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Jüdische Volksstimme · 1914-10-21 · Heft 37 (21.10.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 37 (21.10.1914)
Date
1914-10-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Nr. 37. ^JRbtsche ^BHlk<sti»«e*, «citt B. seiner Tätigkeit als allgemeiner Lehrer nach im späten Ruhestande weitere fünf Jahre als Neligionslehrer wirkte, halten, die galizischcn Flüchtlingc nach ihrer ihnen vertrauten Weise eifrigen Gottesdienst, und auch der wahrhaft herrliche, für eine mährische Landgemeinde ganz außergewöhnliche Tempel ist nicht verwaist: wo noch vor kur- ’,cm durch volle 49 Jahre der ehrwürdige Rabbincr Josua Weis; s. Ä. das Wort Gottes verkündetc. wirkt seit dem 18. August d. I. ein neuer Tiencr des .Herrn, noch ganz jung an Jahren, aber ganz erfüllt von! alten Geist der jüdischen Gottes- und Lebenslehre. In diesem Geiste werktätiger Menschenliebe, der sich höchst erfreulicher und dankenswrter Weise auch bei vielen christlichen Mitbürgern der strainm-dcutschbewußten Vevölkerung kundgibt, wetteifern, alle berufenen jüdischeu Führer und Kreise, mit Einschluß von Frauen und Töchtern. Bittergroß ist vor allem der 'schwere Seelenschmerz der armen galizischcn Flüchtlinge •, aber auch die materielle Not war trotz aller bisherigen jüdischen Wohltätigkeit bisher mnsoweniger ganz zu lindern, als für die aus Staatsgcldern von den beiden politischen Gemeinden beigestellt« Beköstigung blos 70 h pro Tag und Person bestimmt sind, hievon aber 15, h als Unkostenbeitrag abgerechnet werden. Die Arbeitswilligkeit und relative Arbeitstüchtigkeit der arbeitsfähigen Flüchtlinge hat sich ebenso trefflich bewährt wie die jüdische Opferwilligkeit in Pohrlitz und auswärts. Die Zahl der Arbeitsfähigen unter den zumeist schon daheim von andauernder Not schwer zu Boden gedrückten Flüchtlingen ist jedoch nicht allzugroß, um so grösser dagegen die Zahl der Unterstützungsbedürftigen. Unterstützen wir also das edle Hilfswerk der wackeren Pohr litzer Juden und die gesamte Hilfstätigkeit für die unglücklichen Flüchtlinge in Südmährcn noch weiter und weiter, getreu dein obersten jüdischen Sittengebot: ״Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!" Brünn, den 18. Oktober 1914. (Ein zweiter Aufsatz folgt.) David Woffsohn. Anläßlich des Todes unseres David Wolfssohn veröffentlichen wir eine uns vor ca 2 Jahren zugekonnncne Autobiographie Wy'.sssohns. Ihrem liebenswürdigen Wunsche. Ihnen bio graphische Notizen zu schicken, entgegenzukommen, füllt mir schwer, da meine Biographie für die Oesfentlichieit kein besonderes Interesse bietet. Sie zerfällt in zwei Teile: Zionismus und Persönliches. Das Zionistische ist mit der zehnjährigen Geschichte unserer Bewegung eng verknüpft, und die Daten, die meine bescheidene Arbeit be treffen, können von der Gesamtgcschichte unserer gemeinsamen Arbeit kauin losgelöst werden. Der persönliche Teil meiner Lebensgeschichte hingegen enthält nichts, was über das Niveau des Allergewöhnlichsten hinausragen würde. Es ist )ic cinsachc Geschichte eines Mannes aus dem jüsegensreichen, leider so frühzeitig dahingerafften dischen Volke, aus dem jüdischen Ghetto. l Lebens stand ich mit unserem unvergeßlichen Füh- Ich bin im Jahre 1856 in dem kleinen Stadt-'rerin einem ununterbrochenen Verkehr. Der chen Dorbiany, Gouvernement Äowno, Provinz Fortsetzung dieses Werkes meine Kraft zu Pud- Lithauen. Rußland, l-art an der deutschen Grenze. mי״,״״4,״'*1“ ״״ Äommandoworte, denen erdcrschüttcrndc Salven folgten. Mein Auge stark anstrengend, sah ich wie ganze Reihen wie Strohhalme wcggemäh wurden, und diese Lücken sich durch die neu An rückenden wieder füllten, die früheren hinter sich zurücklasscnd. Ein furchtbares Pferdewiehern gab diesem Durcheinander einen seltsamen Unterton Von der Ferne entstiegen Rauchwolken und sich züngelnde Flannnen brennender Dörfer und Wäl der. Der Teufel hat das Obcrkonnnando über die Menschheit bekommen und ein Tcufclkonzert, zu dessen Belustigung veranstaltet, war es, wobei die Mitwirkenden auf der Höhe ihrer Aufgabe stan den.... Die Instrumente, die technische Handha bung, alles entsprach vollauf seiner Aufgabe und der Teufel schien hoch oben, über den: gewaltigen Blutvergießen zu schweben, grinsend, Hohn grimasscn schneidend und seiner Belustigung vollsten Ausdruck gebend.... Ich war übervoll dieses tragischen Schauspie les, meine Pulse hämmerten, der Rauch hatte »,eine Atmungsorgane verstopft und in meinem Munde spürte ich eine Säure, genug um Erbre chen zu bekommen.... Dennoch kam es mir vor, als ob die Menschheit jetzt wirklich durch das Fegefeuer ginge, um wieder rein und sittlich für eine Zeitlang seinen kulturellen Zwecken sich widmen zu können. Diescs schreckliche Kämpfen schien nur von der Hand der sühnefordernden Justitz verursacht worden zu sein, um damit es wie ein reinigendes Gewitter, ceborcn. Meine Eltern waren arme, fromme Leute. Mein seliger Vater, Isaak, war ein Talmudgclehrtcr, der sein ganzes Leben dem Lernen und Lehren widmete. Er verdiente kümmerlich ein Brot durch Unterricht. Meine selige Mutter, >er Typus einer frommen, guten, klugen, Jüdin, )atte die Sorgen des Haushaltes und der Kindererzichung zu tragen. Das Leben in meinem elterichen Hause war ein echtjüdisches. Der Zionismus war natürlich damals unter diesem Namen noch unbekannt, doch was den Inhalt des Zionismus ausmacht, das darf ich sagen, daß in meinem elterlichen Hause, das Leben und Empfinden von diesem Geiste ganz durchdrungen war. Bis zu meinem 14. Lebensjahre lernte ich nach altjüdischcr Sitte im Cheder und im Beth- Hamidrasch meiner Geburtsstadt. Anfangs der 70cr Jahre ging ich nach Memel, wo damals mein ältester sel. Bruder gelebt hat. Dort habe ich auch Dr. Rüls kennen gelernt, der auf mein weiteres Leben und Gesinnungen einen großen Einfluß ausübte. Bald darauf ging ich nach Westpreußen, wo ich in einem froininen, jüdischen Hause mehrere Jahre als Lehrling im Geschäfte tätig war. Auch in Lyk hielt ich mich ein halbes Jahr auf, wo ich im Hause des Redakteurs des ״Hamagid" David Gordon, der einer der ersten Zionspioniere war, viel verkehrte. Im Jahre 1877 kehrte ich nach Memel zurück machte mich bald darauf geschäftlich elbstständig und heiratete 1880 meine gute Lexmsgesährtin. Nach einiger Zeit übcrsiedelte ich nach Ostfriedland, wo ich im Jahre 1884 als deut cher Staatsbürger naturalisiert wurde und von wrt im Jahre 1887 nach meinem jetzigen Wohnorte Köln übcrsiedelte. Taten über meine anspruchslose zionistische Arbeit kann ich Ihnen kaum geben. Von beruficher Beschäftigung abgesehen, war der Zionismus für mich nicht etwas, was man chronologisch in Daten fassen kann, sondern mehr: Lebensinhalt. Seitdem ich zu denken und zu empfinden gelernt habe, war ich Zionist. Ich interessierte mich lebhaft für die Choveve-Zion-Bewcgung u. stand mit allen, die in Deutschland diese Bewegung gechaffcn haben, in regem Verkehr. Im Jahre 1894 )ielt ich hier in Köln den ersten Vortrag über ״Zionismus" und war Mitbegründer des hiesigen Vereines zur Förderung und Unterstützung jübischer Ackerbauer in Syrien und Palästina, der noch im selben Jahre gegründet wurde. Epochemachend war für mich das Erscheinen des Herzl scheu Juden staatcs. Diese Broschüre machte auf mich einen so tiefen Eindruck, daß ich sofort nach Wien ging, um mich Dr. Herzl vorzustellen. Ich stellte mich ihm als praktische Hilfskraft mit all meinem Wollen und Können zur Verfügung. Seit jenem Augenblick bis zu den letzten Tagen seines die den Atem bereits beraubende Stickluft reinige. Es muß doch cm großes sittliches Treiben sein, ein Fortschritt im Rückschritt, ein vorüber gehendes Höllenfeucr, um dann paradiesischen Genüssen Platz zu machen. Als jedoch eine Salve auf die andere folgte und das Bombardement die Erde aus den Angeln zu heben schien, da dachte ich mir, daß die schlagenden Herzen, kursierenden Blut Wellen, pochenden Pulse, diese Bestandteile des sogenannten Lebens ihre Funktionen bei diesen Menschen sistiert haben müffen, um sich in einen einzigen Willen oder besser gesagt Unwillen der Disziplin heiß zu verschmelzen. Denn ein Wille unter diesen Umständen ist kaum denkbar, es ist ein eiserner Zwang und Drang, der diese Schlachtopfer beisammenhält, sie den gewaltigsten Feuerproben gewachsen macht und mutig dem Tode ins Antlitz schauen läßt. Es ertönte ein ohrenbetäubender Kanonendonner, so daß mein Fahrzeug infolge d. gewaltigen Lufterschütterung ins Schwanken kam und ein Schaudern ergrif- -mich bei dem Gedanken, daß ich da hinunter in die grausige Zone des Verderbens fallen konnte, als ich erwachte, und mich unversehrt, aber nerven müde und abgespannt in meinem Bette vorfand. Ich langte nach der vor mir liegenden Morgenzeitung und bei deren Lesen stiegen in mir Er innerungen der vergangenen Nacht auf. Men, betrachte ich als meine Lebensaufgabe. Als man mir in der traurigen Zeit nach dem Tode Herzls die Präsidentschaft anbot, war es für mich eine Ueberraschung und eine Verlegenheit. Nur aus Pflichtgefühl nahm ich auch diese hohe Würde an. David Wolffsohn. * Eine Ehrung für David Wolffsohn. Der Tod David Wolffsohns, dessen ganzes innen dem-Wöhle u. der Auferstehung des jüd. Volkes gewidmet war, hat auf alle Gesinnung»- jenosien den tiefsten Eindruck gemacht. Allent- )alben gibt sich das Bestreben kund, dem Manne, welcher nach Herzls Tode der zionistischen Weltorganisation über die .schwerste Zeit hinweggehalfen und sie zu immer größeren Leistungen cm- ׳orgebracht hat, die Dankgefühle in einer dem?erstorbenen würdigen Weise zum Ausdruck zu Biringen. David Wolffsohn hat dem jüdischen Nationalfonds vom ersten Moment bis über das Grab )inaus das lebhafteste und unmittelbarste Interessc bewahrt. Als Vizepräsident des N.-F.-Direktoriums hat er bei allen Aktionen und Unternehmungen in Palästina mit seinem klugen Rat und seiner reichen Erfahrung mitgewirkt. Ebenso hat er für jede neue Propaganda-Aktion zur Verinehrung unseres Volksschatzes sein unausgesetztes Jntercsie bekundet. Als die Frage der Errichtung von Arbeiter-Familienhäusern in den palästinenischcn^ Kolonien aktuell wurde, entschloß sich Wolffsohn, den aus Anlaß seiner silbernen Hochzeit von den deutschen Zionisten gestifteten ״David- und Fanny Wolffsohnfondes" dem Jüdischen Nationalfonds anglicdcrn zu lassen, damit er lauernd und in immer wachsendem Maße der Arbeiterwohlfahrt zugute kommt. Mit Rücksicht auf die Stellung des Verstorbenen als Vizepräsident des N.-F.-Direktoriums nahm das Hauptbureau während seiner Lebzeiten davon Abstand, eine besondere Propaganda- Aktion für diesen Fonds einzuleiten. Die Spenden haben darum bis zu seinem Todestage nur den verhältnismäßig geringen Betrag von 31.662 Mark erreicht. Mit dieser Summe wurde indes bereits Ersprießliches unter Anteilnahme Wolffsohn in Palästina geleistet. Es wurden an Arbciterfamilienhäusern errichtet: je 5 Häuser in Petach-Tikwah und Rechoboth, 4 Häuser in Nischon le Zion, 1 Haus in Wadi Chanin. Weiters wurde eine kleine Arbcitcr-Heimstättcnkolonie auf Neu-Merchawjah begründet. David Wolffsohn hat auf die künftige Ent- Wicklung und Wirksamkeit dieses Fonds große Hoffnungen gesetzt und dem auch in seinen letztwilligen Verfügungen Ausdruck gegeben. Nunmehr erachtet es das Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds an der Zeit, an alle Zionisten den Appell zu richten, den David- und Fanny-Wolffsohnfonds so ausgestalten zu helfen, daß er seinem im Vordergründe unserer Kolonisationsarbeit stehenden Zweck gerecht werden kann. Dies wird ein würdiges Denkmal des großen Verstorbenen sein. Eine weitere Ehrung unseres dahingegangenen Führers besteht in der Herausgabe einer Wolffsohnmarke, die die markanten Züge des Verstorbenen außerordentlich getreu wicdergibt und die in nächster Zeit die Briefe jedes Zionisten zieren sollte. Die Marken haben dieselbe Größe wie die Herzlmarken, in 5 Farben hergestellt und in Heftchen von 40 Stück, sind sie zum Preise von 2 Mark hei allen Sannnelsiellen des Jüdischeu Nationalfonds zu erhalten. Das Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds. NIEDERLÄNDISCHE Lal)ansvarslcherungs8־asallschaft, Wlan l., Aspernplatz 1 Im eigenen Palais, Versichertes Kapital drka 422 Millionen. Reserve drka 116 Millionen Kronen. — Billigste Tarife, Mitarbeiter werden überall gesucht — Unser neuester Tarif mit 9>A )Shrlich fallender garantierter Prlmie Qenaralagentur für Wien I., Aspernplatz I, Leiter: David NebenzahL Sub Direktion für Prag Ferdfnandsstr. 20 neu Leiter Robert Gerstel. Sub Direktion für Lemberg. Szajnocba 3 Leiter LSbel Taubes General-Agentur für Krakau, Moritz Oiiiiel Krakau, Rlngplatz 9, General-Agentur für Blelitz, Scblossgrabea 9, Leiter Adolf Heitlinger. Hauptagantar fllr Brünn, Leiter: MAX DEUTSCH, Zeile Sl.

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