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Jüdische Volksstimme · 1914-09-03 · Heft 32 (3.9.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 32 (3.9.1914)
Date
1914-09-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. »,Jüdische Bott-stkaM." Nr. 32 jenes Königsbcrger Philosophen, welcher die ersten Umrisse zum Bane dieses Tempels zeichnet., die einschneidenden Gedanken zur Verwirk- I'.chung dieses Ideales niederlegte und Friedensfreunden den Weg bahnte? Tie TInnen Oesterreichs bezeichnen diesen Weltkrieg als Raffenkampf, die Germanen und mit ihnen die unterjochtet Völker Rufflands — als Befreiungskrieg vom Joche des russischen Bedrückers und wir erkennen darin ein Ringen des Lichtes mit der Finsternis, des Rechtes mit dem Unrecht, der Wahrheit. Wir gehen aber nicht fehl, wenn wir darin einen Kampf des Lichtes mit der Finsternis, des Rechtes mit dem Unrechte, der Wahrheit mit der Lage und der Kultur mit der Barbarei erblicken. (Schluß folgt.) Das Judenelend in Warschau. Kurt Aram entwirft in seinem neuesten Buche ״Der Zar und seine Inden" folgendes Bild: Rach den armenischen Masakres habe ich monatelang in Klcinasien unter armenischen Flüchtlingen gelebt, verkrüppelten Männern, verstümmelten Frauen, verwaisten Kindern, verzweifelten Müttern. Das war l)crzzerreiffcnd. Kurz nach der Einnahine Adrianopels durch die Bulgaren befand ich mich in dieser ausgehun- E^'ien Stadt, in der Cholera u. Typhus wüteten. T-as war gräßlich. Zwei Stunden von Adrianopel entfernt aber waren mehrere tausend türkische Soldaten als Gefangene wie eine Herde auf einem kahlen Felde zusammengetriebcn worden und konnten nicht ausbrcchen, da sie von bulgarischeu Soldaten scharf bewacht wurden. Ta lagen nun diese von der langen Belagerung ohnehin schon stark mitgenommenen Menschen völlig schuhlos dem Sturm und Regen preisgegeben im Dreck. Und zu essen bekamen sie auch nichts, da nicht einmal für die Sieger ausreichende Nahrungsmittel vorhanden waren. Frierend, vom Regen durchnäßt, hockten sie auf dem Felde und waren glücklich, wenn sic noch einen Grasbüschel fanden, über den sie sich wie Tiere hermachtcn. Ich habe nie gräßlicheres Elend gesehen. Aber das Elend in Warschau ist doch noch gräßlicher als alles andere, was ich sah. Suche ich nach Gründen, weshalb ich cs so empfinde, so lautet die Antwort: weil das Elend in Warschau überhaupt hoffnungslos ist. Das Elend der armenischen Flüchtlinge konnte man doch ein wenig lindern. Tem Elend jener türkischen Gefangenen bei Adrianopel würde gar bald der Tod ein Ende machen. Aber dem Elend in Warschau seht weder Tod noch Zeit eine Schranke. Für ganze Generationen von 'scheu Juden in langen Kaftanen, die bleichen Gesichtcr von ungeschorenen Bärten überwachsen. — Auch die kleinen Jungen tragen schon die Schläfenlöckchen geringelt, gehen in denselben düsteren langen, schwarzen Rocken, wie die Alten, und sic scheinen auch kaum jung, sie haben in ihren Miencn den gleichen traurigen Ernst wie ihre Väter, große spürende, fragende Augen, die von sehr viel ererbtem Leid wissen. Schwermütig, wie benommen, fast erschreckend still, so starren sie auf uns. Möchten so gern fragen und wagen cs nicht. Ans Vieser kleinen galizischen Judcnstadt sollen allein achtzig Menschen unter den Fahnen stehen. Aber nicht dies allein bewegt sie׳, hier sind ja alle unter der Gefahr des Feuers, wenn das riesige böse Tier jenseits der Grenze nicht gezähmt und gebändigt wird. Alle hoffen, aber sie sind so arm, daß sie nicht einmal recht zu hoffen trauen.' So starren sie her auf das Schloß zu uns, wohin die Nachrichten kommen, der Telegraph, die Kurriere Botschaft sagen. Aber noch wissen sic, wissen wir -nichts. Noch liegt das Schweigen schwer auf allen wie ein dunkler Mantel. Ta läuft ein Offizier durch die Bäume zu einer Gruppe von Journalisten. Roch bevor er den Mund öffnet, weis; man er bringt gute Botschaft, man sieht den Mann zum erstenmal aber die Anspannung des Wartens war so groß, das; man ihn mit den Blicken schon verschlingt, che er zu uns kommt; und man fühlt, daß man ihm nie vergessen wird, denn er bringt irgend eine Kunde, die uns froher und freier macht und unsere Zuverficht bestärkt. Er ist da und er bestätigt unsere Erlvartungen: ein Sieg. Nein, eigentlich sogar zwei Siege! Vormarsch über die Lysagora. Schon Menschen wird es aller Voraussicht nach unabändcrlich, unabwendbar dasselbe sein 11. bleiben. Ich kam nicht von Europa her nach Warschau, sondern aus Rußland. Ich war vorher in Petersburg, Moskau, Kiew und Kischinew gewcscn, der Typus des Ghcttojuden war mir also durchaus nicht mehr neu oder fremd. Und dach verblüffte mich das Warschauer Elend über alle Begriffe. Man stelle sich eine moderne Großstadt vor, in der man nicht zehn Schritte gehen kann, nirgcnds, weder in der Peripherie noch im Zentrum der Stadt, weder nach Norden noch nach Süden, nach Osten oder nach Westen, weder diesseits der Wechsel noch jenseits, ohne unausgesetzt auf junge und alte Männer im langen Kaftan zu stoßen, die, das Gesicht leichenfarbcn, die Augen wie verglimmende Kohlen, wie wilde Tiere im Käfig rastlos rregauf, wegab rennen, um irgendwo zehn Kopeken zu verdienen, um davon einen alten Hering und altes Brot zu erstehen, damit Frau und Kinder und Geschwister etwas zu essen haben. Es sind Tausende, die nichts anderes tun. und überall in Warschau rennen sie an einem vorbei. Bald hat man das Gefühl, sic laufen gar nicht mehr hinter den zehn Kopeken her, denn nur ein kleiner Bruchteil von den Tausenden kann sie ja wirklich erjagen, sie laufen vor der Vcrzwciflung fort, die ihnen aus den Fersen sitzt. Einen Augenblick Rast und die Verzweiflung erwürgt sie. Also immer, immer weiter. Rennen, rennen! Und schließlich glaubt man, dies Nennen ist Selbstzweck geworden, sinnlos wie die Bewegung von Irrenhäuslern. Es dauerte zwei Tage, bis ich imstande war, auch anderes zu sehen. Ich sah, wie hier und da einer aus der rastlosen Schar mich für eine Sekünde mit einem irren Blick aus beiden Augen vom Kopf bis zu den Füßen maß. Er erkannte in mir den Fremden. Für einen Augenblick blitzte wohl in seinem Gehirn die Hoffnung auf, bei mir könne er sich irgendwie zehn Kopeken verdic- ״cn ..... Aber schon rannte er wieder weiter. Merkwürdig, ich bin nie von einem dieser Menscheu angebcttelt worden. Sie wollten zehn Kopcken verdienen, ein Geschäft machen, aber sie Wallten nicht betteln. Ich sah dann auch die vielen kränklichen, verwahrlosten Kinder auf den Straßen und die ״iclcn elenden Weiber, die wie Lasttiere sich mühkam vorwärts schleppten und bettelten. Aber ich ׳ah auch, wie das alles aus niemanden außer aus ׳nich noch einen besonderen Eindruck zu machen ''chien. wie sich Warschau längst an einen solchen Anblick gewöhnt hatte. So ״lebt" das große jüdische Proletariat in Warschau, und überall in den Städten des An- ׳iedlungsgebietes sieht es ähnlich aus. In den haben die Oesterrcichcr den halben Weg zwischen Krakau und Iwangoro durchschritten: dann zwei russische Armeekorps mehr als 3000 verwundete Gefangene, Geschütze, Maschinengewehre. Eigent- :ich sagt er das alles noch nicht, er erzählt nur von einer guten Nachricht, die bereits da ist uns in einer Stunde amllich verkündet werden soll. Aber wie unerträglich lang ist eine Stunde! Und man acht, wie die Worte dem Boten auf der Zunge brennen. Ta kommt auch schon ein anderer Ossizier und nun sickert die Nachricht durch, nein, richtiger, sic durchbricht den Boden wie ein über-!nächtiger Oucll. Und da erfährt man auch schon von dem Rückschlag des russischen Äavallcrieangriffes gegen Nowosiclitza. Zwanzig bis dreißigtausend Mann geworfen. Tic Augen glänzen. — Wohl wissen alle hier, dies ist natürlich nicht die Entscheidung, kann es gar nicht sein. Aber nach manchem herrlichen Scharmützel war dies da wie dort der erste große Kampf und er bewies uns, was wir alle wußten und doch mit stürmischem Zweifel bestätigt hören wollten. Plötzlich aber dringt von draußen ein unbegreifliches Geheul, das niemand vergesset; kann, wer cs je vernahm. Es schwingt über den riesigen Park, es erfüllt den glänzenden Sonunernachmittag. Vor dem Portal staut sich die ganze kleine Judenstadi, es ist nicht etwa ein Haufe vo;l Menschen, cs ist alles, was hier nur kriechen kann, Alte, Kinder und Weiber. Irgendwie haben sie die Nachricht von dem ersten großen österreichischen Sieg über die Russen erfahren, sie sprang über die Gitter des Grafenschlaffes zu ihnen und nun ist es wie Tollheit, ein rührender, lächerlicher und großartiger Rausch. l ' polnischen Städten aber ist es am schlimmsten, denn hier gab es auch früher schon ein beträchtlichcs jüdisches Proletariat, das nun seit 25 Jahren durch die Judenvcrtreibung aus Rußland ständig vermehrt wird. Man denke nur an alle die jüdischen Handwerker, die das Gesetz brotlos ,!;achte, indem es ihnen das Wohnrecht in Rußland entzog. Man denke an alle die kleineren Händler, Krämer und Kaufleute, die aus Rußland vertrieben wurden. In den altpolnischcn Städten wurden sie alle zusanuncngepreßt wie Heringe in eine׳׳ Tonne. Erez Jsroel. Ter ״Israelit" berichtet: Obgleich die Türkei bisher nicht in die Reihe der kriegführenden Staaten eingctreten ist, hat das heilige Land schon feit Wochen — wie die bei uns eingehenden Nachrichten beweisen — aufs Schwerste unter den Krilegswirren zu leiden. Bereits anfangs August setzte eine scharfe Geldu. Kredikrisis ein, deren Folgen sich gar nicht absehen lassen. Tie wichtigste Geldquelle für das jüdische Palästina ist die russische Chaluka; wird die Zufuhr aus dieser Quelle abgeschnitten und treten dazu noch Verkehrserschwcrungen mit Ungarn, Galizien und Deutschland, so ist das Schlimmste zu befürchten. Schon die Angst vor der drohenden fst,anziellen Isolierung muß in einen; Lande das über eigene wirtschaftliche Hilfsquellen so gut wie gar nicht verfügt, die furchtbarsten Wirkungen auf den Kredit ausüben. Es kommt hinzu, daß selbst bei notdürftiger Aufrcchterhaltung der Verbindungen (ob der Weg über Odessa—Konstantinopel offen ist, darüber fehlen uns zur Zeit Nachrichten), die Wirtschaftlichen Notstände in den an; Krieg beteiligten Ländern die Sunnne der Einkünfte der Chaluka- Verwaltungen stark beeinträchtigen müssen. Angesichts dieser bedrohlichen Situation hat die ״Agudas Jsroel" auf telegraphischen! Wege einen dringenden Appell an die ihr nahestehenden amerikanischen Kreise gerichtet, sich in dieser schweren Zeit ihrer besonderen Pflichten gegen die gefährdeten Briider im heiligen Lande bewußt zu sein und vorübergehend für das in seiner Leiüungsfähigkeit geschwächte Europa in die Bresche zu treten. Wir alle aber sollten gerade jetzt, in den Tageu der Not, soweit die Kraft eines Jeden und ׳iner Jeden nur reicht, das unsrigc tun, um das geheiligte Band mit Erez Jsroel in voller Stärke aufrecht zu erhalten, auf daß unseren Brüdern driiben auf heiligem Boden Leben und Gesundheit gerettet werde. Möchten cs Gemeinden und Einzelne als Ehrenpflicht betrachten, die Diese Menschen wissen noch nicht, wie n;an ׳ubclt. Ihr klägliches Leben hat cs sie nock nie gelehrt. Jenes Geheul war ihr Jubel, ihr erster Jubel. Sie pressen und drängen sich vor dem Poral, Phantastische, fre;ndartige Gestalten. Nun erscheinen die Offiziere vor ihnen, kommen eilends ins dein Schlosse und Park herbei, und sie heben ie Hände zu ihnen auf, die Kaftanjuden, wie;u helfenden Göttern. Rufe, in jenem heiseren,;nrgelnden ״Jiddisch", das bis weit über Warchau hinaus ihre Sprache ist, begrüßen die Net- :er. Und ein Augenblick ist nun angebrochen, da ׳ene Geduckten und Getretenen auferstehen und ihre Seele offenbaren. Der tiefe glühende Sklavenyag gegen vie russischen Peiniger lodert auf. E!n Haufe von Juden zieht hinter der schwarzgelben Fahne, und die Alten beginnen cmen Freudentanz. Wie Wohl vor Jahrtausenden das Volk des Königs Davids, wenn ihr Feind geschlaaen ward. Uralte Tcmpelgesänge, die die Jabrtausende erhielten, werden laut und sie klingen als Huldigung zu den österreichischen Offizieren. Iehowas großer Zahltag kam; ihr üppiger ftol-;er Feind, der sie anspie und zertrat ward besiegt. Der ohnmächtige Haß, den sie niledertvürgcn mußten, der steht auf all den armen Gesichtern. Sie singen, tanzen eine Volksleiche, die zu neuem Leben erwachte. Ihre Brüder und Sc^vcstern werden frei sein, Menschen werden können. So feierte die kleine galizischc Judenstadt Oesterreichs ersten großen Sieg über die Ruffen. -*Ludwig Bauer.

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