Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1914-10-28 · Heft 38 (28.10.1914) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 38 (28.10.1914)
Date
1914-10-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2621806-2621897-2621935--3017-2624165
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 38■ wJUischH Vslttßi««^. «eitb. Der Dank des Kaisers an die galizischen Juden. Anläßlich der jüdischen Feiertage hatte eine Reihe von Vertretern der gegenwärtig in Wien weilenden galizischen Judenschaft, unter anderem der Präsident der Lemberger Kultusgemeinde Dr. Simon Schaff, ferner. Oberrabbiner Dr. Caro, Samuel Edler v. Horowitz sowie die Abgeordneten Tr. Nathan v. Löwenstein und Edm. Rauch, namens der jüdischen Bevölkerung an die Kabinettskanzlei des Kaisers ein Huldigungstelegramin gesendet, in dem versichert wird, daß die pvlnischen Inden an der Person des Monarchen mit Treue und Liebe hängen. In Beantwortung dieses Hnldigungstelegrammes haben nunmehr die genannten Herren durch die Vermittlung der Kabinettskanzlei den Tank des Kaisers erhalten. Warschau. Trübe Nachrichten kominen aus Warschau. TieStimmung unter der dortigen jüd. Bevölkerung ist eine äußerst gedrückte, da man tagtäglich Pogromausbrüche erwartet. Die russischeu Beamten verbreiten die Nachricht, daß die 'Niederlage in Ostpreußen auf den Verrat jüdischer Soldaten zurückzuführen sei. Tie polnische Boykotthetze, die seit Ausbruch des Krieges in der Presse und Oeffentlichkeit nicht mehr laut werden durfte, nimmt in verschiedenen Stadtteilen wieder einen bedrohlichen Charakter an. Tie polnischen Führer, die dauernd Sitzungen und Beratungen init den russischen Behörden abhalten, unterlassen offenkundig jeden Schritt zur Beruhigung der Bevölkerrrng. Vor kurzem sprach eine Tepntation der Rabbiner bei dem Erzbischof von Warschau vor und bat. die Geistlichkeit möge dahin wirken, daß die täglichen polnischen Ueberfälle und Angriffe auf Juden in den Straßen aufhören möchten. Auf Befehl des Erzbischofs wurden am vorigen Sonntag in sämtlichen Kirchen dahingehende Aufrufe verlesen. Zahllose wohlhabende Juden haben ihr ganzes Vermögen verloren. Im geschäftlichen Leben herrscht ein völliger Stillstand. Alle Banken sind geschlossen. Ter Heldenmut eines jüdischen Militärarztes. Tr. Mar Kirschner in München, Assistenzarzt der deutschen Armee, hat das Eiserne Kreuz erhalten. Tie ״M. Augsb. Abend-Zeitung" vom 25. September schreibt darüber: ״Es ist recht interessant, in dieser Zeit, wo uns Teutschen Barbarei und Vandalismus zum Vorwurf gemacht werden, auf folgende autentische Vorgänge hinzuweisen, in deren Mittelpunkt der Sohn eines in weiten Kreisen bekannten Münchener Bürgers, des Kantors E. Kirschner, steht. Ter Assistenzarzt d. R. Tr. Mar Kirschner aus München, Assistenzarzt in der Prof. Katzensteinschcn Klinik in Berlin, der kürzlich bei heftigstem Granatfeuer zirka 100 Verwundeten in einem Walde die erste Hilfe leistete, bevor ihre eigene Sanitätsabteilung herankam. hat sich weiter dadurch ausgezeichnet, daß er bei einem nächtlichen Patrouillcnrittc in einem brennenden Torfe aus einem brennenden Hause sechs verwundete Franzosen — also mit eigener, doppelter Lebensgefahr — dem Verderben entriß, indem er sie herausbcfördern ließ und verband. Er wurde für diese heldenmütige Tat mit dem Eisernen Kreuz belohnt." Was sagen die antisemitischen Blätter dazu, die sich sonst darüber lustig machen, daß die Juden am liebsten als Aerzte dienen, nur hinter der Front zu bleiben? Ein christlicher Offizier über jüdische Tapferkeit. Ter ״Filehner Stadt- und Landbote" vcrösfcntlicht folgenden Fcldbrief: ״Vor Verdun, September 1014 .... Es ist mir ein Bedürfnis, cs auszusprechen, daß die Kanoniere mosaischen Glaubens in der schweren Schlacht, die wir bei Bobelmont Piston wunderbar und herrlich gegen die Franzosen gewonnen haben, sich außerordentlich tapfer benommen haben. Ich war seinerzeit Beobachtungsoffizier und Nachführender der Abteilung, und während der ganzen Zeit von Sonnabend den 11. früh bis Sonntag abend um 8 Uhr saß neben mir der Kanonier Kohn und bediente unerschrocken im feindlichcn Schrapnellfeuer den Fernsprecher. In der 0. Batterie, die ich nach Verwundung des Hauptmanncs übernommen habe, ist ein Gesreiter mosaischen Glaubens, der seines hervorragenden Benehmens wegen und seiner sonstigen Tüchtigkeit als Kanonier und Befehlsüberbringer von mir zum Eisernen Kreuz vorgeschlagen worden. Sonst geht es uns sehr gut in Frankreich; unsere Perlüfte waren groß, aber erträglich namentlich den furchtbaren Verlusten der Franzosen gegenüber, die von unserem Geschützfeuer wie gemäht in den Schützengräben lagen. Grüße an alle Filehner Bekannte. Ihr P. H." Wohltätigkeitsakademie zu Gunsten der galizischen Flüchtlinge. Am 45. Oktober l. I.. wurde von eine!» Komite zugunsten der galizischen Flüchtlinge eine Akademie im isr. Rathause (Repräsentationssaa!) in Prag veranstaltet, welche ein glänzendes Ergebnis abwarf. Tas Programm wurde mit dem Portrage des Psalm 84, Musik Lewandowskp. vorgetragen vom Jub'läumstempelchor unter der bewährten Leitung des ersten Kantors und Tirigenten Herrn Adolf Brod. eröffnet. Tiefer Vocalkörper im Vereine mit der Solistin Frau Clara Löwy, die als eine vorzügliche Kraft im Rahmen des Jubiläumstempelchores seit langer Zeit, gilt, hat Ausgezeichnetes geleistet. Tann erschien der heimische Dichter Hugo Salmus mit Vorlesungen seiner neuesten Dichtungen und brachte nur ernste gediegene und aktuelle Sachen zum Vorträge. - Rauschender Beifall lohnte seine Darbietungen. Als Tritte im Bunde kam das Brunner Wunderkind, die jugendliche Violinvirtuosin, Frl. Gerta Schlosser. Schülerin des Prager Konservatoriums Prof. Suchy, welche erst vor kurzem aus Amerika mit Lorbeeren heimgekchrt ist. an die Reihe. Sie entzückte die Zuhörer durch den meisterhaften Vortrag von Capricio Bicnnois CKreisleri, Mojacka (Zargicky), Poem (Fibich), Perpetunin mobile (Riest. — Nach der letzten Ausführung wollte der Jubel gar kein Ende nehmen. Herr Ober-Kantor T. Czernowsky vom Kaiser Franz Josef-Jubiläumstempel saug Afra (Rubinstein) Arie aus der Oper ״Tie Jüdin" (Halevvt und als Zugabe das Ständchen aus dem Troubadour (Verdyt, wie auch einen Segensspruch gewidmet. Ten tapferen Kriegern, welchen Herr Czernowsky in einem vollendeten klassischen Hebräisch verfaßt compouiert und persönlich gesungen hat. Dieser Meister des jüd. Gesanges, hat auch im Konzertsaal bewiesen, daß er seine herrlichen Stimmmittel glänzend zu verwerten weiß. Stürmischer Erfolg ward dem vorzüglichen Sänger von dem sehr zahlreich erschienenen Publikum zuteil. Tie Repräsentanz der Prager Kultusgemeinde, welche in letzter Zeit in punkto Zedokoh für die Flüchtlingc Galiziens und Kriegsfürsorge Großartiges geleistet hat. gab den Saal kostenlos her. Tas Komite kann mit seiner Tat sehr zufrieden sein; denn der materielle und finanzielle Effect hat keineswegs versagt. Tie Spen-eneinnahinen des Jüdischen Nationalfondes voiil 1. Januar bis :!0. September 1014 beliefen sich auf 488.00 Mark, gegenüber 548.000 Mark während des gleichen Zeitraumes 101,4. Während das erste Halbjahr einen Zuwachs der Einnahmen im Verhältnis zum Vorjahre aufweist, hat das dritte Quartal 1014, verursacht durch den Weltkrieg, einen Rückgang um 84.000 Mark ergeben. Inzwischen hat das Hauptbureau des Jüdischen Nationalfondes Maßregeln ergriffen, um den außerordentlichen Uinstänven Rechnuiig zu tragen und wenigstens die Einnahmen zu erzielen, welche zur Sicherung und Fortführung seiner in den letzten Jahren geschaffenen kolonisatorischen Unternehmungen in Palästina dringend erforderlich sind. Hierbei koinmen Hauptsächlich die neutralen Länder in Betracht, und jene Gegenden, die nicht unmittelbar vom Kriege betroffen werden. So erscheint die Hoffnung nicht zu weitgehend, daß in Amerika, das Land, welches das größte Zentrum leistungsfähiger jüdischer Massen beherbergt, den Ausfall wettmacht, den der Nationalfond in Rußland durch den Krieg erleidet. Auch die Judenheit der anderen Überseeischen Länder, deren Wirtschaftsleben im Perhältnis zu Europa nur geringe Störungen erfahren hat, sollte cs als ihre Pflicht erachten, in verstärktem Maße für die jüdische Kolonisation in Palästina zu sorgen. In den kriegführenden Ländern Europas wurde durch Ernennung von Ersatzleute an stelle der einbernfenen Vertrauensmänner nach Möglichkeit Vorsorge getroffen, daß eine regelmäßige Arbeit für den Nationalfonds allmählich wieder einsetzt. Tie Farmen des Jüdischen Nationalfonds haben durch ihre großen Getreidevorräte besondere Bedeutung für die Linderung der gegenwärtigen Notlage unter der jüdischen Bevölkerung Palästinas erlangt. Es erscheint daher umsomehr Pflicht aller jüdischen Kreise, den Nationalfonds bei der Aufrechterhaltung und Ausdehnung seiner kolonisatorischen Unternehmungen nach Kräften zu fördern. Auf dem Felde der Ehre gefalle»! Wie berichtet, ist der Wiener Hof- und Gerichtsadvokat Tr. Richard Lubak, der als Landsturmleutnant eingerückt war, auf dem nördlichen Kriegsschauplatz gefallen. In der Schlacht batte er einen Armschliß erhalten, sich verbinden lassen und war wieder zu seinem Zug gegangen. Beim Vorwärksstürmeu erhielt er einen Kopfschuß und zwei Brustschüsse und war sofort tot. Tie Leiche wurde am 41. v. M. beigesetzt. Seine Witwe, Frau Margit Subak. bat nun vor einigen Tagen eine Feldpostkarte, die von allen Offizieren des 1. Bataillons seines Landsturmregimentes unterzeichnet ist, erhalten, in der es beißt: ״Im Namen des Offizierskorps des 4. Bataillons bitte ich die Versicherung entgegenznnehmen, daß wir Ihren Schmerz voll und ganz teilen. Ihr Herr Gemahl starb bei S . woselbst er unter meinem Komiuan do den linken Flügel befehligte, als wahrhafter Held in eiserner Pflichterfüllung mit der Absicht, seine Leute zum Siege zli führen. Er war uns ein selten lieber Kamerad. Ihr Herr Gemahl erfüllte seine Pflicht in seltener Treue bis zum letz ten Atemzuge und sein Andenken als das einer Zierde des Offizierskorps wird in lins weiter leben. Gott beschütze Sie. hochverehrte gnädige Frau!" (Folgen die Unterschriften. > Berlin. 'Nachdem von uuiereu 01g. die Her reu Tr. Emil Levn und Tr. Artlmr Levu als Feldprediger zur Armee abgegangen sind, ist 11» ser Mitarbeiter, ('lg. Tr. Martin Joseph, als La zarettprediger nach Spandan abfommandie׳ t worden. Wegeil seiner Fertigkeit im Jiddische!: ist ihm auch die Seelsorge der russischen Soldaten in Spandau übertrage» worden. Er leinet dort zugleich als Tolmeticher Tienste. Ein wackerer Lehrer. Tas Hilfskomite des Vereines ״Machsike liadaß" erhielt folgende Schreiben: L ö b l. V e r e i > 1 s! e i t l 1 n g! In unserer (׳lemeiude ist am >«׳. d. M.. der galiziiche Flüchtling Rosalia Biudermann im Hause Nr. 11. hier'eibst von einem Knaben ent bunden worden. Vollkoinmen allein, ohne jedwe den Angehörigen, aller Mittel eutblost. bietet dieselbe ein Bild des Jammers. Im Namen die ser Unglücklichen bitte ich, dieselbe zu unterslützeu. sei es mit einer (׳leldgabe, sei es mit etwas Wäsche für das 'Neugeborene. Allfällige Unter stütznngen erbitte an die Schulleitung in Klein Niemtschitz, Post Stadt Kauitz. Kl.-Niemtfchitz, 4::. Okt. 1011. Moritz Schwab, Schulleiter. * Verehrl:che Verei 11 sleitl 11 >g! Ich bestätige vielmals dankend den Empfang des Paketes Kleider sowie des Betrages von >0 l\ für die Wöchnerin Rosalia Biiidermann. Ivelche ich sofort übergeben habe, und wofür dieselbe tat. senvsach danken läßt. — In unserer Gemeinde befinden sich zwei Mädchen im Alker von 17 und 18 Jahren, eine gewesene Verkäuserin in einem Konfektionsgeschäft, die andere Arbeiterin iu eiuer Spiegelfabrit auch Ledergalanteriewaren- Fabrik. Beide Mädchen sind aus besseren Fami lieu und wären sehr dankbar, wenn Sie denselben irgend eine geeignete Beschäftigung vermitteln könnten. Sollte sich irgendeine Stellung finde», würden die beiden Mädchen gerne nach Brünn kommen, n»1 ׳'ich vorzuftelleu. ׳Nachrichten erbitte wieder an die Schulleitung in Kl.-Niemtschitz Post Stadt Kauitz. Mit aller Hochachtung Moritz Schwab, Schulleiter. Hebräisch-deutsch ä l 60 zu beziehen durch den Jild. Buchu. Kunstverlag, Brünn.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.