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Jüdische Volksstimme · 1914-10-08 · Heft 36 (8.10.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 36 (8.10.1914)
Date
1914-10-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 36. Seite S. Eine blaß, ganz unternährt aussehende Frau streckt mir ihren Meldezettel entgegen. Ich lese: Frau Dr. S. aus Lemberg; Mutter von 7 Kinderu^Sie bittet für ihre Kleinen um Wäsche, Kleider. Wir wollen ihr nachdem sie dies erhalteu, noch einen Paletot geben; sie dankte, der ihrige ist, wie sie nleint, warm genug; sie weist auf eine andere, hinter ihr stehende Frau L., die gar nichts hat; inan hat ihr ihr Neifegepäck in Lemberg an: Bahnhof gestohlen. — Frau L. bekommt Kleider, Wäsche. Schuhe. — Tränen entstürzen ihren Augen. Sie erzählt uns, daß sie in Czernowitz Haus und Hof gehabt; ihr Mann ist in der Schlacht bei Jacowo gefallen, ihre 3 Mädchen siiid ihr bei dem großen Gedränge, das in Leiiiberg am Bahnhofe herrschte, abhaiiden gekoiiiirien. Man tröstete sie, daß gute Menschen sich ihrer annehmen werden. Ein alter Mann mit schneeweißem Haar reicht inir seinen Meldeschein hin. Er hat 3 Tage lang nichts gegessen, fragt, ob er nicht eine An- Weisung auf ein Speisehaus bekommen könne. Tie Wohnung müsse er auch heute räumen, wisse!licht wohin. Da wo er jetzt wohne, seien schon 3 Faiiiilien in eiueni Kabinet und der Hausmeister habe den Auftrag bekommen, daß nur 1 Familie da wohnen dürfe. — Man weist ihn an das Wohnungsbureau in der Sperlgasse. ״Wie find ich dahin?" sagt er tieftraurig." Ich bin fremd in der großen Stadt!" ״Tcs Lebens ganzer Jammer packt mich an." Höre ich eine der Äomitedamen sage». Sie winkt dem alten Manne, zu sich, gibt ihm Geld und läßt ihn durch einen Dienstmann nach dem Wohnungsbureau führen. Ein anderes Bild: Ein junges Mädchen, der Typus der schönen Jüdin, naht sich, bittend, man möge ihr nur eine Decke, einen Polster geben, ihre alte Mutter liegt in einer fernen Gasse im 20. Bezirk auf Stroh. Gute Leute haben sie, als sie in der Nacht mit dem Zuge ankamen, zu sich genommen. Die Mutter sei während der Fahrt erkrankt. Sie fiebert. Tränen rollen dem schönen Mädchen über die blassen Wangen. Glücklicherweise haben wir das Gewünschte. ״Nun wird die Mutter >nal eine Nacht schlafen können!" sagte das junge Mädchen; ״wir sind acht Tage und;Nächte lang unterwegs gewesen; das war schrecklich!"- Ein blasser Manu drängt sich vor, laß sich, obgleich die früher Gekommenen ihn nicht durchlassen wollen, nicht fortweisen. Aus den totmüden Augen spricht Not u. Verzweiflung. Ich frage, was sein Begehr. — Er ist aus Przemys mit Frau und 4 Kindern geflüchtet; heute 'Nach hat die Frau dem fünften das Leben gegeben; es fehlte an Allem; er bittet um Wäsche, um einen Polster für das Kleine, das ganz kalt war, als er es heute früh verlassen. Unsere gute Frau Bauer Iveiß für alles Rat; sie gibt Kinderhemdchen, Jäckchen, Polster, tvciß wo alles liegt, was in diesem Durcheinander der täglich einlangenden Spenden nicht leicht ist. Es fehlen uns Hilfskräfte, die die avisierten Packete zusammenholen. Wir haben im letzten Jahre ca. 700 Kronen für Abholung der Spenden aufgetvendet. Vielleicht hilft uns einer der vielen jüdischen Spediteure; cs sind ca. 100 Packete angemeldet: für Abholung eines jeden Packetes zahlte die Vereinskassa 1 Krone. Unsere Kassa ist aber jetzt erschöpft. — Wer hilft? Tie Not ist groß. Man muß das Elend, der sich zur Verteilung Meldenden gesehen haben, um zu wissen, daß unsere Brockensammluug ein wichtiger Faktor ist, der dem Elend der unglücklichen Flüchtlinge tatkräftigst, steuert. Das Bureau der Brockensammlung befindet sich Lerchenselderstraße Nr. 71. Jda Barber Simchath Thora. Von Marek Scherlag. Will auch ich die Thora tragen Liebevoll ans Herz gepreßt. Mich am Duft der Heilgen Sagen Süß berauschen, wie ihr Treuen, Und der Heimkehr stolz mich freuen Heut am Thora — Freudenfest! Lang fern und fremd von euch. Schlägt mein Herz jetzt voll und reich, Selig, unter euch zu sein .... Schlingt den Neih'n, ja, schlingt den Neih'u. Kinder, hoch die blauen Fähnlein Und die goldnen Aepfeln drauf! Springt, wenn sanft vom Silberkrönlein lnsrer Thora Glöcklein klingen --- Klang und Glück und Gnade bringen. -- Springt und singt in! Hellen Hanf! Ist man stets gedrückt und trüb. Wird man sich ja selbst nicht lieb. Laßt uns druin wie Kinder sein - Schlingt den Neih'n, ja, schlingt den Neih'n. Frauen, vom Balkon herunter! Heut ist Raum hier auch für euch. Kommt! Das frohe Bild wird bunter. Und eS jauchzen nun beisammen Unsrer Freude Helle Flammen. *— Vor der Thora sind wir gleich. Heisa! Und warum nicht gar? Jsts doch einmal nur im Jahr. Einmal muß man lustig sein. - - Schlingt den Neih'n, ja, schlingt den Neih'n. Greise tanzen und sie singen: Ewig wirst du, Thora blühn. Ewig huldvoll uns verjüngen, Wenn trotz aller Sturmgewalteu, Wir wie Meeresfelsen halten Treu an dir, o Königin. Sinn verschönst du und Gemüt, Spendest Liebe, Licht und Lied, Hoffnung, Heil und Heitersein. Schlingt den Neih'n, ja, schlingt den Neih'n. das moralische Verhalten der (russischen) Jnfanteristen und besonders der jüdischen Soldaten hört man so viel Gutes, daß immer noch ein starkes Plus bleibt, wenn man einen Teil der Brutalitäten gegen die Zivilbevölkerung, der vandalischen sinnlosen Zerstörungen und Plünderungen auf ihr Konto bucht. Der Inspektor eines großen Gutes bei Gerdauen. ein Urgermane von Anse- Heu und nach seinen Aenßerungen Antisemit, erklärte: ״Die Nüssen haben sich hier gut aufgeführt; durch Anständigkeit und Sauberkeit;eichneten sich ganz auffallend die Inden ans." Tieselbe Beurteilung vernahm ich in verschiedenen anderen Orten, vornehmlich in Nordenburg, wo ich Männer und Frauen darüber befragte." Die Bestattung David Wolffsohns. Die Beerdigung David Wolffsohns am vorlebten Freitag in .Mölii a. Nh. fand unter großer Teilnahme statt. Der Verstorbene hatte durch letzwillige Verfügung sich jeden Nachruf am Grabe verbeten. So wurde der Sarg nach einem schlichten Gebet des .Rabbiners Tr. Nosenthal andem schönen Heim am Sachsenring herausge tragen, durch die Straßen Kölns zum Friedhofe in Deutz, geleitet von einem endlosen Trauergesöge, dem das blau-weiße Banner der Hamonea vorauzog. Auf dem Friedhof knüpfte der Nabbiner au das Hazur-Tomim-Gebet einen Abschiedsgruß in hebräischer Sprache. Am Grabe legte einer der Mitarbeiter des Heimgegangenen im Namen aller Zionisten das Gelöbnis ab: ״im eichkochech Jeruscholojim" lind dann senkte sich unter dem feierlichen Gesänge der - nach dem Wunsch des Verstorbenen angestimmten ״Ha tikwah" der Sarg eines edlen Menschen u. warm herzigen Juden in die kühle Gruft. Nicht zur letz ten Ruhe: denn es liegt die Verfügung vor, daß sobald es d>e Verhältnisse gestatten, die sterblichen Ueberreste David Wolffsohns und seiner am glei chen Tage vor zwei Jahren verstorbenen (beinahliu nach denl heiligen Laude überführt werden. Am Abend des Beerdigungstages, vor Labbateingang, gedachte Rabbiner Dr. Nosentbal in der -yuagoge Glockeugasse, die Wolfssolm Nets be sucht hat, des Entschlafenen in einem Trostsprnch für seine hiestgen lind aus der Ferne berbeigeleilten Freunde. Schweizer Schokoladen An die jüdische Bevslkernnn! I. Strachon & Cie, Brünn Bahnhofplatz. Jüdische Soldaten im russischenj Heere. NIEDERLÄNDISCHE Lebensversicherung« - Gesellschaft, Wien I., Aspernplatz 1 im eigenen Palais, Versichertes Kapital cirka 422 Millionen. Reserve zirka 116 Millionen Kronen. — Billigste Tarife, Mitarbeiter werden überall gesucht — Unser neuester Tarif mit üs/s jährlich fa'lender garantierter Prämie Genaralagentur für Wien I., Aspernplatz 1, Leiter: David Nebenzahl. Sub Direktion für Prag Ferdinandsstr. 20 neu Leiter Robert Gerstel. Sub Direktion für Lemberg. Szajnocha 3 Leiter LObelTaubes Oeneral-Agentur für Krakau, Moritz Griffel Krakau, Rlogplatz 9. General-Agentur für Blelitz, Schloss graben 9, Leiter Adolf Heitlinger. Hauptagentur für Brünn, Leiter: MAX DEUTSCH, Zeile 31. In dem vom Feinde bedrohten Grenzgebiete!m östlichen und nördlichen Galizien wohnen, wie bekannt, unsere Glaubensgenossen in großerer Zahl. Die Verhältnisse haben nun diese unsere armen Glanbensbrüder vielfach gezwungen Hans und Hof zu verlassen um mit ihren Familien ins Ungelvisse hinausznwandern. Amb nach Brünn wurde eine Anzahl dieser Unglücklichen verschlagen und es isr nicht zu vermeiden, daß üe ähnlichen Nachschub erhalten. Es bat sich bereils ein .Konnte gebildet, wel- Jil den Berichten vonl östlichen Kriegsschau-I platze sprechen sich d!e deutschen Kriegsberichterstatter übereinstiinmend sehr lobend über das ge-I ches alles anfbieten will, um die materielle Not sittete Verhalten der jüdischen Soldaten im rnssider Flüchilinge zu mildern. Mögeil diese dankesscheu Heere während der zeitweise» Besetzung eins werten Bestrebungen vom besten Erfolge begleitet zelner Teile unserer Lstprovinzen durch die rnssischeu Truppen ans. So schreibt der Kriegsberichterstatter Paul Lindenberg int ״Hamb. Eorresp. ״Wie mir Gefangene meist deutschsprechende, bescheiden auftretende und gut anssehende Inden aus dem.Kownoschen Gouvernement berichteten, greift die Mißstiinmung in der Armee, namentlich in den Reserve-Negimentern, 11111 sich; die Leute wissen nicht, warum sie in den .Krieg gezogen sind. Wieviel sittliche Größe, ivieviel menschliches Mitgefühl, wieviel christliches Per zeihen gehört dazu, diesen Feinden Gutes zu er weisen, die - mögen auch Einzelne (und ich innß hier wieder Inden nennen, die sich nach allen, auch militärischen Berichten von jeder Plün derung frei gehalten» ausgeiiommen sein — in der Gesamtheit das Furchtbarste an wildester. Kin. Nun sind diese armen Flüchtlinge o h >l e eigene Schuld, nicht nur wirtschaftlich ruiniert, sondern sie sind ans ihrem .Kreise in geänderle Verhältnisse geschlendert worden; es wird ihnen hier fast unmöglich, die tKebote der ererbten Väterreligion ein.zuhalten, mit denen sie ganz und gar verwachsen sind und deren Perletzung ihnen ebenso nabe geh: wie der leibliche Tod Warum soll ans dem Boden Mährens, wo durch Jahrhunderte unsere frommen Atuleu den Geboten und dem Geiste der jüdischen Religion mit grenzenloser Hingebung gelebt haben, das Leben nach den Geboten der jüdischen Religio» unmöglich gemacht werden. Ter Verein ״Machst ke Hadas" halt es für sinn- und zwecklosester Vernichtungswnt geleistet,! seine oberste Pflicht den ersten Schrill zu tun. um die sich nur die schrankenloseste Phantasie ansma len kann! Armes, armes Ostpreußen! Und dazu jene bestialischen Scheußlichkeiten, die hauptsächlich von Kosaken verübt wurden und die, wenn man nur von ihnen hört, das Blut erstarren lassen. Sie sind amtlich, von unseren Offizieren, bestätigt." Und der .Kriegsberichterstatter Wilhelm für die armen Flüchtigen, die nach unserer L.'adt gekommen sind, die Möglichkeit zu schaffen, daß sie ihr Leben hier fristen, ohne auch moralisch zusammenbrechen zu milisen. Für eine dem jüdischen Ritus en'׳-״״׳che11de Speiseanstalt, wo inan für w e n i g Geld den Hunger stillen kann. für ausreichende Approvisioniernng mit Düwell schreibt im ״Hamburger Echo": ״lieber!,Koscher-Fleisch, welches den strengsten Anfor-

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