Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 33 (10.9.1914)
- Date
- 1914-09-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint jede« Mittwoch Nummer 33. Jahr«. XV. MW DilKsßlMt. Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 620־ ganzjährig.Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig.Mark 12 — Rußland, ganzjährig.Rubel 6 — Balkan, Frankreich.Franks 14 — ^Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse 9. Mit ber hebräischen Beilage Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. 1 Inserate: die öspaltige Petitzeile 30 k. - _ ״ gn ״M Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono- Herausgeber: Max Hi«. | rttrt. - Manuskripten ist Rückporto beizufügen. * * Wien—Budapest. Brünn, §,'g’"&41914 Prag—Lemberg. Kaiser Franz Josef I., König von Jerusalem. Von Dr. Theodor Haas, Advokaten in Brünn. Die schicksalsschwere Zeit, die wir jetzt durchleben, in der Oesterreich-Ungarn und Deutschland bemüssigt sind, auf blutgetränkten Schlachtfeldern ihr gutes Recht und ihren Bestand gegen Feinde im Westeil, Osten und Süden zu verteidigen und der Kultur gegen die Barbarei zinlr Siege zu verhelfen, bildet zugleich für Millionen Juden, welche in Rußland, hauptsächlich in Russisch-Polen, zusammengepfercht, schon in Friedcnszeiten in den elendsten, menschcnwürdigen Verhältnissen leben, ebenso wie für die anderen unterdrückten und gefolterten Nationen des russischen Riesenreiches, die Polen, Deutschen, Litauer, Ukrainer, ja sogar für das russische Volk selbst, die Hoffnung auf Befreiung von den sie seit Jahrhunderten bedrückenden ehernen Fesseln. Insbesondere die Juden erflel)en ausnahmslos den Sieg der verbündeten österreichischen und deutschen Truppen, und an den herannahenden hohen jüdischen Feiertagen, an denen nach alter jüdischer Sage im Buche der Vorsehung die Entfcheidung über Leben und Tod und Todesart getroffen und besiegelt wird, werden diesseits und jenseits der Grenzen inbrünstige Gebete aus tausenden jüdischer Synagogen und Bethäuser entströmen für den Erfolg unserer Truppen. Speziell Kaiser Franz Josef I.. der ehrwürdige Herrscher, der im patriarchalischen Alter Feuilleton. Juden beim Karneval. Eine historische Reminiszenz. Italienischer Karneval! Das Wort ruft in der Vorstellung des Hörers den Inbegriff aller Lust und Fröhlichkeit hervor, den Gedanken an ausgelaffene und doch geschmackvolle Vergnügungen, an die zarten, lachenden Frauengesichtcr der Früh-Renaissance und die edlen, vollkommenen Gestalten, die Raffael und Andreae so wundervoll gemalt haben. Alles das ist Leben geworden, heißes pulsierendes Leben, das sich auf der piazza del popolo in Rom vorwärts drängt und in Florenz nach ernsteren, künstlerisch abgeklärten Gesetzen sich entwickelt. Eine Helle Freude muß es gewesen sein, an diesem sonnigen Treiben teilzunehmen, das Goethe so anheimelnd und farbenreich beschrieben hat. Und doch schrillte manch' herber Mißklang durch das Festjauchzen. Nicht immer hatten die Feiernden ein Recht aus überschwängliche Lust. Oft haben sie schwer gesünbißt an dem heiligen Geiste der Menschenliebe. Spaß und Stoff zuM Lachen wollten die Römer haben um jeden Preis, und dazu mußten die Juden reichlich herhalten. Es war so bequem, auf Kosten der Ghetto-Bewohner sich zu vergnügen. Sie mußten die Ausgaben für den Karneval auftreiben; ihre ältesten und angesehensten Männer hatten der Senatoren-Cavalkade beim feierlichen Festeszuge boranzuschreiten. Da ging cs dann nicht sehr ruhig und ehrfürchtig zu. Mit lauten gezwungen wurde, zum Schwerte zu greifen, statt selbst der wohlverdienten Ruhe zu pflegen, und seine Völker gemäß seines innigsten Wunsches der Segnungen des Friedens teilhaftig werden zu lassen, erscheint unseren Glaubensgenossen jenseits der österreichischen Grenzpfähle, als der Messias, der Erlöser vom moskowitischen Joche, unter dem sie weder ihres Glaubens, noch ihrer Sprache, noch ihres Verinögens, noch auch ihres Lebens sicher sind. Und cs ist vielleicht kein Zufall, daß dieser Monarch, welcher berufen ist, einerseits die rusfischen Juden zu erlösen, andererseits die Juden seines eigenen Reiches, ebenso wie seine anderen Völker vor dem gleichen Schicksale zu bewahren, welchem die Untertanen des russischen Reiches verfallen sind, nebst vielen anderen Titeln auch den eines ״Königs von Jerusalenr" führt. Es dürfte daher bei dieser Gelegenheit nicht unangebracht sein, einiges über die Entstehung und die Geschichte dieses Titels zu veröffentlichen, um die breiten Massen der Bevölkerung, welchen dies nicht bekannt ist, hierüber zu unterrichten. Die Bezeichnung ״König von Jerusalem" stammt aus den Kreuzzügen und i׳t beinahe 1000 Jahre alt. Nachdem der Veranstalter des ersten Kriegszuges, Gottfried von Bouillon, am IS. Juli 1099 Jerusalem erobert hat, wurde ein selbständiges christl. Königreich Jerusalem gegründet, und er selbst zum Könige gewählt. In seiner Bescheidenheit legte er sich jedoch bloß den Titel eines ״Beschützers des heiligen Grabes" bei. und erst seine Nachfolger führten den Titel der Könige von Jerusalem. Zufolge innerer Kon- Schimpfreden wurden die ״Hebräer" begleitet: ״Heb, Heb", rief man, was — wie der lateinisch schreibende Chronist lakonisch sagt — ״Hebräer" bedeutet.*) Aber schon vor Beginn der eigentlichen Volks-Lustbarkeiten Hub die Erniedrigung der Juden an. Am Sabbat vor den Roscntagen hatte sich eine Deputation auf das Kapitol zu begeben, um knieend Blumen und 20 scudi, die zur Ausschmückung der Staatsloge auf der Piazza del popolo gebraucht werden sollten, zu überreichen. Als Dank setzte man ihnen den Fuß auf die Stirn. Dann baten sie, fernerhin mit ihren Familien in der Stadt bleiben zu dürfen. Das wurde ihnen gewährt, aber nicht als Siecht, sondern als ״Gnade", für die sie wieder reichlich scudi zu zahlen hatten: Sie sollten sich auch an den Festen der Herrscher bewußt bleiben, daß sie nur geduldet wurden. Bald hatte man aber an den Geldsteuern der Juden nicht genug. Sie sollten Personlich Mitwirken an den Schaustellungen und den Gasfern und Lachern angenehme Zerstreuung bereiten. Papst Paul II. verwandte i. I. 1468 zum erstenmale die Juden zu diesem Zweck. Eine Hauptnummer des Karneval-Programms bildeten die Rennen, und zu diesen wurden die ״Hebräer" herangezogen. Vorher hatte man sie genötigt, Preise in Form von Sammetdecken (spalli) zu stiften, und jetzt sollten sie ihre eigenen Spenden im Wettlaufen zurückerobern. Vom Bogen des Domitian bis zur Markus-Kirche ging das Rennen. Erst wurden die Esel loSgelaffen, dann die Juden. Nach *) Diese Etymologie erscheint viel einleuchtender, als jene, nach der ״Hep" aus den Anfangsbuchstaben von ״Hierosolyma est perdita" entstanden ist. flikte und äußerer Feinde konnte sich jedoch das neugegründete Königreich nicht behanpten, und erlag nach kaum hundertjährigem Bestände dem Anstürme des sarazenischen Fürsten Saladin. welcher im Jahre 1187 Akka, Said, Beirut und schließlich auch Jerusalem eroberte, und das Land annektierte. Der Titel der Könige von Jerusalem wurde wohl von dem bisherigen Träger, bezw. seinen Nachfolgern beibehalten, ohne daß dieselben ihren Ansprüchen irgendwelche reale Geltung zu verschaffen vermochten. Erst anläßlich des 5. Kreuzzuges, welchen der römisch-deutsche Kaiser Friedrich II., aus dem Hause der Hohenstaufen in den Jahren 1228—1220 unternahm, kam Palästina wieder vorübergehend teilweise in christlichen Besitz. Kaiser Friedrich schloß nämlich mit dem damaligen Beherrscher von Palästina . El-dtamil, Sultan von Aegypten, dem Neffen und Nachfolger des vorerwähnten Saladin, einen 10jährigen Vertrag ab. demzufolge er ihn gegen alle seine Feinde zu schützen versprach, wogegen ihm El- Kami! die Städte Jerusalem, Betlehem. Nazaret mit Umgebung sowie den Küstenstrich von Jaffa bis Sidon abtrat. Kaiser Friedrich II.. krönte sich hierauf am 18. März 1229 in der heiligen Grabeskirche selbst zum König von Jerusalem, aus welchen Titel er übrigens auch durch seine Heirat mit der Tochter des damaligen Titelträgers. Job. von Brienue, ein Recht erworben zu haben glaubte. Jerusalem und der ganze erworbene Landstrich gingen bald wieder (12:50 und hieraus end giltig 1244) in mohamedanischen Besitz über. ihnen folgten die Büffel und die Berberpferde. Vorher zwang man sie reichlich zu essen, damit sie nicht so leicht vom Flecke kämen und das Gelächter des Volks desto größer lvürde. Zwar stritten manchmal auch Römer. Kinder, Jünglinge und Greise, um die Pallien, aber sie taten es freiwillig, wie ja der Pöbel allemal gern mittut. wo er ohne Gefahr den Hanswurst spielen kann. Aber die Juden wurden zu diesem Schimpf gezwungen. Sie liefen mit allen Höllenqualen in der Seele. DaS Volk trieb und hetzte sie vorwärts, peitschte sie mit Worten und auch >oohl mit Steinen und Stücken. Damit die Schmach aber ihren Gipfel erreiche, mußten sie fast nackt in die Schranken treten, nur mit einem Schurzfell um die Hüften. Und inmitten seiner Großen iah der Papst vom reich geschmückten Baltone dem rohr» Schauspiele zu und lachte herzlich und vergnügt. Erft zweihundert Jahre später wurden die Juden unter Papst Clemens IX. von dieser Oual befreit: durch eine Karneval-Steuer von 400 Scudi erkauften sie diese Gnade. ... In Florenz hatte sich der Brauch cntwickelt, daß beim Karneval auf Prunkwage» und in Einzelgruppen die Gewerke und Zünfte einherzogen und einer aus jedc», Aufzuge die Tätigkeit, den Wert und die Bedeutung des einzelnen Standes in Reimen pries. Diese Verse sind uns in einer Sammlung de» Francesco Grazzini überliefert, die auch sonst interessant ist, weil Goethe die Motive za dem Mummenschanz im zweiten Teile seines ״Faust" daraus entlehnt hat und sie ferner uohl die erste Blutenlese von Poesie der zehnten Muse darsiellt (1559). Lieder von Kaminfegern, Kloakenreinigern, Landsknechten, Dichtern usw. finden sich, und auch zwei für Juden, eines Soeben erschienen: ״Hickls jüd. Lolkskalender"