Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 32 (3.9.1914)
- Date
- 1914-09-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2621806-2621897-2621929--2959-2624101- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jahr«. XV. Erscheint jeden Mittwoch Nummer 32. L Brz«»»»reisr: Für Oesterreich-llngarn, halbjährig . Kronen 620 ganzjährig.Kronen 12־— Deutschland, ganzjährig ...... Mark 12־— Rußland, ganzjährig.Rubel 6־— Balkan, Frankreich.Frank» 14 — Mit der hebriische» «ell«ge המצפה Herausgeber: Max Hickl. Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse 4. Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klr»«, Lei»»!». Inserate: die Sspaltige Petitzeile 30 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge »erden nicht hono» riert. — «anuskripten ist Rückporto beizusügen. Wien-Budapest. Brün«, Prag—Lemberg. Jüdische OPfersreudigkeit. Wer bis heute noch nicht wußte, daß die Juden zu allen Zeiten zu den treuesten Söhnen des Vaterlandes gehörten, der kann sich bei diesein Kriege davon überzeugen. Es erfüllt uns mit inniger Freude, wenn wir sehen, mit welcher Begeistrrung unsere einzelnen Glaubensgenossen u. unsere Organisationen für die Sache des Vaterlandes eintreten. Es gibt fast keine jüdische Gemeinde, die nicht opferfreudig ihre Mittel den: Vaterlande zur Verfügung stellte. In den Sammellisten prangten jüdische Namen in erster Reihe und man wird Wohl sagen dürfen, daß die Juden sowohl im eigentlichen Heeresdienste, als auch in der Fürsorge für die Verwundeten und die Angehörigen des Krieges in ganz hervorragendein Maße beteiligt sind. Es ist auch begreiflich, daß wir Juden stets für die Sache des Rechtes eintreten. Unser Glauben gebietet uns die Vaterlandsliebe und unsere Traditionen waren immer auf Seiten des Rechtes. Namentlich im heutigen Kriege, der ein Kampf für Kultur und Recht ist, sind nicht nur unsere Juden, sondern auch die meisten Juden der Welt mit ihrem Herzen bei uns und ihre Wünsche begleiten unsere Heldensöhnc nach dem Schlachtfelde. Hoffen wir, daß der Krieg auch nach der Richtung heilsam wirken wird, daß man endlich einsieht, daß das Judentnm ein bindendes und kein trennendes Ideal ist, daß seine Tendenz bauend und erhaltend und nicht zerstörend ist. Galizien und der erste Sieg. (Entnommen der ״Zeit".) Fast leer rollt der Zug, der mich mit wenigen anderen Berichterstattern noch nachträglich ins österreichische Kriegspressequartier bringen soll, in die weite Ebene. Natürlich wird kein Fahrtziel angegeben; der Ort heißt sozusagen ״Gegen Rußland". Tiefen Namen kann inan allerdings auf keiner Landkarte finden, indeß entspricht er nicht bloß unserer eigenen Stimmung, sondern and) jener der endlosen Landschaften, die wir durchfahren. Hier sind eben im unvergeßlichen Tagen und Wochen die großen Heere durchgezogen, die überall jubelnd empfangen wurden. Ein Nachklang jenes Jubels liegt noch in der Luft; man sieht die mächtigen Tische, von denen das Volk seinen Soldaten die Gaben zutrug, und Frauen und Mädchen kommen iwch immer in den Bahnhof, bringen Fleisch, Speck, Früchte, Zigarren, Blumen und scheinen traurig, daß sie nun nicht mehr spenden können, daß es an Kriegern fehlt. Tenn diese Männer sind ja schon alle hindurchgezogen durch das viele hundert Kilometer lange Spalier ihrer Liebe und Sorgfalt, stehen jetzt schon in Gefahr und Kampf. Wir bekommen ihre letzten Gaben, und eine jede, ob Notärstochter oder Zigeunerin, erzählt uns von dem Manne, für den sie hofft, betet, zittert. An uns vorüber aber fährt fast ununterbrochen ein eindrucksvoller Zug, der zugleich von der Größe Der Weltkrieg im 20. Jahrhundert. Boa Dr. I. Eisenberg. Abermals steht Europa vor großen weiterschlitternden Ereignissen. Abermals überraschten unsere Generation Begebenheiten, deren Folgen unabsehbar sind und deren ernsten Charakter unsere Zeitgenossen schon jetzt schwer empfinden müssen. Tie von jeher unaufrichtige und treubrüchige Politik Rußlands zwang nun seinen Nachbarvölkern das Schwert in die Hand, damit sie ihre Eristenz verteidigen und ihren Besitz behailpten. Es ist dieselbe Politik, welche ehemals den altslavischen Bund geschmiedet, die Balkan- Völker zur Erhebung gegen die Türkei im Jahre 1011 aufries und ihnen Stütze und Beistand in Aussicht stellte. Es ist dieselbe unglückliche Politik, welche einerseits die Hegemonie über die slavischen Stämme anstrebt־ und andererseits das polnische Brudervolk stiefmütterlich behandelt, ihm Sprache. Besitzstand und Nationalbewußtseia raubt und ganze Stücke aus seinein Lande reißt und als russischen Boden erklärt. Es ist jene unheilvolle Politik, welche ein russisches Väterchen einen Beschützer aller Slaven sieht und Völker ״nd Stämme gegeneinander aufzuheben bestrebt ist. Und wie oft hat schon dieser ruffische Groß- Herr seine Zeitgenossen getäuscht! Mit dem Rufe: ״Rüstet ab!" — trat er ehemals vor die Völker Europas und proklamierte allgemeine Einschränkung der Kriegslasten, Reduzierung der gedieses Krieges wie von der Größe der Lsterreichischen und ungarischen Begeisterung erzählt: die leeren Waggons, die zurückrollen. Tausende und wieder Tausende im Laufe von zwei Tagen. Sie tragen noch die Zeichen des großen Vertrauens, des heroischen Aufschwunges auf ihrem rußigen Eisen und es ist zugleich rührend und erhebend, dem Stolz und dem männlichen Zorn gegen den Feind nachzuspüren, der den toten Waggons und Lokomotiven noch einen Hauch des ungestümten Lebens leiht, das sie eben noch in sich bargen und weitcrtrugen. Tie Blumensträuße an den Eisenstangen sind nun freilich schon ein wenig verwelkt, aber das Gefühl, das sie anheftete, es blüht noch. Und auch die Inschriften aus Kreide sind da und dort schon verwischt, vom Regen verwaschen. Was tuts? Siv siird ja in die Herzen geschrieben. Manchmal prägt sich in Wort und Zeichnung ein einfaches, naives Volkstalent aus, eine Unmittelbarkeit des Ausdruckes, die dein Volkslied verschwistert ist. Ter Zar kniet vor Kaiser Franz Josef, der ein mächtiges Schwert schwingt und sagt: ״Du, Nikolaus, ich sage dir, du spielst dich nimmer lange mit mir". Und Gedichte wie Ausrufe sind in allen Sprachen der Monarchie, deutsch, ungarisch, polnisch, tscheck׳״'^ von ungelenken Händen mühselig hingemalt. Jetzt rollen die Kriegswagen einsam zurück; die Männer indeß, die hier schrieben und zeichneten, sie müssen in Märschen, im Erdgräben, mit Bajonett und Gewehr die Wahrheit dessen erweisen, was ihre Hand versprochen. Aus der weißen Kreide wird rotes Blut. genseitigen Rüstungen und Sicherung des allgemeinen Friedens. Nichtsdestoweniger verstand er es, jede freie Regung und Bewegung im Blut zu ertränken, seine Völker zu knebeln und zahllose Blutgerichte aufzuführen. Nichtsdestoweniger begünstigte cr in seinem Lande die Veranstaltung von Judenverfolgungen, begnadigte die Pogromhelden, hetzte Völker gegen Völker und gefährdete tatsächlich den allgemeinen Frieden. Ter Friedenszar entfachte nun einen Weltbrand, warf die lebende Fackel in die Welt und verursachte dieses gewaltige Ringen, besten Tragweite unübersehbar ist. Wie oft bemühten sich die Herrscher der Kulturländer, so manche schwere Krise beizulegen, um die Schreckniste eines Weltkrieges uns zu ersparen. Wie oft erschracken unsere Diplomaten vor den Grausam, keiten der neuesten Geschütze, der technischen Kriegsoperationen, welche Hekatomben von Op» fern fordern und beschlossen lieber das Schwert in die Scheide zurück zu stecken. Tie russische Zweideutigkeit und Falschheit machten doch alle ihre guten Vorsätze und Absichten zu Schanden und nötigten ihnen den Kampf Aller gegen Alle auf. Wo sind die Ideale vom ewigen Frieden, welche die Propheten des Alten Bundes dereinst verkündeten, die Schöpfer der Religionen weiter ausbauten und die Philosophen und Denker als Grundpfeiler des Menschentums erklärten? Wo sind jene Epigonen, welche diese großen Ideen auf den Universitäten vortrugen, die den ewigen Frieden einen Tempel weihten und dessen Pforten wir nunmehr gesperrt sehen? Wo ist der Geist Ta sind wir endlich in Galizien, und hier spüren wir gleich; dies ist eine andere Welt, und wir sind dem Feinde näher, es ist, als ob wir den dicken, bösen Atem Rußlands schon riechen könnten. Tie Leute hier sind ja Nachbarn und was wir bloß in Zeitungsblättern gelesen, das haben ihre nächsten Angehörigen und Volksgenossen am eigenen Leibe erlitten. Wenn man sie fragt, so flüstern sie kaum, so schrecklich sind die Greuel, die sie zu berichten l)aben. Und es ist rührend zu sehen, mit welcher Inbrunst sie den Soldaten und Offizieren nacholicken: die sind ja nunmehr ihre einzige, freilich starke Bürgschaft, daß die Kosaken nicht einbrcchen, ihre Törfer und Städte nicht in Flammen aufgchen, ihre armseligen, dürftig genährten Leiber nicht von tierischer Grausamkeit zerrissen werden. Je näher wir Rußland kommen, desto ärmer gedrückter das Volk. Ein trüber Ausdruck von dumpfen Schmerz auf den polnischen Gesichtern, das Leid und der Truck von vielen Jahrhunderten, Schmach und Unterdrückung in den traurigen Gestalten der Ghettojuden. Sie spähen in unsere Mienen, ob sie wenigstens ihres bischens Armut sicher sind, ob Mord und Brand nicht über sie herfallen werden. Im Grafenschloß. Tie weiten Plätze deS vornehmen Parkes von eimer bunten Menge von Offizieren! und Berichterstattern erfüllt. Tie Journalisten interessieren wenig: es ist der Krieg nicht der Korrespondent, den man sucht. Automobile und Kurieren knattern staubüberdeckt herbei. Und draußen vor dem Portal stehen die polni- Soeben erschienen: ״Hickls M. Vokkskalen-er".