Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1914-10-28 · Heft 38 (28.10.1914) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 38 (28.10.1914)
Date
1914-10-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2621806-2621897-2621935--3014-2624162
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 38. Ein Besuch in Pohrlitz. Von L. S. ». ״Tie Menschheit wechselt zwischen Lust und Weinen." In der Geschichte des jüdischen Volkes herrscht leider das Weinen vor, von der ägyptischcn Knechtschaft bis zur babylonischen Gefaugenschaft und von den Kämpfen mit den Römern durch fast zwei Jahrtausende bis zu dem heutigen Judcnjammcr in Rußland, Rumänien und Galizicn. Nun kam ein Bruchteil des galizischen Jammcrs ganz in unsere nächste Nähe, in die reichgesegneten Gefilde Südmährens, fast vor djic Mauern Brünns, und späte Geschlechter noch tverdcn diesen durch den großen Weltkrieg hervorgerufenen neuesten Ahasver-Wanderung lange gedenken; in der an Kriegsgreueln, Blut und Thränen durchaus nicht armen Chronik des 1222 erstmals urkundlich erwähnten, aber weit älteren u. früher viel bedeutenderen Städtchens Pohrlitz jedoch werden die Tage und Monate des herzleidvollen Massen-Zwangsbesuches aus Galizien einen besonders lebhaften und für die Pohrlitzcr sehr ehrenvollen Nachhall finden. Einen Tag vor dem Vorabend des diesjährigen Versöhnungstages, am 28. September, ganz unerwartet, kam der erste Vortrupp: ein Bahnzug mit 400 Flüchtlingen aus der schon mit galizischcm Elend überfüllten heiligen Gemeinde Nikolsburg, die bereits im letzten Drittel des 17. Jahrhundertcs eine Zufluchtsstätte vieler aus Nicdcröstcrreich, insbesondere aus Wien rücksichtslos vertriebener und auch einer großen Anzahl in den Türkenkriegcn aus Ofen-Pest geflohener Juden war. Vierhundert Gäste, Acrmste der Acrmsten, völlig unvermutet und knapp vor Jom-Kippur! Aber unsere bibelfesten Pohrlitzcr ließen sich nicht aus der Fassung bringen, sondern wußten Rat durch edle Tat, indem sic sich genau an die wunderhcrrlichen Worte unseres unsterblichen Profetcn Jesaja hielten, die das erhabenste Evangelium der Brüderlichkcit bilden, in deren Befolgung das große Gehcimnis der bisherigen Unsterblichkeit des jüdischen Volkes ruht, und die deshalb als Vormittags-Haftarah des Versöhnungstages Jahr für Jahr am weihevollsten Tage auf der Höhe des Gottesdienstes feierlichst, gleich einer himmlischen Botschaft zur Verkündigung gelangen: ״Ist doch das ein Fasten, das Ich verlange: dem Hungrigen dein Brod brechen, daß du umher irrende Arme in dein Haus bringest; so du sichst einen Nackten. daß du ihn bedeckest und deinem Fleische dich nicht entziehest. Dann wird anbrcchcn gleich dem Morgenrot dein Licht und deine Heiligung schnell gedeihen, und cs zieht dir voran deine Frömmigfeit, die Herrlichkeit des Ewiaen schließt deinen Zug!" Und so wurde die schwere Aufgabe leicht gelöst: die von langem Umherirren oder dach von argbeschwcrlicher Fahrt ganz erschöpften und verängstigten Flüchtlinge wurden über Jom-Kippur brüderlich und schwesterlich in die jüdischen Häuser Landsberger geißelt mit einer oft an Fanatismus grenzenden Schärfe jene Kreise der Einporköimnlinge aus Berlin W., welche ihre gänzlichc geistige Unsähigkeit und moralische Minder- Wertigkeit durch ihr Geld hinter jenem imagärcn Schein verbergen können, auf dem, weil er eben nur Schein ist, das heutige gesellschaftliche Leben beruht. Was nun dieses Buch, wie überhaupt die Werke Landsbergers doppelt anziehend erscheinen läßt, ist der Umstand, daß er jenes Milieu der getauften Protzmilionäre schildert, dessen gründ- Iid>c Kenntnis und Verachtung ein Hauptcrzichungsmittel für unsere jüdische Jugend darstcllt. Das Buch, welches uns in Form von Briefen, Dialogen. Tagcbuchblättern und Schilderungen eine ungeheuere Kluft zwischen wahrer Sittlichkeit und heutiger Moral aufdeckt, ist mehr als ein Kunstwerk; es ist ein Kulturdokument! Landsbcrger zeigt uns mit krassen Farben, die mitunter an Zola erinnern, wie das Leben der oberen Zehntausend Berlins zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts aussieht. Er weiß es trefflich zu schildern, wie ein edles Menschenleben im Kampfe gegen eine Horde von Leuten, welche statt Charakter Titel haben, heldenmütig zugrunde geht. Wir können auch dieses Buch, welches uns die Wahrheit näherbringt, ohne die Kunst im geringsten zu beeinträchtigen, Jedem angelegentlichst empfehlen. Leopold Grünhut. »Attische grittEfattmt” _ Seite 2. vdn Pohrlitz ausgenommen, gelabt ruid gesättigt au Leib und Seele, getröstet und aufgerichtet! Diese mustergiltige Versorgung konnte leider nicht von Dauer sein, da nur zu bald ein Massenzuzug erfolgte, dem private Hilfe unmöglich gewachsen sein konnte, so daß die bereits des Nä- Heren initgeteilte öffentliche Verpflegung und Ilnterkunft*) Platz greifen mußte. Tic noch orthodoxc Lebensführung dieser Tausende von Flüchtlingen stellt natürlich besondere Ansprüche an das ohnehin sehr schwierige .Hilfswerk und erschwert dadurch die Lage der Unglücklichen, gibt aber dien ärmsten Opfern des Krieges doch auch zugleich einen festen religiösen Halt nnd damit Gottvertrauen und Zuversicht! ״Wer da ruhen soll hinicden Und wein steter Kampf bcschicden! Wer des Friedens sich erfreu' Wer des Schicksals Wurfball sei! Wer da leb' in steten Freuden, Wer in bitter'n, schweren Leiden!" Für den strenggläubigen Judeit ist bekannt-!ich der Bruch des religiösen Gesetzes eines der bittersten und schwersten Leiden, auch wenn der harte Zwang die Verletzung der alt-geheiligten Satzungen erfordert und Andere sich einfach mit dem Rcchtssatze beruhigen: ״Not kennt kein Gebot". Aus der grausam harten 3iot der Kriegsflucht konnten die Armen keine Schätze mit sich nehmen, auch nur sehr wenig Hab' und Gut, aber einen gar hohen idealen Schatz, den jetzt die Wenigsten der reichsten ״Wcstjudcn" bei uns noch besitzen: die lieben, frommen Sabbatleuchter! Unter solchen Umständen ist die Frage nach der Beobachtung der jüdischen Spcisegesetze**) bei der öffentlichen Ausspeisung selbstredend von großer Wichtigkeit, zwar nicht für gewisse Kultusvorfteher großer .Hauptstadtgemeinden, aber für die orthodoxcn Bcspcisten; von glaubwürdiger Seite wird diese Frage bejaht. Für alle Fälle jedoch haben bisher viele Flüchtlinge den Zwäng der öffentlichen Küche schwer empfunden und vergeblich das staatlich bestimmte Verpflegsgcld von 70 h pro Tag und Person statt der Beköstigung erbeten; dieser Uebclstaud gewinnt dadurch an Verstärkllng, daß die ohnehin um 15 h Unkostenbeitrag gekürzte Verpflegung durch die beiden Pohrlitzcr Gemeinden laut bestimmter Versicherung von völlig unparteiischer Seite höchstens einem wirklichen Werte von 40 h, nicht aber von 55 h entsprechen soll. So komntt es, daß eine durch den Krieg aus sehr gutcit Verhältnissen herausgerisscnc Flüchtlings-Familie von zehn Köpfen sich geradezu glücklich schätzt, uicht nur in einem Wohnhause gut untergebracht zu sein, sondern auch die große Begünstigung zu genießen, statt der Kost aus der allgemeinen Bcspeisung — früh und abends eine Tasse Milch mit Brod, zu Mittag: Suppe, etwas Fleisch und Beilage — ein teig־ liches Kostgeld von 5 K 50 h zu erhalten, also 55 h pro Person. Nun steht aber ttoch ein zweiter von vielen ungern gesehener Zwang bevor, der angeblich in Nikolsburg schon viel bitteres Leid verursacht uitd große BcWverdcn hcrvorgerufen habe: der Barackenzwang mit einer für den jüdischen Familiensinn überaus empfindlichen und für den Orthodoxen doppelt unangenehincn aitgeblichen Bedrohung des Familienlebens und der im Ghetto heilig gehaltenen Sitte sckiarser Trennung der Geschlechter. Sollte diese Gefahr wirklich bestehen? ״Den Juden ward Licht und Freude." Ein so schönes Thora-Freudenfest wie jüngst in Pohrlitz, mit so herrlichem Gesang aus dem Munde von vier Männern und sieben Knaben in dem schon erwähnten ״Polnischen Bethause" — aud die Thorafeier im Pohrlitzcr Prad)ttempel ist setz! noch eine Sehens- und Hörenswürdmkeit —, fol sogar in Galizien eine große Seltenheit bilden; nun sehen Viele der voit ihrem Sabbatlicht und von ihrer Thorafreude erfüllten Flüditlinge bcsorgt dem Barackenlebcn entgegen. *) Vgl. den ersten Aufsatz in der vorigen Nummer dieses Blattes! **) lieber den großen gesundheitlichen und wisscnschaft!id)en Wert der jüdischen Spcisegcsctze belehrt eine ausgezeidincte Abhandlung: ״Die Bclcuditung der alten Diätetik der Hebräer vom Gesichtspunkte der neuesten Errungenschaften auf dem Gebiete der Physiologie" von Med. Dr. A. M. Wirschubsky, im ״Archiv für physikalischdiätetische Therapie" (2. Jg., H. 12, Dez. 1900). I Vergl. auch: ״Der Weg zum Heil" von Leopold!Schwarz, Brünn, 2. Aufl. (162 S. 8°, S. 145/47). Ihre Exzellenzen: der Minister des Innern und der Statthalter in Mähren sprachen bei der Besichtigung der Nikolsburger Baracken ihre, vollste Befriedigung aus: jedenfalls sind die Absichten der Regierung die besten. Wir wollen also auch für Pohrlitz das Beste hoffen. (Ein dritter Aufsatz folgt.) Zum Niedergänge der mährischen und böhmischen Judengemeinden. Im Vorjahre erschienen, aus der Feder mchrerer Vorstands-Mitglieder von Kultusdemeinden und Rabbincn, Artikel, in denen über den immer zunehmenden Niedergang der kleinen Inden-Gemeinden bitter Klage geführt wurde. Die meisten der in dieser Angelegenheit gemachten Vorschläge zielten dare uf hin, daß eine Erhaltling respektive Neichelcbnng der Kultusgemeinden nur durch Ansässigmachung einer Anzahl Personen, Handwerker, Bodenarbciter usw., möglich sei. Tie seinerzeit angcsd)nittene, für unser Judentum so wichtige Frage kannte nun jetzt gelöst werde». Der Krieg brachte cs mit sich, daß tausende galizisdier Volksgenossen gegenwärtig in Mähren und Böhmen Zuflucht genommen haben. Es ist selbstverständlich, daß die große Masse der Flüchtlinge, sobald geordnete Verhältnisse wieder eintreten werden, in ihre Heimat zurückkehreu werden. Ein Teil wird, was nicht zu vermeiden ist, sid) bemühen, hier Erwerb zu finden. Nun wäre cs Sache der einzelnen Kultusgeineindc-Vertretungen nnd politischen Indengemeinden zu dieser Frage sofort Stellung zu nehmen, in ihren Gemeinden mit der Kolonisation von Handwerkern, Heiinarbeitern, Bodenarbeitern usw., zu beginnen. In jeder Gemeinde können sichere Existenzen geschaffen werden. Es hängt nur vom guten Willen der maßgebenden Personen ab. Schon sind uns aus einzelnen Gemeinden Briefe zugekommen, die den dringenden Wunsd) enthalten, Handwerker in mähr. Judengemeinden ansässig zu machen. Wir appellieren an die Herrcil Vorstands- Mitglieder, Bürgermeister und Rabbiner zu dieser Frage sofort Stellung zu nehmen und sind bereit eventuelle Vorschläge, Anträge in unserem Blatte zu veröffentlichen. Sieger und Besiegte. Von Oberrabbiner Moritz Reich, Ban. Tie Tränen der Besiegten fließen Doch jeder Trost ist ihnen fern Die Sieger ihre Macht genießen Des Trostes oft aud) sic entbehren. (Koheleth IV. 1.) Das deutsche Heer zog still, ohne schmetternde Fanfaren, in das eroberte Antwerpen, als wollte es die toten Helden, die auf der Wahlstatt, des furd)tbaren, gewaltigen, titanenhaften Ringens blieben, in ihrer Ruhe nicht stören. So berichteten, annähernd, die Preßorgane von der Schluß- Scene des erschütternden belgischen Dramas. Ein Beweis, daß tapfere Heldenscharen, die durd) Tod und Verderben gingen und auch über Hunderttausende verhängten, trotzdem ein edles Herz, ein reiches Gemüt umschließen. Doch unter den Trümmern waren ja auch Tausende der eigenen Hcldensöhne verstummt..... Erinnert das nicht an die Pharoncnhcere der Bibel? Tort heißt es: Es blieb kein Einziger von ihnen..... Die Sieger aber, die aus dem Meere stiegen, waren vollzählig geblieben.... Dennoch soll alljährlid), an dem Gedenktage der.großen Befreiung, am siebenten Tage des Festes, im Frühlingsmonate, nur halb, nur gedämpft, der Lobgesang angestiinmt werden, denn Gottes Geschöpfe haben ja in den reißenden Wogen den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.