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Jüdische Volksstimme · 1914-12-17 · Heft 45 (17.12.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 45 (17.12.1914)
Date
1914-12-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Nr. 45. ״Attische B»!krsti««le^ Seite 2. der Heiligkeit des Vaterlandes!" Nach einer halben Stunde — wir atzen noch zu Mittag — stand bereits ein gedeckter Wagen auf der Strotze, auf welchem die Toten nach dem Friedhof überführt wurden, und wetteifernd sprangen auf den Wagen galizische chassidische Kaftanjuden in ihrrem Sabbatgewand. Auf dem Felde der Ehre gefalle». Ernst Grünberger. Ernst Grünberger, Sohn des Kaufmannes Max Grünberger in Trcbitsch, wurde im Jahre 1886 dort geboren. Theoretisch und praktisch gründlich ausgebildet, hat er durch eigene Kraft, in noch jugendlichem Alter, die Prokuristcnstelle in der Filiale Oderbcrg der Allgemeinen Depositenbank erlangt. Grünberger war Neservcleutnant im Jnf.-Rcg. Nr. 38, kämpfte gegen Serbien und fiel am 18. September im Gefechte bei Prccvice. Seine Leiche wurde voll Numa nach Wien übergeführt und am dortigen Zentralfricd Hofe beerdigt. Rudolf Häutler. Rudolf Häutler, geboren im Jahre 1881 in Budapest als Sohn des dortigen Spediteurs Leopold Häutler, absolvierte seine Studien am cvangelischen Gymnasium und an der Handelsakademie in Budapest. Nach Beendigung seiner Studien diente er als Einjahrig-Freiwilliger im Trainregiment Nr 2 und wurde am 1. Jänner 1903 zum Leutnant in der Reserve bei der Traindivision Nr. 12 ernannt. Nachdem er seiner mi litärischen Dienstpflicht Genüge geleistet hatte, trat er bei der Concordia-Dampfmühle A.-G. als Beamter ein, wo er bis zu feiner Einrückung ins Feld wirkte. Bei der allgemeinen Mobilisierung zum Waffendienste einbcrufen, machte er den Feldzug am nördlichen Kriegsschauplätze mi und erlag am 19. September im k. u. k. Gar׳ nisonsspital in Kassa einer schweren, am Kriegssä-auplatze erworbenen Krankheit. Dr. David Hescheles. Dr. David Hescheles, geboren 1880 als Sohn eines Baumeisters in Lemberg, absolvierte die juristischen Studien und wurde im Jahre 1901 an der dortigen Universität zum Doktor der Rechte promoviert. Die Advokatur übte er seit 1911 aus. Seine Einjährigen-Dienstzcit absolvierte er bei der k. k. Landwehr. Während seiner Studienzeit und auch später als Advokat nahm er regen Anteil an der zionistischen Bewegung-, er war wegen seines überaus bescheidenen Wesens ein sehr beliebtes und geachtetes Mitglied dieser Partci. Im gegenwärtigen Feldzuge war er als Lansturmlcutnant im Landst.-Jnf.-Ncg. Nr. 36 eingeteilt. Schon in den einleitenden Kämpfen um die Verteidigung der Bukowina gegen die russische Invasion kam er ins Gefecht und einen Tag vor seiner Feuertaufe schrieb er noch seinem Bundcsbrudcr Dr. Prochnik nach Lemberg einen Brief — er war A. H. der zionistisch-akademichcn Verbindung ״Emunah" — dem wir folgende, charakteristische Zeilen entnahmcil" ״Jutro nam sic spotkac oko w oko z nievprzyjaciclem. Pamietam o dewizie naszcgo zwiazku. (Morgen stehe ich dem Feinde Aug' in Aug' gegenüber. Ich denke an die Devise unserer Verbindung): ״Kopf hoch, Brust heraus, Schärfe nach außen." Er wurde verwundet und erlag den Verletzungen. Er ist in Ccrnowitz bestattet worden. eine Retorsion, sondern ein Liebesdienst für die russische Negierung, wenn wir die russischen Juden wegen der Sünden der russischen Regierung hierzulande verfolgten." Ruffische Juden in Ungarn. Eine Denkschrift der ungarischen Zionisten. Die ungarische Regierung hat angeordnet, das; die in Ungarn lebenden Ausländer von den Polizeibehörden konskribicrt werden sollen׳ und das; den Angehörigen der mit Oesterreich-Ungarn im Kriege stehenden Staaten die wöchentliche Meldepflicht auferlegt werde. Diese Matzregcl erstreckt sich naturgemätz auch auf die zahlreichen russischen Juden, die schon seit vielen Jahren in Ungarn leben. Nun hat die ungarländische zionistische Organisation, wie ״Zsido Szemle" bcrichtet, an die Regierung eine Denkschrift ge richtet, in welcher darauf hingewiesen wird, das; diese unglücklichen Opfer des russischen Zarismus eine besondere Behandlung verdienen. In der Denkschrift, die von dem Vizepräsidenten des zionistischen Landeskomitoes Dr. Josef Schönfcld verfasst ist, wird unter anderem ausgcführt: ״Die in unserem Naterlande sich aufhalten den russischen Juden haben auf der Flucht vor russischer Tyrannei und vor den dortigen Judenverfogungcn in unserem Vatcrlande Zuflucht gesucht und sich hier durch ehrliche Arbeit ein bescheidenes Heim gegründet . . . Die zu uns cinqewanderten russischen Juden, deren grotzer Teil bereits seit Jahrzehnten in unserem Vaterlande lebt, sind vollständig verschmolzen mit den übrigen Staatsbürgern und die meisten von ihneu haben bisher nur deshalb die ungarische Staatsbürgerschaft nicht erlangen können, wei sie nicht die Möglichkeit hatten, die hiefür not wendigen Dokumente aus ihrer früheren Heima zu beschaffen. Diesen Menschen gegenüber würde jede Vergeltungsmatzvegcl ihr Ziel verfehlen Hält doch Nutzland seine jüdischen Untertanen selbst zu Hause nicht für vollberechtigte russische taatsbürgcr, viel weniger noch diejenigen, dik cs durch die verschiedenartigsten Verfolgungen zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen׳ hat. In 'unserem Feldzüge gegen Nutzland haben sich die russischen Juden als Freunde unserer verbünde tcn Heere erwiesen, und sie ersehnen gleich uns die Niederlage der russischen Waffen. Die aus Nutzland vertriebenen und in. unser Vaterland geflüchteten Juden sind durchwegs Opfer ihres Glaubens und ihrer Abstammung und hängen mit ganzem Herzen an der neuen Heimat, die ihnen Zuflucht gewährt, und so wäre cs nicht Chanuka 1914. (Unfern Brüdern im Felde.) _ Wir grüßen Euch, Ihr edlen Hasmonäer! Auch heute gilt's den Wahnwitz des Cäsaren Zu brechen und den Blutrausch des Barbaren In Blut ersticken! Volk der Makkabäer! Noch lebt Tein Geist, der Freiheitstraum rückt näher! Vergeltung, Rache an den blut'gen Zaren, An seinen Knechten, Schergen, Henkersscharcn! Ihr kämpft für tausend Kischinews, Hebräer! Du, hehrer Priester, Deinen Arm uns leihe, Du führe sie, wie einst die Heldensöhne, Zum Sieg, zum Heil, zum Sturze des Tyrannen! Dann feiern wir das Fest der Tempclweihe, Wie Juda einst in neuerstand'ner Schöne! Wir grützen Euch, Jung-Judas tapf're Mannen! Dr. Berthold Singer. JillfuljcR au. Der russische ״Sieg" bei Warschau. In -Russisch-Polen wurde ein Jude verhafict, weil er im Kaffeehause kleinmütige Aeutzeru.ngen getan haben sollte. Auf die Frage des Polizeirichters, wie sich die Sache verhalten habe, antwortete er: ״Ich schwör' bei allem, was mir teuer is', die Sach' war die: Vom Krieg war die Red' und wie er für uns Russen enden wird. Nu, habe ich gesagt, wie wird er enden?! Ham mer gesiegt bei die masurischen Seen, Ham mer gesiegt bei Krasnik, Ham mer gesiegt bei Wloclawcc, wer'n mer auch siegen bei Warschau! Aus der ״Jugend." Der gefangene Kollege. Im ״Neuen Wiener Tagblatt" erzählt Pauk Busson von einer Unterhaltung, die ein steiri, scher Landsturmmann mit einem jüdischen russischeu Soldaten führte, der gefangengenommen worden war und dem Landstürmer offenbar Sympathien cinflötzte. Einer der vielen jüdischen Soldaten, die in russischer Uniform stecken, machte den Dolmetscher, und cs entwickelte sich das nachstehende Gespräch: Steirer: ״Frag' eahm, ob er aa Kinder hat!" Dolmetsch: ״Zwei, sagt er, hat er." Steirer: ״Und ob er aa a Schuastcr is." Dolmetsch: ״Er ist ja ein Schuster. Erlauben Sie, an was kennen Sie das?" Steirer: ״Am Dam (Daumen). Und ob er an Hunger hat." Dolmetsch:״Er Hai, Herr — mir hab'n alle Hunwar eigentlich keines mehr, denn alles tvas man einpacken konnte, wurde mitgenommen und was man konnte, vergraben. Gegen 3 Uhr nachts pilgerten wir wieder, gleich vielen anderen, mit unseren Bündeln zur Bahn. Unterwegs begegneten uns zurückkehrendc Leute, die uns versicherten, datz man auf einen Zug nicht mehr rechnen könne. Viele entschlossen sich daher zu bleiben. Wir waren ratlos. Wir kehrteu in die Stadt zurück, da gabs eine Bewegung wie beim Aufstchcn zu den Selichoth. Alles eilt und hastet, alles läuft, mm sucht Pferde und Wagen, alle Juden sind mit einem Male ״Fuhrleute" geworden. Man feilscht nicht, denn man will um jeden Preis fortkommen. Aber wo sind so viele Wagen und Pferde aufzutreiben, umsomchr, als alles vom Aerar förmlich mit Beschlag. belegt wurde. Hier eine kleine Episode. Ein Nachbar von mir hatte für sich und seine Angehörigen um ciuen hohen Preis einen Wagen gemietet. Es waren ungefähr 20 Leute, mit nicht wenigem Gepäck, so datz der Wagen überladen war und der Fuhrknecht mit so viel Leuten nicht fahren wollte. Es gab keinen anderen Ausweg, als datz 2 Schwäger meines Nachbarn vom Wagen herunter mussten. Diese hatten ihren letzten Heller hcrgegebcn und mutzten wieder bleiben, zwar nicht die Einzigen, denn cs blieben noch ca. 10.000 Juden zurück, die der Gefahr und den Schrecken ins Auge sehen mutzten. In dem betreffenden Wagen waren jetzt drei freie Plätze, die mir mein Nachbar überlassen wollte. Ich konnte mich, dieselben auzunehmen, aus mehreren Gründen sogleich nicht cntschlictzen, obwohl mir ein Reisegefährte, in Ermanglung eines anderen Auswegs, dazu riet. Was nun? Ich war ratlos. Da sagte mir ein Bekannter, sein Schwager hätte einen Wagen und wir könnten mit diesen fahren. Wir begaben uns dorthin und erfuhren, das; blotz ein Wagen vorhanden ist und die notwendigen Pferde erst gesucht werden müssen. Wieder nichts! Es war schon gegen 0 Uhr morgens. Das Stratzcnbild war jämmerlich; man sah Frauen, Mädchen, Kinder in der grötztcn Verzweiflung und auf dem Munde aller war ein Frage: was sollen wir beginnen und wohin kommen wir jetzt? Es blieb nichts anders übrig als zu Futz zu Wandern; hinüber an die ungarische Grenze (13—14 DLeilcn). Das Gepäck wurde zurückgelassen, man nahm nur das allernotwcndigste mit. Jetzt gabs kein Säumen mehr, denn schon hörte man ein mächtiges Dröhnen, Kanonenschüssen gleich. In aller Eile kamen wir in die Nähe des Bahnhofes, wo wir vernahmen, datz einige gelaufen seien, um einen Zug zu erreichen. Auch wir gingen resigniert.hin, konnten aber nur noch die letzten Waggons des letzten abgegangcnen Zuges wahrnehmen. Hunderte verzweifelte Menschen sahen ihm mit Bangen nach. Wir setzten unseren Weg fort und bald entrollte sich vor unseren Augen wieder ein eigentümlich grauenhaftes und tragischcs Bild, das sprichwörtlich gewordene Bild' der jüdischen Wanderung, die ausschließlich unser Monopol zu sein scheint. Es tauchten in uns düstere Erinnerungen aus unserer Wandcrgeschichte der Vertreibung aus Spanien und in den letzten Jahrzehnten aus Rußland auf. Nun kamen wir zur ersten Holzbrücke, die ׳unweit unserer Stadt über die Biala führt, eine interessante Konstruktion, Ende des 18. Jahr- Hunderts erbaut. Viele Sagen sind mit dieser berwoben und nun werden von einem Soldaten Anstalten getroffen, sie zu verbrennen. Wir aber konnten die Brücke noch gemütlich passieren und eilten weiter bis zu einem Scheideweg. Den einen,, den kürzeren, zu gehen, wird uns von Eingeweihten abgcraten, nachdem die Brücken auf demselben bereits verbrannt sein sollen. Wir erfuhren später, daß das nicht richtig ist. Wir gingen aksb den längeren, der uns nach Neu- Sandez führen sollte. Als wir einige Kilometer zurückgelcgt hatten, sahen wir in der Ferne einen Feuerschein, dann hörten wir dumpfes Dröhnen. Allmählich verliert sich der Feuerschein und auch das unheimliche Rollen wiederholte sich nicht; wir atmen wieder freier. Wir wanderten den ganzen Tag, bis wir erschöpft und todmüde das Städtchen Zakticzyn erreichten. Hier aßen wir ein wenig und beschlossen, die Nacht hier aus-

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