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Jüdische Volksstimme · 1914-12-10 · Heft 44 (10.12.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 44 (10.12.1914)
Date
1914-12-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Sdjtft. xv, Erscheint jeden Mittwoch Nummer 44. s- Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig ganzjährig . .. Deutschland, ganzjährig. Rußland, ganzjährig. Balkan, Frankreich. | 20־6 Kronen . — 12 Kronen . Rubel k — . -׳4!. Franks @jwgS) Herausgeber: Max Hickl. ^Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe S.^ Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die öspaltige Petitzeile M h. llrwerlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono» riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Wien—Budapest. 10. Dezember 1914 21. kislev 5675 Prag—Lemberg. Der äußere und innere Kampf. ״Draußen auf dem Felde der Ehre vernichtet das Schwert und in den Wohnungen die Angst." (5. M. 32. 25.) Der Talmud (Sanhedr. 08) enthält eine ausführliche Schilderung der furchtbaren Leiden der messianischen Zeit, aus der zu entnehmen ist, daß die Furcht vor diesen Leiden so groß war, daß viele der hervorragendsten und gefeiertesten Lehrer der talmudischen Zeit, die Mcssiaszeit zu erleben gar nicht wünschten. Wie! hören wir erstaunt ausrufen, die großen Lehrer des Talmuds, die doch zweifellos an die einstige Ankunft des Messias fest und unerschütterlich glaubten. wollten die messianischc Leidenszeit nicht erleben? Uni diese Frage erörtern zu können, gestatte ich mir ein Gleichnis zu erzählen, daß ich in meiner ׳frühesten Jugend gelesen und das hier ain Platze sein mag:, Einst hatte in einer großen volkreichen, auch von zahlreichen Juden bewohnten Stadt der Crösus der dortigen Kultusgemeinde das Hochzeitsfest seiner einzigen Tochter gefeiert. Zu diesem Freudenfeste wurden die reichbegüterten, minderbemittelten Verwandten und Bekannten des Crösus geladen. Alle ohne Ausnahme folgten der an sie ergangenen Einladung, um am Tage dieses schönen, freudigen Familienereignisses entsprechende Beweise ihrer aufrichtigen Teilnahme liefern zu können. Präzise 1 Uhr Mittags wurde der Trauungsakt in der großen Synagoge mit allem möglichen Pomp vorgcnommen. Das Diner fand erst um 6 Uhr abends statt. Nach Vollzug des Trauungsaktes sagten die Reichen unter den zahlreichen Gästen einer zum andern, was sollen wir jetzt, da es Juli war, wo die Sonne furchtbar ^euikketon. Die ״Tnoim" sus Zwang. Bilder aus dem jüdischen Leben in Galizien. Non N. I. Ouittner. Es war ein brennend heißer Julitag. Auf den Straßen ließen sich nur wenige Menschen der Sonncnglut aussetzen. Nur hie und da sah man Berufsleute nach dem Mittag zu ihrer Arbeit zurückkehren. Dagegen waren alle Bänke im Stadtgarten dicht besetzt. Ta im Schatten der schlanken und breitbelaubten Kastanienbäume suchten die Leute ein wenig Schutz vor der unerbärmlichen Hitze. Auf einer der Bänke saßen zwei Obergymnasialschüler in ihren leichten grauen Uniformen, ein Unteroffizier und ein chassidischer Bochur. Ter letzte war tief in Gedanken versunken und hielt ein hebräisches Buch in den Händen. An seinem. Aeußern konnte man erkennen, daß er ein halb ״fortgeschrittener" Bochur war. Er trug einen leicht-dunkelgrauen Ueberzieher, einen breiten, Weichen Tuchhut und seine ״Peis" waren halb hinter den Ohren versteckt. Auch bas Buch in seiner Hand, das der neuhebräischen Literatur angehörte, war Beweis genug von dem Fortschritt, den die strengen Chassidim noch immer verachten und sich von ihm fernhalten. , Perez Langinger war der Sohn des reiheiß brannte, da machen, gehen wir in unsere uns in den verschiedenen großen Hotels angewiesenen Wohnungen, um ein Nachmittagsichläschen zu machen, wir fühlen uns ja ohnedies noch von den Strapazen der weiten Reise ermattet. Dieser Antrag fand bei den reichen .Herren den größten Beifall. Als die Armen sahen, daß die Herrschaften sich für einige Stunden in ihre ihnen angewiesenen Schlafzimmer zurückgezogen, bemerkte einer derselben: Diesen Lurus können ja auch wir uns erlauben, da auch uns Schlafzimmer zur Verfügung gestellt wurden. Sei doch klug, entgegnete ihm einer seiner Genossen, diese großen Herren können ganz unbesorgt sich zur Rul>e begeben, denn man wird sie ganz gewiß nicht die Tafel verschlafen lassen, mit ihnen wird ja Staat gemacht, um uns arme Teufel wird sich kein Mensch kümmern und so würden wir auf die leichteste Weise die l>errliche Mahlzeit verschlafen. Dieselbe Bewandtnis hatte cs mit den großen hochangesehenen Lehrern der talmudischen Zeit. Diese Männer haben sich um das Judentum hohe unverwüstliche Verdienste erworben, haben auf dem Gebiete des Kultus und Unterrichtes Großes geleistet, für die Verbreitung der Kenntnis der Thora, wie,für die Förderung und Erhaltung der religiösen und Humanitären Anstalten reichlich gesorgt: sie konnten sich daher leichten Herzens wünschen, die messianischc Leidenszeit zu verschlafen, da sie die dann folgende schöne messianischc Friedenszeit zu erleben mit Zuversicht zu erwarten sich berechtigt fühlten. — Die mindergelehrten Leute aber, die nicht auf große Leistungen und Verdienste pochen konnten, wollten von einem langen Schlafe nichts wißen, sondern sagten: Wir müssen wachen: mag da kommen was immer, stehen wir kampfbereit da. trotzen allen Widerwärtigkeiten und Ungemachlichkeiten, bis cs uns gelingt, die Leidenszeit chen Tuchhändlers Neb. Chaim Langinger, der als Kaufmann mit der Welt so oft in Berührung kam und den praktischen Wert des Fortschrilles schätzen lernte und deshalb auch seine Kinder halb fortschrittlich erziehen ließ. Perez konnte ohne weiters die Landessprache, die deutsche Sprache, die Buchhalterie und, was sogar die?nächsten Verwandte seines Vaters in Erstaunen versetzte, die neuhebräische Sprache und Literatur erlernen. Dem Norbeigehenden schien es, daß sich Perez in das Buch vertiefte und seinem Inhalte gespannt folgte: doch dem Beobachter konnte es nicht entgehen, daß Perez seit langer langer Zeit nicht von der einen Stelle seine Augen abwendete. Man konnte vielmehr konstatieren, daß er in tiefen Gedanken versunken war lind an der jedesmaligen Acnderung seiner Gesichtszüge, die bald Aergernis, bald Schamröte verraten ließ, konnte man auch erkennen, daß seine Gedanken ernsten und wichtigen In- Haltes waren. Seit einigen Tagen beschäftigten ihn diese Gedanken und seitdem war er auch von einer innern Unruhe verfolgt. Er wußte zwar, daß Tora eigentlich seine Schwester öfters besuchte, um in seiner Nähe einige Zeit angenehm zu verbringen, er las aus ihren Augen, daß sie ihn liebe, aber . . . wird nicht ihr Vater diese ihre heiligen Gefühle mit seiner rohen Hand zerstören? Gestern kam Dora nicht zu ihnen. War es nur Zufall oder verbot ihr ihr Vater ihren Verkehr mit seiner Schwester? Stoch vorgestern hatte er heimlich mit dem ״Schadchen" zu überdauern und die herrliche messianischc Friedenszeit herannahen zu sehen. N'nn, die furchtbar großen Leiden des jetzigen Welkkrieges, den ruchlose Barbaren um ihren wütenden Drang nach der Weltherrschaft befriedigen zu können mutwillig heraufbeschworeu haben, »lachen sich hüben wie drüben sehr fühlbar, ob aber, sobald dieser welterschütternde Sturm sich gelegt haben wird, die schöne, von unseren Propheten verheißene messiauische Friedenszeit herannahen wird, das können weder die hochgelehrten wahrhaft frommen Rabbinen, noch die inassidischen pol. russischen Wunderrab- bis mit Bestimmtheit behaupten, denn das Buch der Zukunft liegt vor uns allen verschlossen, was sein Inhalt ausmacht, was seine Blätter füllet, dies erraten zu wollen kann kein Sterblicher wagen: Seh Haschaar la Adonai, die Pforten der Zukunft sind Gott allein erschlossen, zadikiiil jowon bo, so viel wissen wir jedoch, daß edle, würdige, gerechte, wohltätig wirkende, für Wahrheit und Gerechtigkeit wacker kämpfende Menschen berechtigt sind, frohen Mutes und freudigen Sinnes einer schönen, lperrlichen. glorreichen Zukunft mit Zuversicht entgegensehen zu dürfen. ES kann allerdings nicht geleugnet werden, daß seit dein Ausbruche dieses in der Geschichte einzig dastehenden Weltkrieges unsere wackere waffenfähige Jugend mit einem Heldenmute und einer edlen Begeisterung sondergleichen auf dem Felde der Ehre für Thron und Vaterland kämpft, während die Alten in der Heinmt bereitwilligst die größten, oft unerschwinglichsten Opfer für die Erhaltung und Kräftigung des HeercS bringen. Allein unter den Wohlhabenden gibt es zuweilen doch so manchen, der von der Angst ergriffen wird und der Befürchtung Raum gibt, daß er seines ganzen, schwer erworbenen Vermögens verlustig werden könnte, so er unermüdlich spenden würde. ״Die Not ist erschrekeine Unterredung und dann beschloß der ״Schadchen", der schon seinem Vater für ihn einige Partien vorgeschlagen hatte, die Angelegenheit in die Hand zu nehmen und sowohl mit seinem als auch mit DoraS Vater darüber zu verhaudein und bis jetzt hatte er noch keine Nachricht. Plötzlich wie aus der Erde herauSgewachsen stand vor ihm Dora, blaß wie eine Leiche und mit Tränenspuren in ihren Augen. Ein Helles Rosa bedeckte seine frischen Wangen und von ihrem plötzlichen Erscheinen vor ihm hier in der Oeffentlichkeit überrascht, konnte er keinen Laut über seine Lippen bringen, stand nur auf und starrte sie fragenden Blickes an. Dora ließ ihn nicht lange warten und sagte ganz entschlossen: ״Könnten Sie mich jetzt zu den ״Schloßaleen" begleiten? Wir könnten uns dort genau aussprechen." TaS Helle Rosa auf seinen Wangen verwandelte sich in tiefes Rot und mit zitternder Stimme stammelte er: ״Mit Vergnügen, Fräulein Autler, ich habe ja Zeit genug." Stumm und mit schweren Schritten schritten die zwei Gestalten über die Straße, neben dem Schloße zu den Schloßaleen hinüber. Als sie in einem ruhigen Seitengang sich befanden, ließen sich beide auf eine Bank nieder. Dora begann nun ganz entschlossen: ״Höre Perez. einen schrecklichen Tag hatte ich heute, ich wußte zuerst nicht wofür. Erst vor einer Stunde begegnete mir Reb Saul Schadchen und erzählte mir, daß du ihn zu uns geschickt hattest und sagte mir. ich soll ihm ganz vertrauen, die Sache wird sicher

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