Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1914-11-26 · Heft 42 (26.11.1914) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 42 (26.11.1914)
Date
1914-11-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2621806-2621897-2621939--3050-2624202
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 42. ״Attische Seite 2. rcn Moscheen beteten, greifen nun zum Schwert, uni der gerechten Sache ihrer Verbündeten auch mit der Waffe in der Hand zu dienen. Tic Anstrengungcn Englands und Rußlands, die Türfei auf ihre Seite zu ziehen, mußten fehlschlagcn. Die Behauptungen der englischen Politiker, ihre Mission fei, den deutschen Militarismus zu brechcn, kann unmöglich ernst genommen werden. Denn der preußische Schneid i>at bisher der Welt keine Opfer verursacht, während der englische Egoismus Belgien zugrunde gerichtet, Frankreich gedcmütigt und der ganzen Welt Not und Elend gebracht hat. Die verblendete Politik der englischen Machtl-abcr trieb ihnen den blutdürstigen Zaren als Busenfreund zu, der ebenfalls auszieht, um die slavischen Völker des Westens zu ״befreien". Wie wir uns aber diese Befreiung vorzustcllen haben, darüber möge die in Ost- Preußen und Galizien von den eingefallenen Kosakenhorden massakrierte Bevölkerung Aufschluß geben. Gedenket unserer Krieger zürn Chanukafest. Chanukka ist ein Kricgcrfest im höheren Sinne des Wortes, ein Fest des jüdischen Heldentums, ein Sieg der Sittlichkeit über den Barbarismus, ein Triumph des jüdischen Geistes. Kein Fest eignet sich daher so sehr dazu, den jüdischen Kriegern eine Freude zu bereiten, als dieses. Einseitigkeit wird man uns bei gerechter Beurteilung nicht vorwcrfcn dürfen. Wir Juden leisten wahrlich genug für patriotische Zwecke und freudigen Herzens beteiligen wir uns am großen Werke in dieser großen Zeit. Wenn wir aber unscrer jüdischen Krieger bei Gelegenheit eines jüdischen Festes bcsondes gedenken, so ist das nur natürlich. Wir glauben, daß die Idee leicht vcrwirklicht werden könnte, wenn sich geeignete Manner ihrer annchmen. Keine jüdische Gemeinde und kein jüdischer Verein würde sich bei dieser Sammlung ausschließen. Die Chanukkagcschenkc, die für unsere Krieger bestimmt sind, könnten sinnig ausgcstaltct werden, daß sic nicht nur dem körperlichen Behagen, sondern auch der Erhebung des Seelenlebens dienen. Die Geschenke sollen dazu beitragen, daß auch unsere Krieger im Schützengraben freudig unseres schönen Chanukkascstes gedenken. Nicht nur Geld, soudcru auch warme Liebe tvollen wir unseren tapferen Söhnen im Felde geben. Hebräisch-deutsch ä 1 60 zu beziehen durch den Jüd. Buchu. Kunstverlag, Brünn Seht die Nisse, kraus verzückt, Künden Ehren, sondergleichen, Mehr als Bänder, goldbcdruckt, Mehr als .Kränze, Würdenzcichcn. Diese Bretter sollen hin Treu und traut im Tod umfarigcn. Als beredte Zeugen hin Auch zum Wolkenthron gelangen. Gottes Auge wird darauf All' sein hcilvoll Walten lesen,. Seinen frommen Lebenslauf Lohnen unter lichten Wesen. Ich allein will — rührt nicht d'ran, Keinen soll die Arbeit kümmern — Nun den Sarg den alten Mann Mit den alten Händen zimmern" . . . Nus der Schreinerwerkstatt dringt Schrilles Sägen, dumpfes Hämmern, Und kein Arbeitslicdchen klingt In das winterliche Dämmern. Pl. Aufruf! Kollegen und Kolleginnen! Wenn wir uns heute an Euch wenden, so sei cs unser Erstes, derer zu gedenken, die im Süden und Norden des Reiches weilen, um gewafsnet cinzustehen für die Freiheit Oesterreichs. Es sind nicht wenige, die der ,Krieg unseren Reihen entzogen hat. Hoffen wir, daß alle, alle gesund und rüstig wieder zu unserer Fahne stoßen, nachdem sie mitgeholfen, unsere Brüder in Rußland von Knechtschaft und Elend zu befreien. Kollegen und Kolleginnen! Schwere Zeiten durchleben wir. Wir sind Zeitgenossen eines Ereignisses, daß ungeheurer und folgenreicher ist, als alles vorher. Kleinlich mag cs Euch dünken, in solcher Zeit Euch daran zu erinnern, daß nicht nur die großen, solgenschtveren Entscheidungen auf den blutgcdüngtcn Schlachtfeldern, nicht nur die Gegenwart und die Zukunft Oesterreicht׳ Eurer Organisation, des Jüdischen Handlungsgchilscn-Verbandcs Euer Denken beanspruchen sollen. Und doch ist es nicht kleinlich. Jeder stehe zu seiner Fahne! Der Soldat im Felde stehe treu zur Fahne des Heeres, der friedliche Bürger stehe treu zur Fahne, die er in Friedenszcitcn als sein Panier sich erwählt. Treue und Standhaftigkeit sind die Tugendcn des Mannes, die jetzt mehr denn je gelten. Diese Tugenden zu zeigen, jeder an seinem Platze ist unsere, ist Eure Pflicht. Schwer drückt die Last des Krieges die Gesamtheit. Die Ordnung von gestern ist verschwunden, neue wirtschaftliche Zustände sind an Stelle der alten getreten. Und auch das Ungewohnte hat Macht. Doch nur über die, die sich von ihm beherrschen lassen wollen. Eure Aufgabe ist, zu erkennen, daß die gesprengte Ordnung nur vorübergehend gesprengt ist und hoffen wir, daß in nicht allzuferncr Zeit, die Gesetze des Friedens wieder wirksam sein werden. Kollegen und Kolleginnen! Wohl kein Stand hat unter den Kriegsfolgcn so sehr zu leiden, wie die Handelsangestcllten. Die vollständige Stokkung des Handels hat mehr denn je die Hälfte unserer Kollegen arbeitslos gemacht, von den klebrigen sind die Mehrzahl in ihren Bezügen beträchtlich geschmälert und dank der Sistierung von Gesetzen und Verordnungen ist für ein Minus an Lohn, ein Plus an Arbeitszeit zu leisten. Es ist heute nicht die Zeit um diese Sistierung von Gesetz -und Verordnung zu kritisieren, ebensowenig wie wir heute schon das Verhalten einzelncr Firmen nach Gebühr würdigen können. Tic Zeit des kritischen Rückblickes ist noch nicht gekommen. Wir werden nicht ermangeln, das Gute und das Schlechte zu erwähnen, das Eine zu loben, das Andere zu tadeln. Unser Verband ist jung׳, noch stehen wir in den Anfängen. Wem kann es Wundern, wenn wir uns da die mit etwas Bangigkeit gemischte Frage vorlegtcn, ob wir den Sturin übcrstehcn werden. Seit Gründung des Verbandes haben wir nie eine Ruhezeit gehabt. Stets standen wir im Kampf gegen Gegner, die älter und darum mächtigcr sind als wir. Nie waren wir zaghaft. Gefahren und Hindernisse haben uns nie geschreckt. Zielbewusst und entschlossen gingen wir unseren Weg. Und dennoch, die Gefahr, die uns jetzt umdrohte, war die schwerste, die wir je begegneten. Unsere Mitarbeiter und Führer im Felde, die Bande die sich zwischen Wien und Provinz verheißungsvoll zu schlingen begannen, drohten zu reißen. Erwerbslose in ungeahnter Zahl, Untcrftützungsbedürfige in erschreckendem Maße. Sein oder Nichtsein? Das war die Frage. Mit Stolz und Genugtuung können wir sagen, auch dieser Gefahr waren wir gewachsen. Unerschüttert stehen wir auch heute. Wieder hat der I. A. V. die Lebenskraft bewiesen.׳ Ungleich mancher anderer Organisation, die die Auszahlung von Stellenlosenunterstützungcn überhaupt eingestellt haben, haben wir sämtlichen Bezugsberechtigtcn ihre Ansprüche an Stcllenloscnrente ausbezahlt. Wir sind der Ansicht, daß die Unterstützung der stellenlosen Mitglieder nun das Wichtigstc ist. Uni diesem Zwecke möglichst große Mittcl zuwendcn zu können, haben wir an den Ausgaben gespart, so vor allem das Erscheinen unserös Blattes bis auf weiteres eingestellt. Kollegen und Kolleginnen! Trotzdcin der Stand unserer Organisation noch ein günstiger ist, erachten wir es als unsere Aufgabe, Euch ernstlich an Eure Pflicht zu erinnern. Zwei Punkte sind, die ihr vor allem zu erfüllen habet. In erster Linie ist cs die regelmäßige und-prompte Beitragsleistung, die wir von Euch fordern. Weit größer denn je sind die materiellen Forderungen, die jetzt an uns gestellt werden. Mehr als Eure Pflicht zu tun, soll jetzt Euer Streben sein. Gedenket jener Kollegen, die stellenlos sind, besteuert Euch selbst zu deren Gunsten, denn wir wollen und muffen mindestens den Mitgliedern, die vom Felde ohne Stelle hcimkehrend ohne Stclle sein werden, die Stcllcnlosenrcnte zur Gänze auszahlen. Das ist die primitivste Dankesschuld, die wir den Soldaten aus unseren Reihen abzustatten haben. In zweiter Linie erwarten wir von Euch, daß ihr auch jetzt die Bestrebungen des Verbandes tatkrästigst unterstützt. Unsere Aus- Wisse sind Numpfausschüssc. Unterstützt die zurückgebliebcnen Funktionäre der Ortsgruppen in ihrer Arbeit, kommt oft zusammen und werbet auch jetzt für den Verband ncrie Mitglieder. Wer- 3et jetzt, denn nie noch hat sich die Notwendigkeit drs organisierten Zusammenschlusses mehr gezeigt. In ernster Zeit richten wir an Euch ernste Worte. Beherziget sie; und ungcschwächt und unerschüttert werden wir eintretcn in die Zeit des ruhmreichen Friedens. Verband der jüdischen Handelsangestcllten, Zentrale Wien. Generalversammlung der A. I. K. O. Die diesjährige Generalversammlung der ״Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" fand am 1. November zu Berlin im Bureau der Organisation statt. Den Vorsitz führte Kommerzienrat Gerson Simon, Berlin. Den Bericht über die Tätigkeit der A. I. 51. O. im Jahre 1013/14 erstattete der Vorsitzende des geschäftsführcndcn Ausschusses, 2r. Alfred Nossig. Die A. I., K. O. fördert die Kolonisation der Juden im Orient teils durch Organisierung von Bodcn-Erwerbsgenosscnschaftcn und Vermittlung von Terrainkäufcu, teils durch Gewährung von Agrarkredit. Die mit Hilfe des Finanzinstitutes der A. I. K. O. ״The Orient Colonising Co Ltd." gegründete Kolonie ״Kiriath Mosche" zwischen Jaffa und Jerusalem entwickelte sich im Berichtsjahre 1013/14 in erwünschter Weise. Als besondercs Verdienst des Verwalters der Kolonie ist hervorzuhcben, daß cs ihm gelungen ist, cinhcimische, scphardische Juden aus Liberias zur landwirtschaftlichen Tagclohnarbcit in der Kolonie heranzuziehcn. Die Gründung einer zlveitcn Kolonie wurde von der A. I. K. O. durch die im Berichtsjahre abgeschlossene Organisierung der Bodcnerwcrbsgenossenschaft ״Jischub" vorbcrcitet. Die Mitglieder dieser Genossenschaft, gegenwärtig in Lublin, Warschau, Czenstochau ansässig, zahlen durch eine Reihe von Jahren Raten ä 500 Rubel bei der ״Orient Colonising Co." ein, wogegen diese verpflichtet ist, für sie Boden zu kaufcn, denselben bis zur llebersiedlung der künstigen Kolonisten zu bearbeiten und alle crsordcrlichcn Vorschüße in Forin eines innerhalb 12 Jahren zu amortisierenden Agrarkredits zu leistcn. Vor dem Ausbruch des Krieges wurde vou den Mitgliedern des Jischub die erste Halbjahresrate erlegt. Zwecks Auswahl eines geeigneten Terranis für die neue Kolonie weilte der Generalsekretär der A. I. K. O. mehrere Monate im Orient, wo er auch längere Zeit in der 510lonie ״Kiriath Mosche" verbrachte und die Unter- Handlungen betreffend den Ankauf von Terrains auf der Sinaihalbinsel betrieb. Da jedoch die als unerläßlich betrachteten Bedingungen noch nicht vollständig erreicht wurden, konnte der von dem Wiener Komitee der A. I. K. O. für diesen Zweck aufgebrachte und bet der ״Orient Colonising Co." deponierte Fonds noch nicht zur Ver- Wendung gelangen. Eine sehr rege Tätigkeit entfaltete die A. I. K. O. im Berichtsjahre auf dem Gebiete der Propaganda; und zwar einerseits in Deutschland, anderseits in Rußland und Russisch-Polen. In Deutschland besaß die A. I. K. O. früher nur in Berlin, Hamburg und Frankfurt Mitgliedergruppen. Im Laufe dieses Jahres entstanden im Anschluß an Propagandaversammlungen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.