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Jüdische Volksstimme · 1914-10-08 · Heft 36 (8.10.1914) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 36 (8.10.1914)
Date
1914-10-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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«Mttsche V,lk»ßr««r.* 91& 35. dcrungen entspricht und noch für manches andere niuß gesorgt werden. Durch die Peo-Brockensammlung sollen die armen galizischcn Flüchtlinge mit Kleidern, Schuhen, Wäsche usw., versorgt werden. Der Verein richtet daher die Bitte an alle jüdisch Fühlenden hier mitzuarbciten und ist bereit seine schwachen Kräfte in diesen Dienst, der gleich human und patriotisch wie spezifisch religiös ist, aufs äußerste anzuspannen. » Tie Redaktion ist bereit für diese Zwecke Spenden entgegen zu nehmen und sie ihrer Bestimmung zuzuführen. Dr. Karl Jeremias s. A. Pose n, 24. Sept. Ticfbetrauert in allen Kreisen der Gemeinde wurde Tr. Karl Jeremias zu Grabe getragen, ein Mann, dessen Namen u. Wirksamkeit weit über die Grenze seiner Heimat hinausragtcn. In seiner Biederkeit und Beschcidcnhcit jeder Art von Sichhcrvortun abhold, entwickelte er doch eine bewundernswerte Energie, wenn es galt, im Stillen zu arbeiten und zu wirfcu für die Nächsten, für die Gesamtheit, für das, »vas er einmal als wahr und gut anerkannt hat. In seinem Drange nach Taten, in feinem Bedürfnis, sich helfend zugunsten feiner leidenden Brüder allüberall zu betätigen, schloß er sich dem Zionismus an. .Keine eigentliche Kampfnatur, war er innerhalb seiner Gemeinde ein geschworener Feind jeder von der geheiligten Tradition ab- »׳' ׳enden Neucrungssucht und er kämpfte auch i r zionistischen Organisation, in seiner stillen z egen die antijüdischen Regungen, die in lch-?it in der Bewegung die Oberhand gewant aller Entschiedenheit. Ein viclbeschäftig-;r. dessen Kunst und Menschenliebe so viegute kam, fand er doch Zeit und Muße für ,e Hilfsarbeit im Kleinen und im Großen und war er überall in der vordersten Reihe zu finden wo cs galt, tatkräftig zu helfen und scgensr> >t׳׳׳ Institutionen zu fördern. Tic Beerdigu ־ eine imposante Kundgebung der Licbe z. ehrung. Außer dem Rabbiner sprachen 1׳ ■>u, ,1111 «Krabc Vertreter der zionistischen Verciuigung und anderer Korporationen. Er ruhe in Frieden! k ne ter len jegl 1 ihlshüiher Vereinsheim, Langegaste Nr. 41, ein Bureau errichtet, in welchem täglich von 8 Uhr früh bis 7 Uhr abends ununterbrochen amtiert wird. Dort sollen Wohnungen angemeldet werden, dort erhalten auch die ankommenden mittellosen Flüchtlinge für den ersten Moment Unterkunft u. einen Jinbiß. Tort werden ihnen die, für sie geschaffcnen Untcrkunstsftellen angewiesen, bezw. Arbeiten vermittelt. Nunmehr hat die Prager Israelitische Kultusgemeindercpräsentanz bcschlosten, das vom jüdischen Volksverein begonnene Hilfswerk auszubauen und eine Sitzung abgehalten, zu welcher die Vertreter des jüdischen Volksvercincs sowie die Prager Humanitätsvereine geladen waren. Das Ergebnis war die Schaffung eines großen Hilfskomites mit dem Präsidium der Israel. Kultusgemeinde an der Spitze. In die Kommissionen dieses Komites (Wohnungs-, Verköstigungs-, Finanz-, Bcklcidungs-, Jugcndaufsichts- und Bahn- Hofskommission) wurden zahlreiche Vertreter der Prager zionistischen Organisation gewählt. Das, vom jüdischen Volksvercin geschaffene ständige Bureau, in welchem tagsüber zionistische Studenten arbeiten, wird auch weiterhin die Zentralstelle für das von der Jsr. Kultusgcmeinde gebilbete große Hilfskomite sein. Es ist auch vollauf zu tun! Während unsere prächtigeit Wauderjungen vom jüdischen Wandcrbund ״Blaü-Weiß" (versehen mit hebräischen Plakaten u. Abzeichen) die Flüchtlinge auf den Bahnhöfen cinpfangcn u. ins jüdische Hilfsbureau führen, sammeln Mitgliedcr des jüdischen Turnvereines, des jüdischen Frauenvereincs und des Klubs jüdischer Mädchen und Frauen warnte Kleider und Wäsche für die kalten Tage, die vor der Türe stehen. Tic Saminlungdcs Zentralvercines zur Pflege jüdischer Angclegenheitcn hat bereits eine stattliche Summe erreicht. Die jüdischen Volksküchen-, Ausspcisungs- und Freitisch-Vereine, die Consraternität des isr. Nächstcnlicbcvcreines, die beiden B'ne Brith-Logcn, sic alle stehen am Werk und helfen! So wird aus allen Seiten intensivst gcarbcitot und in erhebender Weise dargetan, daß es ein jüdisches Herz, ein jüdisches Zusammengehörigkeitsgefühl gibt! Ter beste Beweis für die Lebenskraft und den Lebenswillen der Nation! P r a g, 26. September 1914. Victor Kohn. Kunä^au. Ein französischer Rabbiner gefallen. Uedrsisvti-deutseh ä 160 zu beziehen durch den Jüd. Buch־ u. Kunstverlag, Brünn. Prager Brief. Bitterschwere, traurige Zeiten sind über unsere galizischcn Brüder gekommen. Tie herbe Not des Krieges zwang sie, die zur Heimat gewordene Scholle, auf der sie durch Jahrzehnte ihr künnnerliches Brot erworben haben fluchtartig zu verlassen, um ihr nacktes Leben vor dem grausamen Feinde zurctlcn. Bleiche, magere, gebückte Gestalten mit den tiefliegenden Augen und dem typisch scheuen Blicke des stets Verfolgten, so sicht tnan sie auf den Bahnhöfen in Gruppen kauern und aus die ärztliche Untersuchung warten, nach welchcr sie in irgend ein provisorisches Asyl geführt werden sollen. Wohin diese Männer und Frauen mit den vielen, frierenden Kindern steuern? — Sie wissen es nicht, sie wissen nur, daß sie arme, verlassene, unglückliche Juden sind, denen nichts anderes geblieben ist als ihr Glaube an den eiltzigcn Gott und ihre Stammesgcnostcn. In dieser bedrängten Zeit hat sich der Prager jüdische Volksvercin die Aufgabe gestellt, ein Hilfswcrk für die nach Prag kommenden galizischeu Flüchtlinge in großzügiger Weife zu organisicren. Zu diesem Zwecke wurde ein Hilfskomite gebildet, unter welchem 4 Kommissionen arbeiten und zwar: die Bahnhofs-, Wohnungs-, Arbcits-, bezw. Vcrsorgungs- und die juridische Kommission. Das Hilfskomite hat die Aufgabe, die Flüchtlinge auf den Bahnhöfen zu empfangen, ihnen das Notwendigste — vor allem Obdach und Speise zu verschaffen und für ihre weitere Versorgung zu wirken. Zu diesem Behufe wurde im jüdischen Bei St. Tie fiel für fein Vaterland Feld- Prediger Abraham Bloch, Großrabbincr von Lyon, (aumonier de corps d'armee.) Ein jüdischer Staatsanwalt gefallen. _ Staatsanwalt Ludwig Weil-Gutmann aus Stuttgart ist auf dem französischen Kriegsschauplatze im Alter von 35 Jahren gefallen und ist am Sonntag auf dem Friedhofe in Stuttgart unter militärischem Ehreugeleite beerdigt worden, wobei Rabbiner Tr. Kroncr einen ergreifenden Nachruf hielt. Ter jüngste deutsche Rekrut. Der Rekord der Jugendlichkeit bei den reichsdeutschen Freiwilligen ist wieder überboten worden. Jetzt teilt der Königsberger Bürger S. Scheyer voller Stolz mit, daß sein Sohn, der Schüler Eugen Scheyer, der bei einem Ersatzbataillon als Kriegsfreiwilliger Aufnahme gesundcn hat, erst 14 Jahre 11 Monate alt ist. Tic Russcnanbctung in Frankreich. Wie sehr der Haß gegen das Deutschtum das französische Volk immer mehr vom Wege der Kultur und der Sittlichkeit abbringt, das bclveist schon die französische Verbrüderung mit dem bar-!׳arischen Rußland. Diese unnatürliche Verbrüderung zeitigt mit jedem Tage neue gefährliche Früchte. Das französische Volk, dem es an Edelmut und Intelligenz sonst nicht fehlt, gerät heute auf die schiefe Ebene der russischen Moral. Unsere französischen Staatsmänner suchen heute in der Presse den Zaren als den ״Befreier der Juden" zu feiern, weil er durch eine verlogene Phrase den Juden Freiheit verhieß, in einem Moment, wo er sic braucht. Man braucht wahrlich kein Diplomat zu sein, um zu erkennen, was damit crzichlt werden soll. In Rußland merkt man die Absicht und wird verstimmt. In Frankreich aber imponiert, wie immer, die hoble Phrase und inan läßt den Zaren hochlebcn. Wahrlich, eine größere Erniedrigung eines Kulturvolkes können wir uns kaum denken. Es ist immer ein trauriger Anblick, wenn man sieht, wie ein groß angelegtes Volk durch eigene Verirrung einem tragischerr Geschicke entgcgengeht. Der jüdische ״Feind." Königsberg, i. Pr. lieber die jüdischen Soldaten aus Rußland liegt das Urteil eines Guts- Verwalters aus Ostpreußen vor. In der Nähe von Gerdauen liegt das Schloß des Herrn v. Jansen, des reichsten Mannes der Umgegend. Gerdauen ist nicht mehr, alles ausgebrannt von den Russen. Dieser Mann, der alle die Grerreltaten der dertierten Menschen miterlebt hat. sagt: ״Die einzigen, die nicht plünderten und sich gut benahmen, sind die jüdischen Soldaten, sie mögen manches von ihren Kameraden zu leiden haben." Auf der ganzen Straße von Gerdauen bis Nordenburg ist alles vernichtet. Nn M. fand der Berichterstatter eines hiesigen Blattes von den 21,00 Einwohnern noch 300. In einem Nachbarhause waren russische Verwundete untcrgebracht, die zum Teil vor der Tür faßen und standen. Die jüdischen Sodatcn, die aus dem Kownoschen Gouvernement stammten und schon durch ihr Aeußeres in Uniform 11. Haltung vorteilhaft von den übrigen abstachen, sprachen sämtlich deutsch und berichteten viel Intercssantcs. Unter schlechter Behandlung hatten sie nicht zu leiden gehabt, wohl aber unter mangelhaftcr Verpflegung. Als der Berichterstatter ihnen von dem guten Urteil des oben erwähnten Verwalters erzählte, sagte einer von ihnen: ״Nein, wir haben nie etwas genommen. Wenn wir Hunger hatten, sind wir in den Dörfern stets zu den Geistlichen gegangen und baten auf deutsch um etlvas Brot, und stets wurde unsere Bitte erfüllt." Tie Hoffnungen der russischen Juden. Der ״Berl. Börscnkourier" schreibt: ״Für die zukünftige Gestaltung Ostpreußens ist das dort wohnende jüdische Element von besonderer Bedeutung. In West- und Südrußland wohnen 6 Millionen Juden, die bekanntlich von der Regierung des Zaren in der grausamsten Weise unterdrückt und verfolgt werden. Dieses jüdische Element ist für Deutschland insofern von besonderem Interesse, als cs meistenteils deutsch versteht. Diese merkwürdige Tatsache erklärt sich dadurch, daß die Juden im Mittelalter über Deutsch land nach Polen gewandert sind und feit dieser Zeit die deutsch Sprache beibchalten haben. Sie sprechen den ״Jargon" oder das ״Jiddisch", eine aus dem Mittelhochdeutschen stammende Mundart, die mit flavischn und hebräischen Worten nur wenig vermischt ist. Wenn die rusiischn Juden durch die kriegerischen Ereignisse der Gegenwart von dem Druck der russischen Herrschst befreit und einer gesunden Entwicklung entgegengeführt würden, so werden sie zweifellos ein Wirtschaftlich außerordentlich nützliches Element darstellen, das für die Verbreitung des deutschen Sprach- und Wirtschaftseinflusses überall von größter Bedeutung sein wird. Wie sehnlich die Juden nicht nur in Rußland selbst, sondern auch außerhalb Rußlands die Befreiung ihrer Stammes- und Glaubcnsbrüder vom russischen Joch erwarten, zeigt unter anderem auch die Tatsache, daß die vornehmste und bedeutendste jüdische Tagcszeitung Amerikas, ״The Jcwish Exponent", in einem längeren Artikel, betitelt ״Der Krieg und die Judensrage", Rußland als den Feind des Judentums brandmarkt und seine Niederlage hcrbciwünscht. Tic gleiche jüdisch-amerikanische Zeitschrift bringt die Nachricht, daß die Londoner ״Tinies" sich scharf gegen die jüdische Presse Nein Barks wenden, weil diese in der gegenwärtigen Krisis Sympathien für Deutschland hat." Kückerbespreckungen. E. v. Kayserling: Abendliche Häuser. Roman Verlag S. Fischer, Berlin. Geh. 3.50 Mark, gcb. 4.50 Mark. — Es ist etwas von Chopin in Kayserlings Melodie: dieselbe Mischung aus Melaucholie und Lcbcnsrausch, eine Leidenschaft, die mit aristokratischem Trotz Schicksale herausfordcrt und ihre inorbidc Süße daran steigert; der eine, bestrickende, durch alles Wissen nicht gebrochenc Klang von Frauenvcrehrung durchgängig durch alle Variationen. In seinem neuen Buche ist die Süße noch tiefer und hoffnungsloser. Seine Häuser sind ״abendlich": nicht nur, daß alte Leute darin wohnen, sondern altes Blut, alte Gesin-

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