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Jüdische Volksstimme · 1914-12-02 · Heft 43 (2.12.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 43 (2.12.1914)
Date
1914-12-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. »Attische v»!r»ßi««e.» Rr. 43. ► t* ► * n ► r ► » :: it Kt ► ► f ► r Sl m ► i ► r ► M ► ► ► fcft ► über die menschliche Natur gebildet, bin also kei-1 wo die Holzbrücke über den kleinen Fluß führt, neswcgs überrascht. Oben, im Korridor, treffe! sind einige Scheunen als Baracken eingerichtet. ich einen minderjährigen Jungen und eine Frau, deren Kopf mit Bandagen umwickelt ist, daß ich nur ein rotes, sehr entzündetes Auge entdecken kann. Wir verständigen uns nur mit Mühe, und ich fühle mich auch nicht besonders aufgelegt, mich mit ihr zu unterhalten. Indessen erscheint eine Dame, die etwas deutsch spricht. Sie harmoniert nicht mit ihrer Umgebung, und ich weiß nicht, ob ich ihr zumutcn darf, mit dem ״Grand Hotel .Krakau" in irgendwelcher Verbindung zu stehen. Tie liest mir meine Gedanken vom Gesicht ab, und zeigt mir eine ganze Reihe leerer Zimmer: alle gleich kalt und öde, alle mit zusammcngerafftcm Bettzeug ausgestattct, alle erfüllt von demselben aufdringlichen Geruch. ״Die Russen sind vor zwei Wochen hier gewesen," sagte die Dame, wie zu ihrer Entschuldigung. ״Die Besitzerin ist geflohen und hat mich gebeten, sie zu vertreten!" Ich entschließe mich für irgend ein Zimmer, das mir besser gefällt als die anderen, weil vor dem Fenster ein Kastanicnbaum mit rotgelbcm Laub steht. Es wird geheizt, man bemüht sich es mir einigermaßen behaglich zu machen. Ich esse Huhn, wobei ich bemerke, daß das Tier schon vor dem Kriege geschlachtet worden sein muß. Nach dem Diner trinke ich Salzsäure als Likör, bürste die Zähne mit mitgcbrachtem Mineralwasser und gehe schla fen. In der Nacht weckt mich eine laute und wütende Stimme: ״Nennst du das ein Zimmer, du Hund?" —• ״Wir haben keine besse . . ." verluchte eine andere Stimme, die auch deutsch, aber mit Jargon spricht, zu erklären: man läßt sie aber nicht ausrcden: ״Halts Maul, du Schwein! Nennst du das ein Bett?" — ״Suchen Sie sich ein anderes!" . . . empört sich die sargonierte Stimme. — ״Was!? Was!? Heraus, du derdammter Kerl! Bist wohl ein Russe: He?" Jetzt folgt ein klatschendes Geräusch. Einer schlägt einen anderen mit irgendeinem Gegenstand und flucht wütend dabei. Dann hört man laute Schritte. Sporen klirren, also ein Kavallerist . . . Jemand fällt hin, erhebt sich wieder und läuft davon . . . Eine Türe wird mit einem letzten Fluch zngcschlagen, und alles wird wieder still Ich aber hole aus meiner Hosentasche das Messer mit Stechklinge und verberge cs unter meinem Kopfkissen. Ich suche mir den Vorfall zu erklären und che ich wieder cinschlafe, bin ich mit mir darüber einig, daß einem unter gewissen Umständen sehr wohl die Geduld ausgehen kann. Ta kommt einer hundeniüde ans dein Felde und hofft, ein warmes und reines Zimmer zu finden. Stat dessen zeigt man einen stinkenden Stall. Ja man darf eben nicht vergessen, daß in diesen Städten das bürgerliche Leben sich nicht mehr normal abwickelt. Einquartierung, Requisitionen Russen. Panik, Flucht — dar׳ ist der Krieg mi seinem Janusgesicht. Wieder ist es Morgen geworden, ein fahler und lebloser Morgen. Die rostgelben Kastanienblätter vor meinem Fenster sind feucht vom Ne bei der Nacht. Hinter dem Baum srelst im Hofe ein Taubenschlag, dessen Holzstamm schief in der Erde steckt, als wäre er angefahren. Die Tauben liocken matt auf den Flugbrettern vor den kahlen Nestern. Sonst gibt cs kein Leben im Hofe inei nes Hauses. Ich gehe aus die Straße hinaus tvandcre iir der Stadt umher. Die Hälfte der Häuser, alle einigerinaßen wohlhabend aussehen de Wohnungen sind leer. Die Menschen, die dar in wohnten, sind fort und nur vereinzelt sind ne zurückgekehrt. Viele Fensterscheiben sind einge schlagen, hie und da ist auch eine Türfüllung ein getreten, wahrscheinlich von einem schwerbestiefel teu Fuß. Von der Straße ans kann ich in einige Häuser Hineinblicken. Ungeladene Gäste haben in Schränken und Schubladen herumgewühlt, ha bei! Wertsachen gesucht und mitgenommen und das übrige in wilder Unordnung auf dem Bo den zurückgelasscn . . . Mir begegnet eine Prozession. Voran geht ein Sakristan, eine brennende heilige Lampe und ein Kreuz tragend. Die wenigen Passanten machen vor der Prozession halt, bekreuzigen sich und beugen das Knie. Auch ich habe gerade Zeit, stehen zu bleiben und meine Mütze herunterznreißen. Dieser Aufzug in der Halbleeren Stadt macht auf mich einen seltsamen Eindruck, zugleich beruhigend und verwirrend, cs wird mir aber nicht klar, was dieses zwiespältige Empfinden in mir hervorruft. Jenseits der Stadt, da. Vor ihnen stehen Soldaten, die wohl ihr Quarier hier haben. Nahe der Eisenbahn sind auf einem Platz viele Räderspuren und Spuren von Pferdchufen von der Erde abzulesen. Ter Platz 'st jetzt ganz leer. Die Pferde waren, wie ich sehe, an einen Holzzaun gebunden und haben die Hälfte des Zaunes abgefressen. Splitter und päne liegen umher, der größte Teil des Holzes ist abgenagt, gekaut und verzehrt worden. Ich wundere mich nicht darüber. . . . Brot ist in der Stadt noch zu haben. Ich sehe ganze Führen, die für das Militär bestimmt sind, und auch im Schaufenster eines Bäckerladens liegen einige tücke. Tie Geschäfte sind offen. Kaftangekleidete Gestalten mit Bart und Locken und schwarze Frauen und Mädchen stehen in den Türen. Ich gehe in eine Drogerie hinein, um Mineralwasser zu kaufen. Ausvcrkauft! Tie Offiziere haben alles für sich beansprucht und neues ist nicht zu erhalten. In der Apotheke kriege ich die letzten zwei Flaschen echten Emscrwassers, und in einer Weinbude eine Flasche — wie der Besitzer Silbermann mir beteuert — vom besten Magenbitter der Welt. Damit kehre ich 1115 ״Grand Hotel Krakau" zurück, um näheres über verlassene Städte zu erfahren. Mut. Ter Freiwilligenkorporal des 2!>. Jnfanterieregimentes Emmerich Steiner hat für seine mit Todesverachtung bekundete Tapferkeit und Heldenmut vor dem Feinde die silberne Tapfer keitsmedaille erhalten. Ter junge Soldat stammt aus Temesvar und ist der Sohn des dortigen Oberrealschulprofessors Dr. Simon Steiner. Korporal Steiner hat bereits am 80. August durch seinen Heldenmut und seine Tapferkeit die Aufmerksamkeit seiner Vorgesetzten auf sich gelenkt. Die zweite Kompanie des Regimentes, welcher auch Steiner als Einjährig-Freiwilliger angehört, hatte sich am 20. August von einer Höhe, welche vom Feinde fürchterlich beschossen wurde, zurückgezogen. Am Fuße des Berges angelangt, bemerkte der Freiwillige, daß drei Verwundete der Kompanie, welche nicht imstande waren, allein hernnterzukommen, oben zurückblieben nnd Steiner lief nun, ohne hiezu einen Befehl erhalten zu haben, dreimal hintereinander auf die Anhöhe und brachte die Verwundeten herunter. Am 2,0. August kämpfte die Kompanie in Schwarmlinie und als der Mannschaft die Munition ausgegaugen war, verließ Emmerich Steiner im heftigsten Kugelregen die Schwarmlinie und suchte die toten und verwundeten Soldaten auf, entnahm ihren Tornistern die Patronen und verteilte sie unter der kämpfenden Mannschaft. Nach der Schlacht belobte der Kommandant gerührt den Korporal Emmerich Steiner und erklärte ihm eine Auszeichnung zu erwirken. Ter Vorschlag war auch bald unterbreitet, aber weder der Kommandant noch Emmerich Steiner haben das Ergebnis auf dem Felde erlebt. Der Kam- Mandant fiel in heldenhaftem Kampfe, während Emmerich Steiner mit durchschossenem Bein in einem Budapester Sanatorium liegt, wo glücklicherweise sein :Instand sich allmählich bessert. Die Auszeichnung in Form der silbernen Tapferkeitsmedaille ist setzt herabgelangt und wurde dem jungen Helden ״für sein außerordentlich tapferes Verhalten" im Spitale au die Brust geheftet. Jsraelitsche Gemeinde, keine eigentliche religiöse Geineinschaft, sondern sie waren eine Art bürgerliche Gemeinde, der außer kommunalen Aufgaben auch die Sorge für den Kultus und die übrigen religiösen Bedürfnisse ihrer Gemeinde- Mitglieder oblag. Später wurde den Gemeinden noch von Staatswegen die Sorge für die jüdischen Armen und Kranken sowie für das Schulwesen anferlegt. Nach einem fast zwanzigjährigen mühevollen Kampf der Hamburger Juden um die Beseitigung der letzten Ausnahniegesetze, bei dem sich insbesondere Gabriel Rießer auszeichnete, sah sich der Senat gegen Ende des Jahres 1808 veranlaßt, der.Bürgerschaft einen Gesetzentwurf zu unterbreiten, der in fast unveränderter Gestalt von dieser am 14. April 1804 angenommen und mit Rücksicht auf einige andere mit diesem in Verbindung stehenden Gesetze am 7. November 1804 veröffentlicht wurde. Mit dem Erlaß dieses Gesetzes war die volle Emanzipation der Hamburger Inden endgiltig durchgeführt. Tie hamburgische Judenheit hat dem Hamburgischen Staat ihren Tank für die völlige Emanzipation in den vergangenen fünfzig Iahren durch treue Erfüllung der Bürgerpflicht, durch die Anteilnahme an der Verwaltung des Staates und der Stadt, durch tätige Sorge um das Emporblühen dieser ersten deutschen Handelsstadt in reiche», Maße abgestattet. In diesen Tagen, an denen wir an einem Wendepunkt der Geschicke unseres deutschen Vaterlandes stehen, dürfen wir der Hoffnung Ausdruck geben, daß die hamburgische Judenlieit sich weiter unter dem Schutz der Gesetze unserer Stadt zu ihrem eige nen Wöhle, zur Ehre der gesamten Judenbeit und zum Segen und zur Blüte der Vaterstadt und des Vaterlandes entwickeln möge. Jubiläum der Hamburger Judenheit. Am 7. November Ware» 7,0 Jahre verflossen, seitdem das Hainburgische Gesetz betr. die Verhältnisse der Israelitischen Gemeinden veröffentlicht worden ist. Hierdurch wurde den Juden die endgiltige Emanzipation verliehen und sein Erlaß beseitigte die letzten Bestimmungen, welche die hamburgischen Juden unter staatliche Annahmegesetze gestellt hatten. Aus Anlaß dieses Jubilättins hat der Syndikus der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Dr. Nathan in einer Veröffentlichung auf die Wichtigkeit dieses Gedenktages hingewiesen, der folgendes zu entnehmen ist: Seit dem Erlaß des Juden-Reglements vom Jahre 1710 bildeten die beiden Hamburger Jüdischen Gemeinden, die Portugiesische und die Deutsch- Das Testament eines gefallenen jüdischen Majirs. Rechtsanwalt Tr. Albert Schwarz aus Brod veröffentlichte in der ״Neuen Freien Presse" das Testament eines auf dem südlichen Schlachtfelde gefallenen jüdischen Majors. Dr. Schwarz schreibt: Vor einigen Tagen wurde die posthume Dekorierung des auf dem südlichen Schlachtfelde gefallenen jüdischen Majors des Jnf.-Reg. Nr. 52 Emanuel Krausz publiziert. Es liegt vor mir das Testament des gefallenen Helden und ich glaube, der Oeffentlichkeit die edle Gesinnung dieses Mannes, wie sie sich auch in diesem Testament äußert, nicht vorenthalten zu dürfen. Dieses Testament, das am 40. Mobilisierungstage (7>. September» abgefaßt wurde, lautet wörtlich: ״Sollte mir das Glück zuteil werden, in dem gegenwärtigen Kriege, welchen ich mit unaussprechlicher Begeisterung für mein heißgeliebtes Vaterland und in meiner Berufsfreudigkeit für meinen Kaiser und König zu Ende kämpfen möchte, nicht in die Hände unseres Feindes zu fallen, sondern verwundet oder tot in unserer Armee zu bleiben, wird usw." Major Kraus ver machte Sarin sein Vermögen seinem Regiment und den israelitischen Humanitären Anstalten sei ner Heimatgemeinde. In derselben Nummer be richtet der Kriegsberichterstatter Roda Roda über die ״wahrhaft bewunderungswürdige» Heldentalen von Soldaten der Wiener Truppen kör per". Roda Roda schreibt: Auf besondere Art tat sich der Feldwebel Josef Kainberger des Pio nierbataillons Nr. 2 hervor. Die Kompanie vertrieb am 2!». August eine feindliche Artillerie von der Höhe Tebovic und hatte dabei durch Feuer des Feindes zu leiden. Als sich die Kompanie dann sammelte, wurde sie aus einem Walde mir Feuer überschüttet. Dabei benahm sich der Feld Wedel Josef Kainberger mnsterhaft. Er setzt sein Leben für die Kompanie ein. indem er in! Kn gelregen aus der eigenen Schwarmlinie zur ichießenden Abteilung varging und sie über die Si tuation aufklärte. Josef Kainberger wurde für diese Heldentat zur Allerhöchsten Auszeichnung vorgeschlagen. Kainberger ist mosaischer Konfession. MMIIMMl Hebräisch-deutsch ä 160־ zu beziehen durch den iüd. Buchu. Kunstverlag, Brünn

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