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Jüdische Volksstimme · 1914-09-28 · Heft 35 (28.9.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 35 (28.9.1914)
Date
1914-09-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Tm Jahra XV. Erscheint jede» Mittwoch Nnmmer 35. Mlschk AlllllSpMk. Bezugspreise: -1 B i ^Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe 9? * Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6 20 Mit der hebräischen Beilage Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. ganzjährig. Deutschland, ganzjährig ..... Rußland, ganzjährig. BaÜan, Frankreich ....... . Kronen 12־— . Mark 12- . Rubel 6•— . Frank- 14 — המצפה Herausgeber: Max Hickl. Inserate: die üspaltige Petitzeile 30 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. es- -f 3 »-fl Wien—Budapest. Brünn, ^W^1914 Prag-Lemberg. Der Versöhnungstag und der Krieg. Von Bernhard Horowitz. Mitten im Waffenlärm und Tonnergetöse begehen wir das Versöhnungsfest. Tausende und Abertausende unserer Glaubensgenossen mußten Haus uud Hof verlassen, und den Wanderstab in die Hand nehinen. Sie gehen einer fürchterlichen Zukunft entgegen und viele, viele, die zu Hause wohlhabende, angesehene Bürger waren, welche mit ihren Mitteln andern haben Unterstützungen angedeihen lassen, sind in Dürftigkeit und Elend geraten, und müssen an ihrem Lebensabend an die Güte der Mitmenschen appellieren. Die ganz Mittellosen irren wie Gespenster umher und dach- und heimatlos kampieren sie im Freien mit ihren oft zahlreichen Familien. Immer größer wird die Flut des Andranges aus dem Osten und wir Zeugen eines neuen Goluth mit all seinen Schrecken sind. Tiefes Weh beklemmt unser Herz beim Anblick dieser Opfer und noch größer ist der Schmerz, daß es die Elite des Judentums, des wahren Judentums ist die vor unseren Augen ins größte Elend gestürzt wird, folglich einer Auflösung entgegengeht. Die großen Triebfedern jüdischer Gesittung und Tradition, die aus dem Judentum unseres Ostens Nahrung und Kraft gezogen, sie liegen jetzt brach und sind für eine unabsehbare Zeit lahmgelegt. — Unser Ostjudentum ist von einer der größten Krise befangen, die je das Judentum während der ganzen großen Tauer seines Wanderlebens ereilt hat. Feuilleton. Zurückgekehrt. (Eine Jomkippur-Skizze.) Von R. L. In nächtlicher Stille ruhte das Dörfchen. Häuser und Fenster waren geschlossen und kein Leben regte sich mehr in den Gäßchen. Tief am Horizont hing bleich der Mond, noch nicht ganz zur Rundung gereift und blickte schwermütig fragend in die Finsternis. Unter seinen: Blick aber träumte die Nacht vom Licht, das weiß und fahl um ihr tiefes Antlitz spielte. Da ziehen schweigsame Gestalten über einen freien Platz; so schweigend wie ihre Schatten beinah, die an der weißen Mauer neben ihnen Hergleiten. Kol Nidre ist aus, uitb behend geht man nach Hause. Morgen in aller Frühe, beim Tagcsgrauen, trifft man sich wieder bei frommen Gebeten und Gesängen. — Schon sind sie wieder verschwunden. Es ist leer und tot wie vorher. Langsam sinkt der Mond tiefer und tiefer und bald umfängt auch ihn die Finsternis; nirgends mehr ein Licht und ein Laut. -Nur drüben hinter dem alten epheuumrankten Gemäuer, das den Hof der Schul umgibt, raunt leise und gleichmäßig der Brunnen in die Aber dieser geschichtliche Prozeß, dieses gewaltige Drängen des östlichen Juden nach dem Westen, hat bei all seinen: Jammer vielleicht heilbare Folgen in sich. Vielleicht beginnt jetzt, da östliche Elemente in unser Westjudentun: eindringen der eigentliche Verschmelzungsprozeß, und an: Tage des Versöhnungsfestes wird eine Versöhnung unseres Ostj:ck>entu:ns n:it den: Westen, den: es so dringend an echten:, wahren Judentum nottut, stattfinden. Die Opferfreudigkeit und das milde und wohltätige Walten unserer westlichen Glaubensgenossen werden den wandernden Juden Achtung und Dankbarkeit einerseits einslößen, während unsere kulturellen Glaubensgenossen des Westens andererseits sich für :nanchen guten, gesunden Kern unserer östlichen Brüder zugänglich zeigen werden. Wir erwarten hievon eine im jüdisch-religiösen wie auch nationalen Sinne günstige Wendüng im Westjudentum. Der Krieg wird nicht ewig dauern und das Judentum hat größere Krisen überstanden. Monwntan helfen wir den armen Bedrückten nach Tunlichkeit und mit vollem Herzen und am nahenden Versöhnungstage lassen wir unsere Gebete zun: Himmel in tiefer Andacht emporsteigen, daß den Waffen unserer gerechten Sache baldmöglichst der volle glänzende Sieg beschieden sein möge. Der Krieg und die Juden. Mag auch der gegenwärtige Krieg bei allen Völkern, die konstitutioneller Rechte sich erfreuen, patriotische Gefühle ausgelöst haben, so bilden Nacht. Rings aber auf den zerrissenen Bodenfließen liegt dunkler seltsamer Schein. Er kommt aus den matten, trüben Schulfenstern, und weist wie Geisterhand nach einer anderen Welt, die ihr besonderes Licht noch hat, wenn hier alles finster ist, und ihr geheimnisvolles Leben, wenn die Erde in: Todesschlase liegt.... Tie schweren messingenen Kronenleuchter wäre:: verlöscht. In den Nischen zu beiden Seiten des Oron Hakodesch nur brannten mit rötlich trüben Flämmchen die Jomkippurkerzen und hüllten den altehrwürdigen weißgekleideten Raum in bangflüsterndes Halbdunkel. Von Zeit zu Zeit brach ein leises tiefes Seufzen durch die eiusaine Ruhe. Neben einer der hohen :nassigen Säulen saß ein Mann, der allein in der Schul zurückgeblieben war. Halb geschlossenen Auges starrte er vor sich hin: ״Nah ist der Herr all denen, die ihn rufen, die ihn rufen in Wahrheit." ״Für alle hast du heut Verzeihung; nur für :::ich gibt es kein Vergeben mehr?!" Während er so für sich hinflüsterte, löste sich der stunune Schinerz in seinem Busen und das glanzlose Auge wurde feucht. Ta schwammen die trüben düster:: Lichter zusannnen zu einer Lichterscheinung von wunderbaren Farben. Aus ihr aber hob sich mit lieblicher .Klarheit ein Bild, das er so lange schon vergeblich gesucht hatte, welches aber innner wieder vor ihm zurückgewichen war. Mit freundlichem Ernst blickte auf ihn sein Vadie Juden diesbezüglich dennoch eine Ausnahme, inden: :hre erceptiouelle Lage es mit sich bringt, daß sie den Konstitutionalismus, etwa wie Luft zun: Atmen benötigen. Richtig haben daher manche Zeitungen behauptet, daß Niemand so voll und ganz den Sieg der Waffen der Freiheit über den Despotisinus wünschen kann als die Juden. Eine innerliche Beklemmung erfaßt jeden Juden und schauderhaft wird ihn: zu Mute bei den: bloßen Gedanken, daß er vielleicht in Berührung mit der russischen Knute konnnen könnte. Wer in Galizien während des Ausbruches des jetzigen Krieges war und zwischen Juden Umgang gepflegt hat, der hat es gesehen, mit welcher Hingebung. n:it welch unsäglichen: Patriotisnius die intellektuell niedrigst stehenden Juden den Sieg unserer Waffen erflehen. Alle Klassen, von den frömmsten bis zu den freiheitlichsten, die sozialistisch-gesinnten eingenommen, hörten es n:it Schaudern, wenn sich zufällig ein 1 Gerücht über einen russischen Sieg verbreitete, eine ergreifende Niedergeschlagenheit lagerte sich auf ihren Zügen, und ::»:gekehrt wenn günstige Nachrichten einlangten, erstrahlten ihre Gesichter in hellster Freude. Nur den Engländern können wir es unter keinen Uinständen vergeben, daß sie den russischen Henkersknechten sich accoinpagniert haben, diesen Engländern, welchen wir Juden vielleicht die :::eisten Sympathien entgegenzubringen gewohnt waren, weil wir sie als die Domäne freiheitlichen Denkens und menschlicher Betätigung betrachtet haben. Tie Engländer, die die ersten in der Welt das konstitutionelle Banner hochgehalten, dein konstitutionellen Leben die ersten Grundlagen ter. — Ta zog seine Kindheit an ihn: vorüber mit all ihrer unvergleichlichen Lust. Tort vorn, unter den: großen farbigen Fenster, war er an den Joinin: hanoroim neben ihn: gestanden. Ein heiliges Bangen drückte da innner unvermerkt auf sein kindliches Gemüt. Und wie fühlte er sich dann so sorglos glücklich, so frei und gehoben in seinem Innersten, weiin er so den ernsten weihevollen Melodien mit leiser Erregung lauschte. Noch das letzte Mal — freilich wars schon lange her; er :::achte gegen 17 Jahre alt gewesen sein - - da wars ihn: schöner erschienen als je. Dann kan: das Verhängnis in sein Leben. Jsak Bernstein, des Lehrers Sohn, etwas älter als ec. war aus der Suwt nach Hause gekoniinen, und hatte ihn: gar wunderliche Dinge erzählt: Wie dort das Leben viel angenehmer und schöner sei: wie man nicht zu arbeiten brauche und doch die reichsten Genüsse erwerbe: wie man essen könne, was nur innner einen: schinecke und auf Sabbat und Feiertage nicht zu achten brauche; denn nie- :::and sei da, der einen tadle und hindere, zu tun. was einem beliebe. Dafür wohne man in großen prächtigen Häusern, halte sich Dienerschaft und fahre in eleganten .Karossen durch die Straßen. Und zuletzt hatte er ihm bedeutet, er könne es a:1ch so haben, wenn er nur wolle. Wohl hatte er ihm anfangs Vorwürfe geinacht, daß es Sünde wäre, zu der er ihn verleiten wolle: daß er ja seinen alten Vater auf den Tod betrüben würde Gedenket der nalizislhe» Wihtlme!

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