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Jüdische Volksstimme · 1914-09-28 · Heft 35 (28.9.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 35 (28.9.1914)
Date
1914-09-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35. ״Mische »»lr»ßi««e» «eite S. Keele hinaufhebt zu ihrem Urquell. Die seufzend die Pein.der Entbehrungen duldet im Vollgefühl, damit Ihm zn Gefallen zu leben. Arme Dulderin Dn, Tu Seele! Nein, reiche Dulderin! Warst flügellahm geworden in Deiner Hülle, nun hast Du wieder Flügel bekommen. Flatterst auf und ab. flatterst hin und her,׳ bald angstbüll suchend, bald vorsichtig tastend. Bald stöhnend, weil Du so lange, so lange im Kerker märst, hinter den.Gittern der Sünde, im Verließ des Vergehens. Weil Tu des Himmelslichtes schier ganz vergaßest. Bütd wieder singend und lobpreisend und Hinausfliehend, Seele und Körper in harmonischer Eintracht und.Einheit, mit dem Nus: ״Mein Herz und mein F lei ich sauchzett ans zum lebendigen Gott!" Zum lebendigen, ewig lebenden Gott! Zum lebenspendenden Gott! Zum beglückenden Gott! Zu unserem Gott! Ja. zu unserem Gott! Gesegnet Tn, der Tu uns auserwählt Hast aus allen Völkern und uns zu Deinen Thronstützen gemacht hast! Auf mit dem Tor! Weg mit den Riegeln! Wir sind keine Bettler mehr, keine armen, dürftigen Bettler, wie wir es bis heute waren, wir sind jetzt und wollen immerdar bleiben Königslinder! Ein königlicher Jomtow, dieser Janm Kipbur! Ein Jomtow für KLnigskinder. Am Versöhnungstage. Die^Zeit, wo aus dem Herzen uitbeklommen Die Segenspalme der Vergebung grünt. Der Tage der Buße war herangekommen. Wo Israel sich vor dem Herrn entsühnt: Ta flössen Tränen, bange Seufzer bebten. Der Sturm der Andacht riß die Seelen fort, Gebete. Opfer und Gesänge schwebten. Als Fricdensmittler zwischen hier und dort. Im Auge tiefen Mitgefühles Spende, Versenk' ich mich in diesen großen Schmerz Und Presse, tränmerisch-sinnend. meine Hände Auf mein erschüttert, überwältigt Herz. ״O Israel!" so drängt cs mich zu rufen, ״Was feierst du noch dieses Sühuuugsfest? Ward dir nicht au des Opfcraltars Stufen Scholl längst der letzte Jammerschrei erpreßt? Die Andern mögen Gott mit Liedern preisen Und vor ihm büßen mit beschränktem Blick, Doch willst du deine Treue ihm beweisen. So deute schweigend aus dein Tchmerzgeicbick. Las; ihre Opferflamme sie entzünden!! Wie leicht und hoch sie auch gen Himmel sacht Vor deinem Tun muß sie in Dunkel schwinden, Volk, das sich selbst zuin Opfer hat gebracht! Die Stürme, die an dir vorüberfuhren, Sie,brachen deine Heldcntreue nicht. Allein ich lese ihre trüben Spuren Auf deiner Kinder bleichem Angesicht. nes Vaters, nach langer, langer Trennung, den er jetzt so deutlich aus sich gerichtet fühlte, machte ihm das Herz so voll, als ob das Glück seiner Kindheit wieder eiuziehen wollte. Er wollte vor seinem Vater niederfallen, ihm die Hand küssen tind um Verzeihung bitten — da weckte ihn ein Rasseln aus seinen Träumen. Es war der Schames, der die Tür öffnete. Die Schatten der Morgendämnierung zogen bereits in die hohen Räume: die Lichter der Kerzen wurden trübe und glanzlos: graue Streifen erschienen an den Fenstern — und allmählich begann sich die Schul mit feierlichen weißen Gestalten zu füllen. Am nächsten Morgen saß er i!n Postwagen nach Rothenburg. Wie eine schtvere unemgelöste Schuld drückte des Vaters letzter Wunsch auf ihm. Es kam ihm vor. als hätte er ihn dran erinnern wollen und es wurde ihm leicht ums Herz. Wie damals saß er in einer Ecke eines Wagens und sah schwermütig aus die vorbeiziehenden-Wiesen und Felder. Damals wars Frühling: heute war es Herbst. Aber selbst unter den dürren gelben Blättern lag noch ein Hauch der himmlischen Liebe und Barmherzigkeit. Gleichförmig trabte das Gefährt weiter. Jetzt machte es eine Krümmuug und fuhr gegen die Lore von Rothenburg. Er blickte auf die Straße. Da erbleichte er. Das Mädchen, das hier an der Brücke stand, mochte Doch herrlich kleidet dich der Leiden Zeichen, Und schöner ist, je schmerzlicher dein Los! An dunkel süßein Wunderreiz vergleichen Möcht' ich es mit der Rose Jericho's: Mit jener Rose, scheinbar welk erstorben. Ter aber schnell die frische Farbenglut, Das würz'ge Duften wieder wird erworben. Taucht fromme Hand sie in geweihte Flut. Und so wie jene Wunderblume scheinest Auch du verwelkt, erstorben und verdorrt. Doch in den Tränen, die du glühend weinest. O Israel, lebst du unsterblich fort!" Betti Paolr, Eine jüdische Kriegschronik. Unter dem Titel ״Kol Mewaßer" (Herold» ist soeben die erste Rümmer einer Sammelschrift herausgekommen, die m jüdischer und lzebräischer Sprache versaßt ist. Sie wird in den von den deutschen und österreichischen Truppen besetzten Gebieten Rußlands unter der jüdischen Bevölkerung verbreitet und dient zur Aufklärung über den Krieg, seine Ursachen, seinen Verlauf uud seine Ziele. Das Titelblatt zeigt die ergreifende. Zeuchinnig von E. M. Lilien ״Russischer Tod", die während des russisch-japanischen Krieges im Ber- Ultet״ ־Ulk" erschienen ist. Zwei düstere Züge begegnen sich. Jüdische Jünglinge und Männer in russischen Uniformen ziehen ostwärts, Greise, Frauen und Kinder ziehen westtvärks. Und darunter die Worte, die alles Leid, alle Empörung über unmenschliche Bosheit und Niedertracht einschließen. ״Wohin des Weges. Ihr Kinder". ״Gen Osten. — das heilige Rußland schickt uns". ״Und Ihr. Väter?" ״Gen Westen. — das heilige Rußland verjagt uns." Ter Text enthält unter anderem einen Ausruf der verbündeten Armeen von Teutschland n. Oesterreich-Ungarn an die Juden Polens, in dem ihnen volle Gleichberechtigung und Freiheit im kulturellen Leben verbeißen wird. Tann folgt ein Aufsatz über die ״Ursachen des Krieges." Tas Manifest, das der Zar an seine ״Lieben Juden" gerichtet bat, wird kritisch beleuchtet uud durch die Aufzählung von Tatsachen ins rechte Lickt gesetzt, die dem Kenner des russisch-jüdischeu Elends nur zu wohl bekannt sind, eine erschütterude Liste von Gewalttaten und Wortbruch, Mord und Verbannung. Holm uud Verachtung, die in der Mahnung des alten Testamentes ausklingt: ״Gedenke, was dir Amalet angetan hat." Ten Schluß, bildet ein volkstümlich gebalteues Meisterstückchen: ״Tas Böse Ende", ein verjöhncuder Ausklang, eine große starke Hoffnung aus die Befreiung dieser Aermsten der 'Armen durch die Zertrümmerung des russischen Barbarenreiches. Gegen verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht. ״Sternhof er Bitterwasser“ Mild, doch zuverläBlich. Sternhof, Post Sokolnitz bei Brünn. 1:>—14 Jahre alt sein: schön und groß gelvachsen, mit üppigen dunklen Haaren, in Lumpen gebullt und barfuß. War das nicht Recha, am Tage, da sie in seines Vaters Haus kam: nur verwahrlost und elend, jenes aber blühend und frisch?! Er stieg aus dem Wagen und erkundigte sich. Ta erfuhr er. daß Recha auf den Wunsch seines Vaters sich verheiratet hatte. Aber sie war vom Unglück verfolgt. Ihr Gatte starb und schließlich raffte der Kummer auch sie bimveg. Arme Leute nahmen sich ihrer beiden Kinder, eines Knaben und des Mädchens an. die halb verkommen heranwuchsen.Ta wollte ihm das Herz schier brechen vor Gram. Aber der tiefe Schmerz löste die letzte Eisscholle von seinem Herzen. Er wußte jetzt eine Schuld wieder gut zu machen und Liebe und Treue wieder auszustreuen. Von jetzt ab war sein Leben nicht mehr leer. Eines Tages fand er in einer alten Tefilob liechas ein Blatt Papier. Mit zitternder Hanl ״ar von seinem Pater, offenbar kurz vor seinen׳ lode darauf geschrieben: ״Wegen der Kinde״ rber, meine Tochter, mach dir keine Sorge: denn nah ist der Herr all denen, die ihn rufen, die ihn rufen in Wahrheit." JtniulMwtt. Das Gebetbuch als Lebensretter. Tie medizinische Praxis kennt zahlreiche interessante Fälle, in denen ein Geschoß durch zufällig dem Körper anliegende Gegenstände in seiner Wirkung abgeschwächt wurde. Ei» sehr inerkwürdiger Fall ereignete sich wie folgend: ein Gebetbuch, das seinem Träger das Lebe!! rettete. Ter Landsturmmann Gabor Weiß aus Verebely in Nordnngarn wurde bei einer Meldüng in der Schlacht von Lublin von einer russischeu Infanterie-Patrouille beschossen. Eine Kugel traf ihn und hätte ihn sicher gefährlich ver letzt oder gar getötet, wenn Weiß nicht zufällig ein Gebetbuch, das seine Frau ihm mitgegebeu hatte, in der Blusentasche getragen hätte. So aber wurde die Kraft der Kugel durch das starke Buch wesentlich abgeschwächt uud sie verursachte nur eine leichte Banchdeckenverletzung. Weiß wurde als Leichtverletzter in die deutsche chirurgische Klinik ״ach Prag gebracht. Er wird schon in dieser Woche als geheilt entlassen werden. Prof. Tr. Tittrich hat das interessante Buch photographiert. Auf der erste» Aufnahme sieht man die abgebrochene Schließe des Buches und den schrägen Kattal. den das Projektil durch die Seiten furchte. Im aufgeschlagenen Buche sieht man die Turchschlagswirkung des '' schosses im hebräischen und ungarischen Text! Zur russische ctzung Lembergs. Folgender Zeit, ericht ans dem Jahre 177:! dürfte Interesse gen. Er findet sich in der ״Kaiser!. Reichs-O Kost-Amts-Zeitung zu Eöllu, Anno 177:!". Es t da: ״Von der Pohlnis. Gränze vom 18. Augu . Holicz, in Pokutieu. ist die erste Stadt, wohin Se. Majestät, der Kaijer, (Joseph 11. von Oesterreich» am .'. dieses aus Lemberg abgegaugeu sind. In dieser Landschaft sind die Einwohner haufemveis zusammen gelaufen, um diesen allerthcuersten Monarchen zu se- Heu. welcher alle Bittschriften, die Sr. Majestät überreicht worden, gnädigst ausgenommen hat. Tie Juden in Lemberg bethen für Se. Kaiser!. Majestät auf dero Reise also: ״Ter Allmächtige, dessen Reich über alle Reiche gebet, der den König Tavid, seinen Knecht, von allen Gefahren befreyet hat, der den Weg über die Meere und die Brücken über die Flüsse gemacht, der erhöhe und mache glorreich den Namen Josephs des Zweiten, an- »eres Kaisers, über alle Könige auf Erden: er vertreibe von Ihm alle Traurigkeit, und mache, daß feine Feinde zu seinen Füßen fallen: er wende alle Gefahr von ihm ab. und begleite Ilm auf allen feinen Wegen, baß er Sem Volke gnädig bleibe Und günstig dem jüdischen Gesetze. Amen." Der Heldentod des Leutnants Oskar Singer. lieber das tapfere Verhalten des Leutnants. Oskar Singer, vor dem Feinde in der schweren Schlacht, in welcher er den -Heldentod fand, berichtet das ״Neue Wiener Tagblatt" unter dem 4. d. M.: ״Bei diesem Kampfe zeichnete sich Leutnant Singer des.">8. Infanterie-Regiments ganz besonders ans. Er machte sich im l-estigsten Artilleriefeuer nahe an den Gegner heran und es gelang ihm, einen feindlichen Zünder unserer nächsten Batterie zu übergeben, die hiedurch die Tistanz und die Stellung der feindlichen Artillerie ermitteln konnte. Nur deshalb gelang es uns. nach so kurzem Kampfe die feindliche 'Artillerie zum Schweigen zu bringen. Leutnant Singer fand aber kurz darauf den Heldentod. Ein Polltreffer drang auf ihn ci» uud tötete ihn." Wie eine am 7. d.. eingelangte Karte seines selbst verwundeten Kompagnie-Kommaudaiiten mitteilte, war der junge Offizier für sein glänzendes Perbalten zur Allerhöchsten Auszeichnung vorgeschlagen worden, die mit Hochsinn zu tragen ihm nur der Tchlachtentod verwehrt hat. Ter fv Heldenmütig Gefallene ist der Sohn des bekannten Advokaten Tr. Moritz Singer in Neuern. An Lassalles Grabstätte. Breslau. Aus Grund einer alten, von Lassalles Mutter errichteten Stiftung »var Rabbiner Prof. Tr. Guttmaun in Breslau am Grabe Lassalles erschiene», der dort am ."><>. Todestage des Perskorbeneu ein kurzes Gebet verrichtete. Tie Kriegsnot im heiligen Lande. Tie Verhältnisse gestalten sich unter dem Trlicke der kriegerischen Wirren von Tag Zlt Tag bedrohlicher. Tie Lebensmittelpreise steigen und

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