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Jüdische Volksstimme · 1914-12-02 · Heft 43 (2.12.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 43 (2.12.1914)
Date
1914-12-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahr-. XV Erscheint irden Mittwoch Nummer 43. Wsche NnWime. s Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6-20 ganzjährig.Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig ...... Mark 12׳— Rußland, ganzjährig . ..Rubel 8 — Ballan, Frankreich ........ Franks 14׳— Herausgeber: Max Hickl. 2----— Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse 8. Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm» Leipzig. Inserate: die Sspaltige Petitzeile 30 k. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Wien—Budapest. Brünn,Prag—Lemberg. Mädchenheime. Arbeit heißt die Parole der Gegenwart, und weder Mann noch Frau kann sich ihrem Zwange enthielten. Unablässig sind wir darum bemüht, neue Wege zu finden, um unserer weiblichen Jugend neue Erwerbs- und Bildungsmöglichkeiten zu eröffnen. Kaum liegt die Schulzeit hinter ihncn, treibt cs sie hinaus, namentlich aus den kleinen Städten und Dörfern, dem Berufsleben der Großstadt zu. Welcher Umschwung im Jungmädchenleben! Gestern noch ängstlich behütet von zärtlichen Mutteraugen und den engen Traditionen der Kleinstadtsitte, heute unvermittelt hinaus in die Freiheit selbständigen Handelns gestellt. Aber wo nicht Zügellosigkeit das Kraftgcfühl der Selbst- Verantwortlichkeit ablöst, zeigen sich fremdfühlende junge Mädchen bald niedergedrückt von dem Sehnen nach einer liebevollen Umgebung, nach dem gewohnten Gedankenaustausch mit teilnehinenden Menschen. Denn die Berufstätigkeit soll sie wohl frei und stark 'machen, soll und wird ihnen aber nicht ihre weibliche Eigenart rauben. Deshalb brauchen diese jungen Menschen einen sittlichen Halt, einen Wegweiser für ihr innerlichcs Leben. Diesen Zweck erfüllen in der besten Weise die ״Mädchenheime". Eine in den Jahren 1906 und 1907 von mehreren Vorstandsmitgliedern der Frauenvercinigung der Frankfurt-Loge durchgeführte Enquetc hat gezeigt, wie schlecht zum großen Teile die jungen, im Berufsleben stehenden Mädchen in Frankfurt untergebracht waren. Für verhältnismäßig teueres Geld bewohnten sie unfreundliche, unhygienische Räume und waren oft gesundheitlich gefährdet durch Zusammenwohnen mit leidenden Hausbewohnern. Licht, Beheizung, Bäder, warmes Wasser und dergleichen wurden stets extra und teuer berechnet. Am ungünstigsten waren die jungen Lehrmädchen gestellt, die wenig oder gar nichts verdienten. Gerade sie. Jeuiffeton. Der Familienskandal. Bilder aus dem jüdischen Leben in Ärakau. Von N. I. Quittner. I. Ein schöner Winterabend. Der mit Schnee bedeckte Weg war fast inenschenleer, da die Kälte einen hohen Grad erreichte. Nur hie und da sah nmn einen Wachmann im Pelz eingehüllt auf der Straße langsam hertamneln. Der Kazimierz schien ausgestorben zu sein. Im warmen Zimmer saß Zila und bemühte sich, ihren lieben Roman, den ihr ihr ״׳Fazet" eben heute gebracht hatte, zu lesen. Nicht weit von ihr saß ihre Mutter und stopfte Strümpfe. Sonst war es still im Zimmer. Doch konnte Zila heute nicht dem Inhalte des Buches folgen. Ja sie las einige Seiten ohne eigentlich zu wissen was sie eigentlich gelesen hatte. Ungeduldig schloß sie einigemal das Buch und ebensovielmal öffnete sie es wieder, um von Neuem zu beginnen. ״Was ist dir heute, Zila?" fragte die.Mutter, ״was bist du heute zerstreut?" — ״Du weißt die in den Entwicklungsjahren standen und besonderer körperlicher und geistiger Pflege bedurfteil, gerade sie mußten mit den schlechten Quartieren, mit der unzulänglichsten Beköstigung meist bei ungebildeten Leuten oder solchen, die selbst mit der Not des Tages zu kämpfen hatten, vorlieb nehmen. Doppelt kalt rkNd doppelt liebeleer fanden sie des Abends ihre einsame, ungemütlichc Stube. Was Wunder, wenn sie sich außerhalb des Hauses, leider auch manchmal auf der Straße, ihr Vergnügen, ihre Zerstreuung und Anregung suchten? Die Idee der Gründung von israelitischen Mädchenheimen lag nal)e, und überall, wo diese soziale Einrichtung bisher geschaffen wurde, hat sie sich bestens bewährt, ist sie nach kurzer Zeit zur Notwendigkeit geworden. Sind die Heime doch in erster Linie dazu da, gegen einen geringen Pensionsbeitrag, jungen alleinstehenden Mädä^n. Schutz, Unterkunft und vollständigen Ersatz für das Elternhaus zu bieten. Man bestreitet heute gar nicht mehr den prinzipiellen Wert dieser Einrichtung. Man ist zur Ueberzeugung gelangt, daß eine Gruppe gleichaltriger, gleichartiger, auf ähnlicher Dildungsstufe stellender, ähnlichen Werdegang erstrebender Menschen sich durch das Zusammensein gegenseitig erzieht, fördert, abschleift, und daß der Geist l>er Ordnung und Pflicht, der ausgefördert wird, körperliches Wohl und sittliche Kraftentwicklung zur Folge hat. Welche Erziehungsfaktoren sind schon die in solchen Heimen selbstverständlich von den Insassinnen verlangte Selbstzucht, Selbstbeschränkung und Unterordnung. Nicht unterdrückt soll dadurch die Jndividualität werden, diese Eigenschaften sollen vielmehr jede einzelne über sich selbst erheben und die höchsten geistigen, sittlichen und körperlichen Werte und Kräfte in ihnen zur Entfaltung bringen und auslösen. Welche Traulichkeit herrscht in einem solchen Heime! Vom frühen Morgen entwickelt sich alles in regelmäßiger Ordnung ab, und doch nienials doch Mama, Manias Los gibt mir keine Ruhe. Ich habe die ganze Zeite nicht gewußt, ich dachte, sie sei mit ihrem Bräutigam zufrieden und jetzt ist ihre Verlobung, welche sie ihr Grab nannte. Auch verlangte sie es nicht, daß von ihren Bekannten jemand znr Verlobung komme. Unglückliche Mania!" ״Ihren Vater Chain! kenne ich zwar schon lange als fanatischen Finsterling, aber daß er seine eigene Tochter ins Unglück bringen konnte, das hätte auch ich nicht geglaubt," bemerkte die teilnahmsvolle Mutter. ״Wahrscheinlich ist es schon nach den ״Tuvim", sagte Zila seufzend, inden! sie ihren schweren Kopf auf ihre Hand stützte. Plötzlich läutete die Glocke. ״Wer kommt so spät nach Torsperre?" fragte die Mutter etwas überrascht und ging zur Tür. ״Wer ist dort?" fragte sie laut und ungeduldig. ״Ich, Frau Lang," antwortete eine zitternde Stimme, ״bitte mir schnell zu öffnen, ich friere!" Schnell öffnete Frau Lang und ein Mädchcn in einem Shavl eingehüllt, vor Kälte zitternd, trat herein. ״Um Gottes Willen, Mama!" schrie Zila aus, ״Du hier allein und in diesem Zustande?!" ״Laß mich zuerst erwärmen. Teuere, dann werde ich alles erzählen, bat diese mit zitternder Stimme. eintönig, weil jede einzelne die eigene persönliche Note zum Klingen bringen kann. Und in der Person der Leiterin ist eine liebevolle Gärtnerin, die die jüngeren und älteren Bäumchen hegt und pflegt und allen gleichmäßig beratende und Helsende Freundin ist. Da gibt es gemütliche Abende, wo sich die frohe Jugend bei einer Näh- oder Flickarbeit, bei einem guten Buche, Zeitungslektüre, bei Spiel und Tanz vereint oder auch zu ernstem Studium zusammenkommt. Hier ist eine Stunde dem Erlernen einer fremden Sprache gewidmet, dort wird Kalligraphie. Stenographie. Korrespondenz oder Rechnen geübt, an einem anderen Abend gibt es eine Literaturstunde, oder es wird von berufener Seite ein wissenschaftlicher Vortrag geboten. Daß neben der geistigen Kost besonderer Wert auf gute, kräftige und ausreichende Verpflegung gelegt wird, ist selbstverständlich, zumal die jugendlichen. Insassinnen derselben dringend bedürfen. Alle diese günstigen Unistände bewirken, daß die jungen Mädchen in der Regel tüchtiger, strebsanier, pflichttreuer werden, im Berufsleben besseres leisten und dal>er rascher vorwärtskommen, wobei sich außerdem noch der Wert des moralischeu Rückhaltes, den das.Heim gewährt, geltend macht. Die Heiminsassinnen haben weniger das Bedürfnis nach Verkehr mit außenstehenden Kreisen, da sie das gemütliche Familienleben des Heims immer mehr schätzen lernen. Denn die ״Heimchen" bilden eigentlich eine große Familie, die Leiden und Freuden gemeinsam teilt und gruppenweise in inniger Kameradschaft und treuer Freundschaft zusammenhält. Mannigfach sind auch die Vorteile und Wirkungen eines .Heimes in ethischer Beziehung. Gerade in der Gegenwart sieht ein großer Teil der jüdischen Angestellten sich gezwungen, im Berufsleben die Vorschriften der Religion unbeachtet zu lasten. In jugendlich leichtfertiger Urteilsweise könnten sie. haben sie erst einmal begonnen, mit den althergebrachten Traditionen ihrer Fa- . Mania wurde ins warme Zimmer gebracht, wo sie sich neben dem Ofen aus einen Stuhl niederließ und bitter zu weinen begann. Zila und ihre Mutter bemühten sich eine längere Zeit vergebens sie zu beruhigen und von ihr etwas herauszubekommen. Ihre schluchzende Stimme schien sie ersticken zu wollen. Plötzlich lachte sie wie wahnsinnig auf: ״Ha. ha. ha. wenn du ihn sehen solltest!" Dann schlug sie mit der Hand auf ihre Lippen und wieder folgte ein hysterisches Weinen und Schluchzen. Um sie doch zum Sprechen zu bewegen, strich sie Zila sanft am Kopfe imd fragte: ״Und bis heute hast du ihn nicht gesehen?" Wieder lachte Mania wild auf: ״Mein Vater sagt, das sei gar nicht nötig, ich kann mich ganz auf ihn verlassen." Eine kleine Pause. - Mania beruhigte sich ein wenig. ״Die .Tnoim' können dort auch ohne mich geschrieben werden" sagte dann Mania mit bitterem Lächeln. ״Nicht wahr. Frau Lang?" ״Bist du denn noch vor den ,Tnoim' geflohen?" fragte diese. ״Ja. Frau Lang, ich dachte, daß, wenn die Partie ohne meine Einwilligung zustandekommen konnte, die .Tnoim' und auch die Hochzeit ohne mich stattfinden mögen. Ja, Frau Lang, einen schweren Tag hatk ich heute. Nicht so leicht war es mir, diesen meinen Entschluß zu fasten, aber mein Vater zwang mich dazu."

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