Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 43 (2.12.1914)
- Date
- 1914-12-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4L. ״Attische 8>lkrftl««e^ Seite 2. milie zu brechen, leicht zur vollständigen Ungläubigkcit gelangen und sich die Verletzung der Gesetze der Moral und Sitte als tvcitcre natürliche Konsequenz ausserdem zugestehcn. Welch mächriges Bollwerk ist dagegen der jüdische Geist, der in solchem Heime herrscht, der mit feinem Freitagsabcndzaubcr die dunkeln, aufrührerischen Gedanken des Alltags verscheucht und die Seele wieder licht und freudig werden läßt. Wollen, müssen wir nicht darnach-streben, daß möglichst in jeder größeren Stadt ein ״Israel, Mädchcnhein!" entstehe? In welcher Weise es einzurichtcn ist, wie cs bestehen kann, soll ein folgender Artikel dartun. Die wachsende weibliche Berufstätigkeit ist nicht allein aus den größeren wirtschaftlichen Fordcrungcn des Lebens entstanden. Dem Wunsche der Frauen nach einem eigenen, auherhäuslichen Wirkungskreis ist das Aufblühen unserer Jndustrie, unseres Handels entgegengekommen, und immer mehr weibliche Arbeitskraft machte sich nötig. Es ist unsere soziale Pflicht, diesen jungen Menschen ein Gegengewicht zu schaffen für die Energie, die sie im Berufsleben verbrauchen. Wir müssen ihnen behilflich sein, ihre geistigen und körperlichen Kräfte frisch zu erhalten. Den Müttern und Frauen unserer Äauflcute und Jndustricllen eröffnet sich hier eine schöne befried!- gende Aufgabe. Auch in den kleineren und mittleren Städten sollten jüdische Mädchen, die der Haushalt nicht braucht, kaufmännifch und gewerblich beschäftigt werden. Dadurch würde dem Massenzuzug nach der Großstadt gesteuert, bliebe eine Anzahl junger Mädchen wenigstens eine Zeitlang in gesünderem und in ihren Verhältnisten angemessenerem Milieu. Fände sich so eine Anzahl weiblicher Angestellter an einem wenn auch kleinem Orte zusammen, da müßte cs, spcziell überall dort, wo Logen sich befinden, das Bestreben der Brüder und ihrer Frauen sein, für die Errichtung gemeinsamer Wohnstätten, für Mädchenhcime, zu sorgen, die selbst im einfachsten, bescheidensten Rahmen segensreiche soziale Wirkung zur Folge haben werden. Frau Camilla B u r st y n. Die zahlreichen russischen Gefangenen. Seit der unglückselige Weltkrieg ausgcbrochen, hören wir nach jeder Schlacht erfreulicherweise, daß so und so viele Tausende Russen, sowohl von den Deutschen als von den Ocsterreichern und Ungarn gefangen wurden, so daß man bald versucht wäre anzunehinen, daß die panslawistische Prophezeiung, die Russen werden die Welt überschwemmen, das Germanentum zertrümmern, in einem gewissen Sinne sich bewahrheiten werde, denn tatsächlich befinden sich schon jetzt weit über Dieser Skandal soll ihn belehren, daß ich kein Pferd bin, das inan nach Belieben lenken kann. Habe ich doch genug Bildung genossen, ich kenne auch das Leben anders als mein Vater und nun will er mich an einen ״Lo jizlach" verkaufen. Ach, wenn du ihn sehen solltest, Tila, du möchtest gleich zusammenschrecken. Und als ich meinem Vater sagte, ich will mich nicht mit diesem verloben, schimpfte er mich zusammen. Ich weiß gar nicht, sagte er, wen er mir gebe. Einer der größten Jichusim dieses Landes, zu dem man nicht so leicht koninicn kann. Ja, Zila, als willenloses Kind betrachtete mich mein Vater. Der Jichus ist dem Vater wichtig, mir aber der Maua." Und wieder gab sie ihren Tränen freien Lauf. Erst jetzt sah Frau Lang die Tragweite dieses Skandals und begann nachzudcnkcn, was sie jetzt eigentlich tun könne, um ein Unglück in Manias Familie zu vermeiden. Sie billigt zwar nicht die Handlung ihres Vaters, versetzte sich aber jetzt in seine Lage und möchte momentan ihni die Schande ersparen. ״Du hast Wohl recht," sagte sie, indem sie Manias Hand ergriff, ״aber denkst du nicht, daß du damit deinem Vater einen zu starken Stoß versetzt hast?" Frau Lang blicktc sie scharf an, um aus ihren Gcsichtszügen die Wirkung ihrer Frage lesen zu können und nachdem Mania nichts verraten ließ, fuhr sie fort: ״Ich glaube, du hast zu übereilt gehandelt. Du könntest ruhig die Tnoim schreiben lasten und dann hätten wir, ich und noch einige Bekannte, deinen Vater dazu gebracht, die Tnoim zurückzuschicken." Mania antwortete nichts, nur heiße hunderttausend russische Gefangene in der Moliarchie und niehrcre .Hunderttausende im Deutschcn Reiche. Nun aber drängt sich uns die Frage auf: Woher mag es wohl kommen, daß die Russen, die bekanntlich sowohl den Deutschen als den Oesterreichern und Ungarn an Zahl weit überlegen sind, von den beiden Gegnern, nicht nur geschlagen, sondern auch zu Tausenden und abermals Taufenden gefangengenommcn werden können? Die Antwort auf diese Frage ist nicht schwer zu finden. Zuvorderst gestatte ich mir hier folgende Episode mitzuteilen: Zur Zeit, als der berühmte 3t. Azcchicl Landau das Oberrabbinat der altchrwürdigen Prager Gemeinde inne hatte, lebte dort unter den zahlreichen TMnndisten ein äußerst frommer Privatgelchrtcr, der Besitzer einer Buchdruckerei war, die ihn ernährte, er hieß 3t. Sarach Eidlitz, der nicht nur ein gediegener Marner des jüdischen Schrifttums, sondcrn auch ein vorzüglicher Mathematiker war und sogar ein arithmetisches Lehrbuch ״Melcchct machschewet" veröffentlicht hatte. Einmal kam cs vor, daß Rabbiner Azcchicl Landau in einem talinudischen Vortrage ein 3tcchenexcniplar sehr mühsam und nur approximativ herausgebracht hatte. Als Eidlitz hievon Kenntnis erhielt, bcmerkte er, daß nach der und der Siegel wäre das leichter uiid schärfer herauszubringen geweseii. Der 3tabbi Landau, dem Eidlitzs Behauptung mitgeteilt wurde, meinte scherzhaft: Was geht mich Siegel (hcbr. Fuß) an? Ich arbeite mit dem 3iosch (hcbr. Kopf). 9hm das war ein harmloser Scherz, der durchaus nicht mit der Absicht gemacht wurde, um den frommen hochgelehrten 3t. Sarach zu verletzen. Eidlitz wurde ja nicht nur von der ganzen Gemeinde, sondern auch von dem allverehrten Oberrabbiiicr Landau hochgeschätzt und gewürdigt. — Jedoch in bezug der im Weltkriege stehenden Parteien darf dieser Witz mit Fug und Recht im ernsten Sinne angcwcndet iverden. Die Deutschen wie die Oesterreichcr und Ungarn arbeiten seit vier Monaten mit Kopf, Geist, Herz und Gefühl. Mit welchem Enthusiasmus, mit .welch wahrer, edler Begeisterung sind sie in den Kampf gezogen, um sich mit Gut und 58111t für Thron und Vaterland cinzusetzen und das Schwert nicht eher aus der Hand zu legen, bis der Feind, der mutwillig die Welt in Brand gesetzt, vollständig geschlagen und unschädlich gemacht sein wird. Die Millionen russischen Sklaven hingen, die wie das Vieh mit der Peitsche zur Schlachtbank getrieben werden, arbeiten nicht mit Geist und Herz, sondern, weil zum Lausen aedrillt wurden, mit den Füßen. Wofür sollten sic sich auch begeistern, etwa für ihr Vaterland, in welchem sic gedrückt, gepeinigt, gemartert und gefoltert iverden? Wcks Wunder also, daß sie, wenn sic durch ihre' kopflose Arbeit dem aufqeklärten intelligenten Gegner nicht beikommen können, sich demselben ergeben. — Ja, wenn es Tränen liefen an ihren Wangen hinunter. ״Möchtest du nicht jetzt mit mir nach Hause zurückfahren?" Ein ungeheueres Beben ergriff Mania und mit beiden Händen ergriff sie krampfhaft die Frau Lang und flehte: ״Um Gottes Willen, Frau Lang, erwähnen Sie mir nichts mehr von meinem Hause, wenn Sie nicht wollen, daß ich meinen letzten Beschluß ausführcn soll. Ich habe zu Hause drei Jahre gekämpft, habe so manche gute Pläne aufgcben müsten, ich habe doch ge-' fehcn, daß ich einer schrecklichen Zukunft entgcgcngchc. Ich bin schon des Kämpfcns müde. Nur eines bitte ich Sic, lasten Sie mich nur übernachten und morgen werde ich über meine Zukunft entscheiden." ״Ja, mein Kind, du kannst liier ganz ruhig bleiben, nicht nur diese Nacht. Sage mir 1iur, was meintest du mit deinem letztc» Beschluß, das beunruhigt mich sehr, sag' es mir doch. Mania ließ die Augen nieder und sagte leise: ״Wenn das so schöne Leben mir alle Tore sperren wird, so glaube ich, die Weichsel wird mich freundlicher aufnchinen." Ein lautes Schluchzen begleitete diese ihre letzten Worte. Frau Lang sah ein, daß sic jetzt Mania nicht werde bewegen können, nach Hause zurückzuqehen. auch das bittere Los des unschuldigen Mädchens hielt sic davon zurück. Sie begann sie vielmehr zu beruhigen und zu trösten und bat sie endlich zur Ruhe zu gehen. Mania ging gerne in das ihr zugewiesene Zimmer und warf sich ins Bett, um ruhig über ihre finstere Zukunft Nachdenken zu können. Sie wußte es gut, daß ihr Vater sie doch hier finden und sie mit Gewalt nach Hause gilt, Pogrome zu machen, beim hellichtcn Tage zu rauben, zu plündern, zu morden und zu schönden, da sind sie groß und liefern Beweise ihres Heldentunis, .da sie für Schand- und Freveltaten gezüchtigt zu werden, nicht zu befürchten brauchen. Da drücken schon ihre Vorgefetzten die Angen zu. Und trotz alldem erkühnt man sich in Petersburg, die Türken, die bei iveitem nicht solche Schandtaten begehen, ״Horden" zu nennen-. Wenn die Türken mit den hochkultivierten Deutscheu syiiipathisieren, so wundert uns dies nicht, denn Aschkenas (Deutschland) und Togormo (Türkei) sind «Ltammesgenossen, unerklärlich aber bleibt es uns, daß 3tifat (Britannien nach einigen Altertuiiisforschern) seinen Stammesgenossen untreu geworden, sich mit den nioskowitischen Despoten verbündet hat und ihm hilfreich zur Seite steht, um die Germanen niederringen zu können. Wenn Graf Schaftcsbury, der vor fünfzig Jahren (1864) im englischen Parlament, als von den russischen grausamen Judeiiverfolgungen die 3tedc war, folgenden denkwürdigen Ausspruch tat: ״Ucberhaupt glaub' ich, hat noch niemand seine Hand aus das jüdische Volk gelegt, sei cs, uni ihm weh oder wohl zu tun, ohne ein Leid für das eine, oder eine Belohnung für das aiidcre davonzutragcn", jetzt aufstehen und sehen würde, wie im hochkultivierten England unfchuldigc Fremde, zumeist Juden, den größten Gefahren aüsgcsetzt werden, wahrlich, er würde seine Hände zusamnicnschlagen und mit dem elcgisch'11 englischen Dichter Lord Byron klagend ausrufcn: ״Die wilde Taube hat ihr Nest, Der Fuchs seine Höhle, Der Mensch sein Vaterland, Israel nur das Grab." Bemerkt muß jedoch werden, daß nicht das englische Volk, sondern einzig und allein die jetzigen englischen Negierungsmänner es waren, die Rußlands Bestrebungen unterstützten, wie der Erwartung 3iaum geben zu dürfen glaubten, daß England während des Weltkrieges glänzende Geschäfte machn werde, denn ״Handelschaft ist keine Freundschaft". Ob aber diese russisch Freundschüft von Dauer sein wird, ist sehr fraglich. Jomim jedaberu. Fr. Grand Hotel in Krakau. Im ״Berliner Tageblatt" beschreibt der bekannte Dichter Aage Madelung, der als Korrespondent des Blattes in Galizien weilt, den Eindruck der von den 3tussen bereits verlassenen Stadt Jaslo. Er schreibt: ״. . . In! ״Grand Hotel Krakau" steht die Tür sperrangelweit offen. Ich steige die öde Trcppe hinauf. Es riecht nach Leere und nach Menfchen, es riecht so, daß cs einem die Brust zusamincnschnürt. Mir tut es nicht viel, denn ich habe mir schon im voraus gewisse Vorstellungen bringen wird. Was ihrer dort harrte, wollte sie sich nicht einmal in der Phantasie vorstellen. Sie kannte das harte Herz ihres Vaters zu gut und wußte, daß er selbst seine Hand gegen sie gebrauchen wird. Jetzt heißt es nur von hier verschwinden. Aber sie hatte nirgends Bekannte, die sich ihrer annehmcn könnten. So dachte sie stundcnlang nach, bis endlich ein Gedanke auftauchte, vor dem sie selber zusammenschrickt und zu fiebern begann. Das Fieber stieg von Minute zu Minute, aber der schreckliche Gedanke ließ sie nicht mehr los. Er ist der einzige Weg, der sie von dieser schrecklichen Lage und von ihrem grausamen Vater befreien kann. Kein anderer Weg steht ihr offen. Sic muß ihn betreten, wenn sie den Entschlus; zum Selbstmord nicht fassen kann. — — Mania verschwand, niemand wußte wohin. Ihre Mutter weinte sich die Augen aus und!nachtc ihren! Mann bittere Vorwürfe, daß er das Unglück mit eigenen Händen über das Hans gebracht hat. Der harte Chain! aber fühlte keine Neue und sagte kalt: ״Wenn sie mir nicht folgt, ist sie nicht!!!ehr!nein Kind." Er ahnte gar nicht, welche Schande seiner ganzen Familie noch harrte. Erst nach einigen Monaten wurde bekannt, daß Mania aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten und den katholischen Glauben angenommen hat. Die bekannte Felizianer Kirche war ihre Zufluchtsstätte geworden. Der arn!e Chain! saß ״Schiwah" und seitdem verließ er vor Schaude sein Haus nicht mehr.