Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 35 (28.9.1914)
- Date
- 1914-09-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. »,Jüdische Lott-stimme." Nr. 35. schufen, und cs tatsächlich trotz monarchistischer Staatseinrichtung bis zu einer hohen Stufe entwickelt haben, daß sie sich in den Dienst solcher niedriger Gesinnungen stellen, ist uns wirklich ein Rätsel. Tic Engländer waren uns schon aus dem Grunde sehr nahe, weil sic bekanntlich die grössten Bibliophilen sind und der biblische Geist ihnen tiefer inue sitzt als anderen Nationen. Wir können uns gar nicht in den Gedanken hincindenken, daß England sein Gut und Blut opfern will, um damit der bluttriefende Zarismus über Deutschland und Oesterreich-Ungarn Hersalle und die dort au menschliche Behandlung gewöhnten Menschen die Macht dessen Henker u. Lockspitzel fühlen lasse. Das heißt, unsere Gesamtbegriffe über die Kultur auf den Kopf gestellt haben. Nur durch den Wohlstand verfettete Eng-!ander, materialistisch versumpfte Schädel kannten so gegen den Gang ihrer eigenen Geschichte sich so erniedrigen, aus Furcht vor dem Groschen, vor dem Verlust der Fleischtöpfe. Hoffentlich gehen ihnen langsam die Augen auf und sie werden sehen, in welchen Sumpf sie infolge ihrer Verblendung geraten sind. Das republikanische Frankreich geht uns weniger an, jedoch begreifen wir es nicht, wozu die Franzosen ihre Ki igc geköpft, soviel mcnschliches Blut in (StrSnu 'mbcn fließen lassen, soviel Heroen den tragstsi 1׳ Tod finden mußten, um der Freiheit den zu bahnen, wenn sie diese Freiheit jetzt sei nebeln, indem eine Rotte reichbefracktcr, poi mtglcister Staatsnlänner es in das Fahrtm. es absoluten Vcrderbcns und Unterganges ..singen konnte. Nie wurde der Volksbetrug in so großcnl Stile bctricben, wie in dem republikanischen Frankreich, wo jeder Bürger Oberhaupt des Staates werden kann. Die Strafe wird aber auch hart sein und bedauern wir nur die unschuldigen breiten Massen, die gewiß friedliebend waren. So möge denn die Kultur aus diesem gewaltigcn Ringen ungeschwächt hcrvorgchen und eine neue Acra des friedlichen Segens und des menschlichen Fortschrittes nlöge die Menschheit für ihre jetzigen bitteren Leiden entschädigen. David Wolffsohn. Mitten in die Wirren und die Schwere der Zeit konlmt die erschütternde Kunde von dem Ableben David Wolffsohns. Der Name und die Bedeutung Wolffsohns ist der gesamten Judenheit zu sehr bekannt, als daß es noch einer Dar- 'egung dessen bcdürste, was sein Tod für uns bedeutet. Der Zionismus verliert in ihm seine überragendste Persönlichkeit, seinen autoritativneu Führer, die zeitgenössische Judcnheit einen ihrer grössten Männer. Daß dieser von rastloser Tatkraft erfüllte Mann im Alter von 59 Jahren ' sterben musste, ist ein unsagbar tragisches Geschick lür ihn wie für uns. Daß er gerade in diesen Monaten scheiden musste, da die Wirren der Zeit -'s unmöglich machen, unserem Schmerze über ״inen Verlust den gebürendcn Ausdruck zu ver¬ und er nie wieder vor seinen Gott hintreten könnte um zu beten. — Aber der Zweifel ist ein giftiges Unkraut, das allzulcicht seine Wurzeln chlägt. Uebcrall findet es einen Boden, der es!'ährt. Da wächst cs unvermerkt schleichend fort ->nd ist nie mehr wieder ganz auszurotten. Und las sollte er selber nur allzubald fühlen. Dem Vater war die Veränderung seines ''Lesens nicht verborgen geblieben. Und als der Lintcr um lvar und der Frühling ins Land geogen kam, rief er ihn zu sich und sprach: ״Mein Tohn, du sollst auf einige Jahre fort von hier, ' emdes Laitd und fremde Leute kennen lernen, alt dich gut, und sieh zu, ein tüchtiger Mcnsch .1 werden. Elias Fricdmann, zu dem ich dich hicken will, ist tüchtig im Geschäft und ein rechtjaffencr Mann. Er wird acht auf dich haben u. ich halten wie seinen eigenen Sohn. Nur eins imm dir zu Herzen und cs wird dein Glück sein: leib treu dem Glauben deiner Väter, so wie dus!! deinem Eltcrnhause vor dir gesehen hast; vcr- ׳ f! das ״Lernen" nicht ganz; morgens, ehe du ur Arbeit gehst und abends, nachdem du von ihr imkommst, widme wenigstens ein Stündlein er Thora! Ist dann deine Zeit um und du haß 1 'ch wacker geführt, dann kehre heim und so ein chtiger, brauchbarer Mensch aus dir geworden; sollst du Recha — ich weiß ihr habt einander . rn — zur Frau bekommen." leihen, erhöht noch die Tragik keines Schicksals. Erschüttert steht die zionistische Bewegung an der Bahre ihres Meisters, klagend steht das gesamte jüdische Volk am Grabe eines seiner größten Söhne. * * * David Wolffsohn verschied Dienstag, den 15., September in einem Sanatoriuin zu Homburg an einem alten Herzleiden. An seinein Totenbette waren die jüngste Tochter Hcrzls, Trude, sowie ein Neffe Wolffsohns. In seinem Testament hat vcr Verstorbene bestimmt, daß sein Leichnam sowie der seiner vor etwa 2 Jahren verschiedenen Frau, sobald es möglich ist, nach Palästina überführt werden. Dies wird naturgemäß sofort nach dem Ende des Krieges geschehen. Zu Testaments- Vollstreckern hat Wolffsohn seine Freunde Jakobus Kann-Haag, Dr. Kazcnclnsohn-Libau und Rechtsanwalt Dr. Leszynski-Berlin bestimmt. Wie unerwartet der Tod den großen zionistischen Führer überrascht hat, ersieht man daraus, daß in seinen Papieren eine von ihm entworfcne Zeichnung einer Villa gefunden wurde, die er in Jaffa, wohin er bald zu übersiedeln gedachte, hatte bauen wollen. Nun hat der Tod all seinen Plänen und seinem Wirken ein jähes Ende bereitet. Wir werden demnächst eine eingehende Würdigung seiner Persönlichkeit bringen. An die jüdische Bevölkerung! In dein vom Feiitde bedrohten Grenzgebiete im östlichen und nördlichen Galizien wohnen, wie bekannt, unsere Glaubensgenossen in grüßerer Zahl. Tie Verhältnisse haben nun diese unsere armen Glaubensbrüder vielfach gezwungen Haus und Hof zu verlassen um mit ihren Familien ins Ungewisse hinauszuwandern. Auch nach Brünn wurde ciuc Anzahl dieser Unglücklichen verschlagen uird es ist nicht zu vermeiden, daß sie ähnlichen Nachschub erhalten. Es Hai sich bereits ein Konnte gebildet, welchcs alles aufbicten will, um die materielle Not der Flüchtlinge zu mildern. Mögen diese dankeswerten Bestrebungen vom besten Erfolge begleitet sein. Nun sind diese armen Flüchtlinge ohne eigene Schuld, nicht nur' wirtschaftlich ruiniert, sondern sie sind aus ihrem Kreise in geänderte Verhältnisse geschleudert worden; cs wird ihnen hier fast unmöglich, die Gebote der ererbten Väterreligion cinzuhalten, mit denen sic ganz und gar verwachsen sind und deren Vcrlctzung ihnen ebenso nahe geht wie der leibliche Tod. Warum soll auf dem Boden Mährens, wo durch Jahrhunderte unsere frommen Ahnen den Geboten und dem Geiste der jüdischen Religion mit grenzeitloser Hingebung gelebt haben, das Leben nach den Geboten der jüdischen Religion unmöglich gemacht werden. Der Verein ״Machsike Hadas" hält es für seine oberste Pflicht den ersten Schritt zu tun, um für die armen Flüchtigen, die nach unserer Stadt Recha war des Vaters Schwcstcrsiochter. Als Doppelwaise hatte er sic in sein Haus aufgenoinmcn. Sie hinwieder war fromm und schön und hatte ihnen allen die treue Liebe einer Gattin und Mutter zu ersetzen gesucht, soweit es in ihrer Kraft lag. Bald nachher wankte die Postkutsche hinaus auf die Landstraße gen Rothenburg. — — Traurig saß er in einer Ecke des Wagens und weinte bittere Tränen. Wars der Abschied von der Heimat, oder der von seinem redlich treuen Kindergcmüt?! Er wollte ja seine-Recha zu einer Königin machen, ihr ein Schloß und Dienerschaft kaufen, daß sie nicht mehr so arbciten müsse, wie in seines Vaters Haus! — lind doch war ihm so weh zu Mute!... Da hielt die Kutsche auf ihrer ersten Station. — Er fuhr aber nicht weiter mit ihr nach Rothenburg; denn hier wartete bereits der Verführcr und verscheuchte bald die besseren Regungen seiner Seele. Mit Jsak Bernstein gings weitcr, ganz wo anders hin, als es der Vater wollte.... Er sah große Städte unb ferne Länder; wurde reich und geehrt; hatte mächtige Lager auf dem Lande uird Schiffe auf dein Meere und hatte längst nicht mehr Zeit an Heimat und Vater zu denken. Es gab keinen Sabbat und keine Festgekommen sind, die Möglichkeit zu schaffen, daß sie ihr Leben hier fristen, ohne auch moralisch zusammenbrechcn zu müssen. Für eine dem jüdischen Ritus entkvrecheude Speiseanstalt, wo man für w e n i g Geld ben Hunger stillen kann, für ausreichende Approvisionierung mit Koscher-Flcisch, welches den strengsten Anford.erungen entspricht und noch für manches andere muß gesorgt werden. - Durch die Peo-Brockensammluug sollen die armen galizischcn Flüchtlinge mit Kleidern, Schuhen, Wäsche usw., versorgt werden. Der Verein richtet daher die Bitte an alle jüdisch Fühlenden hier mitzuarbcitcn und ist bereit seine schwachen Kräfte in diesen Dienst, der gleich human und patriotisch wie spezifisch religiös ist, aufs äußerste anzuspannen. * Tie Redaktion ist bereit für diese Zwecke Spenden entgegen zu nehinen und sie ihrer Bestimmung zuzuführcn. Jaum Kippur. Ein königlicher Jomtow, dieser Jaum Kippur! Ein Jomtow, geeignet, um in uns ruhenden Königssinn zu zeigen. Wir dem größten König gegenüber und ihm dienstbar. Auch sonst sprotzts und blühts ja um uns von Gottcsdicnstpflichten. Strahlts in den Tefillin von der Stirne, dustets aus laubigen Hütten, murmelts von lernenden Lippen. Aber erst der Jaum -Kippur, dieser unvergleichliche Festtag. Dieser Festtag — der Entbehrungen. Nagende Sehnsucht im Körper, fliegendes Blut in den Adern, lechzenden Durst ain Gaumen, wankende Kniee und dunkelnde Augen. Und das Denken, das Denken Wohl auch behemmt und gefesselt durch die niedrige Schwäche des Hungers Und bei alledem und trotz alledem und durch alles das hoch und freudig gestimmt. Hoch und freudig darüber aufjauchzend, wie die Lerche zum Himmel jubelt. Denn es gilt, mit festem, freudigem Mut ein Gebot unseres Gottes zu erfüllen. Und wer wollte nicht gerne erfüllen, was Er in Seiner Weisheit befohlen? ״Ihr sollt Euere Seele darben lassen" — fürwahr es ist nicht leicht! Ja sogar schwer, fast heldenhaft schwer. Freilich, wir sind nicht arm an Helden, wir Juden. Wir haben eine Ahnengalcrie von Helden, wie kein Volk. Die sich ins Feuer werfen ließen uin der Liebe zu ihrem Gotte halber. Deren starke, liebglühcndc Seele glühenden Folterzangcn nicht auswich. Und dagegen wir mit unserem kleinen Fasten. Mit unserem kleinen und doch so großen Fasten. Mit dieser auch heldenhaften und so viele Stunden währenden Bezwingung unseres irdischen Hanges, mit dieser cheroischcn Sclbüberwindung, die des Körpers sich zu entkleiden sucht und die tage, die ihm Ruhe hätten bringen können und Besinnung auf sich selbst. Der Erwerb seiner Güter füllte ihm Geist und Seele. Er wurde kalt und hart. Er wurde sich selber fremd. Was halfs, daß sein Vater in Gram starb und Recha sich nach ihm die Augen ausweinte! Er hatte sie längst vergessen. Aber als sich seine Neichtümer immer mehr ulnd ,inchr 'häuften und er keine Grenze 'ihrjes Wachstums sehen wollte, als keine Kostbarkeiten zu teuer und kein Weg mehr zu schwierig war, sie zu erlangen: da, mit einem Male, wurden sie ihm gleichgültig. Er fühlte sich einsam und verlassen inmitten seiner unermeßlichen Güter. — Denn eines fand er nicht unter ihnen: die treue Liebe seines Vaterhauses. Jahre vergingen und mehr und mehr ergriff ihn unstillbare Sehnsucht nach Heiniat und Vaterhaus. Niemand kannte ihn in der Heimat wieder und niemand kannte er. 'Tic Stätte aber, wo ihm einst aus jedem Winkel die Liebe entgegenlachte, fand er kalt und leer. Jetzt in dieser Jomkipur-Nacht, hier im unberührten Heiligtum seincr Erinnerungen, seines ersten reinen kindlichen Denkens und Fühlens, an dessen grauen, düsteren Gewölben die Zeit ohne Spur vorbeigeschritten war, zog zum ersten Male ein milder Hauch in seine Seele. Der ernste milde Blick sei-