Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 36 (8.10.1914)
- Date
- 1914-10-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahr«. XV. Erscheint jeden Mittwoch Nummer 36. Ildlsche NllWm«k. s-■ Bezugspreise: I Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 8 20 ganzjährig.Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig ...... Mark 12 — Rußland, ganzjährig.Rubel 6 — BaÜan, Frankreich ........ Franks 14׳— L--S Herausgeber: Max Hickl. (ir^D "Redaktion und Adininistration: Brunn, Adlergasse 0.! Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die vspaltige Petitzeile 30 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen, g-H Wien—Budapest. Brün», A»«!914 Prag—Lem. Der heutigen Nummer liegt ein Erlagschein bei und werden die P. T. Abonnenten höfl. um sofortige Bezahlung des Abonnements- Betrages ersucht. Der tote Führer. Motto: Oja lanu ki naflah atereth roschenu! Jeremias. Weine Zion, weine, lasse deine Tränen reichlich fließen, gestürzt ist deines Hauptes Krone. Weinet nur ihr Töchter und Söhne des jüdischen Volkes, denn erloschen ist der Stern eures Hin:- mels, grau und finster ist es um uns geworden. Dawid Wolfssohn lebt nicht mehr. Er ist gegangen und unserem schwer verwundeten Herzen entringt der. Wehruf. Dawid Wolffsohn, ach Dawid Wolfssohn! Die Feder sträubt sich es niederzuschreiben, die Gedanken stehen still. Ach wehe, wehe, wir haben ihn verloren. Das Judentum hat seinen Fürsten begraben, seinen Stolz, sein Alles in die kalten Schollen des Friedhofes gesenkt. ״Mah eschwa lecha, ma adameh lecha betulath bath jisrael, ki gadol kajam schiwrech." Was soll ich dir zurusen, wen dir gleichstellen, Tochter Israels? Unendlich, wie das gewaltige Meer ist dein Unglück. Wie hat er doch sein Volk geliebt! Wie glühend heiß sehnte er sich ins alte Judenland nach Zion! Wie sehr hat er für sein Volk gelebt und gewirkt. All sein Schaffen, sein ganzes Sehnen.... es ist dahin. Kein Schreien, kein Weinen hilft. Dawid Wolffsohn ist gestorben. ״Galah kawod mijisrael" — Geschwunden ist die Pracht von Israel. * Mit Dawid Wolffsohn ist die größte Personlichkeit des modernen Zionismus geschwunden. Er gehörte zu den ersten Generalstäblern Theodor Herzls. An allen Aktionen seines großen Meisters, dessen würdiger Nachfolger er später geworden, nahm er die hervorragendste Stelle ein. Alle zionistischen Finanzinstitute an deren Wiege er gestanden, waren unter seiner Leitung. Auf allen diplomatischen Schritten Tlwodor Herzls zuletzt bei seiner Audienz bei S. M. Kaiser Wil- Helm U. treffen wir Wolffsohn voran, Nach dem Tode Herzls 1004. da der Territorialismus die Organisation spaltete, die blutigen Judenercesse in Rußland wüteten, da der zioniHi'che Organismus geköpft dalag: da ergriff Dawid Wolffsohn das steuerlose Schiff mit eiserner Hand und führte die Organisation durch alle Fluten und Stürme zu neuem Leben zurück. Theodor Herzl hat das zerklüftete und zerrisiene Judenvolk geeinigt. Dawid Wolffsohn hat die zerklüftete und zerrissene Organisation wieder hergestellt. Theodor Herzl hat den zionistischen Kongreß und Dawid Wolffsohn die zionistische Bewegung geschaffen. In den sechs Jahren seiner Tätigkeit als Präsident der zionistischen Weltorganisation hat er mit einer unbeschreiblichen Selbstlosigkeit, mit einer geradezu fabelhaft aufreibenden Tätigkeit für sein Volk gewirkt, bis ihn schließlich ein Herzleiden aufs Krankenlager warf. Doch gleich seinein großen Meister spornte er feine letzten Kräfte an. Auf dein 11. Zionistenkongreß in Wien 1!>l:!, wo er gleich bei seinem Erscheinen »in uiicm schier nicht eiidenwollelibem Beifall en1p,angen wurde, ward er zum Präsidenten gewählt. Doch seine Stimnie klingt heiser und gebracht. t. Aus seinem Gesichte strahlt die Kongreßfre,,..:och der Tod hat schon die Schnierzensrune huk.,.gegraben. Jenen Schmerzenszug, den Malt. . .10 Bildhauer ins Gesicht leidender Propheten p.agen. Der Arzt hat ihn vor dem Besuche des .moii־ grosses gewarnt ״denn Sie werden mit Ihrem Herzen reden und das ist krank". Doch Dawid Wolffsohn ist gekommen und hat gesprochen mit seinem kranken Herzen. Nun ist sein edles Herz flehen geblieben. Es wird keiner mehr wie Wolffsohn in Israel entstehen. Weil sich uienrals inehr ein Zeitalter solcher Selbskverachtung in der jüdischen Geschichte wiederholen wird. Er wuchs uns iingeheiier über den Kreis hinaus, aus dessen Mille ״einer \u sein" er glaubte. Tie Distanz zwischen ihn und seinen Helfern wuchs ins Uferlose. Darum batte er so viele Gegner, so zahlreiche Widersacher. Die Tragödie aller großen Männer, Moses. Sokrates, Jeremias, Herzls erfuhr bei ihm eine Wiederbolnng. Er hat sein ganzes Volk aufgewogen, an Aufopferung für sein Judenluni. Er hat für sein Volk gewirkt mit ״ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mir seiner ganzen Kraft" und in für sein Volk gestorben. Doch nein. Dawid Wolffsoi kann nicht sterben. Er in unsterblich. Er lebt in seinem Werke fort. Sein Ruhm wird wachsen. ״Jahrtansende werden verschwinden. Doch ewig wird man verkünden. Was dn auf deines Lebens Balm Für dein Volk hast getan". - Aron Schwertfinger. Feuiüeton. Erlebte Skizzen. Bon Ignaz Rosenfeld. Ich will nur berichten. Mit kurzen, harten Worten schreiben, wie jetzt das Leben schreibt. Und wenn ich neuerlich diese an sich vielleicht belanglosen Skizzen in Erinnerung wiedererlebe, bleibt ineine Seele starr und eine Haltlosigkeit erfaßt sie, ein dumpfer Schmerz. Das war vor einigen Wochen oder Tagen? In der Zeit, da schwüle, angstvolle Gerüchte in der Luft lagen, da einer bange denr anderen ins Auge sah und die flatternden, zweifärbigen Fahneu, die von den meisten Dächern herabwehten, leise, unmerklich verschwanden.... Zu der Zeit, da etwas im Osten geschah, das man ahnt und nicht glauben will.... Da saßen zwei Frauen in einem Straßenbahnwagen. Sie gehörten gewiß den besseren Arbciterständen an. Tie eine trug ein Vielwissergesicht und die andere war Demut und Einfalt. Und sie politisierten. Leider benötigt man dazu keinen Befähigungsnachweis. Und wenn Frauen politisieren gibts sicherlich ein Unglück. Das offenbar vom Denken oder flüssigem Geiste gerötete Gesicht beugt sich zum nachbarlichen und flüstert im geheimnisvollen Tone mir Gebärden, als wollte es den Gottseibeiuns beschwören: ״In Galizien Habens verraten. Die Elendigen. Und wer wohnt denn dort? Die Juden! So ein Pack." Dann machte sie eine Pause und stieß mit zusammeugebissenen Zähnen hervor: ״Nieder mit den Juden." Und etwas ähnliches ereignete sich in einem vornehmen Ringcafe. Nur war das eine Aeußerung. die aus dem Munde einer bekannten,, kam, die überdies ihre Dienste aus warmein Herzen und Patriotismus dem Noten Kreuze zur Verfügung stellte. Sie sagte mit halben, gewissenlosen Lächeln in größerer Gesellschaft, so wie man einen Witz macht: ״Es wäre am besten, wenn man vor allem die Juden ins Feuer schickte, daß sie alle vernichtet würden." Und sie lachte. ״Wenn ich Labungen verteile, dann gebe ich jüdischen Soldaten soviel." Und sie machte jene charakteristische Gebärde. Doch jetzt verging ihr das Lachen. Denn, wenn auch sie den jüdischen Soldaten nicht labt, er labte sie diesmal trotz alledem mit Vergeltung. Oder. Eine arme verhutrelie Frau fleht im kalten, nieselnden Regen bei einer Haltestelle der Straßenbahn und wartet. Neben ihr ein kleiner, schwarzhaariger Junge mit zerrissenen, fadenscheinigen Kleidern und friert. Sie trockne! u n u n t e r b r o ch e n mit m ü r l e r l i ch e r Fürsorge die Nässe aus seinein Gesichte reibt seine kleinen, mageren Hände mit den ihren, um sie warm zu machen. Da lächelt der kleine sein melancholisches, jüdisches Lächeln. Es macht ihm doch Lpaß. Und sie ist so glücklich darob. Ein feiler, schnaubender Herr mit Aktenlasche und Schirm wartet abseits von ilnien. So drei Schritt vom Leib. Die Armut widert ihm an. Er fühlt sich so erhaben über iie und so sicher vor ihr unter seinem Halbseidenschirm. Er nun• melt etwas aber man kann nichr verstehen. Ans seinem farblosen Auge aber kommt Verachtung. Verwünschung. Endlich surrt der Wagen heran. Ein einziger Wagen. Sie nimmt das Kind auf den Arm und kommt näher. Er lächelt so von oben und mißt sie gering schädig ab, stellt sich vor und stemmt die An in die Hüften. Er braucht Platz, viel Platz für '׳.;tu־ wohlgemästete Person. Sie will sich durchdrücken, ganz schüchtern, hilflos, zieht den Atem ein, um noch dünner z» Gedenket der zalizischeil Mchtlinge!