Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 44 (10.12.1914)
- Date
- 1914-12-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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׳v׳ *W־^־ '"1^®רי v " י ״ J Seite 4. »Attische B»1rsfti««e.* 9fr. 44 ' Makkabaerfeier. Makkabaerfeier. Der Jüdische Turnverein Lcopoldstadt veranstaltet am 20. Dezember im großen Saale des Hotel ״Bayrischer Hof", 2. Bezirk, Taborstvaße Nr. 39 eine Makkabaerfeier. Nebst dem Feste angepaßten Nczitationen und Liedervorträgen wird die Vorführung lebender Bilder sowie turnerische Darbietungen der Feier ein würdiges Gepräge verleihen. Die Festrede hält Herr Rabbiner Dr. Grunewald. Ein Teil des Reinertrages ist zur Unterstützung der galizischen Flüchtlinge bestimmt. Karten im Vorverkauf 1 Krone, an der Kassa 1 Krone 60 Heller, für 6 Personen 4 Kronen. Zu haben täglich, von 8—9 Uhr im Jüdischen Handlungsgchilfenvcrband, 2. Bezirk, Obere Donaustraße 66. ״Chanuka". Das Chanukkafest ist für uns immer ein sehr wichtiges Fest. Es erinnert uns an schwere Tage, an Tage bitteren Kampfes, mit einem gewattigen, unvergleichlich überlegenen, grimmigen und rachcdurstigcn Feind, an Tage der Aussichtslosigkcit und größter Verzweiflung und endlich an Tage des Sieges, der, weil so unerwartet, ein doppelter Sieg war, nach welchem wieder glückliches normales Leben für unsere Nation begann. Di!ese Feier hat deshalb immer etwas ungcwöhnlich erhebendes, stärkendes und aufrichtendes für unser Volk. Aber war dies innner der Fall, so ist cs jetzt in noch viel höherem Maße. Denn wir durchleben auch jetzt schwere Tage und wir, die wir nie festen Boden unter den Füßen hatten, haben nun alles verloren. Die Opfer, welche das jetzige Wcltringcn erheischt, sind wohl allwcltlichc. Beinahe ganz Europa, ohne Unterschied der Nation und Konfession, ist an demselben beteiligt; wir können also davon nicht ausgenommen sein. Aber davon soll auch hier nicht die Rede sein, sondern von den ca. 1 Million in Galizien ansässig gewesenen Juden, die wie kein Volk von den Kriegsschrcckcn hcnngesucht werden. Sie sind fast ausnahmslos an den Bettelstab gebracht und jüdischer Erwerb, die Früchte tausendjährigen Fleißes, gingen jetzt total zugrunde. Wer anderer hat das Land Galizicn wie die Juden, die jetzt flüchten mußten und in aller Welt Plan- und ziellos zerstreut wurden, verlassen müssen? Tic Polen, die dort wohnenden Ruthenen etwa? Keine Spur. Die hatten gar keinen Anlaß hiezu. Denn wie gemein und brutal auch die kosakiichen Horden umzugehen pflegen, mit den erwähnten Nationen liebäugeln sie und bleiben bemüht, ihre Gunst zu gewinn'en, so daß cs nur eine Empfehlung war, der polnischen oder ruthcnischcn Nation anzugchören. Eines war gefährlich, Jude zu sein, denn von keinem Volke wurden so viel Men'chen unschuldig hingcrichtet, wie von unserem. Ich erwähne hier nur die Opfer des Lcmbcrgcr Pogroms und der sonstigen Städte und Städtchen in Galizien׳, so daß sich der jetzige Krieg zu einem ganz spczicllcn Feldzug gegen uns, die immer Wehrlosen, gestaltete. Uns hat er an Menschenleben und Gütern mehr gekostet als die anderen. Dies in Galizien. Und in Rußland? Wie sieht cs dort aus? Wie den Zeitungsberichten zu entnehmen ist. hat sich natürlich dort alles gegen uns vcrschworen. Die Russen und die kulturellen Polen im Königrcickic, diese zwei feindlichen Elemente haben sich jetzt gleich ״Amon und Moab" vereint, uns den Garaus zu machen. Und der Preis? Was bekommen wir dafür? Vielleicht mehr, als die anderen? Davon träumt doch kein Mensch. Aber wenigstens so viel, wie die anderen? Daß cs doch so wäre, wie viele Opitmistcn glauben wollen, aber ich kann mich diesen nicht anschlicßcn. Lehrt doch auch die Erfahrung, daß daran nicht zu glauben ist! Uns, muß man doch nicht geben, denn gegeben wird nur demjenigen, der fordern und drohen kann und das können wir noch lange nicht. Und hier offenbart sich unsere alte, immer neue Tragödie. Zu Dienstleistungen werden wir immer herangczogcn, zu Opfern sind wir innner bereit, beim Lohn aber, werden wir übergangen. Wir bleiben die Sklaven, die sich allem, d. h. mit nichts begnügen müssen. Unser eigen nennen, können wir nichts. Ach, wären wir nur früher zur Einsicht gekommen. Wieviel könnten wir tun, unsere jetzige Lage gesünder zu gestalten. Wik haben aber alle diejenigen, die uns auf die Un- Haltbarkeit unseres ״Seins" aufmerksam machten, verspottet, zu Ketzern gestempelt und nun rächt sich das, denn wir stehen ganz besitzlos und mit leeren Händen da. Diese Tatsache ist gewiß sehr, sehr traurig, aber trotzdem ist keine Urfache zur Verzweiflung vorhanden, wenn wir darauf bedacht bleiben, das bis nun Nernachlässigte nachzuholen und unserem eigenen ״Ich" mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden. Wir müssen vor allem trachten, nicht länger auf die Güte unserer Wirtsvölker angewiesen zu sein, sondern zur Selbsthilfe greisen. Es muß alles aufgebotcn werden, um ein Heimatland, das jedes Volk hat und haben soll, zu erreichen, wo wir ungestört, leben und uns wciterentwickeln können. Denn wir werden mit Gottes Beistand auch diese für uns so schwere Krise überwinden und mit heiler Haut davonkommen. Aber werden wir, das Lamm unter 70 Wölfcn, unsere so großen Bestrebungen und Aufgaben verwirklichen können? Ja. Wir werden und müssen cs, denn sonst droht uns der schmähliche Untergang, wie er den Makkabäern, die wir jetzt feiern, bevorstand, als sie sich zu nationalem Tun und Schaffcn aufrafftcn. Wir werden unser Ziel erreichen׳, dafür bieten uns die unsterblichen Hasmonäcr die Garantie. Nicht in ihrer Zahl lag die Berechnung und Sicherheit ihres Sieges, sondern in ihrem unerschütterlichen Glauben und Wollen. Mit diesen Eigenschaften müsien auch wir uns stählen, wollen wir endlich aus unserer traurigen Lage heraus und wieder eine mcnschcnwürdigc Existenz innerhalb der großen Völkcrfamilic bilden. Das ist der einzige Weg, den wir cinschlagen können u. müssen. Die Worte unsres Führers Theodor Hcrzl: ״Ein Volk muß sich selbst helfen können, sonst ist ihm eben nicht zu helfen" sollten wir endlich einmal beherzigen. Das ist auch die Lehre des stolzen Festes, das wir in den nächsten Tagen feiern, die Lehre des Chanuka. Abr. Kohanc, dzt. Prag. Korrespondenzen. Trebitsch. Montag, den 30. Novenlber 1914 starb hier Herr Josef Taussig, ein Bruder des noch unvergessenen Hofratcs Sigmund Taussig. Der Verstorbene gehörte durch mehrere Jahrzchnte dem Kultusausschussc an und war durch fast 10 Jalirc Präses der Hiesigen Kultusgcmeindc. Seine Menschenfreundlichkeit, Güte und Wohltätigkeit war mehr als stadtbekannt. Non der Verehrung, deren sich der Verblichene bei Lcbzciten erfreute, legte auch das am 2. Dezember stattgchabte Begräbnis beredtes Zeugnis ab. Die Beteiligung war eine ungewöhnliche. Alle Bevölkerungskrcisc, alle Behörden, Vereine und Schulen waren vertreten. Auch die Nachbargcmcindcn (Jglau, Groß-Meseritsch etc.) hatten Abordnungen gesandt. Im Traucrhause nahm unser H. Rabbiner Sr. Ehrw. Dr I. Stößler rührenden Abschied von dem Verblichenen namens der Verwandten, Bekannten und Freunde wie im eigenen Namen, da auch ihn mit dem Verstorbenen ein aufrichtiges Freundschaftsvcrhältnis verband. Die kantoralen Funktionen vcrsah hier unser Kantor H. Kurzweil. Der Sarg wurde hierauf von den Ausschnßinitglicdern cmporgchobcn und zum Leichenwagen getragen, der den Verblichenen bis zum Tempel führte. In dem schwarz drapierten Tempel wurde der Sarg von den Vorstehern der Chcwra Kadischa gebracht und auf das Emporium gestellt. Hier hielt unser Ehrw. H. Rabbiner namens der Gemeinde und aller Institutionen, denen der Verstorbene in verdienstvoller Weise vorgcstandcn, den offizicllen, aus tiefstem Herzen quellenden Nachruf. An der Hand einer geistvollen Parallele zwischen dem Verstorbenen und dem biblischen Josef entwarf der gewiegte Prediger ein wahrheitsgetreues, ergreifendes Bild des verblichenen Kultuspräses und seiner Wirksamkeit im Dienste der Allgemeinhcit. Kein fühlendes Herz konnte sich der mächtigen Wirkung dieses meisterhaften Nachrufcs entziehen. Den gesanglichen Teil leitete in exakter Weise H. M. Goldcnbcrg. Obcrkantor aus Tarnow, der für Sabbat zum Probcvortrage geladen war. Aus dem Tempel wurde der Verblichcnc von Mitgliedern des Ausschusses und der Tempclvcrwaltung auf den Leichenwagen gebracht und bis zur Zcrcmonienhalle geführt. In der Zcrcmonienhalle feierte unser Ehrw. H. Nabbiner den Verstorbenen als Privatmenschen und hob in formvollendeter Weise besonders sein gutes Herz hervor, das sein Wegweiser im Leben war, der Schlüssel seines Wesens und Wirkens. Den kantoralen Teil versahen hier die H. Kantoren Kurzweil und Goldenberg unter Assistenz eines Männerquartettes. Aus der Halle nach dem Familiengrabe wurde der Verswrbene von seinen Verwandten gebracht und unter Tränen aller Anwesenden zur letzten Ruhe gebettet. Möge er in Frieden ruhen, mögen seine Verdienste fortwirken zum Gedeihen unserer Gemeinde zur Ehre des Judentums! Trebitsch. Infolge des Trqu-erfalles, der unscre Gemeinde durch das Ableben unseres Kultuspräscs getroffen, fand der Festgottesdienst anläßlich des glorreichen Regierungsantrittes Sr. Majestät unseres allverehrten Kaisers Donnerstag den 3. Dez. statt. Der Tempel war in geschmackvoller Weise schwarz-gelb dekoriert und bis in das letzte Plätzchen gefüllt. Die staatlichen und städtischcn Behörden hatten Vertretungen gesendet. Nach Verrichtung des Minchagebetes durch H. Oberkantor M. Goldenberg und Mitwirkung des Tcmpelchores hielt Sr. Ehrw. H. Rabbiner Dr. I. Stößler die Festrede. Er begrüßte die Gelcgcnheit Unseren patriotischen Gefühlen in schwerer Kriegszeit Ausdruck geben zu dürfen, schildcrte den kulturellen Entwicklungsgang Oesterreichs, den cs unter der weisen Leitung unseres Kaisers genommen, gedachte der Dankesschuld und anerkannten Dankbarkeit der Juden und warf die Frage auf, ob denn alle Kultur, aller Fortschritt niedcrgestampft werden soll unter den Tritten der kulturlosen nordischen Horden und und ihnen gezeichneten Bundesgenossen. Die Beantwortung dieser Frage war ein Meisterstück jüdischer Beredtsamkeit. Unser H. Rabbiner vcrsteht cs bei jeder Gelegenheit den Inhalt des Wochcnabschnittcs in geistvoller Weise heranznziehen und jede Funktion mit Hilfe seines reichen geschichtlichen, talmudischen und midraschischen Wissens zu einer echt jüdischen zu gestalten. Diesmal verwendete er den bevorstehenden Bruderkampf Jakobs und Esaus. Die Friedensbereitschast Jakobs und seine wiederholten Versuche Esaus Versöhnlichkeit anzurcgen und den Kampf mit dein Engel bis zum Aufgang der Morgenröte. Die Anwendung der biblischen Erzählung auf die Gegenwart war so packend, der Vergleich zwischen dem Kampfe unserer Kultur, der schon das Morgenrot aufgegangen, gegen den nordischen — kulturlos finsteren — Esau so treffend, die Schlußfolgerungen für den Sieg und Segen des Gottcskämpfers, der auch dem Besiegten das Morgenrot des Fortschrittes und der Freiheit bringen wird, so bezwingend der Eindruck der ganzen Rede so mächtig, daß ein Laie dies alles nicht schildern kann — das muß man erlebt habcn. Wenn man bedenkt, daß die Abhaltung des Fcstgottesdienstcs erst Dienstag bekannt wurde und Mittwoch beim Begräbnisse unseres Kultus- Präses der H. Rabbiner dreimal gesprochen, dann muß man sagen: Hier hat sich der Meister selbst übertroffen. An die Festrede schloß sich der Vortrag eines Psalmes. dann folgte ein für den Anlaß vom H. Rabbiner verfaßtes und vorgctragcnes Gebet für Kaiser und Reich und zmn Schlüsse die Volkshymnc. Nach dem Gottesdienste wurde unser H. Rabbiner für seine Glanzlcistuna in geradezu stürmischer Weise beglückwünscht. Mannheim. Einer unserer besten jungen Gesinnungsgenoffen hat den -Heldentod erlitten; am 30. Oktober fiel beim Sturm auf Vailly, Fritz Selig, kaum 17 Jahre alt, Kriegsfreiwilliger vom ersten Mobilmachungstage an. Als Führer im Wandcrbund ״Blau-Weiß" hatte er diesem in schöner Friedcnszcit seine Kraft gewidmet, mit ganzer Hingabe, mit Liebe und Selbstlosigkeit. Wir gedenken seiner in Wehmut — und im Stolz, daß er unser war. Auszeichnungen Eiserne Krone 3. Klaffe: Oberstleutnant Jo- Hann Mcstic, 9. Honved-Jnf.-Reg. erhielt die Eiserne Kröne 3. Klasse mit Kriegsdckoration. Kaiserliche Auszeichnungen für jüdische Kriegcr. Der Kaiser hat dem Oberstabsärzte 2. Klaffe Dr. Alerandcr Rcichcnberg, Sanitätschef der 32. Jnf.-Division, für sein aufopferungsvolles Vcrhalten vor dem Feinde das Ritterkreuz des Franz-Joscf-Ordens am Bande des Militärverdienstkrcuzes, dem Oberarzte Dr. Robert Korjt-