Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1914-11-26 · Heft 42 (26.11.1914) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 42 (26.11.1914)
Date
1914-11-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2621806-2621897-2621939--3052-2624204
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

■SS Eerte 4. ^Mttzische *»IWfttmme* Nr. 42 dienstkreuzcs dem Oberstabschef Dr. Mar Grosz, den Stabsärzten Josef Demant und Jakob Wiesner; in Anerkennung tapferen Verhaltens die bclobende Anerkennung ausgesprochen (signuin laudis) den Leutnants d. R. Mar Hirschfeld. Mar Straus; und Oskar Deutsch. Silberne Tapferkeitsinedaille l. Klasse erhielt Neserve-Zugsführer Franz Fehler, Jnfantericregiinent Nr. 11, Angehöriger der Linzer Knltusgcmcindc, für sein tapferes Verhalten vor dem Feinde bei Uhnov, indem er seinen Major und Oberleutnant vor dem sicheren Tode rettete und einen feindlichen Kosakenüberfall mit seiner Abteilung zurückschlug und dabei sehr viel Pferdematcrial der Maschinengewehrabteilung seines Regimentes dem Feinde entriß. Silberne Tapferkeitsinedaille 2. Klasse erhielt Landsturmkorporal Josef Holzer, 86. Landwehrinfantericregiment ans Oed bei Amstetten, für tapferes Verhalten vor dem Feinde bei Lublin. Wien. Der höchste jüdische Offizier unseres Heeres ist Feldmarschalleutnant Adolf Kornbabcr Ritter von Pilis, Bruder des Bürgermeisrers von Borpslav Moses Jsak Kornhabcr. — Major Moriz Seinfeld und Major Samuel Laudur sind zu Oberleutnants befördert worden. — Kadett Ludwig Lölvp hat für hervorragende Tapferkeit die höchste Auszeichnung erhalten, nämlich die Große Goldene Tapferkeitsinedaille. Krakau. Im Karlsruher Tageblatt schreibt Hans v. Hülsen: An der Nordwestccke Oesterreichs liegt lNilizien und seine alte Hauptstadt ist Krakau. Man fährt ein paar Stunden lang zwischen den Halden und rauchenden Schloten und Förderschachte des obcrschlcsischen Hüttengebietes dahin und taucht dann urplötzlich in der starken Lieblichkeit der galizischen Landschaft unter. Hier ist nichts mehr vom Lärmen rastloser Arbeit — hier ist tiefer, ländlicher Friede. Wogende Kornfelder, verschlafene Gehöfte. Das Land leicht gewellt, bic und da mit dunklen Waldslächen bctupft, eine Lilie voller Melancholie. Mau scheidet ungern und bedauert es fast, in die Stadt, nach Krakau zu kommen. Allein nur für einen kurzen Augenblick. Denn dies ist das Merkwürdige an Krakau, das; es gebieterisch sofort an seinen Bann zwingt. Man weis; nicht von vornherein, woher das kommt, erst allmäblich wird man sich darüber klar, was eigentlich so bestach und bezauberte: der ganz uueuropäische Eindruck, den diese Menschen, diese Architektur, diese farbig-belebten Straßenbilder machen. Erst in einer solchen Stadt wie Krakau merkt man. wie sehr die allgewaltige Mode an unserer europäischen Langeweile betciligt ist. Hier kleidet sich jeder — ich rede vom Volk nach seinem Geschmack: pbantastisch-bunt, voller Freude an der Farbe, lebhaft, wie über- Haupt der Charakter dieser Rasse ist. Ocffentlichc Ordnung in dem Sinne, wie wir sie kennen, scheint cs hier nicht zu geben. Wohl sieht man auch hie und da einen Schuhmann -- einen sehr vateutcn, chevaleresken und behandschuhten Gentleman. mit dem ich mich leider nicht verständigen kau» aber, als ob er nicht cristicrtc, spielt sich das öffentliche Leben in allen seinen Acußerungen mit einer llngenicrtbeit ab. die außereuropäisch und verblüffend wirkt. Ich habe im Wiener Kaffeehaus unter den Arkaden der Sueieuuiec (Tuchhallel gesessen, in den Zeitungen die leidenschaftlichen Erörterungen der Mordtat von Sarajevo gelesen und schlendere nun, da cs Abend wird, über den Ring, die Grodskagasse hinunter, am gelben, von Figuren gekrönten Magisiratsgebäude vorbei und hinunter zur Weichsei. Dort liegt, im Süden und Westen von ihr umslrömt. im Norden von der Burg beaufsichtiat, das Judenviertel. In diesen Straßen, die sich. eng. winkelig, schmutzig und von allerlei scharfen, üblen Dünsten erfüllt, rechts und links von der llliea Krakowska abzwcigen — hier fübren die Juden, wie im Mittelalter, ein abgesondcrtes Leben. Da, wo einst die Mauer stand, die ste von der übrigen Stadt trennte, läuft heute das breite, grüne Band der llliea Dietlowska: aber über Geist und Sitte hat der kräftige Atem unseres Zeitalters nichts vermocht׳, sie herrschen starr und unveränderlich in diesem Ghetto, und der Geist des Talmud schreitet cinbcr, wie eine von den alten, bärtigen Jndengestalten, die abends ruhelos, ein Sinnbild ihres Volkes, durch die Straßen wandern. Um acht Uhr, um neun Uhr abends wimmelt dies Viertel von schwarzen Kaftanen: alles ist auf der Straße und steht in Gruppen zusammen Und die Luft ist erfüllt von einer leise und eintönig summenden Melodie. An den Straßenecken sind aus schivarzumrandetcn Plakaten die neuesten Todesanzeigen angcschlagen — in hebräischer Sprache; ein alter Händler in der llliea Krakowska verkauft um wenige Heller hebräische Zeitungen und Zeitschriften, die kurios ausfchcn und dabei denen -— wie allcnthalben in diescin Stadtteil — die viele ans Deutsche anklingenden Namen auffallen. Tie Kinder spielen ans dem schmutzigen Straßendamm: die Knaben tragen an jeder Schläfe eine Haarsträhne und manche haben sie auf kokette Art hinter die Ohren gelegt . . . Ganz verändert ist hier das Bild gegen die übrigen Straßen der Stadt. Völlige Abgeschlossenheit, die nur gestört wird durch das scharfe Signal der Straßenbahn und durch ein paar staunende Fremde. Das Elend der galizischen Flüchtlinge. Aus Eger wird dem ״Prager Tagblatt" geschrieben: Sonntag den Ist. November kamen im Verlaufe des Vormittags!,:ist polnisch-jüdische Flüchtlinge, zumeist ältere Leute mit Frauen und vielen Kindern in Eger an. Mittwoch den 18. November nachmittags trafen weitere 808 solche Flüchtlinge hier ein, von denen 180 Personen nach dem Dorfe Pograth weiterbefördert wurden, während 78 dem Massenquartier in Eger zugeführt wurden. Dieses Massenquartier befindet sich in einem leerstehenden Fabrikssaale der Firma 'Neumann in Eger in der Nähe des Egerflusses. Der Kultusvorstand in Eger und der isr. Fraucuverein haben sich der Armen angenommen und versucht, ihr bedauernswertes Los zu lindern. Während die Leute die ersten Nächte hindurch auf Stroh, das auf die Steinfließen gebreitet war, lagen, bat man nun Strohsäcke herbeigeschosst und den kühlen Raum halbwegs wohnlich eingerichtet. Die meisten der Flüchtlinge sind aller Mittel entblößt. Die christlichen Leidensgcnossen stiegen in Olmütz, Chotzen und Pardurbitz aus. die jüdischen wurden nach Karlsbad, Kaaden und Eger gebracht. Einer der Flüchtlinge in Eger erzählt, daß er bereits 10 Tage in Kolbuszowa bei Nzeszow unter der brutalen Herrfchast der Kosaken gelebt hat. Es war eine Schrekkeuszeit, versichert der Erzähler, Mord, Raub, Brand, Schändung der Frauen waren an der Tagesordnung. Ganz besonders roh verfuhren die Kosaken mit den Juden, die von ihnen überall als österreichische Patrioten angesehen werden. Drei angesehene Juden wurden von den Russen am Marktplatz niedergeknallt. Vier polnische 'Nokabeln wurden als Geiseln nach Rußland geschleppt. Vier der Frauen wurden auf der langen Reise von Geburtswehen überrascht und mußten unterwegs ausgeladen werden. Jenen der Flüchtlinge. die sich in Eger mit einer Barschaft von mindestens 200 Kronen ausweisen konnten, ist aestattet worden, Privatwohnungen zu beziehen. Es waren dies sehr wenige, obwohl nicht alle Flüchtlinge arme Leute sind. Aber ste konnten sich in der Eile kein Geld beschaffen und mußten ihr ganzes Hab und Gut im Stiche lassen. Von allen Seiten gehen ihnen nun Spende an Geld und Naturalien zu. Ein Soldat brachte ihnen einige Pakein Kommißtabak. ״Wer ist der Herr?" fragte ihn ein alter Jude. ״Ich bin kein Herr", antwortete der Soldat, aber ich habe in Galizien, tvo ich meine Militärzeit verbrachte, viele Wohltaten von Juden genossen, so daß ich gern meine Schuld etwas abtragcn möchte. Mehr habe ich leider nicht." Viele der Flüchtlinge schämen sich Gaben anzunehmen. Ein junges Mädchen drängte man förmlich dazu, sich eine warme Jacke annassen zu lassen. Als man ihr die Jacke anzog, schluchzte sie laut auf: ״Ach Gott, ich soll ״nchmen" müssen. In meinem Elternhaus hatte ich alles, was ich nur wollte, und auch die Armen wurden von uns reich beschenkt." Montag wurden die Flüchtlinge in der städtischen Badeanstalt gereinigt, desgleichen die Kleider. Eine Frau aus Brzesko ist den Anstrengungen und Aufregungen der Flucht bereits erlegen, ^ie wurde Dienstag um 8 llhr nachmittags begraben. Mittwoch wurde eine andere Frau unter Cboleraverdacht in der Cbolerabaracke des Krankenhauses untcrgcbracht, wo sic bereits in der Nacht auf Donnerstag gestorbcn ist. Ihr Mann und ihre Kinder wurden sofort unter ärztliche Beobachtung gestellt und j über das Flüchtlingslager die Quarantäne verhängt. Niemand darf mehr in die Fabrik herein oder hinaus, so daß sich das Los der Armen wieder verschlechtert hat. Eßwaren, die inan spendet, müssen bei dem vor der Fabrik aufgestellten Gendarmerieposten abgegeben werden. Jüdische Flüchtlinge in London. Englische Blätter berichten, daß sich gegenwärtig etwa 6000 jüdische Flüchtlinge aus Belgien in London aufhalten. Sie befinden sich in entsetzlicher Not. Die Meisten mußten ihr ganzes Vermögen in Belgien'zurücklassen oder sind durch die kriegerischen Ereignisse gänzlich mittellos geworden. Die jüdische Bevölkerung Londons nimmt sich der Flüchtlinge in dankenswerter Weise an. Die gesamten Räume eines Londoner Hotels wurden gemietet und den Flüchtlingen zur Verfügung gestellt. Der ״Jcwish Chronicle" hat eine größere Hilfsaktion cingeleitct, die bisher ein gutes Ergebnis auswies. Leider befinden sich unter den belgisch-jüdischen Flüchtlingen neben zahlreichen russischen Staatsangehörigen auch viele österreichische und deutsche Juden, die die englische Negierung jetzt als Kriegsgefangene nach verschiedenen Konzentrationslagern gebracht hat. Sir Stuart Samuel, der jüdische Äbgeordne.te von Whitechapel, hat beim Home Secrctarh gegen die Verhaftung dieser Unglücklichen Einsprach erhoben: doch verspricht man sich von diesein Schritt keinerlei Erfolg, da in England eine wahnsinnige Spionenfurcht herrscht und alle Deutsche und Oesterrcichcr ohne Ausnahme gefangen gesetzt werden. Selbstverständlich werden von dieser Maßnahme der englischen Negierung auch die seit vielen Jahren in England ansässigen österreichischen und deutschen Juden betroffen,' aber am schwersten müssen darunter die jüdischen Flüchtlinge aus Belgien leiden, die gehofft hatten, nach den Schrecken des Krieges im freien England eine ruhige Zufluchtsstätte zu finden. Wie sehr übrigens die judenfeindliche Gesinnung des russischen Bundesgenossen auf die öffentliche Meinung in England abfärbt, zeigt eine Artikelseric in der ״Morning Post", in der die russischen Inden heftig angegriffen und der Spionage zugnnsten Deutschlands und Oesterreichs beschuldigt werden. Nrünner Nachrichten Wohltätigkeitsvostellung. In der Wohnung der Frau I. Tugendhat, Parkstraße 10, fand Sonntag, den 22. d. M. eine Dilettanten-Vorstcllung statt, welche einen in jeder Beziehung guten Verlauf nahm und einen Ertrag von 21 st Kronen ergab. Dieser Betrag äst von Frau Tugcndhat für das Hilfskomitee für die galizische״. Flüchtlinge des Vereines Machsike Hadas. durch Herrn Sigmund Baß an Herrn Dr. Karl Sonnenseid übergeben worden. Das Komitee spricht Frau Tugendhat den herzlichsten Dank aus. Jüdische Vorlesungen. Wie bei den ersten zwei Vorträgen, konnte der Saal des Ncgetarischeu Spcisehauses, Adlergasse 8, auch an diesem Lountag die zahlreiche Zuhörerschaft nicht fassen, die den Vorträgen aus der Geschichte und Wissenschast des Judentums trotz des Krieges eine so lebhafte Teilnahme cntgcgenbringt, das; wieder viele keinen Einlaß mehr fanden. Auch der nächste Sonntag bringt ein sehr anziehendes Thema, das geradezu eine geschichtliche Denkwürdigkeit bildende Buch ״Nom und Jerusalem" von Moses Heß, der gleichwie der scharfsinnige und berühmte Denker Hermann Cohn (gcb. 1812, von 1870- - 1012 ordentlicher Professor der Philosophie an der Universität Marburg in Prenßisch-Hessen, seither im Ruhestand in Berlin lebend) zu den weltlich gelehrten und dabei begeistertsten Banncrträgcrn des Judentums gehört, und zwar auch vom nationalen Standpunkte, während Hermann Cohn, geheimer Negierungsrat, dessen ausgczeichnete Abhandlung ״Die religiösen Bewegnngen der Gegenwart" den Gegenstand des dieswöchigen Vortrages bildete, das Judentliin Var allem als Träger des reinsten Gottcsgedankens und der strengsten Sitten- oder Pflichtenlehre r! -7

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.