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Jüdische Volksstimme · 1914-10-21 · Heft 37 (21.10.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 37 (21.10.1914)
Date
1914-10-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahra. XV. Erscheint tedien Rtttwoch-.Nnmmer 37. ♦ a-s Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 620׳ ganzjährig ..Kronen 12•— Deutschland, ganzjährig ...... Mart 12׳— Rußland, ganzjährig.Rubel 6׳— Balkan, Frankreich ........ Frank- 14׳— @iW<S) Herausgeber: Max Hickl. A--—:-m Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe S. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die kspaltige Petitzeile 3V h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rü«kporto beizufügen. K-O Wien—Budapest. Prag—Lemberg. Ahasver. (Hu Besuch in Pohrlitz. Von L. S. I. ״Ter Menschheit Jammer faßt ntich an und will nlir schier das Hirn verbrennen." Wenn jemals dieser Schmerzensruf aus Goethe-Fauftens Brust am Platze war, dann gilt er ohne Zweifel ganz besonders in diesem von russischem Größenwahn, französischem Rachedurst und englischer Mißgunst über uns und Deutschland heraufbeschworenen Kriege ohnegleichen. ״Seht, wir Wilden sind doch bcß're Menschen", könnte Seume's von Europa's übertünchter Kultur unbeleckter Kanadier heute, nach weit mehr als hundert Iahren, abermals mit vollster Berechtigung ausrufen. Krieg, Krieg mit allen russischen Schrecken! O, diese ״lieben" Russen, die so viel Liebe zu den ״lieben" Juden hegen! ״Gott schütze niich vor meinen Freunden, vor meinen Feinden will ich inich selber schützen!".So mußten sich denn hunderttansende galizische Juden vor den russischen Freunden durch eilige Flucht schützen, nicht aber durch voreilige feige Flucht, viele darunter, insbesondere aus Krakau, bekanntlich über behördliehen Auftrag und auf Staatskosten. So haben wir denn nun in Südmähren plötzlich ein ganzes Stück Jüdisch-Galizien, Brünn am nächsten in Dein altbekannten Städtchen Pohrlitz an der Wiener,Reichsstrahe, 25 Kiloineter von Brünn und Mi Kilometer von Nikolsburg entfernt; wir statten also zunächst Pohrlitz einen Besuch ab. Im hellsten Sonnenglanze leuchteten Mitte voriger Woche die kühn und schön geschwungenen Polaner Berge mit ihren entzückend malerischen Burgruinen in die weite fruchtbare Thaya- Schwarza-Ebene zwischen Nikolsburg u. Brünn: aber schon am nächsten Tage riß der trübe Spätherbst wieder die ihm gebärende graue .Herrschaft an sich, zu einer Pilgerfahrt nach Ärakau in Pohrlitz ״just das rechte Wetter". Grau und trüb geht die infolge Ausfalls eines Schnellzuges volle zwei einhalb Stunden dauernde Bahnreise von statten, und die Wanderung zu den Stätten des Jammers der galizischen Flüchtlinge in Pohrlitz kann beginnen. Schon eine stattliche Strecke vor der schleichenden Einfahrt des Zuges in den ״Bahnhof" der!> Kilometer langen Lokalbahn Pohrlitz-Branowitz grüßen der altertümliche Kirchturm und der überraschend hohe und große Teinpel der kleinen Toppelstadt am Igel-Flüßchen, die aus der Stadtgemeinde I (״Christenstadt") und aus der Israelitischen politischen Gemeinde (Stadtgemeinde II) besteht, und die nun dem Bahnhof gegenüber die Anfänge einer dritten Niederlassung zeigt: die ersten der für je 400 Flüchtlinge bestimmten 10 Baracken, für die ohne innere Einrichtung, ein staatlicher Aufwand von :150.000 K festgesetzt ist. Noch kann keines dieser großen hauptsächlich aus kleinen und großen Kindern bestehende Ansammlung, die einen sehr beklemmenden Eindruck macht. Wir stehen zwischen derzeit als Massenquartier dienenden großen ״Herrschafts"-Scheueru und einem an den Seiten ganz offenen Feldknchen-Schnpsen von ansehnlicher Ausdehnung! Tie Mittags- und Essenszeit ist vorüber; wir können also der Ansspeisung nicht beiwohnen und das Mittagessen nicht verslichen, wohl aber das Massenlager in den Scheuern besichtigen. Znm Glucke sind in Pohrliy selbst blos etwa -100 Flüchtlinge auf diese ״herrschaftlichen" Wohn- und Lagerstätten angewiesen, während gegen 1200 Personen in Häusern untergebracht sind, und zivar zumeist oder doch vielfach recht oder sogar sehr gut. Tie rund 4100 in den Türfern nächst Pohrlitz weilenden Flüchtlinge sind bis znm Einzug in die Baracken größtenteils Scheuernbewohner. Nach kurzem Weiterschreiten sind wir mitten im Städtchen und wieder mitten im ärmsten Judenviertel von — Krakau. Tie ״Gasse" ist nicht zu erkennen: sie hat ein ganz neues, ein galizisches Aussehen. Aber die Pohrlitzer Jttden, wistdig ilrrer alt-ehrwürdigen Gemeinde, sind die Alten geblieben: wohltätig und aufopfernd, voll jübischer Nächstenliebe, beredte Zeugen für die volle Holzhäuser seine ״Gäste" ausnehmen, und so pil- Berechtigung der rührenden Jilschrifk auf den! gern wir sofort in die ״Stadt". Schon vor dem Grabsteine des weitbekannten Pohrlitzer Lehrer Bahnhof stehen einige der neuen Bewohner von! Nestors Einannel Bondi s. A.(1tt20 l!10s!: ״Er Pohrlitz und Umgebung, auf dem nicht gar zu! erzog durch 50 Jahre die Kinder Israels ׳.ur kurzen Wege in den Ort nimmt die Zahl sehr bald l Gottesfurcht und Frömmigkeit". In dein Lebrbedeutend zu, und sogleich in der ersten Neben-! ziminer dieses auch als hebräischer Grammatiker gasse zeigt sich ein noch fremdartigeres Bild: eine hochverdienten Mannes, der nach den 50 Jahren Feuilleton. Besuch am Schlachtfeld. (Phantasiebild.) Bon Bernhard Horowitz. Ter Engel der Träume wurde Herr meiner Phantasie und hinein setzte er mich in ein Luftfahrzeug, auf dem ich eine Fahrt durch das von Grauen und Schrecken erfüllte Europa machen sollte. Nachtnebel umlagerten noch den Horizont und das erste Morgengrauen begann sich Bahn zu brechen. Als ich außerl)a!b der Stadtperipherie war, zitterten bereits leise und beklommen die Morgenstrahlen der erwachenden Sonne auf den Bauinwipfeln und mancher Kirchturmspitze. Licht und Finsternis lagen noch im Kampfe miteinander und eigentümlich wirkte auf den Beobachter das die Schatten verjagende und die Welt aus ihrem Dunkel erlösende Licht... Ich vernahm ein Geräusch von unten, das dasjenige meines Motors zu übersteigen schien. Fast mechanisch ließ ich das Fahrzeug sinken und immer starker wurde das Gewimmel als ich nahe der Erde kam und meinen Augen sich ein furchtbares Blid entrollte.Jch sah einen, dem ein Granatschuß beide Augen samt dem ganzen vorderen Teil des .Angesichtes wegschmetterte und direkt ins Gehirn konnte ich ihm schauen. Er schien denkende Kraft nicht mehr zu besitzen, sondern bewegte sich automatisch, scheu und lichtlos... Es war eine Jammergestalt, wie. sie eine Tante'sche Hölle kaum Herrichten könnte. Neben ihm wälzte sich an! Boden ein Verwundeter, den! mehrere Schüsse den Unterleib zertrümmerten, so daß die Eingeweide verblutet und vereitert herausragten..... Er wälzte sich und unartikulierte Laute von sich gebend schien sein Seufzer eine ewige Anklage gegen dieses Morden zu sein ... Unweit von ihm stöhnte ein anderer die letzten Seufzer. Er lag mit zerschossener Schläfe dahingestreckt und das entronnene Blut, schwarz und klebrig bedeckte sein Gesicht, während seine Kleider total zersetzt, zerwühlt, rot, schwarz und anderfärbig angeschmiert waren. Er hob eine Hand um sein Gesicht zu betasten, langsam, schwerfällig und lebensmüde und als diese seine blutbefleckte Schläfe anrührte, schien sein Körper von einem leisen Zittern geschüttelt zu werden. So gings fort, verkrüppelte, zerhauene, verstümvielte und entmenschlichte Körper bedeckten das Feld, und auf allen hauste die Verzweiflung und der grenzenlose Jammer. Tiesein grauenvollen Bilde setzten mehrere Verrückte die Krone auf, die infolge der stets um sie herumhuscheuden Todesangst von den Sinnen gekommen waren. Mit einein übernatürlichen Gebrüll und unmenschlichen Brummen irrten sie mit zerstörten Mienen und hohlen Blicken umher, hie und da betasteten sie einen zuckenden Körper und manche von ihnen machten, als ob sie beteten. Ein anderer warf sich ununterbrochen auf die Erde, in der Meinung. dadurch dein Kugelregen entgehen zu können. - Vielleicht war es ihnen am besten aus dieser Schauderstätte, weil sie eben nicht bei Sinnen waren.... Dieses Bild menschlicher Leiden und irdischer Schmerzlichkeit war unübertreffbar, ja uiinachahmbar. Sloßweiselageu sie au einer Ecke des Feldes, die bereits Toten, wie die Her, 1 ge ausgeschichtet und durcheinandergen׳ ׳'ei׳ wa >vie zum Konservieren.... In der Nähe lagen zerstreut einze. .. ,׳ande, Füße, sonstige Körperteile, von welchen 1.!1 »lau chen ausgeronnenes Mark und vertrocknetes Blut klebten. Ein großes Panorama des Sterbens, über dein die Geister der Gemarteten dunstig, w׳ und irr uiiiherslatterten. diese Geister, die fei ntwort bekommen warum inan sie gemar׳. ud gemordet. Von diesem Schauspiel des Grauens h abwendend, gerief!nein Apparat nach einer!e in eine Athmosphäre, die io voll Tliusr. Rains u. Stickluft war. daß mir der Atem verging. Ein Knallen, Prallen und Schallen verriet inir, daß ich auf dein Kampsfelde mich befinde. Ich tzörte dailn ein Toben, Rutschen. Stampfen. Rasseln u. Prasseln, ein gewaltiges Aufschlagen. ein von Zeit zu Zeit ׳ich wiederholendes, mit solcher Wucht sich abspielendes Niedersanien. daß!»ein Trommelfell zu reißen drohte. Aus dem Wirrwarr dieses Höllenlärmes heraus vernahm ich. donnernde Anfeuerungen. Befehle, Zurufe und

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