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Jüdische Volksstimme · 1914-10-08 · Heft 36 (8.10.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 36 (8.10.1914)
Date
1914-10-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. »,Jüdische BokkSsti««e." Nr. 36. Der Krieg und die Juden. Bon Ignaz Roscnfeld. Wien, 1. Oktober 1014. Tic Bewohner des östlichen Teiles unserer Monarchie haben die Schrecken des Krieges unmittelbar an ihrem Leib und ihrem Hab erfahren. In die glänzenden Paläste, in die bürgerlichen Häuser und in die dumpfen, engen Räume ringenden Proletariats hat der Tonner der schweren Schlacht getönt und in den Frieden der tätigen!Bewohner Sorge, Verzweiflung, Unruhe gctra-!gen. Plötzlich war ihr Leben bedroht vom mos-?cowitischem Schwerte und die Negierung hat -ihnen ans Herz gelegt, das Land, das sic ernährt, das Fleckchen Erde, das ihnen ihre Väter und Großväter zur Wartung, zum Leben hinterlassen baden, vorläufig aufzugebcn. Sie hat das Leid;ilirceaugenblicklichen Lebens mit einem leisen Schimmer von Hoffnung überglänzt, die aus dem Worte ״vorläufig" bricht. Und die treue, starke Bevölkerung, jahrzehntelang gewärmt vom Nertrauen ihrer Negierung, geliebt von ihrem Kaiser, klammerte sich an diese Hoffnung und verliest das Land, verbrannte die Schiffe vorläufig hinter ihrem Rücken. Gewiß so einfach war das nicht. Und die Szenen, die sich bei dem Abschied abspiellen, der furchtbare Jammer der plötzlich Heimatlos Gewordenen wird noch lange in dem Herzen der Mitmenschen fortwirken, wenn längst die Wunden, die der Krieg geschlagen, vernarbt sind und Bilder vor die mitfühlende Seele zaubern, die man nie vergißt, die nur verschwimmen könneu, versinken ins Unterbewußtscin. Ta hört man von einer Mutter, die ihren Säugling aus dem Polster verloren und dann bei der anfzuckenden Erkenntnis in Wahnsinn verfiel und jetzt irgendwo in einer Anstalt sich die Haare rauft und irre,!zerrissene Rufe nach ihrem Kinde ausstößt, die einen mit kalten Grauen erfüllen. Ta wieder springt ein anderes Weib voll Verzweiflung in ihr brennendes Haus, um ein kostbares Gest zu retten. Und sie verkohlt. Da irren verlassene Kinder umher und suchen weinend die Eltern, dort jagt gcängstigt ein Vater und ruft nach dem Kind. Unvergeßliche Szenen. Jetzt sind die Acrmstcn der Armen verteilt in die Städte, die ihnen die Regierung angewiesen. Hier, in Wien, ist ein großzügiger Apparat ins Leben gerufen worden, der sich der Schwergeprüften, und das sind meistens Juden, annimmt, ihnen Anweisungen gibt für eine Lagerstätte, und Speise und Trank. Da kann man sie sehen in langer Kolonne vor der Zentrale warten in stiller Ergebung, in wortloser Rcsignatioik. Ein Heer von armen, elenden Menschen. Ta verbrüdern sie sich, sind jetzt alle gleich. Manchcs blasse Gesicht sicht Dich an und Tu erkennst aus einem leisen Zug, aus dein sein geschnittenem Munde, aus den wohlgcpslegtcn Händen und der Nettigkeit des letzten Gewandes, daß Du es lächelnd und glücklich am Korso wandeln gesehen hast und jetzt lehnt cs sich an die lumpen gehüllte Gestalt, die mit verloschenen Augen, in verschüchtcrter Demut die Hand Dir entgcgcnstreckt. Eine inzigc Minute hat sie gleich gemacht, die Beiden. Ihnen und den vielen Tausenden begegnest u jetzt hier lauter lebenden Schatten. Vielleicht fühlen sie nichts mehr, vielleicht ist ihre Seele chatten geworden und flattert in weher'Sehnucht um die verwüstete Stätte der Heimat, um- ׳reist klagend, die rauchgeschwärzten Mauern ihres zerschossenen Heims, die als bröckelnder 'Icbcrrcft nach den Himmel starren den Gnadentost erflehend? Wenn Tu diese dunkeln Gestalten siehst, wie sic sich vornübergcneigt, mit seltsam nach innen gekehrtem Auge, lautlos durch die traßen schleichen, jeder einzelne im Opfer ein Held, Rührung erfaßt Dich und Trauer und hilf- 'rohes, umarmendes Gefühl. Und doch gibt es Menschen, deren Herzen in überlieferter, fortgeerbter Enge starr bleiben, die auch jetzt, in der Zeit innigen, unterschiedlosen Zusammenschlusses, den finsteren Rassenhaß nicht überwinden können, die sich mit Widerwillen vor dem grauen Häuflein Mcnschenunglück verschlic- ';cn und in deren Seele aus Unduldsamkeit und Blindheit rohe, frivole Wünsche entstehen, die in Vernichtung, Verfolgung, der Juden drohend aus' i'linge. Wenn man sich ganz von ungefähr unter zewisie Bcvölkerungsschichten mischt und hin- )vrcht auf zwanglos hingeworfcne Worte, die sogar belächelt werden, der Hcrzschlgg setzt aus auf Augenblicke in einein. Weil man das Lachen nicht begreift, diese Verachtung des Unglückes nicht faßt. Und dennoch! ׳> _ ' ■'t Barons Notschild. Springer, Guttmann und anderer kapitaler jüdischen Familien wieder, die an erster Stelle Beträge zur Linderung der allgemeinen Not zeichneten, deren Höhen durch nie־ nand überboten wird. Sie tuen das mit der stilcn selbstverständlichen Gebärde des Wohltäters aus Pflicht, aus Bedürfnis für jeden auch für die Unduldsamen, wie oft glänzen Namen jüdischer Fabrikanten unter weitherzigen Spendern an die 'ich das zahllose Heer mittelbürgerlicher Wohltäer förmlich organisatorisch anreiht. Und da regt 'ich ganz scheu und zaghaft eine Frage in einen!, warum andere hohe Persönlichkeiten, die sich rühmen unübertreffliche Marställe zu besitzen, weitausgedehnte Güter, Waldungen und ertragfähige Wirtschaften stolz ihr Eigen nennen nichtige Beträge verzeichnen lassen als lobenswerte Spende? ־; . Es ist aber eine atsachc, der die Geschichte Recht gibt, der Not des Volkes kann nur das Volk selbst steuern. Mit kleinem Gelde, das hart erarbeitet werden nruß, an dem Tränen mrd Blut und Schweiß klebt, wird cs sich sein Heilmittel schaffen, cs sorgsam zusammentragen, Stein auf Stein, den Ban seiner Nething. Die Juden haben ihn für sich halb schon vollendet, mit dem anderen Teil dienen sie den Unduldsamen. Und doch verfolgt sie Haß? Warum. Augen von Männern der Arbeit, die in sicherer Ruhe die Tinge des Lebens schmieden, blitzen auf im Haß gegen Juden und tausende von lichtscheuen Worten bleiben haften an den Wänden geschlossener!Räume und in Millionen bohrenden, finsteren Herzen. Und warum das? Trüben auf dem Schlachtfeld kämpft und fällt der jüdische Soldat Schulter an Schulter mit den Söhnen und Brüdern der Unduldsamen, dort düngt er mit seinem Blute den Boden zum Siege, zur Freiheit, für alle, auch für die Unduldsamen. Kämpft er für sich? Wie ists dann möglich, daß er drüben in der feindlichen Schlachtreihe seinen Bruder erschlägt? Kain trug ein Brandmal auf der Stirne für den Brudermord und der Kain auf dem Schlachtfelde kommt wohl heim aber mi zerrissenem Herzen, für ihn ist 11111 den Glanz des Sieges ein Trauerflor geschlcicrt. In dieser Tragikomik liegt vielleicht ein Stück seiner Geschichte. Er hat auf vcr Erde eine Nolle bekommen, auf die Zwiellicht fällt und manchmal könnte man darob weinen und lachen zugleich. Tenn beide haben recht, der Hammer und der Amboß. Und dann verschließt er sich, sein Herz, knöpft er die Tasche zu? Wer nur flüchtig die Listen liest, in denen die Wohltätigkeit registrier erscheint, dem fallen im weitaus größerem Maße jüdische Namen auf. Wie oft kehrt der Name des Eine Stunde in den Räumen der Brockensammlung in Wien. In diesen Tagen, da Wien von vielen Tausenden, die aus Galizien, der Bukowina geflüchtet sind, überschwemmt ist, hat das gute Wiener Herz reichlich Gelegenheit sich zu betätigen. Man sam- .nclt aller Orten und Alles reicht,nicht, um die große Not zu lindern. In der Brockcnsammlnng für jüdische Arme, 8. Bez., Albertgasse lg, wurde sonst nur an. zwei Tagen verteilt, stets von 8—4 Uhr: in den letzten Tagen war täglich von 0—5 Uhr Verteilung; die Armen standen weit hinaus bis auf die Straße, wurden je 10 und 10 eingelassen; ein Verschlag trennte sie dann vom Lagerraum, in dem die gespendeten und zur Verteilung gelangenden Sachen aufbewahrt sind. Bittend strecken uns die Armen ihre Hände mit dem Meldezettel als Legitimation entgegen. Ich sehe einen jungen Burschen, der den rechten Arm im Verband hat. ״Waren Sie in der Schlacht? frage ich. ״Nein, man hat auf uns, als wir flüchteten, geschossen: meinem Vater ist die Kugel durch den Kopf gegangen; er liegt in Preßburg im Spital." ״Was brauchen Sie?" Er deutete auf seine ganz zerfetzten Stiefel; bekommt andere und einen Winterrock. sein, nicht einmal gestreift hat sie ihn. Da fährt er sic an mit Worten voll Haß getränkt und gibt ihr einen Stoß, den er sich als Abwehr konstruiert hat. Das arme Weib schwankt zur Seite, taumelt. Fast wäre sic gefallen. Und der Herr Kondukteur amüsiert sich vortrefflich. Greift behilflich dem feinen Herrn unter die Achseln und hilft ihm herauf. Zieht schon die Leine. Das arme Weib drängt sich wieder heran, ist sehr aufgeregt. Ihre Lippen zucken wie im Krampf, während sic unbeholfen den kleinen aufs Trittbrett stellen will. Der Kondukteur hält nur die Leine und lächelt. Er wird schon ungeduldig: Also! Und sie steigt ein, die arme Frau und drück sich in die Ecke, rücktvärts auf der Plattform, trau sich gar nicht hinein, steht ganz eingcschüchtcrt und trägt den Kleinen am Arm, als wäre sic da geduldct und als wäre cs eine Gnade. Und nur sie allein weiß, wie viel Tränen, wie viel Blut an den Hellern klebt, die sie aus dem kleinen, Weißen Linncn hcrausnimmt und mit zitternden Fingern abzählt. Der feine Herr und der Kondukteur lachen und alle die anderen auch. Dann steigt sic aus und der feine Herr sagt: ״Solch ein Gesindl. Kommt her und will überall der erste sein. Wie Wenns nicht Füße hätte. Statt froh zu sein, daß mans leben läßt. Lang wirds eh nicht dauern." Und das Publikum lacht lustig.... In mein Geburtsstädtchen, an galizischschlesischer Grenze, veranstalteten Heuer von Krakau aus die polnischen Jungschützen einige Fußübungstourcn. Sie wurden festlich empfangen und auf dem breiten Ningplatz kulinarisch bewirtet. Tie jüdischen Speisen schienen ihnen zu munden, denn diese halbwüchsigen Jungen — und aus solchen Elementen rekrutiert sich das polnische Iungschützenkorps — kargte nicht mit Lob und Schmeicheleien. Es wurden begeisterte Reden gehalten, wie cs bei solchen Gelegenheiten immer der Fall is und das umso willkommener, weil keine hohen Ansprüche an den Geist gestellt werden. Es nützte ja auch nichts. Und nachher wurden Umzüge veranstaltet mit farbigen Lampions. Da sagte solch ein junger Polenlöwc, ein Krapilinski oder Warzlapski, im weinscligen, gröhlcndcn Tone zu einer kleinen Gruppe von Juden: ״Hört, jetzt gehts auf die Russen und dann auf die Juden." Dann dreht er sich auf dem Stiefelabsatz um und fiel einem anderen edlen Kameraden um den Hals. Aber das macht nichts. Hauptsache, das jüdische Essen hat ihnen gut geschmeckt. Gewiß! das alles sind Kleinigkeiten, sind Skizzen, aber trotzdem spiegelt sich in ihnen die Seele eines Teiles der Bevölkerung. Und der jüdischen Seele tut» bitterweh. Sukkoth. Leicht zimmert die Hütte und decket sie fein Mit Zweigen und Blumengewinden, Des Himmels Blau und der Sonnenschein Muß Eingang durchs Dach zu Euch finden, Damit ihr der göttlichen Hilfe gedenkt, "Die einst unsre Ahnen erfahren, Als Gott ihrem Pfad durch die Wüste gelenkt, Und sie tat ohn' Obdach bewahren. Auch windet zum Feste der Ernte den Strauß Von Myrthc, von Palme und Weide, Den Ethrog zur Hand, und das trauliche Haus Erstrahle in festlicher Freude, Und sehet, mit welchem Behagen man schart Sich da um den Tisch in der Hütte; Nicht Prunk und nicht Pracht beim Gelage gepaart Euch soll ein Behagen erstritte.-

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