Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1914-10-21 · Heft 37 (21.10.1914) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 37 (21.10.1914)
Date
1914-10-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2621806-2621897-2621934--3006-2624153
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 3. irfnflMe.” «*. 87.! Er hat nun seine Kommandanten» und Sol- 1 datenpslicht im vollsten Maße erfüllt; er fiel inj mitten der Schlacht, an der Spitze seines Regi» Namenloses Weh hat der Krieg über unsere mcntes. auf dem Felde der Ehre, galizischen Brüder gebracht. Sic haben ihr ohne-, Oberstleutnant Flecker fiel am 10. Septemdies dürftiges Hab und Gut im Stiche gelassen ber auf denn nördlichen Kriegsschauplätze. Oberst- und durch rasche Flucht bloß das nackte Leben ge-, lcutnant Flecker. welcher, immerfort seine Leute rettet. Tie Fürsorge des Staates richtet sich' ancifernd, mit ihnen unter heftigem Kugelregen darauf, sie in Mähren und Böhmen untcrzubringen. So wurden Pohrlitz 6000 dieser Unglücklichen zugewiesen. Tie staatliche Fürsorge reicht aber nicht aus; hier sind sofortige private Opfer unabtveislich, um die Aermsten vor Hunger und Kälte zu schützen. Unsere Kultusgemeinde beschloß eine für ihre Verhältnisse namhafte Sum- »1e sofort zu spenden, um dem schrecklichen Elende für deit Anfang zu steuern. Tie furchtbare )korläge wird über dadurch wenig geändert. Taher bitten wir jeden Menschenfreund, jeden Inden herzlichst nach, seinen Kräften um Mithilfe. Die kleinsten Beträge werden dankend angenommen. Außer Geldspenden sind auch Gaben aN Kleitnngsstücken, Wäsche, vor allem warme Decken dringend geboten. Für das Hilfskomite: Hermann Schnabl, Kultusvorsteher. Pohrlitz iiii Oktober 1014. Spenden sind an Herrti Hctmann Schnabl, Knltnsvorsteher in Pohrlitz, zu senden. (Postsparkassettkonto Nr. 129.106.) OöeM« IN einem Schützengraben ausharrte und jedem verbot, sich aus der Deckung zu erheben, richtete sich auf, um mit Hilfe des Feldstechers die feindliche Stellung zu rekognoszieren, worauf er im nächsten Augenblick, tödlich in die Stirne getrosfen, zusammenbrach. Oberstleutnant Adolf Flecker wurde im Iahre 185,8 in Lemberg geboren. Tort absolvierte er die Oberrealschule. diente 1878—79 als Einjährig-Freiwilliger und wurde am 1. November 1880 zum Reserveleutnant im Infanterie-Regiment 'Nr. 80 ernannt. Im Jahre 1882 als Berufsoffizicr in, Infanterie-Regiment Nr. 66 aktiviert kam er nach Jahresfrist zu jenem Nr. 9ä, wo er November 1888 zum Oberleutnant avancierte. Ende 1893 in den Aktivstand der k. k. Landwehr übersetzt, rückte er hier in die Hauptmanns-, dann Majors- und endlich Oberstleutnantscharge vor. erhielt die Militärverdienstmedaille und wurde ihm im August 1913. ״anläßlich der Uebergabe der Agenden des Stabsoffiziers für das Schieß- und Waffenwesen, für seine mehr als dreijährige auch unter schwierigen Verhältnissen vorzügliche Tätigkeit auf dem Gebiete des Schießwesens" die belobende Anerkennung des Landwehrkommandos ausgesprochen. Er stand knapp vor der Beförderung zum Obersten. Wegen seiner hervorragenden Charaktereigenschaften war er bei allen 'eutaant Emanuek (firauß. Auf dem serbischen Schlachtfelds ist Oberstdie den hochbegabten Offizier kannten, sehr beleutnaiit Cinaiiiiel Krauß, einer dtt befähigsten' ih-'bs- Er hinterläßt eine Witwe und zwei Söhne, niid beliebtesten Offiziere des österreichisch-ungg-1 die im!ugendlichen Alter stehen, rischen Heeres, gefallen. Krauß wurde 1801 in'. ״ Oberstleutnant Flecker blieb dem Judentum, Bonylmd geboren, betrat auf Wunsch seines Vaj dessen Wahrzeichen er mit in den Krieg führte. fizicrsprüfung. Die letzten Winuteii Krauß' schildert der bekannte katholische Kirchehdichter Ladislaus. Szcpessy, der unter ihm kämpfte, Mie folgt: ״Er war ein Grand-Seignenr in des Wortes edelstem Sinne, ein edler Ritter. An seinem letzten Abend lud er mich noch zum Nachtmahl. Dfliiiit ich ihm Meine .Gedichte vorlese.... Täs Verlöschen seiner crh.1t>eneii Seele bereites mir unendlichen Schmerz. Seit! Tüb wär würdig sei- »er Seelengröße. Wir zogen zum Stürine Ünterhalb des Tugo-Berge Mutter- Die jüdischen Flüchtlinge ans Galizien in Brünn. Gott sei dank,.daß die österreichischen Waffen im Nordostcn unseres Vaterlandes vom Erfolg gekrönt sind und den Feind kräftig zurückdränundurchdringliche Fingen. Infolgedessen ist die Flucht unserer Glau- ' L. . -_^ > •f_ ״!•,.■ft > ׳ . •r.1 ״Vorwärts!" kommandierte Krauß, und unter der entfalteten Nationalfahne stürmte er vorwärts, an der Spitze seiner Truppen. Plötzlich wankte er. Eine Kugel hatte seine Kehle durch- Tie Zahl der hier befindiichett Flüchtlinge ist freilich noch immer groß und cs kann nicht rühmend genug hervnrgehoben werden, daß das Hilfskomite des Vereines ״Machsike Hadaß" sich bohrt. Flehend bat er seine Kameraden, sic mögen, der Unglücklichen annimmt und wie hingebungsihm doch den Gnadenschuß geben, damit er nicht, voll und erfolgreich cs sich dieser Ausgabe unterlange leiden müsse. Mein armer heldenmütiger zieht. Führer hatte bald ausgelitten. Man begrub ihn! Es darf aber auch nicht verschwiegen werden, zwischen dein Dtrgo niid dem Usi Glarica-Berge daß ein großer Teil der Bevölkerung Brünns sich Mid be,zeichnete sein Grab, damit die Pietät seiner beeilt hat, der Einladung des genannten Komi- Familie dereinst das Grab finden könne. Wenn tes zu folgen und allerlei Spenden der Peohstmanö, so verdient er es In allererster Reihe. Brockensaminlunq d. Vereines ״Machsike Hadaß" Ich. belyesne in.ihm den reckenhaften, gewisserwahrhaft freigebig zu opfern maßen feiertäglichen Mann, die glänzende Seele, Auf diese Weise war es möglich, den in eiliden einem Löwen gleichen Helden, der sowohl in den Salons wie auf dein Schlachtfelde der erste war... Ich bekränze sein Hcldengrab mit Herbstblnmeii, das Grab des Wackeren, der jetzt ferne, ferne ruht, eingewiegt zu ewigem Schlafe durch Kaiwnendonner und Flintengeknatter ...." ger Flucht angekommenen Glaubensgenossen das nötigste an Wäsche und Kleidungsstücken zukommen zu lassen. Tiefe Beteilung war mit Rücksicht auf die einqetretene Kälte von großer Wichtigkeit, umso wichtiger, da die Wohnungs- und Ernährungsverhältnisse unserer unfreiwilligen Gäste auch bei solchen Personen mangelhaft sind, die Ein jüdischer Regimentskommand» mites ist die Abholung der per Bahn Ankonnnenö ' * den durch ״Inspektionen", die bei jedem ankom- K. k. Oberstleutnant Adolf Flecker. menden Zuge anwesend sind uird sich der unorien- Zu Beginn der Mobilisierung wußten wir tierten verschüchterten Flüchtlinoe annehmen von der Ernennung eines Juden zum Obersten und geacn jede zufällige und absichtliche Schädi- und Regiments-Kommandanten des Jns.-Rcg. gung schützen. Nr. 102 zu berichten. Allein Oberst Mändl blieb j Zunächst sorgt das Konnte dafür, daß die nicht der einzige jüdische Regiments-Komman- Ankömmlinge unter Tach kommen, wo sie kostendank in der österreichisch-ungarischen Armee. —. los beherbergt werden bis sie entsprechende Woh- Oberstleutnant Adolf Flecker war dem Range nunacn finden. nach nicht an der Tour zum Obersten: dank seiner! Bei der Wohnungssuche ist das Konnte den militärischen Tüchtigkeit wurde er trotzdem an die Ortsfremden wieder nach Kräften behilflich. Spitze eines Regimentes gestellt. Oberstleutnant Zur notwendigsten Ausstattuna vieler Flücht- Adolf Flecker wurde Kommandant des Landwehr-, linge mit Betten und Bettzeug leistet der Verein Infanterieregimentes Nr. 20 (Stanislau). 1 mit Hilfe der freigebigen Brünner jüdischen Bevölkerung wirklich bedeutendes. Daß die armen Flüchtlinge Ratschläge jeder Art und Rechtshilfe notwendig haben, ist selbstverständlich und es darf nicht wundernchinen. daß in den Bereinsräumen fast den ganzen Tag amtiert werden muß. Sehr dankenswert ist die Bemühung des Vereinskomites, welches daraus bedacht ist, den Flüchtlingen Arbeits- und Berdienstgelegenheit zu beschaffen. Zahlreiche Manner und Frauen erhalten Heimarbeit zugewiescn, andere wurden bei Gewerbetreibenden, in Fabriken und Geschäften untergebracht. Es muß hiebei bemerkt werden, daß die Leute gerne jede Arbeit verrichten und die Zufriedenheit ihrer hies. Arbeitgeber erworben haben. Viele Flüchtlinge suchen ihre abhanden gekvmmenen Familienangehörigen, wobei ihnen das Konnte hilfreich beisteht. Tie Jüdische Volksstimme leistet hiebei die erfolgreichste Unterstützung. Materielle Unterstützungen für den ersten Augenblick an verschämte Arme können selbst verständlich nur in sehr geringem Maße geleistet werden. Auch die Verköstigung mit einzelnen Mahlzeiten ist nicht zu vermeiden. Es gibt auch Mittelschüler und Volksschüler hier, die ohne den regelmäßigen Schukunterrichr herumgehen. Taher wurde Vorsorge getroffen, daß solchen Schülern Unterricht in den Schulgegenständen erteilt wird, selbstverständlich kostenlos. — Ferner wurde ein Iugendaufsichtskomite eingesetzt, welches den schulpflichtigen Kindern seine besondere Aufmerksamkeit zuwenden soll. Ter Unterricht in Bibel udgl. wird an der Bibelschule des Vereines ״Machsike Hadaß" erteilt, indem eigene Kurse für die galizische Ingend errichtet werden, weil die hies. Zöglinge nicht aus der gleichen Unterrichtsstnfe stehen. Das Konnte arbeitet — das muß Freund 11. Feind anerkennen — mit Ausopsernng und mit großem Geschicke. Wenn noch mancherlei zu wünscheu übrig bleibt, so muß es sich damit trösten, daß man mit Recht nicht mehr fordern kann als die äußerste Anspannung der Kräfte. Die Zertrümmerung Rußlands. Einem im ״Berliner Tageblatt" erschieneneu Aufsatz von Pros. Iastrow entnehmen wir folgenden interessanten Absatz: , ״Wenn dieser Krieg irgendein anderes Ende hätte, als daß das russische Weltreich zu eristiereu aushört, dann wären Ströme Blutes vergebens geflossen. Auch Westeuropa ist einst ein Weltreich gewesen und zerfällt heute in mehrere Staaten. Tie natürliche Entwicklung muß in Ostenropa dasselbe Ziel haben. Wenn man im Falle der Besiegung Rußlands von diesem nichts anderes verlangte, als Finnland und Polen abzutreten. so würde das heißen, durch Befreiung von diesen gefährlichen Anhängseln die Macht des Weltreiches sogar noch zu stärken. Europa hak eingesel-en, daß es die Dynastie der Romanows nicht vertragen kann: ebensowenig wie die von ihr unterjochten Völker sie ertragen können. Nur wenn nach der Versagung der Romanows aus dem Boden Osteuropas ebenso mehrere Staaten errichtet werden, wie sie aus dem Boden Westeuropas bestehen, kann ein Friede als verbürgt gelten. (Wir halten ein Eingelten aus die Form, in der die absolut notwendige nachdrückliche Schwächung Rußlands zu erfolgen hat. allerdings noch für verfrüht, glauben aber auch, daß das Ziel des Krieges sein muß. Rußland möglichst »veit aus Europa heraus und von den deutschen Grenzen abzudrängcn. Tie Redaktion.) Jeder andere Ausweg verbürgt die Fortsetzung der Ausdehnungs- Politik, die das innere Prinzip jedes Weltreiches ist. Selbst wenn den Waffen unserer wackeren Ostarmee weiterer Erfolg beschieden ist, so steht dennoch fest, daß schließlich ein Feldzug in Rußland nicht militärisch, sondern politisch entschieden wird, d. h. durch die politisch widerstrebenden Elemente im Reiche selbst. Dadurch, daß die ersten Nachrichten über vereinzelte rcvolutionäre Erhebungen sich als unrichtig herausgestellt haben, hat die irrige Meinung Platz gegriffen, als ob auf Revolutionen in Rußland nicht zu rechnen sei. Aber trotz der erfolgreichen Nachrichtenabsperrung besteht kein Zweifel, daß nicht blos in Polen und Finnland, sondern namentlich in dem ukrainischen Teile Südrußlands — und zwar hier bereits inorganisierten Formen — die revolutionäre Propaganda am Werke ist und auf un-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.