Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 44 (10.12.1914)
- Date
- 1914-12-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. *Milche »sMKt««e» kend groß, die Teuerung aller Lebensmittel steigt mit jedem Tage, das Geschäft liegt tief darnieder, miduz teschakcl cherew umechadarim emoh, draußen vernichtet das Schwert und in den Wohnungen die Angst." — Die so sprechen, vergessen aber, daß diese Angst nicht nur sündhaft, sondern auch unsinnig sei: denn es ist besser den letzten fettet zu verlieren und mit trockenem Brode sich zu begnügen, als von ruchlosen Barbaren, von echten Kannibalen beraubt, geplündert, erdrosielt, geschändet und geblendet zu wer- Als nach vierzigjähriger Wanderung in der Wüste die Söhne Reubens und Gads an Moses herantraten und ihn ersuchten, er möge sie von dem Hinübergang Mer den Jordan dispensieren, da sie ihrer zahlreichen Herden wegen von dem bereits eroberten weidenreichen Lande diesseits des Jordan Besitz ergreifen wollten, antwortete ihnen der sonst so bescheidene Führer Israels mit tiefer Entrüstung: Wie! euere Brüder sollen in den Krieg ziehen, viele das Leben opfern, um das von Gott verheißene Land der Väter in Besitz nehmen zu können, und ihr wollet hier bleiben, euch es da wohnlich einrichten, um ungestört einen beschaulichen Lebenswandel führen, der Genußsucht fröhnen und alle euere Bedürfniffe befriedigen zu können? Warum wollet ihr das Gemüt der Kinder Israels abwendig machen, daß sie nicht in daß Land ziehen sollen, das der Ewige ihnen eingegeben? Gerade so haben es auch euere Väter gemacht, als ich sie von Kadesch Baruna aussandte, das Land zu besichtigen: sie zogen hinauf bis in das Tal Eschkol und als sie zurückkamen, da haben sich diese Sendboten — mit Ausnahme von Kaleb und Josua — als Verräter, Denunzianten entpuppt, die das Volk durch heuchlerische und frömmelnde Redensarten, durch Verbreitung lügenhafter Verleumdungen zu verhetzen suchten, damit es nicht in das verheißene Land komme. Dieses Vorgchen blieb nicht ungestraft: vierzig Jahre lang mußte das Volk in der Wüste verweilen, bis die Schuldigen alle verendeten. Nun seid ihr jetzt an ihre Stelle getreten und wollet ebenfalls den Zorn des Ewigen erregen und das Volk ins Verderben stürzen. Beschwichtigend erwiderten sie dem gottbegnadeten Führer: Wir wollen nur für unsere Herden Schafhürden allhier bauen und Städte für unsere Kinder, ziehen aber dann ungesäumt vor den Kindern Israels einher, um mit ihnen Schulter an Schulter gegen die Feinde zu kämpfen und das Schwert nicht eher aus der Hand zu legen, bis die ruchlosen Gegner niedergeschmettert und unsere Brüder in den Besitz des Landes gelangt sein werden, unterdesien mögen unsere Kinder in festen Städten wohnen, um vor den Einwohnern des Landes sicher zu sein usw. Diese Antwort befriedigte den erregten Lehrer gelingen. Was ich bis nun gelitten, — ein Schwamm darüber. Habe ich doch für dich gelitten und ich bin überglücklich für dich zu leiden. Auch danke ich für deine entschlosiene Handlungsweise. Nun beantworte mir meine wichtige Frage: War es von dir nur ein Versuch oder bist du auch entschloffen, einen Kampf, der bei mir zu Hause und vielleicht auch bei dir zu Hause ausbrechen wird, aufzunehmen und ihn durchzuführen." Dora blickte ihn scharf an. Perez aber, den dieser unerwartete Vorfall ganz überrascht hatte, konnte nicht gleich eine Antwort finden, erst nach einer Weile faßte er sich und ergriff hastig ihre Hand und sagt: ״Wenn du die Meinige sein willst, werde ich alles tun, was du mir heißt." Dora entzog ihm langsam die Hand, um nicht den Leuten auffallend zu sein, atmete leicht auf und sagte: ״Fühlen wir doch schon so lange, daß wir zu einander gehören. Ich wollte es nur nicht glauben. Du weißt doch, daß in meiner Familie Bachurim deinesgleichen nicht geduldet werden. Ich wollte es aber auch Nicht glauben, daß du dich entschließen wirst, mit unserer fanatischen Familie in Familienverbindüng zu treten." ״Was sagte nun dein Vater zu diesem Anträge?" fragte neugierig Perez. Dora seufzte tief und meinte: ״Mein Vater ist sehr unzufrieden, daß ich und meine Mutter einverstanden sind. Er verbot es mir ganz streng, euch zu besuchen und forderte uns auf. nicht mehr darüber zu denken. Er habe schon früher für mich gesorgt, sagte er, und mir meinen passenden ״Chussen" herausgesucht, er warte nur, er soll ״Hermhny" bekommen und ״Row" werben. Du 'kannst dir vorstellen, waS für einen Tag ich nach vollständig und er erteilt auch dann in diesem Sinne weitere Befehle. Ich mutz cs deshalb nochmals betonend hervorheben, daß, wie die wackere, kampfgerüstete Jugend draußen auf dem Felde der Ehre mit fast überirdischer Kraft Heldenmütig kämpft und trotz der Unbilden des Winters, der unwirtbaren Gegenden, die sie durchziehen mußten, dem ihr an Zahl weit überlegenen Gegner recht derbe Hiebe versetzten und von Sieg zu Sieg schreitet, bringen die Zurückgebliebenen in der Heimat alle bereitwilligst die größten Opfer um das geistige und körperliche Heil und Wohl des mächtigen Heeres fördern und erhalten zu können. Wenn cs jedoch hie und da einzelne Menschen gibt, die von der Angst, sie könnten durch das immerwährende Spenden um das ganze Vermögen kommen, ergriffen wurden, so begehen diese Leute, wenn sie sich nicht selbst von dieser ansteckenden Krankheit bald befreien, eine schwere Sünde, denn Angst ist,..besonders in dieser tiefernsten Zeit, eine sehr böse, leicht weiter um sich greifende Krankheit, deren Folgen unberechenbar werden können. Man bedenke nur, daß wir einem alten ruchlosen Feinde gegenüber stehen, der unter allen Umständen unschädlich gemacht werden muß, denn seit Jahr- Hunderten Jahren führt er nichts geringeres im Schilde als die altehrwürdige Monarchie zu zertrümmern, die Kultur und Zivilisation zu zerstören, das Mittelalter heraufzubeschwören und den Stamm Juda zu entwurzeln. Seine Parole lautet: ״Kommt, laßt uns fest zusammenhalten, damit es uns gelingt, dieses uns so sehr verhaßte Volk zu vertilgen, auf daß der Name Israel nicht mehr genannt Werde." Ist es daher nicht die erste Pflicht eines jeden Bürgers, besonders eines jeden Juden, den letzten Heller zu opfern, um die Zukunft unserer Kinder retten zu können? Welcher menschlich fühlende Vater widmet nicht gern seine Kraft, sein ganzes Vermögen den: Wähle seiner Kinder? Sollte es doch irgend einen Vater geben, der nur sein liebes ״Ich" vor Augen hat, sich allein nur recht gut nährt und kräftigt und alle seine zahlreichen Bedürfnisse befriedigt, während er sich um das Wohl seiner Kinder nicht im entferntesten kümmert, sie vielmehr dem Elende preisgibt, so würde er es wahrhastig nicht verdienen, als Mensch betrachtet und unter Menschen geduldet zu werden. Sprechen wir daher gleich den Söhnen Reubens und Gads Weanachnu necholez chüschim, wir wollen unseren im Felde kämpfenden Brüdern bereitwilligst zu Hilfe eilen und für die Zukunft unserer Kinder soraen, wejoschaw Tavenu beore hamiwzar, damit sie in festen Städten ruhig und sicher wohnen und vor einem Einbruch russischer Kannibalen geschützt sein können. Lr. dieser Nachricht hatte. Nun aber bin ich ruhig. Wir müssen nur nach Mittel suchen, um zu unserem Ziele am schnellsten zu kommen. Perez ergriff sanft ihre Hand und sagte: ״Mein Herz ist jetzt überfüllt, ich kann heute an nichts anderes als an dich denken. Du bist mein und nichts mehr. Laß mich heute dieses mein Glück genießen. Morgen sehen wir uns wieder und wir werden das Weitere besprechen." Sie spazierten noch längere Zeite zwischen den Bäumen, dann verabschiedeten sie sich herzlich. Eiligen Schrittes entfernte sich Dora, um noch zeitlich nach Hause zu kommen, während Perez sich wieder auf eine Bank niederließ und sich ganz seinen angenehmen Gedanken hingab. Hat er doch auch früher gewußt, daß Dora ihn liebte, aber ihr offenes Geständnis stimmte ihn sehr angenehm. Er ärgerte sich nur, daß er sie noch nicht an seine Brust drücken und küssen konnte. Er erinnerte sich, daß es Freitag ist und sein Vater ihn vermissen wird, wenn er nicht, wie immer, mit ihm zusammen in die Synagoge gehen wird, erhob sich rasch und ging, in seinen Gedanken noch immer versunken, eilends nach Im Hause des Reb Nachman Autler, Doras Vater, ging es an diesem Freitag abends nicht wie immer zu. Dora hatte, als sie von Perez zuruckkehrte, mit ihrer Mutter eine scharfe Ausspräche. Sie sagte ihr ganz offen, daß, wenn man sie nicht mit Perez Langinger verloben wird, sie bon keinem andern hören will und sie kein Mittel scheuen wird, um ihr Lebensziel zu erreichen. Me Mutter fühlte die Tragweite ihrer Drohung, Die deutscheu Juden und der Krieg. Zu einer mächtigen Kundgebung gestaltete sich der erste Vortragsabend dieses Winters, zu dem der ״Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" seine Mitglieder eingeladcn hatte. Saal und Tribünen waren überfüllt. Hunderte mußten vor den Türen umkehren. Eine große Zahl jüdischer Krieger aller Chargen wohnte den Vorträgen bei. Justizrat Dr. Horwitz, der erste Vorsitzende, eröffnet« die Versammlung und betonte, daß der große Krieg jedem Deutschen überraschend gekommen sei. Der Telegramm- Wechsel zwischen unserem Kaiser und den Staatsoberhäuptern Englands und Rußlands habe jeden, der sehen wollte, darüber belehrt, wer den Krieg provozierte. Die Staatsbürger jüdischen Glaubens waren dem Rufe des Kaisers freudig gefolgt, und es sei zu hoffen, daß die Einigkeit aller deutschen Staatsbürger auch im Frieden anhalten möge. Den Vortrag des Abends hielt Geheimer Justizrat Dr. Eugen Fuchs. Er erörterte eingangs die Empfindungen, die der Krieg in den deutschen Juden auslöse und auslösen müßte, ferner was er lehre und welche Nutzan- Wendungen man aus ihm ziehen soll. Der Krieg habe das gesamte deutsche Volk geeint, alle Wertunterschiede der Individuen seien vor der Majestät der Massengräber verblaßt. Die Behörden hätten keine Parteien mehr gekannt, und den: Beispiele der Behörden seien die Parteien selbst gefolgt. Der Krieg habe weiterhin einen tiefen Idealismus gelehrt. Alle seien von der Ueberzeugung ausgegangen, daß das letzte an Gut und Blut geopfert werden müsse. Neben dem Jdealismus sei der Optimismus hervorgetrcten, der durch die Ueberzeugung, für eine gerechte Sache zu kämpfen, begründet sei. Was die Juden ganz speziell beträfe, so sei von seiten des Zentralvereins zu Beginn des Krieges in einem Aufrufe darauf hingewiesen worden, daß sie über ihre Pflicht hinaus den: Vaterlande dienen müßten. Mit heiligem Opfermut seien sie diesem Rufe Die Wahrheit liege in der Mitte. Alle einsichtigen Negierungen würden davon durchdrungen sein, daß man sich alle intellektuellen und materiellcn Kräfte im Volke — also, auch die jüdischeu — sichern müsse. Der Krieg habe gelehrt, sich zu fühlen als das sterbliche, vergängliche Glied eines unvergänglichen Ganzen und sei über das Schicksal des Einzelmenscheu hinaus das Schicksal der Gesamtheit entscheidend. wollte ihr zuerst nahelegen, daß ein treues Kind nicht so gegen Eltern handeln darf, sah aber die feste Entschlossenheit ihrer Tochter und begann zu weinen. Als Reb Nachman nach H^iuse kam, um die Sabbathkleider anzulegen, erzählte ihm seine Frau von dem Vorfälle. Reb Nachman,regte sich auf, schalt und drohte, er werde Dora im Zimmer einsperren, wenn sie sich gegen seinen Willen sträuben wird und ging ins Bethaus. Als er zurückkam, fand er wieder dasselbe Bild: seine Frau wischte sich die Augen und schluchzte, seine Tochter, die heute nicht einmal ihre Wochenkleider abgelegt hatte, saß in einem Winkel und starrte vor sich hin. Reb Nachman befahl streng, die Sabbathfreude nicht zu stören und nicht mehr über die Angelegenheit zu denken, machte wie gewöhnlich ״Kidusch" und führte den Tisch, wie jeden Sabbath, wenn auch nicht in derselben heiteren Stimmung. Mit besonder Ungeduld erwartete Dora den Moment, sich in ihr Zimmer begeben zu dürfen. Sie legte sich ins Bett und begann verschiedene Pläne zu schmieden. Zuerst fand sie cs für wichtig,׳ an ihre Tante, die Schwester ihrer Mutter, die in Lemberg wohnt und sie sehr liebt, zu schreiben, dann dachte sic, es wäre vielleicht besser, selbst hinzufahren und nicht eher zurückzukommen, bis ihr Vater diesem ״Schibuch" zustimmen wird. Plötzlich erinnerte sie sich einer Anekdote, die man von Pinchas Gürtelmacher erzählt hatte. Ware das nicht vielleicht das beste Mittel? Ob ׳es auch Perez gefallen wird? Mit größter Ungeduld wälzte sie sich im Bette Herum und erwartete den Anbruch des Tages. Voll Zuversicht legte sie, zur großen Verwunderung ihrer Mutter, die schönen Sabbathkleider