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Jüdische Volksstimme · 1914-11-26 · Heft 42 (26.11.1914) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 42 (26.11.1914)
Date
1914-11-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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S-L!Lr^»«,W S^N»MMM'AM«W»>W!> 9 "י' 1ייימויידייז■ Nr. 42. »LttifchS v,lr-fti««e». Seite 8. (״Ethik des reinen Willens") trotz aller modernen Kultur in seiner Ursprünglichkeit und Eigenart erhalten wissen will und deshalb selbst Jbic liberalsten Bewegungen im Judentum, die Beibchaltung des Hebräischen in den Hauptgebeten, dringendst ans Herz legt. Tie Vorträge werden ab nächsten Sonntag bis auf weiteres um 4'/- Uhr nachmittags beginnen und bleiben ohne Eintrittsgebühr zugänglich; es wird nicht serviert, sodaß den Besuchern keinerlei Ausgaben erwachsen. Die Juden in der Türkei. Bezüglich der Worte in dem herrlichen poesie- und phantasiereichen Liede des wackeren .Heldcnweibes Teborah: ״Stimmet ein zum Siegcssang, stimmet ein zum Freudengesang der Hirten, die zwischen Tränken sicher die Herden verteilen! Dort Preisen sie des Ewigen Wohltun zidkot pirsono bejisröel, sein Wohltun an den Gefilden Israels" bemerken unsere Weisen, das; die Söhne Israels in der Tiaspora keine Ursache haben, darüber zu klagen, daß sie zerstreut und zersprengt unter den Nationen der Erde leben müssen; denn gerade diese Zerstreuung ist eine besondere Gnade, die der Allgütige ihnen erwiesen, ihr haben sie es zu verdanken, daß sie vor völliger Vernichtung geschützt wurden. So oft sie in irgend einem Lande in grausamer Weise se behandelt wurden, haben sie in einem anderen Lande oder Reiche eine Zufluchtsstätte gefunden. (Pes. 87). Zur Begründung dieser Behauptung will ich für heute bloß auf einen Moment in der Geschichte des Judentunis Hinweisen. Als die Juden im fünfzehnten Jahrhundert in den meisten Ländern Europas, wie Spanien, Portugal, Frankreich, England etc. den schrecklichsten Verfolgungen, namenloser Leiden, unerträglichen Qualen und Kränkungen ansgesetzt waren, wurde ihnen im Orient durch ein großes Weltereignis ein neues Asyl eröffnet. Am 29. Mai 14r>9> wurde nämlich das frevelbelastcte byzantische Reich — nach mehr als einem tausendjährigen Bestände — mit dem Falle Konstant!- nopcl zertrümmert. Die früheren Kaiser — Julian II, der seiner Freisinnigkeit und Judenfrenndlichkeit wegen Apostat« genannt wurde, ausgenommen — waren durchschnittlich unerbittliche fanatische Judenfeinde. Als nun der türkische Eroberer Mohamcd II. Konstantinopel eroberte, gewährte er den Juden wie den anderen Konfessionen vollständige Freiheit und Gleichberechtigung. Die bedrückten Juden dursten sich nunmehr in der Türkei niederlassen und ihren Kultus ungestört ausübcn. Es war ihnen gestattet, Synagogen zu bauen. Lehr- und Erziehung»- anstaltcn zu errichten. Seelsorger und sonstige Kultusbeamten anzustellen, für die Erhaltung ihrer religiösen Anstalten und Humanitären Institutioncn Sorge zu tragen. Als Isaak Zarsali, ein Franzose, der in Deutschland geboren und erzogen wurde und dann nach der Türkei übersiedelte, von zwei deutschen jungen Leuten, die nach der Türkei gekommen sind, erfuhr, daß die Lage der Juden in Mitteleuropa eine höchst unerträgliche sei. sah er sich veranlaßt, ein Sendschreiben an die Juden von Schwaben, der Rheingegend, Steiermark, Mähren und Ungarn zu erlassen, in welchem er ihnen die günstige Lage der Juden in der Türkei schilderte und ihnen den wohlmeinenden Rat erteilte, die alte Heimat zu verlassen, um aus der finsteren Hölle in das lichtvolle Paradies kommen zu können. In diesein Sendschreiben, das der sei. Dr. Jellinek in einem Hefte veröffentlichte, heißt es unter anderem: ״Meine Brüder und Lehrer, Freunde und Bekannte! Ich, Isaak Zarfati, der ich aus Frankreich stamme, in Deutschland geboren bin und dort zu den Füßen von Lehrern gesessen, rufe euch zu: daß die Türkei ein Land ist, in dem nichts fehlt. Wenn ihr einwilligt, so kann es euch gut gehen. Ihr könnt sicher durch die Türkei nach dem heiligen Lande gelangen. Ist -es nicht besser mit Mohammedanern zu wohnen? Hier dürft ihr euch in die feinsten Stoffe kleiden. Hier kann jeder unter seinem Feigenbäume und seinem Weinstocke ruhig leben. In nichtmohammedaiilschen Gegenden aber dürft ihr es nicht einmal wagen, eure Kinder in Rot oder Blau zu kleiden, ohne sie auszusetzen, zcrbleut oder rotgeschunden zu werden. Darum müßt ihr ärmlich und zerlumpt einhergehen. Alle eure Tage sind düster, auch die Sabbate und Festzeiien. Fremde genießen euer Vermögen. Was nützen dem reichen Juden seine Schätze? Er bewahrt sie nur zu seinem Unglücke auf und au einem Tage ists verloren. Ihr nennts eurer Lügenhafte Beschuldigungen erfinden sie gegen euch. Sie achten nicht Alter, nicht Wissen. Und wenn sie dir eine Zusicherung mit sechzig Siegeln geben, so brechen sie sie doch. Sie legen immer Toppelstrafen auf, schmerzhaften Tod und Güterberaubung. Sie untersagen den Unterricht in Lehrhäufern, stören das Gebet, verbieten den Juden an nichtjüdischen Feiertagen zu arbeiten und Geschäfte zu treiben. Und nun Israel, warum schläfst du? Auf und verlasse dieses verwünschte Land. (G. Gesch. 8. 289). 'Aus Zarfasis Schilderung ist klar und deutlich zu ersehen, daß die Türkei, nachdem das by,zantische Reich vernichtet wurde, für die Inden ein Eldorado war. Ter bereits erwähnte Sultan Mohamed II. war bei jeder Gelegenheit bemüht, seinen Liberalismus und Gerechtigkeitssinn zu bekunden. Er hatte einen jüdischen Leibarzt Hekim Jakob, den er auch zu seinem Finanzminister ernannt und öfters durch allerlei Ehrenbezeugungen ansgezeichnet hatte. Seine Toleranz konstatierte er. bald nachdem er in den Besitz von Konstantinopel gelangte, dadurch, daß er einen griechischen Patriarchen zum Oberhaupte sämtlicher im Lande wohnenden Griechen und einen Oberrabbiner für die Juden des türkischen Reiches ernannte. Letzterer wurde sogar im Divan mehr bevorzugt als der griechische Patriarch. Dieser von Mohamed II. ernannte Oberrabbiner hieß Moses Kopsali (geb. 1429). Kopsali hatte sich durch eminente Gelehrsamkeit, wahrhafte, ungeheuchelte Frömmigkeit und sonstige herrliche Tugenden vorteil Haft ausgezeichnet. Große Bescheidenheit, nngewöhnliche Herzensgüte, tiefes Mitgefühl für jedes Leid und Weh, Gerechtigkeitssinn, Berufs- und Pflichteifer bildeten die schönsten und Herrlichsten Blumen in dem Kranze der Tugenden, der sein Haupt schmückte. Obwohl er als reichbegüteter Mann in der Lage war, auf großem Fuße leben, einen riesigen Lurus entfalten, den Kelch der Freude bis zur Neige leeren zu können, trug er doch freiwillig das Joch der Entsagung und Entbehrung, wie der Aermste im Volke, führte eine asketische Lebensweise, kasteite seinen Körper durch fleißiges Fasten aus, weihte seine Zeit und Kraft, sein Wissen und Können, sein ganzes Sein, ausschließlich dem Studium der Thora wie der Förderung des geistigen und phisischen Heils und Wohls seiner Glaubens- und Stammesgenassen. Was Wunder also, daß er sich als wahrer, echter und rechter Priester einer ungewöhnlichen Popularität im ganzen Reiche zu erfreuen hatte. Nichtsdestoweniger hatte die Lästerzunge cs versucht, ancki ihn, den edlen, allgeniein gefeierten, fromme», hochgelehrten Rabbi zn beflecken, zu beschmutz?» und zu verketzern, was ihr aber durchaus nicht gelingen konnte. Hierüber möge übrigens bei einer andern Gelegenheit ausführlich berichtet werden. Besonders große Verdienste hatte sich Kaviali später unter der milden Regierung des Bajasid II., der ebenfalls judenfrenndlich gesinnt war, um einen beträchtlichen Teil der 1492 aus Spanien vertriebenen Juden erworben. Die Lage der Juden in Svanien war damals eine tief traurige, höchst trostlose. Das Königspaar Ferdinand und Jsabella, das Eastilien und Aragonien beherrschte, wollte ans relegiösem Fanatismus und maßloser Herrschsucht der Mauren- Herrschaft in Svanien den Garaus machen. Da aber bekanntlich zur Kriegführuna eine riest'a große unerschöpfliche Kaue gehört, di« dem Königspaar nicht zur Verfügung stand, so sanu man auf alle möglichen und unmöglichen Mittel. um bald in den Besitz grober Neichtümer und Schätze gelangen zu können. Ein Hanvtmittel für dst׳ Füllung der leeren Staatskassen bildete die Ko״stskotiou der Güter und Neichtümer iener Personen, die eines Verbrechens beschuldigt und zum Tode »erurteilt wurden. Di» Nenchristen oder Maronen aalten als die größten Verbrecher, weil sie im geheimen mit der ganzen Glut ihres Herzens dem Glauben ihrer Väter, den ste äußerlich verleugnen aezwuiiae׳, waren, treu onhänaliib bliebe״. Ilm ihretwillen wurde iiu Jahre 1 ISO in Svanien die Jnauintion eingefübrt. die f»־־ ויחוו Jahre 1898 nicht weniger als 914999 Schlochtopfer verbraucht hotte. Vicht bloß Mo rauen, sondern auch Inden, die jenen dazu behilflich waren, die religiösen Gebote, Zeremonien und Gebräuche heimlich beobachten zu ׳inen, wurden vor das Tribunal der Inquisitoren geladen und nicht selten zum Tode verurteilt, um deren Vermögen einziehen zu köunen. Ja selbst längst dahingeschiedene Maranen wurden von den frommen (?> Mönchen beschuldigt, baß sie Ketzer gewesen seien, ihre Gebeine wurden daher aus deil Gräbern gerissen und verbrannt und ihre Erben, selbst wenn sie zn den ersten Würdenträgern, ho- Heu Geistlichen und Beamten des Staates zählten, ihres Vermögens beraubt, weil man es als rechtmäßiges Eigentum des Königs betrachten;1t dürfen glaubte. Unter den vielen Opfern, welche nach dem Tode dem Glaubensgerichte anheimfielen, befanden sich auch die Eltern und Großmutter des Bischofs von Segovia D. Juan de Avilla. Jouans Vater. Dingo Arias Oe Avilla. in der Schreckenszeit Ferrers zum Ehriskeutum übergetreten, ward von König Juan zum Staats dienst befördert und von Heinrich IVin den Adel stand erhoben. Sobald nun der dem jüdischeu Stamme entsprossene Prälat, dessen jüngerer Bruder gar zum Grafen von Pugnorvsrra ernannt worden, erfuhr, was man mit den Ge beinen seiner nächsten Verwandten zn tun be absichtigte, vertrieb er die Inquisitoren aus seiner Diözese und wandte sich an das katholische Kö nigspaar mit der Bitte, dahin zu wirken, das; man diese, die Verstorbenen nicht minder als ihn, den Bischof, schändende Prozedur unterlasse. Da aber alle seine Vorstellungen erfolglos blieben, so begab er sich in der Todesstille der Nacht auf den Friedhof, grub die Gebeine der teuer» Verwandteil aus und verbarg sie' au einem Orte, der den Blicken der Henker verborgen bleiben mußte. Nach vollbrachter Tat ergriff er die Flucht und schlug leinen Weg »ach Rom ein lKaiierling Gesch. per Juden in Portugal 9.1<־. Der gestihr lichste Feind der Juden Spaniens war der damalige Groß-Jnquisitor Torqnemada, der Beichtvater des Königspaares. Dieser Tnrann halte sich es zur Lebensaufgabe gemacht, die Bekenner des Judentnms vollständig zu vernichten. Seme rnchlosen. selbst die Grundprinzipien der christ lichen Religion verletzenden Pläne wurden nach dem Falle Granadas, dem Bollwerke der?Musel inänner, tatsächlich dnrchgefülirt. Am 2. Jänner 1 l!>2 hielten Ferdinand und Jsabella in 9wanada ihren Einzug in feierlichster Weise. Und die erste edle l?> Tat, die sie aus Dankbarkeit vollzogen, war die Vertreibung der Inden ans Spanien, den! Lande, in welchem sie Jahrhun derte lang gelebt und nm die Prosperität des selben sich unverwüstliche Verdienste erworben hatten. Das verhängnisvolle Aktenstück, in welche»! sämtlichen Juden des Reiches anfgetragen wurde, innerhalb vier Monaten ansznlvander». wurde am 91.?März 1 192 erlassen. Nur denjenigen, die sich zur Annahme der Taust׳ bereitwilligst erklär ten, wurde der weitere Aufenthalt im Lande ge stattet. Das einzige Verbrechen, das den Inden Spaniens zum Vorwurst׳ gemacht wurde. war, daß sie die Nenchristen heimlich nnterstützlen und zur Rückkehr zur angestammten?lieliaio!׳ verleiteten. ״Um diesen! Nebel Vorbeugen zn kön nen", so bieß es in dem beregten Aktenstück, tvnr de ans Anordnung des .Königspaares die Jngui sition eingeführt und den Juden aller Orten ein besonderes Quartier angewiesen, allein alle diese?Maßregeln blieben erfolglos, denn die Juden fuhren dennoch fort, die Nenchristen nach wie vor von! katholischen Glauben abwendig zu machen, daher nichts anderes übrig blieb, als sie alle au-׳ den! Lande zu weisen." Als der damalig!.' Finaiiziuinisler des Kö nigsvaares. der berühmte Gelehrte Don Jiak Abravanel. von dem Vorhaben des Königsvaares Knude erhielt, eilte er sofort zum König, bot ibm große Geldsummen an. die die Inden -va nieiis bereitwilligst überreichen würden, allein seine Worte »erhallten vergebens in der Luft. Der König wäre wohl schon aeneiat gew »en. da-׳ bereits erlassene Edikt ׳.urückzuziebe». allein der ihn beherrschende, fanatische, herzlos? General inanisitor Torqueiuaoa stemmte sich mit o!l,׳׳׳ Kraft daaeaen und der verhängnisvolle Beichln», blieb unabänderlich. ״Als das Volk non diesem 1״■ ♦י1י!ח«י11י1״ Edikt erfuhr." schreibt Abravanel. ..da trauerte es sehr, überall herrschte aroße Trauer, alles Ivo׳׳ von Furcht. Anast. Schrecke». Banaen und Grauen erarisfen. Und einer rief dem andern ׳!.״ Kommt, stärken wir uns in nnserem Glauben \ 9 ij \\ 1 i ׳1

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