Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 38 (28.10.1914)
- Date
- 1914-10-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4. Attische S»lk«fti»«e.E Nr. 38 bedrängten Brüder und Schwestern nicht verkümmern, nicht uinkonnncn zu lassen. Möge dieser Notschrei auch mitten in den Schrecknissen de' Krieges überall gehört werden." Kuaäsckau. Nachc für Kischincw. Wir erhalten solgende Zuschrift: Geehrter Herr Redakteur! llebermorgen gehe ich freiwillig mit Niederösterreichischcn ins Feld zur Rache für Kischincw und Bialystock. Mit dem letzten Transport gingen zwei Freiwillige. Einer davon. Fähnrich Siegfried Toch. Jude. Der zweite Jude im Bataillon ist ZugSführcr Glogauer. — Eadett Fürst ist verwundet. Hauptmann Tr Winter. Battaillons-Commandant bereits im Felde. Zionsgrüße Ihr Fähnrich Tr. Hans Fischl. Eine neue Barackcnstadt in Mähren. Wie die tschechischen Blätter nleldcn, wird bei Svatoboritz aus den Gründen des Grasen Seilern eine Barackenstadt für 7000 jüdische Flüchtlinge aus Galizien errichtet. Ein neues Manifest. — Versprechungen an die Juden. Tie ,,Zeit" meldet aus Gens: Das erste Fa ren-Maniscst an die Polen hatte nach Petcrsbur ger Meldungen einen Mißerfolg. Ter Zar erlässt daher jetzt eine zweite Mahnung, indem er die Befreiung aller Slauen verspricht. Ein ״goldenes Zeitalter", so heisst es in diesem Appell, bricht für die Slavcn ein, denen die Juden als Brüder an gegliedert werden. Hohe Auszeichnung. Ter Sohn des in weiteren .Kreisen bekannteil uiid hochgeschätzten Professors und Oberkantors Herrn Leon Kartschmarosf (Gr.-Kanizsa) wurde mit einer großen, nicht alltäglichen Auszeichnung bedacht. Es ist dies Herr Stabsarzt Tr. Sandor Kanizsay, der bereits in Friedenszeitcn mit bcm ״Signum laudis" dekoriert wurde; er erhielt als Kommandant der k. 11. k. Insanteric-Tivisions-Tanitätsanstalt Nr. ^>2 von Sr. M. dem Kaiser für seine ausgezeichneten Tienstc als Sanitätsches, für tapferes und ausopferndes Verhalten vor dem Feinde das Ritterkreuz des Franz-IoscSordens am Bande des Militärvcrdienstkrcuzcs. — Stabsarzt Tr. Kanizsay ist den Traditionen seines Elternhauses gemäß ein treuer und gläubiger Jude geblieben und hat sich als Mensch und als Arzt in seinen Garnisoneu allgemeinster Achtung erfreut und sich jetzt in Feiten schwerster Pflichterfüllung die erwähnte Auszeichnung verdient und erworben. Aus dem Felde der Ehre gefallen. Erwin Freund, Ersatz-Reservist des k. u. k. '.'1. Infanterie-Regimentes, Sohn des Budweiser Advokaten IUTr. Joses Freund, ist am 7. Ccptember 1011־ ans dem südlichen Kriegsschauplätze heldenmütig kämpfend gefallen. "rzhcrzvg Franz Salvator im jüd. Spital. Erzherzog Franz Salvator weilte vor cinige; logen als Protektor des Roten Kreuzes in Bi; . es!, lvo er u. a. auch dem Spitale der Budapesier isr. Kultnsgemcinde, in welchem viele verwlindctc Offiziere und Soldaten gepflegt werden, einen Besuch abstattete. Ter bekannte Chirurg Primarius Professor Tr. Heinrich Alapv übernahm die Führung des hohen Gastes, welcher länger als eine halbe Stunde in den verschiedenen Sälen weilte. Ter Erzherzog war über das Gesehene außerordentlich befriedigt, und richtete bei seinem Abschiede an den ausgezeichneten Chefarzt die folgenden Worte: ״Herr Professor, es gereicht der isr. Kultnsgemeinde zur großen Ehre, daß sie dieses herrliche Institut den verwundeten Soldatcn zur Verfügung gestellt hat." Prof. Alaph erwiderte hierauf: ״KaiserI1ick)e und königliche Hoheit, die jüdische Gemeinde betrachtet dies als ihre patriotische Pflicht." Ter Erzherzog wandte sich hieraus abermals an den Profeyor und bcmerkte: ״Ja, patriotische Pflicht... Aber cs ist gut gemacht." Ein betagter Luftschiffer als Kriegsfreiwilliger. Ein 62jährigcr jüdischer Soldat, Herr Paul Spiegel aus Chemnitz, ein bekannter deutschergebildet worden. Ein großes Massenmeeting der Lustschisfer, ist als Kriegsfreiwilliger in die deutsche Armee eingctrctcn und tut Ticnst beim König!, bayrischen Lnftschifserbataillon in Münchcn. Russische Gcwaltatcu gegen die Jude» in Galizien Verläßliche Nachrichten aus Galizien stimmen darin überein, daß die Russen überall in Galizicn. wo sie Ortschaften besetzen, mit systcmatischer Brutalität gegen die jüdischen Einwohner Vorgehen, die ruthcnische Bauernbevölkerung gegen die Juden anfhetzcn und jüdisches Eigentum sowie das Eigentum der zumeist geflüchteten Pol- Nischen Gutsbesitzer rnthenischcn Bauern überantworten. Tie von den Russen an jüdischen Einwohnern verübten Gewalttaten nehmen immer größeren Umfang an, wodurch der Aufruf des Foren: ״An meine lieben Juden" eine sehr merkwürdige Beleuchtung erhalte. Krieg und Jom Kippur. In vielen jüdischen Gemeinden des Elsasses mußte der diesjährige Kol-Nidre-Gottesdienst unterbleibeu, weil nach den während der Zeit, da in der Nähe Kämpfe stattsinden, geltenden Vorschriftcn, von abends 0 Uhr an keine Pcrsammlungcn stattfindcn dürfen. In Gebwcilcr durfte am Roschhaschonoh nicht Schofar geblasen werden, und auch beim Regimcntskommandantcn konnte hiefür keine Erlaubnis erwirkt werden. Es erregt Befremden, daß in einigen Gemeinden die Nabbincr unter den ersten waren, die bei Ausbruch des Krieges die Stadt verließen, während cs nach allgemeiner Meinung gerade in dieser traurigen Feit die Pflicht der Rabbiner wäre, im Kreise ihrer Gemeindemitglieder auszuharren, um den Bedrückten und Betrübten Trost zuzusprechen. Ein jüdischer Schutzmann. Ein Feichcn der durch den Krieg herbeigcführten Sinnesänderung der bisher nicht sehr judenfrcundlichen sächsischen Verwaltung ist die jetzt erfolgte Ernennung eines Juden zum Leipziger Hilfsschutzmann. Ter Kaufmann Lippmann tut seit einigen Wochen als erster jüdischer Schutzmann seinen Ticnst und soll die Autorität, die man bisher an den Juden vermißt, ganz gut bcwähren. Ein Granatsplitter in Gold gefaßt. Ter jüdische Soldat Leopold Meier aus Har bürg wurde bei Hochwalsch durch eine Granate schwer verwundet. Sic zerschmetterte seinen rechtcn Oberarm. Nach achtwöchentlichcm schweren Krankenlager im hiesigen Tiakonissenhcim Hoffen die Acrztc nun den Arm zu retten. Tic Groß- Herzogin-Witwe Louise von Baden, welche die Verwundeten dort besuchte und teilnahmsvoll mit allen sprach, hat dem verwundeten Meier einen Granatsplitter aus seiner Wunde in Gold fassen und ihm diesen mit einer eingravierten Inschrift zur dankbaren Erinnerung überreichen lassen. Kehre zurück — alles verziehen! ic russische Gesandschaft in Bern fordert sämtliche russischen Aerzte und auch die Studenten der Medizin ״ohne Unterschied der Konfession", die sich in der Schweiz befinden, auf, sich sofort nach Rußland zu begeben. Es muß im Farcnlandc schon schlimm genug aussehen, wenn die Regiernng sogar schon die jüdischen Studenten aus der Schweiz ruft. Erst vor kurzem hat die russische Regierung erklärt, daß sie keine jüdischen Aerzte aniichinen will. Jetzt sind ihr sogar die jüdischen Studenten und Studentinnen gut genug, die wegen ihrer freiheitlichen Gesinnung in die Gcfängnisse wandern mußten und keine Möglichkeit hattcn, im eigenen Hcimatlande zu studieren. Tie jüdischen Studentinnen mußten bekanntlich sich das berüchtigte ״gelbe Billett" der Frcudenmädchcn lösen, wenn sie in St. Petersburg studieren wollten. Tic russische Regierung weiß sehr wohl, das; die jüdischen Studenten europäische Gesiunung und freiheitliche Gedanken in das Heer hineingetragen haben, und trotzdem ruft man sie. Man nimmt daher an, daß in Rußland die sanitaren Verhältnisse in elendem Zustande sich bcfinden müssen. Hilfskomitc für die galizischcn Juden in Amerika AmerikanisckM Blättern zufolge sind in einer großen Anzahl dortiger jüdischer Gemeinden Hilfskomites für die galizischcn Flüchtlinge galszischen Juden in Newyork fand in der Magen Abraham-Synagoge statt. Die Komites sollen bereits über größere Summen verfügen, die den galizischcn Juden, die durch den Krieg in Not geraten sind, zugute, kommen sollen. Tie jüdische Presse st! Amerika unterstützt die Bestrebungen dieser Komites, und es sind Aussichten vorhanden, das; die Aktion sehr erfolgreich sein wird. General Rennrkampf und die Juden. Russischen Blättern zufolge sandte General Rennenkampf vom Kriegsschauplatz in Ostprenßen an den Rabbiner von Minsk ein Telegramm, worin er ihn zu den Heldentaten einiger jüdischer Soldaten aus Minsk beglückwünschte. Für einen von ihnen erbat General Rennenkampf sogar den höchsten russischen Tapferkcitsorden, den Orden des Heiligen Georg. Kurz vor Ausbruch des Kricges hatte Herr Rennenkampf sich veranlaßt gesehen, den Offizieren des Wilnaer Militärbczirkcs zu verbieten, den Gruß jüdischer Bekannten auf der Straße zu erwidern. Man ist nun in Wilna neugierig, ob er nach seinem Telegramm an den Rabbiner von Minsk seiner Wilnaer Verordnung anfheben wird. Bis jetzt hört man nichts davon. Tic ״lieben Juden" kennen das schon ... Der Krieg und die Presse. Die ״Breslauer Jüd. Volks-Zeitung" schreibt: Ter Krieg hat auch gegen die Presse gewütet. Unter den wirtschaftlichen Nöten der Erwerbslosigfeit und Erwerbsstände fingena uch die Einnahme-Ouellen der Presse allmählich an zu versiegen. Tie Zahl der Abonnenten fing an zurückzugchen. ein Teil zog ins Feld, ein anderer mußte seine Ausgaben einschränkcn, das letztere hatte auch den Rückgang der Annoncen zur Folge. Redaktcure, Mitarbeiter, Setzer und Trucker mußten ins Feld rücken. Ter durch die Militärzüge zuerst ganz gesperrte, dann nur unregelmäßig gehende Güterverkehr hinderte die Papier-Zufuhr. Kein Wunder, daß die Zeitungen anfingen abzumagern, an Umfang abnahmcn oder auch ganz eingingen. — Auch die jüdische Presie hat unter diesen!Nöten gelitten. Das Zcntral-Organ der Zionisten, die in Berlin erscheinende ״Welt", die ihre Hauptbezieherschar in Rußland, England und Frankreich hat, ist ganz cingcgangen. Dasselbe Schicksal teilten die beiden im Elsaß erscheinenden süddeutschen Wochenschriften, die liberale ״Isr. Wochenschrift" in Gcbweiler und das konservative ״Jüd. Blatt" in Straßburg. Der ״Verband der jüd. Jugendvcreinc in Deutschland" hat seine Berliner Geschäftsstelle geschlossen und das Erscheinen seiner Monatshefte eingestellt. In Osterreich haben auch einige Blätter ihr Erscheinen eingestellt. -- Ebenso haben die anderen Monatsschriftcn sich nicht mehr eingestellt. 4000 russisch-jüd. Studenten. - Tie Kopenhageuer ״BcrlingSke Tidcnde" meldet: Tie Anzahl der bei Kriegsausbruch aus deutschen Universitäten heimgcreiStcn jüdischrussischen Studenten beträgt etwa -1000. Diese richteten an den Minister für VolkSausklärung die Bitte, daß er in diesem besonderen Falle gestatten möge, daß sic an russischen Universitäten weiter studieren dürfen, da sie ja sonst vollständig ihre Studien einstellen müßten. Trotz der bekannten Proklamation des Zaren an die Juden hat der Minister diese Bitte verweigert ud hinzugefügt, daß diese Studenten auch das Recht der einjährigen Tienstpflicht in Rußland verwirkt hätten. General Radko Dimitriew. Ter bulgarische General .Radko Dimitriew» der seine Armee gegen Galizien führte, ist, ruffischen Blättern zufolge, des Lobes voll über die Tapferkeit und die bewunderungswürdigen Heldentaten zahlreicher jüdischer Soldaten. Russischeu Journalisten gegenüber äußerte er sich, eine große Reihe von Rcginicntsfahncn sei ansschließlich durch die Geistesgegenwart der intelligenten und tapferen jüdischen Mannschaften gerettet. Als Gegenstück zu dieser Anerkennung ist folgende Einzelheit charakteristisch: Tr. Rothaus aus molensk, dessen Sohn unter dem Befehl des Generals Dimitriew kämpft, hat sich an den Bildungsministcr Kasso mit der Bitte gewandt, seine Kinder möchten ohne Rücksicht auf die Prozentnorm in daS Gymnasium ausgenommen werden, damit sie zu nützlichen Bürgern für das Vaterlaud erzogen würden. Das Gesuch wurde abschlägig beschieden.