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Jüdische Volksstimme · 1914-12-17 · Heft 45 (17.12.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 45 (17.12.1914)
Date
1914-12-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. »Attische Nr. 4». ger." Hierauf zog der Landstürmer ein Stück Papier heraus, in dem sich der geringe Rest einer Krakauer Wurst befand, und gab dieses gewiß von ihm sehr geschätzte Besitztum und mehr als drei Viertel des soeben gefaßten Brotes den beiden Gefangenen. Als er sich, um den Danksagungcn zu entgehen, abwendcte, murmelte er vernehmlich vor sich hin: ״Zwa Kinder hat er und a Schuster is er aa!" Zangwill. Aus London kommt die Mitteilung, daß die dortigen Zionisten im Zuge sind, Zangwill wieder für die zionistische Bewegung zu gewinnen. Wir haben bereits vor Monaten gemeldet, daß sich Joseph Cowen, einer der bedeutendsten Führer der Bewegung, entschieden für eine Verständigung mit Zangwill eingesetzt hat. Es muß bemerkt werden, daß man in England, wo litan mit der versprochenen Besserung der russisch-jüdischen Lage einen bösen Mißerfolg hatte, diese Scharte damit auswetzen will, daß die hervorragendsten Blätter für den Fall eines englischen Sieges den .Juden Palästina zuerkennen wollen. Besonders hat sich der bekannte Politiker und Schriftsteller Weis dafür eingesetzt. Zangwill hat allerdings dagegen erklärt, daß ihm die Form des Antrages nicht konveniere: Weis tue dies augenscheinlich in der Absicht, die Juden los zu werden׳, allein die englischen Juden konzentrieren jetzt ihre Aufmerksamkeit aus diesen Gegenstand. In den neutralen Ländern und besonders Amcrika. dessen Juden man mit diesem Schachzuge gewinnen will, hat mau auch diesmal einen Mißerfolg erzielt: die amerikanischen Blätter erklärcn fast einstimmig, daß sie in der Türkei ein größeres Vertrauen als in England setzen. Man würdigt dort aber die Aufrichtigkeit, mit welcher Zangwill seinen Jrrtun! gesteht, mit warmen Worten und ״Jewish Gazette" versichert, daß eine Kraft wie Zangwill, die sich in solch aufopfcnder Weise für das Judentum einsetzt, stets der Wertschätzung und der Bewunderung seines Volkes sicher sei. Oberrabbincr Jakob Schück gestorben. In Nadudvar starb nach 8!>-jähriger segensreicher Tätigkeit Obcrrabbiner Jakob Schück. Tas große Geleite zeugte von seiner Bedeutung. Es hielten Nachrufe die Rabbiner Schück von Onod, Szikszo, und Karczag. Marosvasarhely, Szilaghnaghfalu, Tcnke, sowie Feldrabbincr Schück, Budapest, Ehrcnrcich und Jungreiß. Die jüdischen Logen haben auf Antrag des Herrn Landrabbiners Tr. Mannheimer in Oldenburg dem Kriegsministerium 70.000 Mark für Anschaffung eines Lazarettznges zur Verfügung gestellt. Schal»,n Asch, der berühncke jüdische Schriftsteller, den man in Gefangenschaft geglaubt hatte, ist anfangs Rovembcr in Newyork eingetroffen. zuruhen, um den nächsten Tag, Mittwoch, den 11. November weiter wandern zu können. Wir blieben bei einem Juden, der uns seine ganze Wohnung, die aus zwei engen Stuben bestand und die mau sich vorstellen kann, nicht zu geräumig war, zur Verfügung stellte, über 'Nacht. Ter Mann bettete uns mit frischem Stroh auf und trotzdem derselbe alles Mögliche tat, war es kein überaus gutes Lager: zu Hause hatte der Aermste ein besseres. Jene Nacht schliefen wir also zusammengepfercht wie die Heringe, ungcfähr :10 Personen beiderlei Geschlechts, in zwei Räumen. Gegen 0 Ilhr morgens waren wir schon marschbereit und gingen in der Richtung gegen Neu-Sandcz. Anfangs war es neblig und düster, allmählich lvurde es aber Heller und heiterer. Auch der Weg war besser, weil trocken. Tie Landschaft war, trotzdem der Herbst so vorgerückt war, entzückend schön, die phantastisch aufstrebenden Gebirge, welche mit Waldungen und Gesträuchen bewachsen und bedeckt sind, n,achten einen malerischen Eindruck, doch wurde die Wirkung durch unsere Stimmung verfehlt. Sagt doch unser weise Salomon: ״Hakol jafe beito." Alles ist schön, aber nur in seiner Zeit. Wir wanderten den ganzen Tag hindurch, mit unbedeutenden Pausen, zu Erholungs- und Labungszwccken, bis wir in später Nacht nach Neu-Sandcz kamen. Hier suchten wir ein Hotel und erfuhren, daß cs dort keins gäbe. Eine Jüdin, die uns sah, bot uns ihre Wohnung an, errichtete jedem von uns Für die Drohobyczer und die Jaroslawer. Außer dem großen Hilfskomitee für alle durch den Krieg heimatslos gewordenen Juden haben sich in Amerika noch spezielle Hilfskomitees für einzelne Gemeinden gebildet, in Anbetracht besten, daß man von den zahlreichen nach Amerika ausgewanderten Landsleuten eine größere Beisteucr erwartet, wenn es sich um engere Landsleute handelt. So haben sich die 8 Trohobyczer und Jaroslawer Vereine Newhorks zu einem Relief-Komitee zusammengeschlosten und halten zu Gunsten ihrer Landsleute Massenmeetigs ab. Tragischer Tod eines Rabbiners. Rabbi Moses, Kantor in Newyork, erhielt während eines Vortrages die Nachricht, daß sein Sohn in Russisch-Polen gefallen ist. Er brach zusanlmen und flüsterte: ״Ich fühle, daß ich dort hin gehe, wo mein Sohn ist." :)lach einigen Minuten hatte er ausgelitten. Brief ans Wilna. Ter berühmte Wilnaer Ttadt-Chafan mußte einrücken. Man hat 80.000 Rubel angeboten, um ihn im Amte zu behalten, es ging nicht. Tie Reservisten ohne Unterschied der Konfession wurden von dein Geistlichen ins Kloster geführt und knieten dort nieder. In vielen Orten haben sich Frauen vor den mit den Reservisten abgehenden Zügen auf die Schienen geworfen und es dauerte stundenlang, bis man sie wegschaffeu konnte. Baro» Ginsburg — russischer Soldat. Ter bekannte Kiewer Millionär und jüdischer Mäcen Baron Ginsburg dient freiwillig im Brief aus Minsk. Ans diesem großen jüdischen Zentrum schreibt ein Sozialist: Minsk ist nicht zu erkennen. Ein Schauder ergreift uns, wenn wir die Unmasse von Witwen, Waisen und Krüppel fehen. Tie Stadt ist ein einziges Spital voller ächzender und argonisierender Soldaten. Jeder Tag bringt ganze Züge mit Verwundeten. Vom Brisker bis zum Sacharower Woksal (Bahnhof» stehen Tausende in Erwartung, einen Bruder, Sohn etc. zu finden. In unseren Kreisen dehnttiert man darüber, Westen Sieg erwünscht ist: ein Teil hält bei Deutschland. Russeugrcuel in Galizien. lieber die erste Russeninvasion in Galizien entnehmen wir weiteren Privatbriefeil folgendes: R p c z y c e, 20. September. Hier durften die Russen tagelang ihre Verwüstungsarbeit fortsetzen. Lange traute sich kein Jude ans die Straße hinaus, doch dursten wir noch von Glück sprechen, das; uns das Leben verschont blieb. Im nahen Kolbuschowa gab es auch mehrere Menschenopfer. Tatz Morden und Plündern geschah ohne jeden Schein von Ursache. ein Lager. Toch wie rührend war das alles n^as sie für uns tat. Nie lverde ich diese Güte und Opferwilligkeit vergessen. Ter Gedanke, daß es Juden mit solchen Eigenschaften und goldenen Herzen gibt, erfüllte mich mit Stolz und tröstete mich in meiner Lage ein wenig. Wir bekamen auch da Labungen usw., wofür aber die Annahme einer Bezahlung entschieden verweigert wurde. In Ne,,-Sande,z blieben wir Tonnerstag und Freitag und bemerkten, daß man auch hier fiebcr- Haft räumt. Wir erfuhren, daß auch hier kein Zug mehr verkehren wird und begaben uns Freitag abens nach dem. eine Stunde von Neu-Sandez entfernten Alt-Sandez. Auch hier, wo wir einen Zug zu erteichen hofften, erlebten wir dieselbe Enttäuschung. Wir durchwachten die ganze ')!acht in den Bahnhofräumen, sahen die Tarnowaer Bahnhofszcnen wiederholt in Miniatur. Tas Wetter war schön, nur der Wind beißend und frostig. Unterwegs kehrten wir wiederholt bei Juden ein, die uns, was sie batten, gaben. In einem Torfe gelang es uns. zn>n Beten versammelte Juden anzutreffen und mit ihnen den neuen Monat segnen. Wir beteten inbrünstig, wie nie zuvor. Tann gingen wir weiter: gegen?> Uhr nachmittags waren wir in Piwmiczma unweit der ungarischen Grenze. Von dort kamen wir abends in ein Torf, wo wir wieder die ganze Nacht blieben. Hier konnten wir keinen Schlaf finden, denn in der Schenke waren viele Kinder und lärmende Soldaten etc. Nächsten Tag D u b i e z k e, Ende September. Das Freudenfest wandelte sich bei uns in Trauer und Todesschrecken. Tie Russen zogen in die Stadt und begannen sofort alle Läden u. Häuser auszuplünden,. Was sie nicht mitnehnien konnten, vernichteten sie in bestialischer Zerstörungswut. An dieser Arbeit nahmen die einheimischen Russo- Philen regen Anteil. Als das Plünderungs- und Zerstörungswerk zu Ende war, begannen sie, sich ihre Zeit mit den Juden selbst zu vertreiben und scheuten nicht davor zurück, den greisen Rabbiner zu mißhandeln. Ein beliebter Spaß der Russen war es, den Inden gewaltsam die Seitenlöckchen abzuschneiden. Ans Beschwerden bei deil Vorgesetzten sagten uns diese, wir hätten es als treue Untertanen Kaisers Franz Joseph nicht besser verdient. Mittlerweile wurden die Russen von den Oesterreichern in die Flucht gejagt und uns die Befreiung gebracht. Drei russisch-jüdische Soldaten, die sich beim Einzug der Oesterreicher in der Synagoge befanden, weigerten sich, dieselbe zu verlassen und kamen in die österreichische Gefangenschaft. _ Tie Knechtung der Juden. In Berliner Blättern veröffentlicht der Allgemeine südische Arbeiterverband in Rußland eine Kundgebung, die den letzten Versuch, die französisch-britische Verbrüderung mit Rußland als Sache der demokratischen Freiheit anszugeben, jämmerlich Lügen straft. In den, Aufruf heißt es: In einem Artikel der Pariser Humnnite wird dem russischen Zarismus auf innerpolitischem Gebiet die Absicht zugeschriebeii. sich auf den Boden der Gerechtigkeit und der ״Zivilisation" zu stellen. Tiefen Behauptungen Widersprechen in schärfster Weife die Tatsachen. Tie russische Regierung führt auch jetzt ihre traditionelle Politik der Unterdrückungen und Verfolgungen durch. Mit gehässiger Kleinlichkeit wird die Erlaubnis zun, vorläufigen Aufenthalt außerball, des festgesetzten jüdischen Aufenthaltsgebietcs auch solchen Inden verweigert, die gezwungen ünd. ihren Landstrich zu verlassen, weil er von feindlichen Truppen besetzt ist. Auch ilicht die geringste Erleichterung wird den Familien der Jliden zuteil, die sich in, aktive» Heeresdienst be- Palästina im Kriegszustand. Ter Eintritt der Türkei in die Reihe der kriegführenden Mächte und ihr Bündnis mit Deutschland und Oesterreich löst hier unbeschreibli'chen Enthusiasiiius ans. Tie arabische Bevölkernng hält förmliche Verbrüderungsfeste mit den Juden, die allezeit treu zu», türkische» Reiche gestanden haben. Tausende von russischen Untertauen suchen die Aufnahme in den ottomanifchen Staatsverband. die a,1ch anstandslos gewährt wird. Von ziemlich einschneidender Bedeutung ist die bei Kriegsausbruch erfolgte Schließung der Anglo-Palästina-Bank, die als englibeschlossen wir, von mm an nicht mehr zu Fuß zu gehen, denn das war des schlechte», schneeige״ Wetters wegen uniiiöglich.. Es gelang uns end-!ich. einen Wagen aufzutreiben und gelangten mit diese», 11 ach Podolin in Ungarn. (hegen abends erreichten wir einen Zug. der l1»s ״ach dein ״icht viel weiter gelegenen Poprat führte. Tort übernachteten wir und fuhren liächsteil Morgen »ach Zfolna. Von dort führe״ wir mit schwerer Mülre und iiach unvergleichlichen Ehikanen seitens der Bahnbehördei, weiter, angeblich nach Wien, dem, so lautete» iiiifere gekauften Fahrkarten, ״ins gelobte Land". Nachde», wir Wien schon nahe waren, mußten wir in einer aiiderei, Richtung lveiterfahren. Wir durchreisten ganz Mähren und Böhmen cn. t Taae und waren vor Hunger und Kälte erschöpft. Gleich »nt der Pest Behafteten ließ man uns tagelang ans dem Bahnwaagon nicht heraus, so daß wir ״ns nicht einmal Essen kaufen konnten. ' In Prag endlich, am Toiiiierstag. den 10. Noix'inber d. I. konnten wir. dank bumaiier. edler Menschen, die Waggons verlassen. Was aber mit den mit ״ns gereisten vielen hlindertei, von iüdischen Leideiisgeiwssei, geschah, wohin sie verschlagen wurden lind wie es diesen Armen jetzt ergeht, weiß nur Gott. Abraham Kahane, derzeit Prag.

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