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Jüdische Volksstimme · 1914-09-10 · Heft 33 (10.9.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 33 (10.9.1914)
Date
1914-09-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. jüdische Bottrstimme." Nr. 33. trotzdem führten Kaiser Friedrich 11., und seine Nachfolger in der römisch-deutschen Kaiserwürde den Titel eines ״Königs van Jerusalem" weiter. Als Kaiser Franz II., zur Zeit der tiefsten Zersahrenhcit des deutschen, Reiches im Jahre 1800 den Titel eines ״römisch-deutschen Kaisers" niedcrlegte, und bloß den eines Kaisers von Oesterreich beibchielt, ging der Titel eines Königs von Jerusalem auf ihn und seine Nachfolger auf den österreichischen Kaiserkrone, sohin auch auf Kaiser Franz Josef über. Möge dieser Titel, welcher heute bloß eine Reminiszenz an längst vergangene Tage bildet, nunmehr dazu berufen sein, für Tausende und Millionen Juden das zu bringen, was sie ersehnen, und was ihnen im Begriffe ״Jerusalem" verkörpert ist, nämlich die Befreiung von ihren bisherigen Leiden und das Hcranbrechen einer neuen, segensreichen Acra. Per aspera ad astra! Der Weltkrieg im 20. Jahrhundert. (Von Dr. I. Eisenberg.) (Schluß.) Die jahrzehntelang ausgcspeicherten, mit dem russischen Rubel genährten allslavischen Leidenschaften entluden sich nun gleich einem Vulkanausbruch und verursachten diesen Sturm, welcher die Welt förmlich aus den Angeln zu heden droht. Ebenso trieb die unglückliche Revanche- Politik der Chauvinisten in Frankreich ihr Volk in die Arme des russischen Despoten; Frankreich buhlte um seine Gunst, warf Milliarden in seinen Nachen und drängte mit Ungestüm zu diesen Krieg. Schmerzlich mußte es jeden ernsten Politikcr berühren, so oft er hörte, daß Vertreter der französischen Nation und verschiedener slavischer Völker nach der russischen Residenz gepilgert waren, um dort Schutz und Stütze zu suchen. Das freiheitliche Kulturvolk der Franzosen fütterte den russischen Bären mit Gold, stärkte seine Macht, ermöglichte ihm die Anschaffung von Wassen, Kanonen und Bajonetten und half so indirekt, die russische Intelligenz zu knebeln, die Gefängnisse zu füllen und den inneren Jammer zu steigern. Schmerzlich berührt uns Wohl das tragische Geschick, welches nun das französische Volk ereilt und welches dessen Vertrauen auf den russischen Kolos; gor so bitter zu rächen bestimmt ist. Schmerzlich berührt uns auch die traurige Nolle, welche jener Bundesgenosse au der Themse spielt. Dieser hätte die Autorität und die Macht besessen, auf die kriegführenden Völker versöhnend ciuzu- Wirken, eine Entspannung anzubahncu und im entscheidenden Augenblick dem schrecklichen Blutvergießen Einhalt zu gebieten, wenn er strikte Neutralität bewahrt hätte. Das unverantwortlichc Eingreifen Englands raubte ihm die Syinpatien der ganzen gesitteten Welt, welche dieses für getaufte unb das andere für ungetauftc. Die Juden mußten in einer Karnevalgruppc vor allem Volte auftreten, und einer aus der Mitte sagte dann die Strophen her. Das ging aber nicht glatt ab. Der Sprcchcr wurde oft unterbrochen, und man trieb mit ihm seinen Humbug. Doch tragen diese Deklamationen nicht ein so grausames Gepräge, wie die römischen Rennen. Und die Juden mögen sic nicht so hart empfunden haden, wenn sic ihnen auch demütigend genug erschienen. Sic beteiligten sich eben nicht freiwillig an dem Feste, und ihr trauerndes Herz blieb der Freude fremd. In dem ..Judcnlicdc" reden sie hauptsächlich von ihrer Tätigkcit als Pfandleiher. Ans ihren Worten geht ein geivistcr Galgenhumor hervor. Die klugen Florentiner haben ihnen ihr Handivcrk abgcguckt und trieben nun auf eigene Faust Geldgeschäfte. Da lväre cs denn doch in Ordnung, daß sie ebenfalls Abzeichen gleich den Juden trügen. Aber sofort fürchten sie, schon zu nnbescheiden gewesen zu sein, und glaubten, cinlenken zu muffen. Sie sagen, daß die Florentiner im Gegensätze zu den geizigen Juden ihr Geld ״nur aus Menschenliebe" an bedürftige und arme Freunde verleihen. Wenn sic dabei verdienten, so wäre das gerechte und durchaus ehrenvolle Sache. Dann geben die jüdischen Konkurrenten den Florentinern allerhand gute Ratschlüge. Es wäre zu empfehlen, von Fall zu Fall die Kreditfähigkeit des Schuldners zu prüfen und immer keine Zwischenhändler und Wechselbriefe und heimse tlur gegen ein Pfand zu leihen. Dann brauche man am Ende doch seine schönen Zinsen ein. Vorgehen als Ausfluß der niedrigsten Rivalität gegen Deutschland betrachtet. — Der Krieg zcrstört inigeheuere Volksgüter, vernichtet zahllose Menschenleben und bringt Mer ganze Gebiete Not und Elend. Der Krieg schasst aber auch Gutes, gleicht Gegensätze aus, versöhnt Parteien u. Völker miteinander und läßt neue Werte erstehen. Wie ein Mann stehen dir Krieger verschiedencr Abstammung und Zunge gegen den gemeinsamen Feind, vergessen alte Gehässigkeiten und kennen kein anderes Bestreben, als die feindliche Macht niederzuringen. Aber auch die Völker verfolgen die Bewegungen ihrer tapferen Söhne auf dem Schlachtselde mit pochendem Herzen, lechzen nach^jeder Nachricht von dort und zeigen sich in der Stunde der Gefahr groß und einig. Der Krieg soll ferner auch Angriffe feindlicher Nachbarvölker unmöglich machen, dein Lande die innere Ruhe und Sicherheit wiedergcben und der Bevölkerung ein Nachlassen der Rüstungen verschaffen. Der Krieg soll endlich denjenigen Rassen und Klaffen Erlösung und Befreiung gewähren, welche im Lande des Feindes unterdrückt und verfolgt werden, und soll auch jenen schrecklichen Haß aus der Welt schassen Helsen, welchen die zarische Regierung in den letzten Jahren gegen Juden, insbesondere bei Polen zu den, Zwecke großgezogen hat, um deren Aufmerksamkcit von ihren Gewalttaten abzulenken. Es ist jener Haß, welcher eine großzügige Boykottbewegung zur Folge hatte und zu den schauderhastesten Handlungen gegen Juden führte. Das Judentum (ich zitiere hier die letzten Sätze meiner Predigt vom 18. August l. I., die ich im Tempel zu Dobfisch hielt), welches den ewigen Frieden als höchstes Ideal anstrebt, als Ideal, welches der Menschheit nie endende Zufriedcnheit und Glückseligkeit bringen solle, unterscheidcn dennoch zwischen einen מלחמת רשות Eroberungskrieg, der auf Gebietserweiterung ansgeht, und einen מלתמת תו2ת -Krieg, welcher feindliche Angriffe abwehren will. So oft König David, erzählt der Talmud, gegen Nachbarvölker den Krieg erklärte, um deren Gebiete ail sich zu reißen, war er gezwungen, die Zustimmutig des Synl>cdriums, der obersten geistlichen Synode, einzuholen. Ohne diese Zustimmung war es ihm nicht gestattet, die wehrfähige Jugend den Gesahreil einer Schlacht anszusetzen. Handelte es sich jedoch um einen Kampf, der ihm von feindlichen Völkern aufgezwungcn worden war, wurde die Sicherheit Palästinas bedroht, so war er verpflichtet, sofort die tapferen Heerscharen auszusenden und den Gegnern eine Schlacht zu liefern ohne die Erlaubnis des Synhcdriums der geistlichen Behörde abwarten zu müssen. Auch den Zarismus, welcher sein großes Reich für Juden und Nichtjuden in ein weites Gefängnis verwandelte und jede freie Regung u. Bewegung im Blut ertränkt, hat auch diesen Weltkrieg augczettelt, um die Länder der Kultur zu knechten und die Völker des Fortschrittes zu demütigen. Wir aber kämpfen sowohl für unser Recht, als auch für das aller geknechteten Völker im Reiche des Feindes und unser Sieg soll auch diese» Recht und Gerechtigkeit, Freiheit und Erlösung bringen. Ein alter Spruch lautet: בתב;ולד משית An einem neunten Ab, dem Jahrestage der Tempelzerstörung, hat der Messias, der Erlöser der Menschheit das Licht der Welt erblickt. Am nennten Ab des laufenden Jahres wurde auch dieser Weltkrieg beschlossen, dessen Sieger endlich auch von der leidenden Menschheit im Reiche des Gegners als Messias, als Erlöser, gefeiert werden wird. Dies walte Gott!!! Schweizer Schokoladen I. Strachon & Cie., Brünn Bahnhofplatz. Hattet Maß! Dieses Wort muß man heute Vielen zurufen. Wir leben in einer Zeit, wo das Gefühl allein allmächtig ist. Aber gerade darum tut es not, daß wir die Vernunft zu Rate ziehen. Denn das Gefühl allein kann uns auch auf verhängnisvolle Irrwege führen. Die Begeisterung ist eine sehr schöne Sache, aber auch darin muß Maß gehalten werden. Wir geben heute mit vollen Händen für patriotische Zwecke, es wäre gut, wenn wir auch hier ein wenig kritisch Vorgehen. Es scheint uns, als wenn hier auf manchen Gebiete übertrieben wird, und daß andere Zweige der Wohltätigfeit darunter leiden. Wir dürfen nicht vergessen, daß der Krieg nicht nur direkte, sondern auch indirekte Opfer schafft. Es gibt heute schon ein großes Maß von Elend und Not, das sich nicht in den Vordergrund drängt und daher zu kurz komnrt. Vielleicht wäre es gut, wenn wir uns schon heute der Not zuwenden, die aus Arbeitslosigkeit und aus Mangel an Berufstätigkeit resulticrt. Aber auch nach einer anderen Richtung hin wäre es gut, wenn wir Maß halten und uns nicht von den Gefühlen des-Augenblicks beherrscheu lasten. Namentlich wir Juden zeichneten uns stets dadurch aus, daß wir mit unseren Herzcn auch eine große Dosis von Vernunft verbanden. Es Will uns scheinen, daß sich schon heute ein ungesunder Chauvinismus in unseren Reihen breit macht und, daß eine durchaus ungerechte Gehässigkeit gegen die Inden des Ostens ihre Kraft entfaltet. Vergessen wir nicht, daß wir bei allein Patriotismus auch heilige Pflichten gegen diese Brüder des Ostens haben, die unter den Opfern des heutigen Krieges am schwersten leiden. Bleiben wir gute Patrioten, aber halten wir uns von jedem ungesunden Chauvinismus fern. NIEDERLÄNDISCHE Lebensyersicherungs - Gesellschaft, Wien I., Aspemplatz 1 im eigenen Palais, Versichertes Kapital clrka 422 Millionen. Reserve zirka 116 Millionen Kronen. — Billigste Tarife, Mitarbeiter werden überall gesucht — Unser neuester Tarif mit 5»/0 jährlich fallender garantierter Prämie Genaralageutur für Wien I.. Aspernplatz I, Leiter: David Nebenzahl. Sub Direktion für Prag Ferdinandsstr. 20 neu Leiter Robert Gerstel. Sub Direktion für Lemberg, Szajnocha 3 Leiter Löbel Taubes General-Agentur für Krakau, Moritz Griffel Krakau, Rlngplatz 9, General-Agentur für Blelitz, Scblossgraben 9, Leiter Adolf Heitlinger. Hauptagentur fOr Brünn, » Leiter: MAX DEUTSCH, Zeile 31. Das jüdische Vereinswesen in der Kriegszeit. Ein merkwürdiges Bild bietet uns das jüdische Vercinsleben in der Gegenwart. Während sonst im Herbst die Rüstung für die Wintcrsaison vor sich zu gehen pflegt, ruht jetzt fast alles. Die Vereine apologetischer Natur haben naturgemäß jetzt wenig zu tun. Ob der Burgfrieden unserer Gegner für die Dauer anhalten wird, wollen wir heute nicht untersuchen, solange sie aber ehrlich den Frieden wahren, ist cs auch unsere Pflicht, alles zu verineidcn, was neue Konflikte herausbeschwören könnte. Auch die wissenschaftlichen Vereine sind vorläufig ohne Tätigkeit. Die Wissenschaft galt zwar im Judentum nie als Luxus, heute aber fehlt uns das Interesse für diese Dinge, weil wir alle uns in einem Zustande der Erregung und der großen Erwartung besinden. Hoffen wir, daß später, nach den! Frieden, das Interesse für jüdische Ideale, für die Vertiefung und Bereicherung des jüdischen Wiffens in höherem Maße erwachen wird. Auch unsere Wohltätigkeitsvereine haben wohl viel zu tun, Mer ihre ganze Tätigkeit ist nach einer Seite hin gerichtet, die Wunden, die der Krieg geschlagen, zu heilen, die Not zu mildern und für die Opfer des Krieges möglichst zu sorgen. So befindet sich unser ganzes Vereinswesen gewissermaßen im Kriegszustand, und es zeigt uns, wie sehr der Krieg alle unsere Interessen auf den einen Punkt konzentriert hat. Wo die Zukunft des Vaterlandcs auf dem Spiele steht, da schweigen alle anderen Interessen, und alles erscheint kleinlich gegenüber dieser großen Sorge. Die Flucht der ausländ. Juden aus Norderney bei der Mobilmachung. Von Lehrer Adolf Rotschild, Achim-Bremen. Die Saison auf Norderney begann mit einem guten Besuch. Trotz der allgemeinen schlechten wirtschaftlichen Lüge sah man unter den Kurgästen viele in- und ausländische Juden. Auch russische Chaffidim in langen Kaftans, schwarzen

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