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Jüdische Volksstimme · 1914-11-11 · Heft 40 (11.11.1914) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 40 (11.11.1914)
Date
1914-11-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Nr./ 4. »Mische L»N»sti««e.E Nr. 40- . ^A'tlmge hergerichtet worden, wo sic auch ver- .!egt werden. Es ist rührend zu sehen, wie auch?־ Ärmsten Juden aus dem Ost-End sich an dem -llZs'swerk beteiligen. Das Elend ist unsagbar «roß. Hunger in Jerusalem. Oie sonst in Tischri eintrcffcnden spenden aus Europa und Amerika sind ausgebliebcn. Bargeld ist nicht mehr vorhanden. Tausende stcden vor der Not. Es mögen heute schon mehr als 2000 Personen sein, die von dem leben, was sie in den Notküchen (Speisen sür etwa 10 Pfg.) erhalten. Es sind mir Fälle bekannt, dass Familien von etwa eineinhalb Franks in der Woche ״icblen". Tabei ist die Zahl derer kaum zu übersehen, die lieber hungern als in die Volksküche gehen. Ob die amerikanische Geldsendung gerade den äußerst bedrohten Bevölkerungskrcisen zugute kommen wird, erscheint fraglich. Ein jüdischer Gaon als Fcstungskommandant und Fortifikationsingcnicur. Rabbi. Josua Zeitlisch, der hervorragendste Gaon seiner Zeit (bekannt sind seine Nesponsen und der Kommentar zum Smak) und reicher Ohik-liciivu'v, lebte in Schklow in Ru׳'׳'^-Polen zur Zeit Katharina II. Aber nicht allein durch seine eminent-e jüdische Gelehrsamkeit, sondern niid׳ durch sein großes mathematisches Talent, svez u auf dem Gebiet des Fortifikationswesens zeich er sich aus. Ter damalige Günstling ,\(at! ■ 1s, Potemkin, erkannte seine große Bedeutu nd ernannte ihn im .Kriege gegen Polew z!! ׳slungskommandanten und Kriegsingenier Festung Oszadow. Tank seiner großen T!!ck Oalcit und seinem Scharfsinn konnte die belagerte Festung Nußland erhalten bleiben. Er wurde dann geadelt und mit dem Gute llschz belehnt. Lar (der Fürst> wird er betitelt. Ans diesem Gute errichtete Rabbi Josna eine Art jüdische Akademie ein, indem er große jüdische (belehrte um sich versammelte, welche, durch seine Muuifizcnz jeglicher Sorge bar, sich ihren Spczialnudicn in Muße widmen konnten. Tr. med. Raine r, Wiesbaden. Nach hundert Jahren. Erew Nosch chodesch Cheschwan waren es hundert Jahre, daß der berühmte Rabbi Salomon Wolf K lein in Bischheim bei Straßburg i. E. geboren wurde. Terselbc starb als Oberrabbincr von Eolmar im Jahre 1 <S(»7 (lTClieschwan). Er war ein Kämpfer sür das streng traditionelle Judentum, das er in Wort und Schrift verleidigte. Rnssisch-Pvlcn. Ter alte brave Joel Abraham saß vor seinem Häuschen in Wnsmierzyce. setzte die Brille zurecht und las verschiedene an die Juden gcrichleie Proklamationen. Tann legte er seinem Sohn Jakob die Hand auf den Scheitel und sagte: ״Was, mein Kind, das habe» wir uns nicht träumen lassen, daß wir mal 'ue Hauptperson werden'. V" ' ' (״Ulf.") Vernichtete jüdische Gcmcindc». Tw kurze Zeit der Russeulierrschast in Ost- Preußen und die blutigen Kämpfe, die sich dort abspielten, haben eine ganze Anzahl einst blühender jüdischer Gemeinden zerstört. Andere wiederum sind in ihrer Existenz stark gefährdet, falls ihnen nicht Hilfe zuteil wird. Gemeinden, wie Evdtkuhnen, bisher mit 100 Seelen, Stalinpöueu mit 112 Seelen, Gumbinnen mit rund 17.0 Seelen, Markgrabowa, Neideuburg, Orielsbürg. Lnck und andere sind fast ganz verschwuude». Zahlreiche jüdische Kultnsbeamte haben nicht nur ihre Stellung, sondern auch alles Hab und 0)1,( verirren. Ihrer hatte sich schon gleich nach der Vertreibung der Russen aus Ostpreußen der osipreußische Provinzialverband jüdischer Gemeinden angenommen, dem von anderen Gemeiudeu. so z. B. von Berlin, ein Beitrag für diesen Zweck zufloß. Aber die Stellungen, die jenen bedauernswerten Opfer des Krieges verloren haben, können erst wieder geschaffen werden, trenn die südjscheu Gemeinden, in denen sie slingierten, wieder ai'sgebaut sein werden. In den Mitteln, die dieser Tage der vreußische Landtag! sür die Hilfeleistung des zerstörten Teiles von j Tstpreußen in dem ansehnlichen Betrage von 200, Millionen Mark bewilligte, sind nach der Ge-; setzesvorlage auch solche für die Kirchen gemeinschäften enthalten. Diese staatlich zur Verfügung gestellten Mittel sollen nun, wie wir erfahren, auch für den Wiederaufbau der zerstörten jüdischeu Gemeinden nutzbar gemacht werden. Ter ״Deutsch-Israelitisch: Gcmeindebund" hat sich mit dem Provinzialverband der jüdischen Gemeinden Ostpreußens bereits in Verbindung gesetzt und sich mit ihm gemeinsam an die Staatsregierung gewandt, um aus den vom Landtag zur Beseitigung der Kriegsschädcu in Ostpreußen bewilligten Mitteln einen angemessenen Beitrag auch für die Wiederherstellung der während der Russenherrschaft reruichtetetcn jüdisch-religiösen Gemeinwesen zur Verfügung zu erhalten. Es ist anznnehmen, daß dieser Antrag die wünschenswerte Berücksichtigung findet und daß in den zerstörten ostpreußischen Ortschaften und Städtchen die jüdischen Gemeinden bald wieder neu erstehen werden. Bei den Toten des.Kampfplatzes. Ter Kriegsberichterstatter des ״Az Eft" Paul Keri gibt in dem genannten Blatte eine ergreifende Schilderung seines Ganges zwischen den Totcnveihen nach der fürchterlichen Schlacht bei Przcmysl. Wir entnehmen dieser Schilderung folgende packende Stelle: ״Leiche liegt neben Leiche. Ungefähr sechs Schritte von der Bykover Stellung entfernt zieht sich der lebte Graben und dann unmittelbar vor dem Trahtzaun» kaum dreißig Schritte davon wieder einer. Diesen Graben mußten sie unter hämmernden Hagelregen der Kugeln in fürchterlichem Feuer graben. An einer stelle im Graben verraten Aschenreste, daß hier Feuer gelegt wurde, daneben ein Blechtopf mit Tcerresten am Grunde. Und ich stoße auf drei Leichen, vor denen ein aufgeschlageues Gebetbuch liegt. Ich hätte gerne gelesen, was sie in der lebten Minute ihres Lebens gebetet haben, aber zwei sind mit hebräischen Buchstaben' und das dritte ist russisch .... Ich habe noch ein Gebetbuch gesunden, ganz vorne unmittelbar neben dem Trahtzaun. Auch hier war der Betend ein Jude, ein langbärtiger polnischer Jude, neben ihm ein mächtiges Gebetbuch. Wie mußte er dieses schwere, große Buch in der Hand schleppen, und mit welchem Gemüt ging er zum Sturm mit dem Gebetbuch in der Hand'( Tie jüdische akademische Verbindung ״Nnitas" im Felde. Fast alle Mitglieder der Wiener jüdischen akademischen Verbindung ״Unitas", sowohl die aktiven als auch ihre Alten Herren, stehen im Felde. Einen schweren Verlust hat die Perbindüng durch den Tod ihres A. H. Ingenieur Albcrt Schulhof, k. k. .Reservclcutuants, erlitten, der am 17». August einem schweren Leiden im Truppenspital in Jglan erlegen ist mid dort mit alten militärischen Ehren bestattet wurde., Tie Verbindung betrauert in ihm ein überaus tüchtigcs und hingebungsvolles Mitglied und einen treuen, tapferen Sohn seines Volkes. So weit bisher bekannt wurde, haben sich von den ״Uniten" besonders ausgezeichnet die Alten Herren der Verbindung k. k. Richter Tr. Erwin Gallus, Reservelentnant. und Reserveoberleutnant Tr. Rudolf Trainer. Ter Kaiser hat nämlich aubcfohlen, daß in Anerkennung tapferen Verhaltens vor dem Feinte die Allerhöchste belobende Anerkeunung dem Richter Leutnant in der Reserve Tr. Erwin Gallus des Jnf.-Reg. (17 bekanntgegeben werde, und hat den Leutnant in der Reserve Tr. Rudolf Trainer der Tr.-Tio».!> für hervorragende Leistungen vor dem Feinde zum Oberleutnant in der Reserve ernannt. Ter bibelfeste Leutnant. Ter ״Neuen Hamburger Zeitung" schreibt ein Leser: Ich erhielt dieser Tage von eine», Freunde, einem Jnfanterieleutnänt, der mit dabei war, als Kluck den Engländern die ersten deutschen Hiebe gab, eine Feldpostkarte, die-lautete: ״Lieber Freund! Wir haben sie verhauen, , die englischen Schentelmänner. Leider warens nicht viele. Aber man hört, daß Mister Kitchener neue Massen auf den Kontinent werfen will. Bravo! Wenn ich ihnen dann eine Feldpostkarte schicke, ans der nichts weiter stellt als Zephanja, ,Kapitel 1, Vers 11. dann ists so weit. Herzlichst j Ihr B." — Ich schlug nach und las im Verse 11, ,Kapitel 1 des Propheten Zephanja: ״Das ganze Krämervolk ist dahin!" Belgische jüdische Flüchtlinge. Unter den Flüchtlingen, die vor den Schrekken der Beschießung Antwerpens nach Holland geflüchtet sind, dürfte die geringe arme jüdische Bevölkerung vollständig vertreten sein. Es gereicht den holländischen Hilfsorganisationen zur Ehre, daß sic sich auch dieser jüdischen armen Flüchtlinge angenommen haben und sogar, wie anerkennend hervorgehoben werden soll, auch den rituellen Bedürfnissen dieser Aermstcn Rechnung getragen. Sic werden mit ritueller Speise versehen und wird auch sonst für sie gut gesorgt. Tie meisten ausländischen jüdischen Diamant- Weiser, die durch den Krieg heimatlos geworden, haben sich gleich nach dem .Kriegsausbruch nach ihren östlickien Heimatsländern begeben. Hier handelt es sich um die heimischen Arbeiter, die bis zu den letzten Stunden vor der Beschießung in Antwerpen geblieben und dann nach Holland geflüchtet sind. Sie werden zweifellos nunmehr ungefährdet wieder in ihre Heimat zurückkehren können, nachdem die deutsche Verwaltnng die Einkehr geordneter sicherer Zustände gewährleistet. Gegen den Antisemitismus im deutschen Heere. Einer von den hier garnisonierenden Landwehrlenten, ein Jude, wurde häufig beschimpft. Er beklagte sich darüber beim Hauptmann, der daraufhin die Kompanie zusammcnrief und folgendcs sagte: ״Wir sind alle Kameraden, und so lange Ihr Eure Pflicht tut, ist mir einer so lieb wie der andere. Derjenige, der seinen Kameraden seiner Konfession wegen beschimpft, ist ein Schuft, denn alle Mannschaften sind doch bereit, ihr Herzblut für Kaiser und Reich zu opfern, wenn es verlangt wird, und deshalb müssen wir gute Kameradschaft halten. Ich erwarte, daß so etwas in unserer Kompanie nie wieder vorkommt." Ob sich die Antisemiten das zu Herzen nehmen und danach verfahren werden? Russische Judenpolitik. Ist schon zu Friedenszeiten die russische Judenpolitik, ein Oiebiet, das kaum dem Westeuro-- päischen Sinne begreiflich zu machen ist, so gestaltet sie sich im Kriege noch kurioser. Es zeigt sich schon darin, wie kopflos die russische Negiernng geworden ist und wie sehr ihr jede feste Richtung fehlt. Auf der einen Seite möchte man die Stimmung innerhalb der jüdischen Bevölkernng günstig für Rußland gestalten. Tatsache ist es, daß die russischen Inden, trotz aller Verbittcrung sich sehr tapfer geschlagen haben. Die Anerkennung dieser Tatsache läßt aber die russische Regierung ans ihre ewige Judenfeindschaft nicht verzichten. Das Wort des Großfürsten Nikolai Nikolaijewitsch: ״Wenn sich meine Soldaten schinden, müssen sie auch ein Vergnügen haben. Wenn dabei ein paar Judenschädcl cingeschlagen werden, so hat das trotz des Oieschreies der Londoner Synagogen keinerlei Bedeutung",, soll authentisch'sein, und das charakterisiert Die ־ Auffassung der russischen Militärbehörde. Tie sogenannten stillen Pogrome, d. h. die unblutigen .Verfolgungen, scheinen auch nicht aufgehört zu haben. Noch schlimmer aber ist der Fall Tanziger, über den wir in der letzten Rummer berichteten. Es war zwar der Befehl gegeben worden, sogenannte Pogroms zu vermeiden, damit nicht die Juden in London, Paris und Petersburg verstimmt werden. Man sieht auch daraus, wie töricht die Hoffnung der unverbesserlichen Optimisten ist, daß in Rußland etwas für die Inden zu erwarten ist. Tie Juden Rußlands können ihr Heil nur von einer Zertrümmcrnng des großen Reiches und von einer Schwächung seiner Kraft erwarten. Tiefes schicksal teilen sie mit allen freiheitlichen Elementen des Riescnreiches. Von einem starken Rußland haben die Inden sowohl wie die Kultur nur das schlimmste zu erwarten. Ein Taufjude. Ter ungarisch-jüdische Kunstinaler Philipp Laszlo ist vor einiger Zeit ״ans Ueberzeugung" zum Ehristentum übergetreten. Herr Laszlo mimte natürlich stets den Rassenngar und glühenden ungarischen Patrioten. Ta er seit einigen Iahreu in England lebte, benutzte er den Anlaß des Kriegsausbruches, um — aus der ungarischen Rasse auszntrctcn und das englische Bürgerrecht zu erwerben. Es geht doch nichts über die An- Passungsfähigkeit der Tanfjnden!

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