hilfskomitee des Vereines Machsike Hadas mußte also in dieser kritischen Zeit die ganze Last auf sich nehmen und die erforderlichen Arbeiten bestreiten. Es wurde für die Flüchtlinge in der Adlergasse 12 eine Beratungsstelle geschaffen und in der Zeile 35 wurde ein großes Lokal, ein sogenanntes Flüchtlingsheim begründet, ein Bethaus etabliert und eine Kanzlei des Hilfkomitees errichtet. Jeder Flüchtling erhält entsprechende Informationen; desgleichen versieht dort das Rcchtsschutzkomitoe die Arbeiten. Im Lokale des Herrn Eduard Glaser wurde ein Nachtasyl geschaffen, wo Hunderte Flüchtlinge beherbergt und verköstigt wurden. Tagtäglich wurden 500—000 Flüchtlinge in Fabriken bequartiert und verköstigt. Unter den Bedürftigen wurden Hunderte Strohsäcke, Decken, Matratzen, Betten, Tische, Pölster usw. verteilt. 5000- 0000 Personen wurden mit Wäsche, Kleider, Schuhe usw. versehen, lieber tausend Arbeiter und Arbeiterinnen wurden in Fabriken und bei Gewerbetreibenden untcrgebracht. An Heimarbeiterinneu wurden 50 Maschinen überlassen. Ten Flächtlingcn wird ärztliche Hilfe unentgeltlich zuteil. Für die Kinder wurde eine Talmudthoraschule geschaffen, desgleichen soll eine Anzahl in den allgem. Gegenständen Unterricht erhalten. Anfangs der nächsten Woche wird eine jüdische Volksküche für die Flüchtlinge eröffnet werden. Für Errichtung koscherer Fleischbänke, Auskochereien. Milchhallen usw. hat das Komitee gesorgt. Wie nur knapp angeführt, leistete das Hilfskomitee direkt Uebermenschlnhes. Um in materieller Beziehung die Lage der Flüchtlinge zu verbessern, leitete das Komitee die notwendigen Schritte ein. um für die Flücktliuge die staat-- liche Unterstützung zu erwirken. Zu diesem Zwecke wurden die jüdischen Abgeordneten des Polen klubs nach Brünn berufen, um die eingeleitete Aktion bei der Regierung zu fördern. Erst nach und der Glutsprache der Propheten wird Hoffnung und Leben geschöpft. Zusammcngedrückt sitzen die Männer, in ihrer dunkel schimmernden Tracht in den Bänken. Alte, heilige Verse dringen klagend durch die zerbrochenen Fensterscheiben. Ter Kantor stimmt mit ergebener Andacht die Hymne, die das Lob des Schöpfers verkündet, an. Geneigt sind die Köpfe über die Bücher. Sie beten und ihre Seelen schwingen hinaus ins Gefilde, wo die Kugeln Pfeifen, und die Fahnen flattern, für die die Helden kämpfen, für die die Brüder sterben. Aber auch hin zu den Unglücklichen. die vom Rückzug des Feindes zu Boden gedrückt, kämpfen müssen, für eine Sache, die ihr Herz und ihre Seele verdammt. ft:׳.!.׳:schätzen wir ja nicht diese zitternden S k-tztzoskerzcn. Tie fühlen und wissen, wo der iü. Und ihr Todfeind ist ja auch der unsriae. Wie allumfassend ist nur unsere tragisch große Zeitepoche. Religiöser Eifer, brennende Paterlandslicbe und radikaler Materialismus kämpfen Schulter an Schulter gegen den gemeinsamen Mörder. Und diese heilige Allianz muß siegen! Bei uns schweigen alle Gegensätze. Antimilitaristen, Sozialisten und Friedensfurien schwin- 10 א Tagen kamen die Herren Abgeordneten nach Brünn, ohne es jedoch der Mül>e wert zu finden, mit den Flüchtlingen direkt in Fühlung zu treten. Auch hierüber soll seinerzeit recht ausführlich geschrieben und gesprochen werden. Reichsratsabgeordneter Heinrich Reizes lei stete der Einladung des Vereines sofort Folge, erschien in Brünn, nahm die Arbeiten energisch in Angriff und seiner Mitarbeit ist es zu ver danken, daß die Regierung die staatliche Unter stützung für die Flüchtlinge gewähren wird. Wie bereits in der lebten Nummer gemeldet, hat eine Deputation, bestehend aus den Herren Redakteur Hickl, Tr. Fensierblau, Kragen und Tänzer, unter Führung des Abgeordneten Reizes im Ministerium des Innern beim Sektions rat Baron von Marquet vorgesprochen. Redak teur Hickl besprach die traurige Lage der Fluchtliuge, schilderte in kurzen Worten die bisberige Tätigkeit des Hilfskomitees und hob die Not Wendigkeit der sofortigen A n s z a h I u n g der staatlichen Unterftübuug an die Flüchtlinge hervor. Sektionsrat Baron Marquet stimmte die sen Ausführungen zn und versprach, sofort das Notwendige wegen Auszahlung der Uuterftüt zungen zu veranlassen. Und zwar in derselben Form, wie es in Wien geschehe. Hervorzuheben wäre, daß das Komitee die Unterstübung für sämtliche Flüchtlinge ohne Unterschied der Kon fession und Nation im Gegensätze zu den Herren von Ognisko. Polzskie, die nur für Po len (Juden und Ruthenen ausgeschlossen» das selbe forderten. Namens des Komitees dankte Redakteur Hickl dem Sektionsrat Baron Marqnet anfs Herzlichste nnd ersuchte ihn, noch dahin zu wir ken. die Sache möge so rasch als möglich durch geführt werden, was auch Baron Marquet in liebenswürdigster Weise versprach. In dieser Angelegenheit sprach auch Redak teur Hickl beim Bezirkshauptmann Czerny, bei dem Bürgermeister Augnst Ritter v. Wieser. io wie bei der k. k. Polizeidirektion vor. Porige gen die Banner des Dreibunds. Und dort ver kannte Männer wie Burns, der das Minister Portefeuille hinschleuderte und Jaures, den sie einfach totschießen, den gefährlichen Hellseher. Tie geschworenen Feinde des Krieges wissen, daß un sere Sache gerecht ist und beten für den Sieg in den Synagogen, Kirchen und Moscheen. Tie zit terndeu Sabbatflämmchen glühen, die grüne Fah ne des Propheten ist anfgerollt und die roten Banner sind eingezogen. Alles weiß, wo und lver der Feind ist, das; er niedergebrochen werden müsse. Daß wir ihn erkannten, danken wir alle ein zig dem matten Schimmer der jebt nervös aut flackernden Sabbatlichtlein, die hineinlenchten in das unendliche hundertmeilenweite Schlachtfeld, wo der Boden ersauft unter dem Tritt der Millionen. Wer wollte diese Lichtleiir in Kischenew, in Odessa, in Lodz und in sonst talisend Orten aus blasen? Wer ist der blutige Regisseur der Pogrome? Wer der Unterdrücker der Polen, Finnen und Ukrainer? Wer will uns den Atem und die Luft rauben? Nicht nur das gemütliche, leichtgeschürzte München ist ernster geworden; auch unsere skep tische, leichtsinnige Metropole hat das Beten er lernt. Männer, die sonst auf den Boulevard tän wln. ׳vrechen mit Ergriff,׳,., «׳׳,!,״d f;>״ch»,.1״׳ $ t