Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 34 (17.9.1914)
- Date
- 1914-09-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahra. XV. Erscheint jeden Mittwoch Nummer 34. Mische NolksjtiMt. s- Bezugspreis e: Für Oesterreich-llngarn, halbjährig . Kronen 620׳ ganzj^rig.Kronen 12•— Deutschland, ganzjährig.Mark 12 — Rußland, ganzjährig . ..Rubel 6 — Balkan, Frankreich.Franks 14 — Mit der hebräischen Beilage המצפה Herausgeber: Max Hickl. . ׳״ ״ ׳ ־..־• ״־ ״ ׳ i -j Redaktion und Administration: Brünn, Adlergajse 9. Bnchhä'idlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig.! Inserate: die Sspaltige Petitzeile 30 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono» riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Wien—Budapest. Brün», 1911 Prag—Lemberg. Zum Jahreswechsel entbieten unseren Freunden, Mitarbeitern, Abonnenten, Inserenten und Lesern die herzlichsten Glückwünsche כתיבה והתימה טבוה Redaktion und Administration ״Jüdische Volksstimme". Rausch Haschonoh. Rausch haschono naht. Das Fest der Schofartönc! Wir haben es immer mit feierlichem Ernst erwartet. Seit Wochen sind wir täglich darauf bedacht, das ״Neujahr" würdig zu empfangen um uns selbst in die richtige weihevolle Stinnnung zu versetzen, mit der wir die ״furchtbaren und!)eiligen Tage" verleben wollen. Wir beeilen uns mit dem anbrechenden Morgen gleich unserem ruhmvollen Stammvater Abra- Ham uns dem göttlichen Dienste zu widmen und unsere inbrünstigen Gebete zum Allvater zu senden. nach dessen unwandelbarem Beschlüsse Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Frühjahr und Herbst nie aushören werden. Und so oft der Herbst erscheint, findet er uns bereit das älteste Fest der Menschheit, das älteste Fest der ganzen Natur mit Hingebung und Andacht zu begehen. Wenn der Schofar ertönt, so faßt er unser Inneres mit geheimnisvoller Kraft und führt uns in eine weihevolle Andacht, die uns sonst fremd ist. Erschöpft von den Alltagssorgen, abgelenkt durch kleinliche Notwendigkeiten kommen wir selten dazu, in uns zu gehen um beschaulichen Belrachtungen nachzuhängen. Doch :)tausch haschono, das Fest der Schofartöne, das Fest der Erinnerung hat uits Juden, die wir treu zu unserem Glauben und treu zu unserem Volke stehen, noch immer über den Alltag zu erheben gewußt. Tie wir treu zu unserem Glauben stehen — der gläubige Jude sieht dieses Fest herannahen durchdrungen von hochgespannten Gefühlen hingebender Frömmigkeit, er fühlt sich dem göttlichen Gerichte nahe und rüstet sich, Rechenschaft über alle seine Taten abzulegen und erwartet in Demut sein Schicksal . Und wer zu seinem Volke steht, könnte der den ״Jom hasikoraun", den ״historischen Tag" nur mit halbem Herzen feiern! Erinnert der Rausch haschono nicht an den Beginn der ganzen Welt, deren Bürger jeder Erdgeborene ist! Von diesem Tage schreibt aber auch das jüdische Volk seinen Beginn. An diesem Tage bewies Abraham, der Vater des jüdischen Volkes seine Opferwilligkeit, fürwelche ihm der Allvater im Himmel die Unsterblichkeit seiner Nachkommen — die Unsterblichkeit und den Ruhm des Volkes Israel verhieß. An diesem Tage erfüllte unser Stammvater Isaak das göttliche Gebot: ״Ehre Vater und Mutter" in unübertrefflicher Weise, indem er willig sein Leben opfern wollte uin dem Wunsche seines Vaters widerspruchslos Gehorsam zu leisten. Opferwillig und opferfähig gleich seinem Vater glänzt er seinen Nachkommen bis in die spätesten Geschlechter als Beispiel voran und durch Jahrtausende haben die Juden im hundertfältigen Wandel der Zeiten und Verhältnisse das väterliche Erbe unbegrenzter Opferwilligkeit und Opferfähigkeit bewahrt und Hochgehalten. So lange auch das jüdische Volk das göttliche Gebor beobachten wird: ״Ehre Vater und Mutter", so lauge ihm die Gefühle, die Sitten und Gebräuche seiner Vorfahren heilig sind, so lange hat auch der zweite Teil des Gbotes seine Geltung für das Volk: ״daß du lange lebst". Wer sich noch zum Judentum bekennt, der feiert ״die furchtbaren Tage" und sucht die Wc meinde seiner Brüder auf — Jahr für Jahr. Doch Heuer ist die ernste Zeit noch ernster. Das Laub beginnt zu welken, es geht ein großes Sterben durch die Natur und durch die blühende Menschheit. In die mahnenden Klänge des Schofars »lischt sich der eherne Klang des kriegerischen Harnes und der grollende Donner der menschenmordenden Geschütze und das Wehklagen armer, geplünderter Menschen, die ihre Heimstätte verlassen mußten, weil der entmenschte Feind Scharen von Henkersknechten in unsere friedlichen Städte morden und brandschatzen schickt - zahllos und gierig wie Heuschreckenschwärme. Auf ferner Walstatt verhauchen tausend u. abertausende von Söhnen unseres Volkes und unseres Glaubens ihren letzten Seufzer im ehrenvollen Kampfe fürs Vaterland und für die Menschheit. Unzählige unserer Krieger haben blutige Wunden aus den Kämpfen heimgebracht und harren der Heilung. In den Synagogen versamelt sich die fromme Gemeinde. Ergriffen von der Weihe des Tages versenkt sich jedes Gemüt in tiefe Andacht׳, der Alltagskummer, der uns drückt, ist auch Heuer nicht ausgeblieben aber dazu gesellt hat mb das allgemeine Leid, das tief in die Seele und das Feuilleton. Die Neujahrsnacht eines Rabbi. Ter Wirklichkeit nacherzählt von I. Bruchsaler. i Ter Gottesdienst am Vorabend des jüdischen* 1 Neujahrsfestes war in Metz zu Ende. Männer u.j Frauen strömten nlit blassen, verweinten Gesich-| tern aus der Synagoge. Leise flüsternd und scheu unthcrblickend, zerstreuten sie sich, die Schatten der Häuser aufsuchcnd, in die stillen Nebengäßchen, ängstlich die belebten Hauptstraßen meidend, wo wein- und sreiheitstrunkene, durch rote phrygische Mützen kenntliche Sansculotten sich umhertriebcn. Mit Beilen, Piken, Säbeln und rostigen Flinten bewaffnet, spähten diese mordsüchtigen Jakobiner nach Verdächtigen, um sie aus ihren Schlupfwinkeln zu reißen und auf das Blutgerüst zu schleppen. War es doch die schreckliche Zeit der ersten französischen Revolution, in welcherdas Wort eines Schurken genügte, um Schuldige und Unschuldige unter die Guillotine zu bringen! Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde waren zwar bisher als weniger verdächtig außer Betracht geblieben, aber in jenen entsetzlichen Tagen konnten auch sie keine Stunde ihres Lebens sicher sein, und manchen unter ihnen machte ein eisiger Schrecken vom Wirbel bis zur Zehe durchfahren, wenn das wilde Auge eines Sansculotten mißtrauisch forschend auf ihn ruhte, namentlich dann, wenn er was nicht selten vorkam, einen dem Tode geweihten Geistlichen oder Adeligen in seinem Hause versteckt hilt, bis er ihn in finsterer Nacht mit eigener Lebensgefahr über die Grenze in Sicherheit zu bringen vermochte. Noch nie waren die Beter von heißerer Andacht, von überquellenderer Inbrunst und von tieferer Zerknirschung erfüllt gewesen, als an diesein Abendgottesdienste, und kaum hatte der Vorbeter begonnen, die altbekannten und doch ewig jungen, heiligen Festgesänge anzustimen, als zuerst mühsam unterdrückte Seufzer und dann immer lauteres und leidenschaftlicheres Schluchzen und Weinen der um ihr Leben zitternden Beter den Raum des Gotteshauses erfüllten. Konnte ihnen doch scholl der nächste Tag. ja die nächste Stunde den Vater, die Mutter oder sonstige Berwandte und Freunde auf ewig entreißen, da doch gleich einer drohenden, schwarzen, ungeheueren Wetterwolke das Fallbeil über Frankreichs blutgetränkter Erde zu schweben schien. Nur verhältnismäßig wenige Gemeinde- Mitglieder hatten sich, die Morgenröte einer neuen Zeit vorausahnend, de»l Volksaufstande angeschlossen uild waren freiwillig in die :)tevolutionsarmee eingetreten. die siegreich gegen eine Welt von Feinden in den Krieg zog. Einer der letzten, welche die Synagoge verließen, war der Rabbi der Gemeinde. Nach alter Sitte hatten ihm die Beter am Schlüsse des Gottesdienstes glückwünschend die Hände entgegengestreckt, und seinen frommen 11. erhebenden Troftesworten war es gelungen, die I von Kummer und Sorgen gequälten Herzen wieder mit neuem Mute und Gottvertrauen zu er-! füllen. Und doch hätte er selber so sehr des Trostes bedurst! Nicht allein der Ernst des Festes und der Gedanke an die entsetzenerregende Schreckens- Herrschast beugten sein Haupt: er mußte auch seines Söhnchens gedenken, das schwererkrankt darniederlag. Als er daher, zu Hanse angelangt, seine treue Lebensgefährtin mit rotgeweinten Augen am Lager des Lieblings antraf und dieser, wie sonst in gesunden Tagen, zur Entgegennähme des Segens das fieberheiße Können ihm entgegenneigte, konnte er sich kaum der Tränen erwährcn. Mitternacht war schon vorüber: aber immer noch vermochte der Rabbi, wiewohl er die 1 vergangene Nacht am Krankenbette seines Kin- ' des durchwacht hatte, den Schlaf nicht zu finden. Schon wollte er sich erheben, um nach dem Be Soeben erschienen: ״Hickls jüb. Volkskalender".