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Jüdische Volksstimme · 1914-09-10 · Heft 33 (10.9.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 33 (10.9.1914)
Date
1914-09-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 33. ״JLdische Veite S. Bärten und Payes gewahrte man zu bestimmten Zeiten auf der Promenade. Als die Zeitungen die Kriegsnachrichten aus Oesterreich brachten, trat plötzlich eine Wendung in der angeregten Stimmung der Kurgäste ein. Von Tag zu Tag wuchs die Erregung, doch an einen europäischen Krieg mochte niemand glauben. Tie beiden Zeitungshallen Scherl und Ullstein waren fast den ganzen Tag voy Kurgästen förmlich umlagert, die auf Telegramme lauerten. Als schließlich als erste Zeichen ungünstige Banknachrichten einliefen, rüsteten viele, größtenteils Männer, zur Abreise. Vom 25. Juli an kamen täglich Telegramme an die zurückgebliebenen Frauen und Kinder aus der Heimat an: .,Lage ungünstig, sofort zurückkoinmen!" Es war doch noch eine ganze Anzahl Gäste, die sich nicht aus ihrer Ruhe bringen ließ und immer auf eine gütliche Wendung der Geschicke hofften. Am 30. Juli schwand die Haffinnig der Zuversichtlichsten, schnellstens wurde gepackt und abgereist. Panikartig war der Ansturm zu den Tampfern, die die Gäste, die so plötzlich ihre Kur abbrechen mußten, in die Heimat beförderten. Mir fiel ganz besonders die Ruhe der ausländischen Juden aus. Verschiedeutlich fragte ich russische Juden: ״Run, wollen Tie nicht auch abreisen?" ״Warum sollten wir abreisen, es wird schon alles gut werden." Am Freitag wurde Norderney als im Kriegszustand befindlich erklärt. Auch dieser Umstand mochte unsere ausländische Juden in der Mehrheit Russen nicht aus ihrer Ruhe zu bringen. Als aber am Samstag der Mobilmachungsbefehl bekauntgegcben wurde, mit dem Vermerk, daß alle Ausländer binnen 24 Stunden die Insel zu verlassen hätten, sah man unsere ausländischen Juden nach Beendigung des Gottesdienstes auf den Straßen etwas flinker dahincilen. Ter Kommissär ordnete an, daß sich alle Ausländer um 11 Uhr zur Entgegennahme besonderer Verhaltungsmaßregeln vor dem Polizcigebäudc cinzufindcn hätten. Besondres hart traf die Bestimmung der Ausweisung eine Tame. die seit 20 Jahren eine Küche für ausländische Juden unterhält. Trotz guter Fürsprache mußte sie ihre Restauration sofort schließen und am glcichen Tage Norderney verlassen. Schon vor 11 Uhr war das Polizeihaus von ausländischen Juden umlagert. Einen Trost erblickten sie in der Bestimmung einer 24stündigen Frist. Brauchten sie doch den Scbabbos nicht zu entweihen. Als aber der .Nloiimiiiär verkündete, daß alle Ausländer schon um 0 Uhr mit dem letzten von Norderney fahrenden Tampser die Insel zu verlassen hätten, entstand eine tumultartige Aufregung.unter den Juden. Sie sollten den Schabbos entweihen? Auf keinen Fall! Einer ans der Menge wagte laut dem Herrn Kommissär zuzurufen: ״.Herr Kommissär, wir sind strenggläubige Juden und fahren am Sonnabend unter keiner Bedingung! Tie Sabbatcntweihung gilt uns als eine der größten Sünden!" Ter Kommiüär vernahm die Worte gebot in cneraischer Weise Rübe und verkündete nach kurzer Beratuna mit dem Jnielkommandantcu und dem Polizeikommistär: ״Meine Herreu, ich werde für Sie um 10'/., Ubr nach Sabbatausgang einen Ertradomvfer fahren lauen." Um 11 Ubr brachte sie der Tampser nach Norddeich. Ob ne nach olle vor Suerruua der Grenze in ihre Heimat gekommen, sind, möchte ich bezweifeln. Gegen verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht. ״Sternhofer Bitterwasser“ Mild, doch zuveriäßlich. Sternhof. Post Sokolnitz bei Brünn. Jtundfchcui. Für Kriegszwecke. Ter Verein Israelitisches Erholungsheim für Frauen und Mädchen Baden-Baden, Verwaltungssitz Frankfurt a. M., hat sein Erholungsbeim mit 18 Betten als Kriegslazarett zur Perfügung gestellt. Oberrabbiner Koppel Reich. Budapest. — Ein sinnreiches Cirkulair des Oberrabbiners Koppel Reich an sämtliche ortho- Loren Rabbiner des Landes fordert diese auf. Personalien und Familienverhältnisse festzustellen und ihnen wo nötig den letzten Beistand zu leisten. In der Hauptsache beziehe sich diese rabbinische Wirksamkeit auf die Befreiung der Frauen aus dem Aguna-Zustande. — Wie wir erfahren, ist auch von den Rabbinern Galiziens nach dieser Richtung alles Nötige und Gebotene veranlaßt worden. Ein jüdischer Flieger. Einer der wenigen jüdischen Angehörigen der jetzt auf den Schlachtfeldern so tapfer mitwirkenden militärischen Flieger ist ein Frankurter und zwar Heinrich Pollak, Sohn des Kaufmannes Julius Pollak, Schleiermacherstr. Nr. 88. Wie aus seinen Feldbricfen an seine Eltern hervorgeht, hat er mit seiner Abteilung bei den Kämpfen in Belgien tüchtig mitgewirkr. Tie Blutprozession von Brüssel. Im Jahre 1370 verbreitete sich das Gerücht, daß die Juden der Stadt Enghien sechszehn Hostien aus der Kirche von Brüssel geraubt hätten, um sie in ihren Synagogen zu durchstechen, und es sei Blut aus den Hostien geslosseu. Tie Aeltesten der jüdischen Gemeinde zu Enghien wurden daraufhin auf die Folter gebracht, mit glühenden Zangen gezwickt und am 22. Mai 1370 neben der Porte de Namur zu Brüssel lebendig verbrannt. Tamit nicht genug, wurden sämtliche Juden Brabants ihres Vermögens verlustig erklärt und des Landes verwiesen. Mau beschloß, diese Tat ״zur Ehre Gottes" für alle Zeiten zu verewigen. Achtzehn Gemälde wurden für die St. Gudule- Kirche zu Brüssel mit allen Einzelnheiten, auch der schrecklichen Hinrichtung der drei Aeltesten. gemalt. Auch wurde bestimmt, nach Verlauf von je 7,0 Jahren eine Gedenkfeier mit Prozession zu veranstalten. Noch io» Jahre 1820 fand diese Fen׳r statt und dauerte acht Tage. Auch im Jahre 1870 sollte sie mit großem Pomp stattfiudeu, wurde aber infolge zahlreicher Proteste im letzten Augenblick von Rom aus telegraphisch verboten. Eine Hilfsaktion für vie russischen Juden in Wien. Tie kriegerische Verwicklung mit Rußland >at zur Folge gehabt, daß in unserer Monarchie die russischen Staatsbürger einer Untersuchung, resp. Juternieruug unterzogen wurden. Tieselbe bezog sich in Wien sowohl auf die hier wohnenden als auch aus den Kurorten nach Wien eingelangten Russen, resp. russischen Juden. Insbesondere wurden die im kriegsdiensttauglichen Alter befindlichen jungen Leute interniert und nach Linz, resp. Göttweig oder Karlstein an der Thaya ver schickt. Tie Verpflegung derselben geschieht in erster Linie auf Kosten der Aerars. doch können sich die Internierten auch auf eigene Kosten verpflegen. — Ta viele darunter Familienväter find oder ihre Eltern erhalten, welche nun ganz brollos sind, bat sich unter der Leitung des Herrn Kremeuetzky ein Komitee gebildet, mit der Auf׳ gäbe, die in Wien feit mehreren Jahren ansässi gen russisch-jüdischen Familien zu unterstützen. Zehn Söhne jm ,Kriege. Einen großartigen Rckkord, der sicherlich nicht überboteu werden wird, stellt eine in Posen ansässige Familie Baum auf. Von dieser ziehen 10 Söhne in den Krieg. Tie 10 Brüder wohnen in verschiedenen Ortschaften der Provinz Posen und sind sämtliche verheiratet. Sie traten nach Bekanntgabe der Mobilmachung bei den verschiedensten Truppenteilen ein. Tie Franzosen werden schwerlich in der Lage sein, mit einem ähnlichen Beispiel aufzuwarten. Kriegsclend. Ist Galizien auch schon zu Friedenszeiten das Land des Judenelends, so zeigte uns doch der teilen, der auch diesen entbehren muß. Die Gemeinden und philantropischen Institutionen funktionieren vortrefflich. Israel Zangwill gegen de» Krieg. Auf Umwegen erfährt man aus London, daß der bekannte Schriftsteller und Führer der ״Jewish Territorial-Organisation" Israel Zangwill auf Befehl der Regierung verhaftet wurde. — Zangwill, der von den Zionistenkongressen aus als glühender englischer Patriot bekannt ist. den ja dieser Patriotismus zum Austritt aus der zionistischen Partei iwegen ihrer Ablehnung des Uganda-Projektes) veranlaßt hat. ist ein scharfer Gegner des Krieges. Er weiß sich darin mit den Besten der Nation einig, so auch mit dem srü- Heren Minister John Büros, der nach Ausbruch des Krieges aus dem Kabinette ausgetreten ist. Noch am 14. August sprach dieser vor einer großen Versammlung in der Alberthall und fand die sckstrrfsten Worte gegen Edward Grey und seine Politik, die England an den Abgrund führe. Tie Rede machte im ganzen Laude den tiefsten Eindruck, da sie auf Grund historischer Tatsachen dem englischen Volke eine recht düstere Prognose stellt. Tie inzwischen täglich mehr bekannt werdenden deutschen Siege, die selbst die russenfreundliche Times nicht mehr unterschlagen kann, und die Niederlage der englischen Truppen verleiben den Prophezeiungen Burns eine erhöhte Bedeutung und sichern ihm eine immer größere Anhänger schuft. Daß auch der impulsive Zangwill unter diese wahrhaften Patrioten gehen würde, war vorauszusehen. Mit dem ihm eigenen Pathos gab er in Wort und Schrift, in angesehenen Zeitungen wie in öffentlichen Versammlungen seiner Empörung darüber Ausdruck, daß das frei England dem barbarischen Zarismus unter die Arme greife. Sowohl in London, wie in Leeds fanden Massenmeetings statt gegen den Krieg, in denen Zangwill sehr scharf gegen die Regierung hervortrat. Tas sollte ihm nicht besonders gut bekom men. Ta man sich au den größeren, au John Burns, noch nicht heranwagt, soll es der jüdische Schriftsteller auch für diesen büßen und vorerst hinter Schloß und Riegel bleiben. Tie Bewegung gegen den Krieg greift immer tiefer und breiter um sich, daß es der Regierung angst und bange wird. Auf jeden Fall fühlt sie sich beruhigter, wenn sie Agitatoren von der Art und Bedeutung eines Zangwill in Sicherheit weiß. Eine tapfere jüdische Mutter. Eine außerordentliche Leistung für das Va terlaud kann von der Witwe E. Feibusch in Ro gasen berichtet werden. Tieselbe hat acht Söhne zu Leu Fahne» entsandt und ihre einzige Tochter hat sich der Roten Kreuz-Arbeit gewidmet. Kriegshilfe. Tie Frauenvereinigung der zionistischen Ortsgruppe von Hamburg Altona bat zur Linderuug der durch den Krieg hervorgerufenen Not die Einrichtung einer Abendküche beschlossen, in der jeder Bedürftige unentgeltlich warmes Abendessen erhalten soll. Jüdische Tapferkeit. Emmendingen. Eine mutige Tat vollbrachte unser jüdischer Mitbürger Herr Kaufmann Ein. Schwarz, der als Unteroffizier bei dem schweren Gefecht bei Mühlhausen mitbeteiligt war. Herr Schwarz und ein Gefreiter seiner Kompagnie wurden abends!> Uhr von einer sechs Mann starken französischen Patrouille überfallen, aber kurz entschlossen schossen die beiden tapferen Männer vier von den Franzosen nieder und die übrigen zwei Mann brachten sie gefangen zur Kompagnie zurück. Kriegsslimmung. In ihren kleinen Skizzen und Stimmungsbildern aus diesen Tagen der kriegerischen Begeisterung schreibt die ״'Neue Hamburger Zeitung" unter anderem: im Interesse der zurückgebliebenen Frauen der gefallenen und verwundeten Krieger wirksam zu sein. Es sei die Pflicht der Rabbiner, m den Krieg, daß auch dieses noch grenzenlos eutwick- | lungsfähig war. Ter Krieg bedeutete natürlich Tod und Stillstand für alle Erwerbszweige und Betriebe, die sonst einen kleinen Teil der Juden-! heit kümmerlich genug ernährt hatten. Tazu kommen jetzt die tausende von Flüchtlingen aus Brüssel und Antwerpen, die dort ihre gesamte Habe lassen mußten und hier ihren Anverwandten oder den Gemeinden zur Last fallen. Tie Bruderliebe und Gastfreundschaft der galizischcu Juden zeigt sich hier in vollem Glanze. Sieht es doch jeder Arme als seine patriotische und jüd. ״Wir kommen in ein Kaffeehaus. Viele m• servisten um uns herum - sitzend, rauchend, einige ernst, andere lachend. Plötzlich betreten drei jüdische Wehrmänner den Saal. Zwei von ihnen groß, breitschultrig, der dritte schmal, jung. Alle stolz - vielleicht auf ihren Rock, vielleicht auf ihr Volk. Man blickt auf. Mau grüßt sie hier, mau grüßt sie dort. Man mustert sie von oben bis unten. Und plötzlich freuen sich alle ringsum gerade über diese drei. Und eine leise Welle von Scham durchzittert manchen. Ein Gefühl von Glück über etwas eigentlich Selbstverständliches. Spitälern nach Juden Unischau zu halten, ihre! Pflicht an, den kargen Bissen mit demjenigen zu das immer da, aber nie recht lebendig war.

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