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Jüdische Volksstimme · 1914-12-17 · Heft 45 (17.12.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 45 (17.12.1914)
Date
1914-12-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Erscheint jeden Mittwoch Nummer 45. Jahr«. XV. Wschk Dalksjli««k. a- Bezugspreise: -m Z §-a Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse S. Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6*20 j Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm, Leipzig. ganzjährig. Deutschland, ganzjährig. Rußland, ganzjährig ...... . Kronen 12*— 1 . Mark 12 — . Rubel 6*— Herausgeber: Max Hickl. Inserate: die Sspaltige Petitzeile SO h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono- Balkan, Frankreich ....... | —־14 Franks . riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. iS- -a a -a Wien—Budapest. Brün»,»- Az-tzF» Prag-Lemberg. Das Ministerium des Innern für die galizischen Flüchtlinge. Sonntag den 13. d. M. begab sich eine Abordnung des Hilfskomitees für die galizisch-jüdischen Flüchtlinge, unter Führung des Redakteurs Hickl nach Wien, um im Ministerium des Innern vorznsprcchen. In dieser Angelegenheit fand noch am seiben Tage mit den! Ncichsratsabgeordneten Heinrich 3ieizcs eine Konferenz statt. Montag vormittags sprach die Deputation in Begleitung des Abgeordneten Reizes im Ministerium des Inncrn vor. Die Deputation lvurde vom Sektionsrat Marquet auf das liebenswürdigste empfangen. Redakteur Hickl gab die Wünsche der Brünncr jüdischen Flüchtlinge bekannt und stellte das Ersuchen, die Negierung möge die sofortige Auszahlung der staatlichen Unterstützung an die jüdischen Flüchtlinge in Brünn sowie in den anderen Städten veranlassen. Redakteur Hickl bcrichtete weiters über die ganze bisherige Tätigfeit des Hilfskomitees der ״Machsike Hadas". Sektionsrat Baron Marquet versprach die sofortige Auszahlung der Unterstützungen zu veranlassen. Im Namen des Komitees sprach Redakteur Hickl dem Sektionsrat herzlichsten Tank aus. lieber den Perlauf der ganzen Aktion werden wir in der nächsten Nummer ausführlich berichten. Feuikketon Schreckenstage. Aufzeichnungen eines galizischen Flüchtlings. Ich will im folgenden versuchen, die letzten Tage, bevor wir unsere Heimat verlassen, beziehuugsweise flüchten!nutzten« zu schildern. — Es war gegen den 0. oder den 7. des Monates November d. I., als unsere Stadt Tarnow in Westgalizien ein vollständig verändertes Bild bot, und zwar in erster Reihe durch die aus der ganzen Provinz,vorwiegend aber aus der Richtung von Rzeszow nach Tarnow kommenden 10— 15.000 Juden, von welchen viele die Absicht gegen Wien weiterzufahren hatten u. ihre Reise aus dem Grunde unterbrachen, um den auf den nächsten Tag fallenden ׳«abbat nicht entweihen zu müssen. Die anderen dachten daran, sich in Tarnow niedcrzulassen, denn die Stadt schien ihnen ungefährdet zu sein, weil dieselbe während der ersten Invasion in dieser Gegend, welche ungefähr zwischen Rosch haschono und Jom Kippur fiel, verschont blieb. Dann aber säst man, allmählich Train und Munitionswagen, welche von Russischpolen zurückgezogen wurden, um wieder gegen Krakau neugruppiert zu werden. Das ließ nicht das Der Patriotismus der galizischen ' Jude». Feldrabbiner Tr. Edmund Kalman veröffentlicht im Budapester ״Egyeulöseg" Tagebuchaufzeichnungen, die interessante Belege für den Patriotismus der galizischen Juden darstellen. Einiges sei hier l^erausgegriffen: Bei Rava- Ruska war die Munition in Oiesahr, von Kosaken abgefangen zu werden. In! Augenblick der großten Aufregung erschienen zwei Juden in ihren langen Kaftanen und führten den Train auf Nebenwegen in die Waldung des Fürsten Sapieha. Der Train war gerettet und die beiden Juden wurden vom Hauptmann Barvas vor der gesamten Mannschaft belobt. Eines Samstags morgens kam, so erzählt Tr. Kalman weiter, die Meldung, daß am anderen Ende der Ortschaft, vor der er am Abend vorher angelangt war, ein Verbandplatz aufgestellt wurde.. Ich brach auf, um unsere Verwundeten aufzusuchen. Plötzlich blieb ich vor Staunen stehen: Ein bärtiger Jude mit Kaftan und Schlüfenlocken saß auf den! Wagen, den eine kleine!nage.: Kuh führte, ein anderer ebensolcher galizischcr Jude trieb das Vieh vor sich hin — offenbar auf die Schlagbrücke. Und das am Sabbat! Dann ging ich durch das Städtchen und sah auf dem Marktplatz eine Bäckerei. Vor dem Backofen stand ein jüdischer Bäcker mit der obligaten Samtinütze. Tie Soldaten rissen die halbgebackenen Brote aus dem Ösen, wofür er sie in gntjüdischer Mundart ausschimpfte. In den Schenken bedienten ebenfalls die Juden die hereinströmenden Sohdatcn. Jetzt wurde es mir klar, cs war gar nicht Sabbat! Wir mußten uns verrechnet haben. Ich schämte mich, daß ich gestern den Sabbateingang so feierlich begrüßt hatte. Endlich trat ich an einen Juden heran und fragte ihn: ״Was ist heute für ein Tag?" Er erwiderte: ״.Heit is SchabbeS!" ״Und hier wird am Sabbat gebacken, geschlachtet Beste ahnen, ich meine hinsichtlich der Ankunft der so gefürchteten Ungeheuer, der Russen. Trotzdem war die Tarnowaer Bevölkerung nicht wesentlich beunruhigt, zumal sie, wie erwähnt, schon einmal verschont blieb. Doch wie heißt es im Talmud: Nicht jeden Tag geschehen Wunder. Tenn auch wir mußten, später gleich unseren armen Brüdern, den Leidensbecher leeren. Vom 7. bis!). November ging es in Tarnow sehr lebhaft zu. Das Gerassel der Trainwagen, die in •4—5 Kolonneu in der größten Eile dahinrollten und die nicht breiten Straßen ausfüllten, steigerte die Beunruhigung ins Grenzenlose. Man sal) ein, daß dies ernst zu ehmen sei und auch wir die philosophisch Ruhigen, die wir beim ersten Rückzuge zuhause bleiben konnten und uns über die ״Feigen", die unserer Ansicht nach, mit der Flucht so geeilt haden, belustigten, begannen nun selbst ״feig" zu werden. Nun gab es kein Zögern mehr. Alles was konnte, raffte im Hause was nur inöglichwar, zufammcn u. sah nur inöglich schnell von hier fortzukommen. Da traf aber, wie unser Bauer sagt: die Sense einen Stein. Tenn das Wegfahren war nicht so leicht, davon sollten wir uns bald überzeugen. Es zirkulierten wohl schon früher Gerüchte in der Stadt, daß Züge für den Zivilverkehr nicht mehr kursieren, aber wer konnte und wollte diesen Gerüchten Bedeutung beimessen. Viele, welche es nicht länger in der sHvülen ahnungsvollen Stadtatmosphäre aushielten, mie- und verkauft?" ״Ja, unser Rebbe hat den Schabdes botl gemacht!" (Er hat die Sabbatruhe ausgehoben.) Ich wollte ihm zuerst nicht glauben, da ersuchte er inich, ihn! in die ״Klaus" zum Rebben zu folgen. Ich mußte auf den! Verbandsplatz, bat ihn aber. Mittag auf mich zu warten und mich inzwischen beim Rabbi auzumeldeii. Endlich kehrte er in die Stadt zurück. Am Ende der Ortschaft erwartete mich mit seinen zwei Söhnen und dein Obmann der Ehewra der einen Patriarchen gleichende greise Rabbi Eleaser Rokeach. Sie bemerkten, daß ich tief bewegt war, und der Rabbi begrüßte n!ich schon von der Ferne: "«cholaum olecho ochi wachaweri!" (Friede mit dir, Bruder und Kollege!) Er führte mich in seine Wohnung, und als ich von der Aufhebring der Sabbatruhe sprach, bestätigte er dies. 50.000 Soldaten seien in dem Städtchen, das bloß 4000 meist jüdische Einwohner zählt, einquartiert, in! Städtchen drei Feldlazarette voll von Verwundeten. Hier trete — meinte der Rabbi — der Fall des ״Pikuach nefesch" (Rettung der Seele) ein, der den Sabbat aufhebt. Tie Verteidiger des Vaterlandes inüssen verpflegt werden. Und schon brachte Awrumele, der 11-jährige Enfei des Rabbi, das Werk unseres großen Maimonides und schlug den bezüglichen Paragraphen auf, den wir soeben besprachen. Ich lauschte den Worten und richtete dann folgende Frage an meineu Gastgeber: ״Rebbe, unsere Militärgesetze ermächtigen mjch, im Einvernehmen mit dem Oberarzt die jüdischen Toten in solchen Ortschaften, wo Juden wohnen, der jüdischen Bevölkerung zur Bestattung zu übergeben. Ich weiß von zwei jüdischen Gefallenen, die aber auf höheren Befehl noch heute beerdigt werden müssen. WaS ist Ihre Aiisicht?" Der Rabbi ergriff!!!eine Hand und sprach mit feuchtschimmernden Allgen: ״Gott segne Sie, Herr Kollege! Ter Obmann der Chewra kam ja eigens mit mir. um Sie zu ersuchen. Sie mögen uns die jüdischen Toten übergeben. Die Heiligkeit des Sabbats verschwindet neben teten für vieles Geld (das bei manchen das lebte war. das sie hatten, auch 500 Kronen) Leiter und Schleifwagen und suchten das Weite. Das konnte aber doch nicht jedermann und so ging man zum Bahnhof, um sein Glück zu versuchen. In das Bahnhofgebäude konnte man nicht gelangen, denn es war vom Militärkommando vollständig usurpiert und man mußte demnach vor demselben unter freiem Himmel abwarten. Die Szenen, welche sich hier abspielten, waren entsetzliche. Eine Menge von 10.000 Menschen, darunter natürlich eine große Anzahl mit müden, hnngrigen, nicht ausgeschlafenen Säuglingen und kleinen Kindern, wurde nicht müde tagelang, auf die rettenden Züge, die da. kommen sollten, um sie nach einem sicheren Orte zu bringen, zu warten. Doch sie warteten vergebens, denn die Züge blieben aus. Es war Montag, den 0. November, als auch ich mit meinen Angehörigen unter den Vielen stand, das gleiche .Heil erwartend. Ich wartete gegen 4 Stunden, bis 0 Uhr nachts, dann wllrde ich müde. Die .Höllenpein, die ich während dieser Zeit durchinachte und das Elend, das ich niitansah, fühle ich niich zu schildern zu schwach, da wäre ein Dante nötig. Ich begab mich mit den Meinigen und den nicht leichten Bündeln nach Hause, um ein paar Stunden zu ruhen und dann wieder bei der Bahn den Zug. der früh morgens abgehen sollte, erhaschen zu können. Mein Heim

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