Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 38 (28.10.1914)
- Date
- 1914-10-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2621806-2621897-2621935--3013-2624161- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Jahra. XV. Erscheint jeden Mittwoch Nummer 38. Mischt ilolhöHimwf. B-■- Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6 20 ganzjährig. Deutschland, ganzjährig. Rußland, ganzjährig. . Kronen 12 — . Mark 12— . Rubel 6— Balkan, Frankreich . .. ■i__ . Frank- 14 — s Herausgeber: Max Hickl. ^---— ן Redaktion und ׳Administration: Brünn. 'Adlergasse 0. ׳ Bnchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig.! Inserate: die vspaltige Petitzeile 3V h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. St-O 28. Oktober 1914 8. Cheschwau 5675 Prag—Lemberg. ses Hebräervolk niederzudrücken. Er lies; einen Ministerrat einberufen, dem er selber präsidierte, und sprach: Siebe! Das Volk der Kinder Israel-:׳ ist schon zablreicher und mächtiger als wir. Hawo uischakeno lo. Wohlan denn! Wir müssen durch List und Schlauheit ibin beizukonnneu trachten, sonst droht uns Gefahr, daß sie. wenn wir sie nicht frühzeitig unschädlich machen, beim Ausbruche eines Krieges zu unseren Feinden übergehen und uns bekämpfen werden. Wir müssen also sie zu überlisten uns bestreben, dürfen zwar nicht gleich Farbe bekennen, sondern mit freundlichen Worten bephe rach uns bemühen sie zur Arbeit anzuhalten um sie dann nach und nach durch schwere unerträgliche Arbeiten quälen, martern und soltern und ihre Kräfte für Staatszwecke ausnühen zu können." Zu dieser Beratung wurden, wie der Talmud bemerkt, drei bekannte Persönlichkeiten zugezogen, nämlich Bileam. Hiob und Ietro. Bileam war der einzige unter ihnen, der dem König beipflichtete, sein Vorhaben goutierte und ihm Ratschläge erteilte. Tie Strafe aber blieb nicht aus, er kam duechs Schwert um. Hiob, der nicht den Mut hatte dem König zu opponieren, und daher ein vornehines S^llschweigen beobachtete, wurde schtver geprüft und hart heimgesucht׳, Jetro aber der entschieden gegen ein solches Vorhaben protestiert, indeiil er iilit Entrüstung den Sitzungssaal verlief;, wurde reichlich belohnt. Pharao also führte seinen von Bileam begünstigten Plan durch und die Folge war. das; furchtbare Katastrophen über Egypten hereinbrachen, die Israeliten endlich auf wunderbare Weise ans der Knechtschaft befreit wurden, während ihre grausamen Feinde in den Wellen des Meeres ihren Untergang gefunden. Nun aber scheint Pharao doch Schule gemacht zu haben, denn der moskowitische Tespot arbeitet ganz nach pharonischem Muster, und ist er iii der Wahl seiner Räte vorsichtiger als jener war. Tie altehrwürdige österr.-ung. Monarchie, wie das seit 10 Jahren sich mächtig emporge schwungene Deutsche Reich zu zertrümmern hat sich ״Väterchen" zur Lebensaufgabe gemacht, ohne das; die edlen Fürsten dieser zivei Kaiserreiche ihm den geringsten Anlas; hiezli gegeben hätten. Neid, Haß, Mißgunst und Raubsucht sind die Triebfedern der panslavistischen Handlungsweise. Auch er. der moskowitische Tespot, hat die Parole Howo nischaknio lo ansgegeben und drei bekannte Persönlichkeiten die trotz ihrer ״hohen Kultur" seine Gesinnungsgenossen geworden zu Rate gezogen: Isvolsky. Grey und Poincare. Mit Hilfe dieser drei Männer wurde fast die ganze Welt in Brand gesteckt und die Perwilderung dieses grausamen, einzig in der Ge schichte dastehenden Krieges so gewaltig überhand genommen, das; man versucht wäre an der Menschheit zu verzweifeln. ״Fürstenmorde, Aussetzung einer Belohnung von achlzigtatlsend Rubel für Gefangennahme oder den Tod eines der österr.-ung. Truppenführrr, Verrohung des Krieges iu den Kulturländern England und Frankreich durch Angriffe auf das Privateigentum. Bruch des Haager Vertrages und Verfolgung der Fremden", sind die Früchte, die dieser Krieg, oder richtiger dieses Menschen schlachten gezeitigt haben. Und das kann nnmöglich ungesülmt bleiben. Ter Gott, der die alten Pharonen gezüchtigt, ivird;weisellos den Hochmut der modernen als Kulturmenschen sich gebärdenden Barbaren brechen, die Schtildigen;ur Verantwortung ziehen und den edlen österreichi scheu und deutschen Fürsten weiter Kraft und Mut 1x׳rleiheu um siegreich aus dem ihnen ansgezivli»genen Kampfe Hervorgehen zic küniieii. Tr. Fr. Wie«—Budapest. Moskowitische Methode. Wenn wir die politischen Taten nnd Handlungen des moskowiti'chen Despoten näher ins Auge fassen, so gewinnen wir die Ueberzeugung. daß er in die Fußtapfen des einstigen egyptischen Herrschers Pharao getreten und von den grausamen Mitteln, die jener zur Erreichung seiner Zwecke und angestrebten Ziele angewandt, den ausgiebigsten Gebrauch — und zwar mit mehr Schlauheit, Raffinement. Verlogenheit. Bosheit und Tücke — gemacht. Pharao war unstreitig einer der gefährlichsten Tespoten. die es je gegeden. Er hatte sich selbst vergöttert, haßte ingrimmig jede fremde Nation, besonders wenn sie auf den verschiedenen Gebieten der Kultur und Bildüng des Handels und Industrie einen mächtigen Aufschwung genommen und für persönliche Freiheit begeistert war. Die Söhne Israels kamen nach Egypten mit der redlichsten Absicht, dort während der Zeit der Hungersnot eine Zufluchtsstätte zu finden. Sie glaubten umsomehr auf die Gastfreundschaft Egyptens rechnen zu dürfen, als einer ihrer edelsten Söhne, als Josef, von dem selbst Pharao begeistert ausgerufen: findet man im ganzen großen weiten Reiche einen Mann, der vom Geiste Gottes so durchdrungen ist, um die Hebung und Förderung der Humanitären gemeinnützigen Institutionen Egyptens unverwüstliche Verdienste erworben, indem er Hunderttausende vom Hungerstode gerettet und den Staatsschatz bedeutend bereichert hatte. Allein bald nach dem Tode Josefs sahen sie sich in ihren Erwartungen getäuscht, bitter getäuscht. Es kam ein neuer Pharao, der den Josef nicht kannte, oder richtiger, nicht kennen wollte und den der Aufschwung, den die Israeliten mitlerweile genommen, tief verstimmte. Aus Neid, Mißgunst und 'Nationalitätenhaß beschloß er die¬ Literarisches Feuilleton. Samuel Lublinski. Nachgelassene Schriften. München bei G. Müller. Tas vorliegende Buch enthält kritische Arbeiten über Dichtung und Kultur. Geschichte und Politik, Drama, kultursoziale und politische Fragen. Schon diese Inhaltsangabe läßt das weite Gebiet erkennen, das Samuel Lrwlinski's Geist uinspannte. Aber nicht in dem, was er kannte, liegt Lublinskis Bedeutung. Darin mag ihm mancher flachköpfige Vielwisser übertrosfen haden. Sondern die Art, wie er erkannte, diese tiefgründige, bis ins Wesen der Tinge eindringende Art, sie ist es. die Lublinskis hoch über das oberflächliche Wesen des landläufigen Kritikertums hinaushebt. Fachkritiker beurteilen nur allzuoft ein Problem von zu engen Gesichtspunkten. Ihr Blick geht nicht hinaus über die Grenzen eines einzigen wissenschaftlichen Gebietes. Natürlich wissen auch sie, daß jedes Gebiet menschlicher Äulturentwicklung nur ein Produkt ist. das sich aus vielen, verschiedenen Faktoren ergibt. Aber die Wenigsten von ihnen sind imstande, dieses Produkt auch wirkilch in seine Faktoren aufzulösen. Sie erklären Literatur wieder nur aus Literatur und Geschichte wieder nur aus Geschichte, während ihnen für den großen Einfluß des. ganzen übrigen kulturellen Lebens das rechte Verständnis fehlt. In diesen Fehler verfällt Lublinski nie. Er ist nie nur Literaturkritiker oder Historiker oder Sozialpolitiker. Sein Blick dringt tief ein. Mit höchster kritischer Schärfe deckt er die verschiedeuen Komponenten auf. die in größerem oder geringerem Maße für das Entstehen des Endresultates bestimmend waren, ihm aber keineswegs wesentlich sind. Tenn nur das letzte EndergebniS einer langen kulturellen Entwicklung zeigt sich als ein Einheitliches, nicht aber die Kräfte, die es schufen. Natürlich begnügt sich Lublinski nicht mit dem klaren Erkennen einer kulturellen Erscheinung und der sie erzeugenden Kräfte. Er zieht auch positive Schlußfolgerungen. Aber nicht in diesen liegt der besondere Wert seiner kritischen Arbeit. Hier mag man oft anderer Meinung sein. In der haarscharfen Analyse aber, im eindringliehen, restlosen Zergliedern zeigt Lublinski eine Meisterschaft, die ihresgleichen sucht. Es wäre sinnlos, eine kurze Inhaltsangabe des einen oder anderen Aufsatzes hier zu geben. Tie zwingende Logik, mit der Lublinski Gedanken an Gedanken reiht, die weite freie Art. in der er seine Probleme behandelt und nicht zuletzt der klare, durchsichtige Stil — das Alles bietet beim Lesen des Buches einen künstlerischen Genuß. den die bloße Skizzierung der Grundgedanken auch nicht annähernd Hervorrufen kanit. Hier sei nur auf eine Abhandlung über den Antisemitismus verwiesen, die sie durch ihre Gründlichkeit und Tiefe sehr wohltuend abhebt von den zahllosen Artikeln und Broschüren über dieses Problem, die wir iu den letzten Jahre» zu lesen bekamen. Samuel Lublinski ist im Jahre lülo uner wartet früh gestorben. Er fand iu Deutschland nicht die Würdigung, die er verdiente, il11׳ den billigen Beifall der Menge war es ihm niwk zu tun. Tas laute, marktschreierische Wesen ge isser Tageschriftsteller war ihm zuwider nnd se׳ ■m stes Wort ist mir allzuoft ungehört verb in, Ehor der Unbedeutenden, die sich mit nie!׳' ׳kt in Scene zu setzen wußten. Nur Wenige;׳׳׳׳׳>» Lublinski ganz zu würdigen. Seine nackige'׳'׳״ neu Schriften werden dazu beitragen. se׳n׳n Werken jene Beachtung zu erwerben, die ihm selbst Zeit seines Lebens vorenthalten blieb. Tenn sie werden in Manchem das Verlangen erwecken, nach seinen Hauptwerken zu greifeit, die allein das Gesaintbild seiner Persönlichkeit zu vermit teln vermögen. Erst dann wird man Lublinskis Bedeutung ganz erkennen und die Grausamkeit des Schicksals empfinden, das; solch hoher Geistig keil nur zwciundvierzig Jahre irdischen Lebens schenkte. In diesem Zusammenhänge wollen wir noch auf ein anderes hervorragendes Buch Hinweisen, welches im gleichen Verlage in neuer Auflage er schienen ist. Ter Roman ״Um Veit Sohn" von Arthur Landsberger gehört zu den bemerkenswertesten literarischen Erscheinungen der letzten Jahre. Man lisr das Buch mit Spannung, genießt Kunst »ich sieht am-Ende, das; es Moral ist. -