Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 34 (17.9.1914)
- Date
- 1914-09-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. ״Jüdische Bo!k-stim«e." Nr. 34. Leben jedes Beters einschneidet. Dort zittert ein Vater um das Leben seiner Söhne, die in den blutigen Mampf zogen, dort lallen Binder inbrünstige Gebete für das Wohl ihres Vaters, der vielleicht im Kugelregen steht, dort.füeßen die Tränen des wackeren Weibes, dessen Gatten der böse .SU’ieg fortgeführt hat. Ter Schofar klingt — und erinnert daran, das; die treuen Sühne Abrahams jederzeit bereit waren, mit freudigem Gehorsam ihr Leben hinzugebcn, wenn cs Gottes Wille war, aber erinnert noch deutlicher daran, das; die Hilfe Gottes seinen treuen Kindern niemals versagt bleibt. Aus tiefster innerster Seele steigen die Gebete zum Allerbarmer einpor. Allmächtiger schütze unsere Lieben, die ihr Leben und ihre Gesundheit dir zu opfern bereit sind auf dem Altar des Vaterlandes und der Menschheit. Tein Wille ist cs, das; der blutige Krieg ausgebrochen ist, dein Wille möge es sein, das; er glücklich zu Ende geführt werde, das; keine Opfer an Menschenleben mehr fallen und unser Vaterland und die Freiheit gesichert werde und das; dauernder Friede uns beglücke. Unsere Lieben mögen wohlbehalten heimkehren jeder zu seinem Haus und seinen Lieben, um dir zu dienen und deinen Ruhm zu verkünden. Erbarme dich über alle, die in Gefahr schweben, erbarme dich ihrer um unserer Greise und Frommen willen, erbarme dich ihrer um der unschuldigen Kinder willen, die noch niemals sündigten, erbarme dich ihrer um deines hcrrlichcn Namens willen. Halte ferne von ihnen und von uns allen jedes böse Geschick, wie du einst das gezückte Schlachtmesscr fernhieltest vom opferbcrciten Sohne Abrahams, dessen wir am Ncujahrstage in Liebe und Dankbarkeit gebenkcn. Heile all die Wunden, die du uns und unseren Lieben und all' unseren Brüdern im weiten Vaterlandc geschlagen und schenke uns ein glückliches, frohes und friedliches Jahr. Aufruf! Mitbürgerl Ein Teil Galiziens ist vom Feinde bedrängt. Tausende Familien mußten ihr Heim unter Zurücklassung von Hab und Gut verlassen und vorübergehend in Wien Aufenthalt nehmen. Noch gestern in ihrer Heimat angeseheue und reiche Bürger, sind sie jetzt von allen Mitteln cntblöst, entbehren für sich und ihre Angehörigen das tägliche Brot und wissen nicht, ivo sie nachts ihr müdes Haupt niedcrlcgen können. Es ist feststehend und wir dürfen erwarten, das; der Staat, in dessen Interesse die Familien heimatlos geworden sind, für sie sorgen wird. Aber inzwischen können die Armen im Elend rerlommcu. Es ist daher Pflicht und ein Gebot der Menschlichkeit, diesen helfend beizuspringen. Mitbürgcr, die Ihr zu jeder Zeit allen Hilfsbedürffinden des Erkrankten und der Gattin, die diesmal die Nachtwache im anstoßenden Zimmer vcrsah, sich zu erkundigen: da deuchte cs ihn, als hätte sich die schwere Haustür ächzend in ihren Angeln bewegt. Die Brust voll banger Befürchtungen, lauschte er in atemloser Spannung, und — er hatte sich nicht getäuscht. Leise i-blürfende Schritte kameit näher und näher, und dazwischen klang es zmveilen wie das Aufschlagen eines Ge- Wehrkolbens. Endlich öffnete sich die Tür seines Schlafzimmers, und zwei waffcnstarreude Sansculottcit traten über die Schtvcllc. Die letzte Stunde des Rabbi war gekommen. Standen doch schon die Schergen bereit, um ihn auf das Schaffot zu führen. Zitternd richtete er sich vont Lager auf, während ihm die Zähne aufeinander schlugen und sein Herz in rasenden Schlägen hämmerte. Er versuchte zu sprechen: allein die bebenden Lippen versagten den Dienst. ״Fürchte dich nicht, Bürger Rabbi!" unterbrach endlich der ältere Sansculotte mit unterdrückter Stimme das Schweigcit. ״Wir sind tiicht gekommen, um dich dem Gerichte auszuliefern, sondern um dich zu warnen. Wohl sind wir begeisterte Anhänger der glorreichen Revolution; aber wir sind auch Juden und wollen nicht stillschweigend zugebcn, daß inan unsere Religion lierabwürdigt. So wisse denn, daß urorgen früh schon aus der Synagoge die Thorarollen geholt tigen ein offenes Herz bekundet, helfet diesen i Schiffbrüchigen! Der Verband der in Wien bestehenden humanstären Vereine der galizischen Juden fühlt sich in erster Linie verpflichtet hier helfend aus- ,;:,treten. Er wendet sich hicmit au Euch mit der Bitte, -hm zum besagten Zwecke zuhanden seines unten gen.nlnrcn Obinanncs (Schcckkouto Nr. 5(i.02<,. oder seines Kassiers (Schcckkouto Nr. 8l.598) Spenden zukommcn zu lassen. Die einlaugenden Beträge werden veröffentlicht werden. Tr. Max Jakobsohu, Obmann, 1., Bibcrstr. 1t. Adolf Hecht, Bankier, 15., Mariahiifcrstr. 138, Kassier u. Obinann des Vereines der Kolomcaer. M. I. Beer, Obmann des Vereines der Brodger. I. Hillner, Obmann d. Vereines d. Tarnopoler. Ignatz Platz, Obmann d. Vereines d. Lembcrger Tr. Max Ke ha ne, Obmann des Vereines der Rzeszover. Gegen verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht ״Sternhofer Bitterwasser“ Mild, doch zuverläBlich. Sternhof, Post Sokolnitz bei Brünn. Amnon. Altjüdische Sage von Otto Stückrath. Aus dem Dunkel der Judengasse hatte der Erzbischof von Mainz den schlichten Rabbi an seineu Hof gezogen.!Noch wohnte der Weise unter den Kindern seines Volkes, aber er saß au des Erzbischofs Seite zu Tisch, und war ein Gast in seiner Kammer. Einmal war der Neid gekommen. Scheelen Auges saß er an der Tafel im festlichen Saal und spähte: ״Trinkt der Jude auf des Erzbischofs Wohl?" Eine Stunde war vergangen. Der Neid blähte sich auf vor häinischer Freude und zischelte cs von Ohr zu Ohr: ״Seht den Juden, er trinkt nicht auf des Erzbischofs Wohl, zu gut dünkt er sich!" Das ^ernste Auge des Erzbischofs ruhte auf Amnon. Schon brachte der Diener die goldene Schale mit den: Handwasser. Und Amnous Glas stand unberührt. Da taucht der Erzbischof die Hände ein und trocknet sie an dem weißen Linneu. Neben dem Diener steht Amnon. Die golde ne Schale empfängt er aus seinen Händen, an den Mund hebt er sie: ״Auf meines gnädigen Herrn Wohl!" Leer gibt er sic zurück. Groß und demütig steht er da: ״Sieh, Herr, nur so kann ich mein Gesetz halten!" Der Erzbischof küßt Ainnon. ״Wie ein Bruder sollst du mir sein!" Da kriecht der Neid in sich zusammen und ist wie ein Mann, der vor einer Schlange schmerzhaftcit Biß den eigenen Arm zerfleischt. Ein Wort nimmt er mit, das sogt er allen Dienern, und schlägt es au alle Wände und schreibt cs an alle Türen: ״Mein Bruder in Christo sollst du sein, Amnon!" werden sollen, damit aus ihnen Tronnnelfälle für unsere Regimentsmusik gemacht werden!.. Am nächsten Morgen durchsuchte eine Schar zerlumpter Sansculotten das Gotteshaus. Doch vergebens! Tie heilige Lade war leer. Aus andcrn französischen Synagogen hingegen wurden die Thorarollen geraubt, und unter den Wirbeln welche die Tamboure auf den zerschnittenen Pergainentrolleu schlugen, schritten tausende von französischen Kriegern für ״Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" dem Feinde und — dem Tode entgegen. * * * Ter Rabbi dessen Söhnchen bald wieder genas» verbrachte noch viele Jahre im Frieden seincs Hauses. Doch ganz ungestört sollte sein Leden auch später nicht dahinfließen; viclinehr kam er nicht lange nach jener denktvürdigcn Neujahrsnacht in Gefahr, der Hand des Henkers zu verfallen. Im Jahre 1793 hatte der ehemalige Theaterdiencr Hebert, der wegen Unredlichkeit von: Amte gejagt, während der Schrcckenszeit aber der einflußreiche Redakteur einer vielgelesencn und berüchtigtcn Zeitung geworden war, die Abichaffuug aller religiösen Zeremonien durchgesetzt und an Stelle der alten Religionen einen besonderen ״Kultus der Vernunft" eingeführt. Auch nach Metz kam ein Redner, um dein Volke die neue Religion zu verkünden. Neben ihm Da ist der Neid wieder groß. Denn der Erzbischof sprach sein Wort nach. Wie ein Steinbild stand Ainnon. Dann bat er sich Bedenkzeit aus. Drei Tage. Gesenkten Auges ging er durch die Straßen. In der Judengasse spielten die Kinder. ״Still, der Rabbi weint!" Die Weiber an den Fenstern lvaren voll Kummer, und die Männer ließen ihre Hautierimg. ״Der Rabbi weint!" Sein Weib saß neben ihm im engen Lehrtübchen. Sic hielt seine Hand. Ihr Mund' war rumm. Ihre Augen waren voll Fragen. ״O Weib! Ich konnte incinen Gott verleugneu!" So Hallen Schläge auf Stahl. ״Drei Tage Bedenkzeit!.O, daß ich Bedenkzeit forderte! Ten Gott meiner Väter vcrgas; ich.״ Rebekka wußte alles. Sic schwieg. Aber ihre Hand preßte die Hand Amuons, und da war es in seinen Augen wie ein Helles Leuchten. Der dritte Tag. Ainnon saß in seinen: Gemach. Schergen des Erzbischofs im Haus. Wehklagen geht durch die Judeugassc und schreit alle Ve racksten aus den Winkeln. In der Schule sitzt das Leid auf der Lade. Und dann ... Ainnon vor dein Erzbischof. Auf goldenem Sessel sitzt der Richter. Auf seinen Schultern hockt der Neid. ״Amnon, heute ist der dritte Tag!" ״Ich weiß es, Herr!" ״Uud ich inuß dich holen lassen?" ״Reiße meine Zunge a:ls, rucine Zunge hat töricht geredet." ״Deine Zunge war auf dem rechten Weg, aber deine Hände, deine Füße ... Amnon, warum gehorchen deii:e Füße nicht deiner Zunge?" ״Ich habe Gott verleugnet. Ich kann nicht dein Bruder werden in Christo." Der Erzbischof stand auf. Es war, als wollte er Ainnon umarmen. Ta würgte ihn der Neid, und der Haß des Glaubens griff in fein Herz. ״Sei verflucht!" Ter Stab wurde gebrochen über Amnon. — Seine Hände, seine Füße nahm des Henkers Schtvert. Der heilige Gedächtnistag war da. Tein Verstümmelten reichte Rebekka an: Vorabend die Hand. ״Mögest dn verzeichnet werden zu einem guten Jahre!" ״Amen! Und auch du, inein Weib!" Rebekka weinte laut. Sie hob statt des Mannes den Kelch, aber Ainnon segnete den Festtag. ״Gesegnet sei der Tag, und gelobt sei der Herr unser Gott, der ihn uns hat erleben lassen!" Rebekka reichte ihm ein Stückchen eines süßen Apfels in Honig getaucht, und abermals tat stand, nach dem Vorbildc der reizenden Theatersängerin Maillard, die als Göttin der Vernunft bei einen:, in der berühmten Notre-Damc-Kirche in Paris veranstalteten Feste getrohnt hatte, ״jung und schön wie die Vernunft" ein Mädchen in weißem Kleide, mit himmelblauer Jacobiuermütze und aufgelösten Haaren. Wer fernblieb, lief Gefahr, enthauptet zu werden. Aus diesem Grunde befand sich auch der Rabbi von Metz unter den Zuhörern. Dessen ungeachtet entging er nur mit knapper Not dem Tode, da die Aufpasser behaupteten, er habe ״teilnahmslos und ohne Andacht" der Feier angewohnt. Nur mit Mühe gelang es einen: bcfreundeten Republikaner, ihn vor dem Schicksal, auf den Niästplatz geführt zu werden, zu bewahren. Infolge seiner weithin bekanten Gelehrsamfeit gelang cs ihm, nachdem in: folgenden Jahre — an: 28. Juli 1791 — Nobespicrre und Hebert mit noch 19 Gesinnungsgenossen auf dem Blutgerüste geendet hattet: und der ״Kultus der Vernunft" schon vorher wieder abgeschafft wordei: war, eilte größere Anzahl von Talmudjüngern un: sich zu versammeln. Von einem dieser Jünger, der nachmals über ein halbes Jahrhundert als Rabbiner in: badischen Oberlande amtierte, nun aber schon 20 Jahre in: Grabe ruht, erfuhr ich die obige wahrheitsgetreue Geschichte.