Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 44 (10.12.1914)
- Date
- 1914-12-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3. »Attische *•M&wMt* ffc. 44. Greuel der Russen. Aus den von ihnen besetzten Ländern melden zwei Blätter, die gewiß nicht der Judenfreundlichkeit bezichtigt werden können, die ״Tägliche Rundschau" und die ״Deutsche Tageszeitung" folgendes: Gegen hunderttausend deutscher Kolonisten wohnen auf den von den Russen besetzten Gebieten Galiziens. Tausende von ihnen höben jetzt ihr schwer errungenes Hab und Gut verlassen müssen, um ihr nacktes Leben zu retten'. Aus dem Kriegspressequartier wird, wie uns aus Wien gedrahtet wird, über die russische Ge- Waltherrschast in'Galizien gemeldet: Fortgesetzt werden neue Gewaltakte der Russen in den besetzten Teilen Galiziens bekannt. Der Ort Kalisch wurde nach seiner Einnahme geplündert und späterhin flüchtig befestigt. Hierbei wurden fämtliche Juden während der jüdischen Festtage, ins- Aussprüche von Bernard Shaw. (Aus der kürzlich bei S. Fischer, Berlin, erschieneuen Auswahl aus seinen Werken.) Wenn du damit beginnst, dich denen aufzuopfern, die du liebst, wirst du damit enden, die zu hassen, denen du dich aufgeopfert hast. Der Philantrop ist ein Parasit des Elends. Die Notwendigkeit verhält sich zur Dummheit immer ironisch. Die Engländer neigen immer so lange auf die Seite der Tugend, als es sie kein Geld oder Nachdenken kostet. Glück ist nicht das Ziel des Lebens. Das Leben hat kein Ziel, es ist sich selbst Ziel, und der Mut besteht in der Bereitschaft, das Glück für eine wertvolle Eigenschaft des Lebens zu opfern. Im Himmel, wie ich mir ihn vorstelle, lebt und arbeitet man, anstatt zu spielen und simufcjonfccte am Versöhnungstage, mit Nagaiken!ieren. Man sieht den Dingen dreist ins Gesicht: (Peitschen) zu Schanzarbeiten gezwungen. Die Ortschaften Dolina, Krechowice, Nozniatow, Ceniawa, Spas, Luhy wurden von drei Sotnien Kosaken beseht, die durch zahlreiche Patrouillen die ganzen Gegenden unsichtbar machten. Diese drei Sotnien leben ausschließlich vom Raub. Nach Wien sind zwei Briefe aus Lemberg über einen Pogrom angelangt: vom gewesenen Statthalter Grafen Poninski und vom Universrtätsprofeßor Dr. Kallenbach: Die Herren bezeugen, daß am 27. v. M. an der Boimstraße die russischen Soldaten mit Hilfe des Pöbels einen Judenpogrom ausführten. Vierzehn Personen wurden totgeschlagen, mehrere verwundet. So inaugurieren die Rußen ihre Herrschaft in der Hauptstadt Galiziens; hoffen wir, daß sie nicht von Dauer bleiben wird. Flüchtlinge aus Sadagora erzählen, daß die Russen dort eine ganze Reihe jüdischer Einwohner teils ermordeten, teils gefangen wegschleppten. Auf 600 Wagen führten die Rüsten die ganze Habe der Bevölkerung von Sadagora mit sich fort. — Die ״Vossische Zeitung" berichtet: Die Judenausweisungen aus Petersburg dauern, wie uns gedrahtet wird, nach einem Bericht der ״Neuen Züricher Zeitung" fort. Dieser Tage wurden wieder große Hausdurchsuchungen vbcgenommen. In einer Wohnung wurden fünf Juden, die kein Wohnrecht in Petersburg hatten, verhaftet und zur gerichtlichen Verantwortung gezogen. Ganz besonders widerlich mutet die Nachricht der ״Täglichen Rundschau" an, die, wenn sie wahr ist, ein eigenartiges Licht auf die Versicherung der englischen Jkegierung wirft, der Herr Zangwill so naiv Glauben geschenkt hat. Verbreitet die ״Jüdische Volksstimme' «SWWOGOGGGGGQGOO0 nichts wird einem erspart außer dem Blendwerk, und Standhaftigkeit und Gefahr gelten als Ruhm. Das Geheimnis des Heldentums ist, niemals das Leben durch die Furcht vor seinem Ende bestimmen zu lassen. Ohne Leidenschaft kann kein Mensch gut oder schlecht sein: er kann höchstens unschädlich oder schädlich sein und in beiden Fällen ist er der Tor, den die Bibel gemeint hat. Ich möchte jeden Bürger alle sieben Jahre vor den Richter zitieren und seine Eristenzberechtigung verteidigen laßen. Wenn er sie nicht Nachweisen könnte, müßte ihm der Prozeß gemacht werden. Jeder Dummkopf kann Geld sparen. Es auszugeben, dazu gehört ein kluger Kopf. Nur die Erwachsenen können wie Kinder behandelt werden. Was die Welt Originalität nennt, ist bloß eine ungewohnte Methode, sie zu kitzeln. Der Beweis für die Erziehung eines Mannes oder einer Frau ist, wie sie sich bei einem Streite benehmen. Jeder kann sich gut benehmen, so lange alles glatt geht. Menschen find weise nicht nach dem Grade ihrer Erfahrung, sondern nach dem Grade ihrer Fähigkeit, Erfahrungen zu machen. Unsere Moral ist nur die Summe unserer Gewohnheiten. Man darf andere Leute nicht unmoralisch nennen, weil sie andere Gewohnheiten haben. Der vernünftige Mensch Paßt sich der Welt an: der unvernünftige besteht auf dem Versuche, die Welt sich anzupässen. Deshalb hängt aller Fortschritt von unvernünftigen Leuten ab. L. G. an. Als das Sabbathmittagmahl zu Ende war und ihr Vater sein Mittagsschläfchen machte, be- ׳gab sich Dora zu den Schloßaleen, um mit Perez zusammenzukommen und ihm ihren Einfall mitzuteilen. Am Sabbath-Abend versaminelten sich zu Perez einige seiner Bekannten, die er eingeladen hatte. Dora unterhielt sich mit Hania, der Schwester Perez', und zeigte ihr einen neuen Ring, den sie bekommen hatte. Perez machte sich neugierig und nahm den Ring in seine Hand, beobachtete ihn ein wenig, ergriff dann Doras Hand, schob den Ring auf ihren Finger und sagte laut, daß alle hören konnten. ״Hare at mykudesches li pytabaas su kydas Mausche wpjisruel." Die Anwesenden wurden'sehr überrascht, Perez aber erklärte, er habe es absichtlich gemacht, um Doras Vater zu zwingen, seine Zustimmung zu geben. Zwei seiner Bekannten machten sich gleich auf den Weg, Doras Vater diesen Vorfall mitzu-- teilen. Rcb Nachman begann zu wüten als er das hörte. ״Diese ,Busche' diese Cherpe schrie er n NIEDERLÄNDISCHE Lebensversicherung« - Besallschaft, Wien 1., Aspernplatz 1 lm eigenen Palais, Versicherte» Kapital clrka 422 Millionen. Reserve zirka IIS Millionen Kronen. - Billigste Tarife, Mitarbeiter werden überall gesucht - Unser neuester Tarif mit 5»/0 jährlich fallender garantierter Prämie Oenaralagentur JBr Wien I.. Aspernplatz 1, Leiter: David Nebenzahl. Sub Direktion für Prag Ferdinandsstr. 20 neu Leiter Robert Qerstel. Sub Direktion für Lemberg. Szajnocha 3 Leiter Löbel Taubes Oeneral> Agentur für Krakau, Moritz Qriffet Krakau, Ringplatz 9. Qenerai-Agentur für Blelitz, Schiossgraben 9, Leiter Adolf Heitlinger. Hauptagantur für BrOnn, Leiter: MAX DEUTSCH, Zeile 31. Hundfchi au. Abgeordneter Nisselowitsch gestorben. In Genf ist der Abgeordnete Nißelowitsch gestorben. Als einer 8er wenigen jüdischen Abgeordneten in der dritten russischen Duma hat er, auf schwierigstem parlamentarischen Boden, unermüdlich gegen die Bedrückung gekämpft, die dem jüdischen Volke durch das russische System auferlegt ist. Er war von nie gebrochener Akti- _, . _____ __ , vität in diesem Kampf, dessen entscheidende Wenlief im Zimmer wild hin und her. Endlich blieö düng in diesem Krieg er noch erlebt hat. Jetzt, er stehen und sagte ernst und entschloßen: ״Wenn da die Juden Rußlands in banger Sorge an ihr ihr mir die Hand gibt, daß von diesem Vorfall, künftiges Schicksal denken, starb Nißelowitsch. niemand erfahren wird, werde ich einwilligen . .' fern von seinen Kampfgenossen, im neutralen Nach einer Stunde begaben sich Reb Nachman und Ausland, seine Frau zu den ״Tnoim" ihrer Tochter. . Antisemitismus im englischen Heere. Das führende Blatt der englischen Juden, der ״Jewish Chronicle", führt Klage über die schlechte Behandlung der Juden im englischen Heere. Eine Anzahl von Juden haben sich, so schreibt das Blatt, als Freiwillige ins Heer gemeldet, wurden aber nicht ausgenommen. Ein Rekrutierungsoffizier erklärte, er bedauere sehr, die Juden ablehnen zu müssen. Er tue es nur deshalb, weil die jüdischen Rekruten in der Armce von den Engländern in der gröbsten Weise beleidigt würden. Nach Angabe der englisch-jüdichen Zeitungen stehen in der in Frankreich und Belgien kämpfenden englischen Armee etwa 19.000 jüdische Soldaten. In den Kämpfen von St. Quentin, an der Oise und in Belgien, haben bisher ungefähr 25 Prozent der englisch-jüdischen Soldaten den Tod auf dem Schlachtfelde gefunden. Mit dem Gesicht «ach Misrach. Oberstabsarzt Dr. Semi Moos-Konstanz schreibt über die Bestattung des im Felde gefallenen jüdischen Krankenträgers Hasgall aus Gailingen: ״Vom Verbandplätze aus setzte sich der Zug in Bewegung. Durch die stockdunkle Nacht ging es durch die arg zusammengeschlossene Stadt zum Hospiz Jeanne d'Arc. voraus ein Mann mit Licht, dann zwei Sanitätsoffiziere (Dr. Mampell und ich), dann die Bahre mit dem Toten, im ganzen sechs. Im Garten des Hospizes war schon das Grab eines unserer Leutnants. Daneben machten wir drei Gräber. links Hasgall, dann für zwei Mann der Kompagnie, schließlich für den Oberleutnant mit zwei Mann seiner 7. Kon-- Pagnie. Wortlos gruben die Leute — die Sanitätsmannschaften des 3. Bataillons haben sich alle freiwillig gemeldet, das Grab zu bereiten. Mit dem Gesicht nach Misrach wurde er gelegt und dann sagte ich laut ein Kaddisch, das alle feierlich mitanhörten. Heute, am anderen Morgen, haben die Kameraden das Grab mit Palmen, Buchsbaum und blühenden Pflanzen geschmückt." Lazaretthumor. Aus der Zeit seines Aufenthaltes in einem österreichischen Lazarett erzählt ein Landwehrmann folgendes lustige Geschichtchen: Eines Tages wurden fünfzig verwundete russische Soldaten in das Lazarett eingeliefert, doch fand sich niemand, der mit ihnen sprechen konnte. Zwar wiederholte einer der Rußen fortwährend: ״Ich daitsch", sobald man ihn anredete, schüttelte er den Kopf. Das war nicht nur für den Oberstabsarzt ein Rätsel. Da kam zufällig ein Sanitätskorporal der Reserve hinzu. Er sah sich den russischeu Soldaten, der behauptete, deutsch zu verstehen, genauer an- und begann sofort seine Unterhaltiing. ״Wus hebt Ihr daham for e Parnasse? (Beruf)", fragteer in jiddischem Jargon. Sofort grinste der Mann über das blasse Gesicht und antwortete in fließender Rede, die der Sanitätskorporal gar nicht zu dämmen vermochte. ״Was sagt er denn?" fragte gespannt der Oberstabsarzt. ״Er wundert sich," verdolmetschte der Korporal, ״daß man hier kein Deutsch versteht'." Fürsorge für die jüdischen Gefangenen. Im Merseburger Gefangenenlager befinden sich unter 10.000 Mann -12 Russen, 27 Franzosen. 3 Zuaven jüdischen Glaubens. Für diese wurde dank der Bemühungen unseres Glaubensgenossen Herrn Taitza hier zum ersten Male Gottesdienst abgehalten, für den die Kommandantur eine Baracke zur Verfügung gestellt hatte. Ein gefangener Russe fungierte als Vorbeter, da in Mersebürg selbst nur wenige rituell lebende Familien wohnen und keine selbständige Gemeinde besteht. Die Freude unter den Gefangenen war sehr groß: denn sie hatten sich schon lange einen Gottesdienst gewünscht. Leider mangelte es an Gebetbüchern. . Auch konnte dem Wunsche vieler Gefangenen nach rituellen Speisen nicht nachgekommen werden, da die meisten der Gefangenen mittellos sind und Geldmittel uns leider nicht zur Verfügung stehen. Da die meisten Juden die deutsche Sprache beherrschen, ist ihre Lage auch bester, indem sie als Dolmetscher den Wachmannschaften zur Seite stehen. Um einen regelmäßigen Gottesdienst, wenn möglich an alle Sonnabende, einzurichten, wollen wir Schritte unternehmen. — Aus diesen Mitteilungen erhellt die Notwendigkeit, schnellstens eine jüdische Zentralstelle zu schaffen, die sich der Seelsorge für die jüdischen Gesängenen und Internierten annimmt. Wir sprechen darüber eingehend in dem Leitartikel dieser Num-