Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 30 (19.8.1914)
- Date
- 1914-08-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30. 1 Attische »,!?»stimme« - Seite S. kulturbildend sich bewegt. In der gerechten Harmonre zwischen diesen Faktoren, wobei der Borrang der Idee beständig anerkannt ist, liegt die normale, gesunde Entwickelung. Im Gegensatz zur Natur des Individuums ist die Menschengruppe, das Volk in der frühesten Jugend durchaus realistisch. Ter Schwung ins Höhere kommt erst allmählich. Zu zeitliches Auftreten der ausschließlichen Jdealkräfte ist ebenso gefährlich, wie die Verspätung derselben. Solange ein Volk seine nationale Unterlage nicht entsprechend ausgebaut hat, können die idealen Stäinmc sich nicht festwurzeln. Umfallend verletzen sie nicht selten den Volkskörper auf unabsehbare Zeit. Dies ist zweifellos auch das Schicksal der jüdischen Nation gewesen. Auf dem Berge erschien Gott in Fcuerbegleitung und zwang uns seine Thora auf, als wir s'e noch nicht verstehen konnten. Alle anderen Völker hattet! sie — so erzählen unsere Weisen — rundwegs abgelchnt. Als wir bereits die katastrophalsten Geschichtsepoch'n hinter uns hatten, lebten andere Knlturrasseii noch fern von aller Zivilisation. Aber ihrKulturtrwb, ihr Jdealisinus kam langsam und sicher. Ausgereift anKörper. begannen sie sich moralisch und geistig immer höher und HLher hinauf zu entwickeln, bis all das entstand, was man europäisch׳ Kultur nennt. Nur ein Teil Europas — sein östlichster Teil —- hat das Mißgeschick zurückgeblieben zu sein. Hier gibt es für Evolution keine Zeit mehr. Und da geht die Geschichte wieder ihre wunderbareu Wege. Alle jene, welche die berufenen Tchöpfer der Kultur sein sollteii, werdet! auf einmal inachtlüstern. Anstatt bei sich zu bauen, möchten sie anderswo zerstören, anstatt die Grenzen ihres kulturellen Tiefstandes, wollen sie auf einmal die Grenzen ihrer zivilisierten Nachbarn, überschreiten. Nicht gering kann der Schade sein, den dieser Zusammenstoß auf beiden Seiten anrichten wird, doch unermeßlich!uns; auch der Segen sein, den endlich der Europäisinus auf eine in Barbarei niedergehaltene Nation ansschütten wird. Europas Kultur dringt siegreich ostwärts. A« msm Leser! Um uns, in der kritischen Zeit, das Erscheinen unseres Blattes zu erleichtern, bitten wir um gefällige umgehende Zusendung des Abon־ nementbetrages. Verlag Jüd. Volksstimme. * Für G)tt und Recht. Schulter an Schulter und Mann an Mann — Trommelwirbel — heran! heran! Die uns gemordet, geschändet, gejagt, Rache sei ihnen nun angesagt! Nach.׳ geschworen beim ewigen Gott. Den sie machen wollten zum Spott. Stürm! auf die Feinde! Drauf und drauf! Schichtet die russischen Kadaver zu Hanf! Schmettert mit Kolben, zücket das Schwert. Kämpfet für Gott und den heimischen -Herd! Kämpft fürs geliebte Vaterland, Das sich in Treuen dem Frieden verband, Das ihn gehegt in heiliger Hut, Das ihn gehalten als köstlichstes Gut. Meuchelmörder sind uns genaht, Hatzen zertreten die sprossende Saat. Wollen düngen mit Blut das Feld, Wollen zerstören, zerstampfen die Welt! Greift zu den Waffen! Frisch zum Gefecht! Dorten der Blutdurst — hier Gott und Recht! ״Franks. Jsr. Familienbl." Das Krieg-Avancement.! Jüdische Feldgeistliche. Anläßlich des Vor einigen Tagen erfolgten außerordentlichen Kriegs-Avancements ist auch eine große Anzahl jüdischer Offiziere und Aerzle befördert worden. In den höheren Chargen der Front-Offiziere seien folgende genannt:! Zum Obersten und Kommandanten des Jnfanteric-Regiinentes -kr. 102 der Oberstleutnant Maximilian Mändl, geb. 1800 zu Horatitz in Böhmen. Oberst Mändl ist gegenwärtig der einzige jüdische Regiments-Kommandant in der Oesterr.-U ng. A rinee. Zu Oberstleutnants: Major Paul Scheu des Husaren-Regimentes Nr. 15, geb. im Jahre 180:1 in Gnus, und Major Ludwig Kiesler des Inf.- Regimentes Nr. -lO, geb. 180־> in Kolonien. Zum Major: Hauptmann Leopold Freund des Jägebataillons Nr. 25», geb. 1808 in Brünn. Zu Hauptleuten: die Oberleutnants Simon Brodek, Gustav Glücksmann, Teosil Pollak und Karl Teller. .Hauptmann Teofil Pollak ist der c-ohn des bekannten Hofantiquars Pollak in Salzburg. Was die Leutnants-Charge betrifft, so sei erwähnt, daß circa .">0 Juden zu Leutnants-Rechnungsführern ernannt wurden. KAFFEEGESCHAEFT Rosenbaum Liechtensteing. 1 BRÜNN, Liechtensteing. 1. Wie uns mitgeteilt! wird, hat die ״Freie Pereinigung für die Interessen des orthodoren Indeutums" Deutschlands am ersten Mobilmachungstage beim KriegSminislerium telegraphisch den Antrag gestellt, jüdische Feldgeistliche in Oie Armee einzustellen. Wir erfahren nunmehr, daß diesen! Anträge entsprochen werden soll. Auch von Seiten des ״Verbandes der Deutschen Juden" wurde in analogem Sinne vorgegangen, und es ist zwischen beiden Verbänden Fühlung genommen!vorden. Die Liste der jüdischen Feldgeistlichen Hofsei! wir in Kürze veröffentlichen zu können. Eine Erklärung der jüdischen Organisationen in Lemberg. Lemberg, den 1:;. August. Vorgestern fand hier eine Verfaminlung der Repräsentanten aller jüdischen Organisationen statt, in der die Stelungnahme der jüdischen Bevölkerung eingehend diskutiert wurde. In der einIMig gefaßten Resolution heißt es: Tie jüdische Bürgerschaft kündigt in voller Uebereinstiminung und Einigkeit! mit der polnischen Nation ihre Anteilnahme am Kainpfe uin die Unabhängigkeit des Vaterlandes׳ an und erklärt sich mit der Aktion der interimistischen Kommission der vereinigten polnischen llnabhängigkeitspar'.eien solidarisch. Die Persammlung fordert die ganze jüdische Bevölkerung auf. Blut nnd Vermögen in diese»! Kainpfe mit dem uralten Todfeinde der Polen und Inden zu opfern. Sabbatnachamu-Predigt im Leopoldstädter Tempel. Der letzte Sabbat versaiumelte ein überaus zahlreiches Publikum von Andächtigen in diesen! großen Golteshause, zu dem es auch viele jüdische Krieger drängte, denen es Bedürfnis schien, ihrer religiösen Pflicht zu entsprechen, ehe sie hinausziehen zun! Schutze des Vaterlandes. Rabbiner Dr, Mar.Grunwald nahm Anlaß, schon beim Aus- und Einhheben der Tora des schmerzlichen Ernstes der Zeit zu gedenken und flehte in überaus bewegten Worten des Allmächtigen Segen herab auf unseren vielgeliebten, selten schwergeprüften, greisen MonarchenKaiser Franz Josef den Ersten und seines in aufrichtiger Treue und Freundschaft zugetanen Was fei! ge führ ten Kaiser Wilhelm den Zweiten. Die sich beide nun ge zwuiigen sahen, ihre Reiche zu schützen gegen Lug und Trug, gegen Barbarei und Heuchelei und Mörderbanden. Der nachfolgenden Predigt lag die Haftarah zttgrunde. Der Redner begann mit ihr und führte unter lautem Schluchzen der Menge aus: Doppelt trösten muß ich euch heute, teuere Brüder und Schwestern, in dieser schicksalsschweren Zeit, da unsere Glaubensbrüder nach Norden und Süden ziehen, um ihr Leben zu op fern für Kaiser und Vaterland. Keine Familie unter euch, die nicht ein Teures auf den Altar des Vaterlandes legt nnd so schwer das Opfer, es wird mit freudiger Begeisterung gebracht, gilt es doch die Liebe zu lohnen, deren wir Juden von unserem gerechten, edlen Kaiser allezeit teilhaftig ivurden. Tief eingeprägt in des Juden Brust ist das Gefühl der Dankbarkeit und darum waren wir auch die Ersten, die mit Geldspenden ihren Patriotismus bekundet haben. Wir müssen aber ein übriges tun: Jede Familie möge Samariterdienste vollbringe!!׳, indem sie Verwundete ins Haus nehmen und liebend pflege. Das erst wird nnserer Menschen- und Vaterlandsliebe die wabre Krone aufsetzen, dann werden wir die heute vernoinmenen Prophetenworte, die den! Volke , doppelten Trost ׳,!!gedacht wisien wollen, herzhaft betätigen und neuerlich belveisen, welch edler wahrer Nächstenliebe das jüdische Volk fähig ist. A. L. 130.000 jüdische Soldaleu. Wie uns mitgeteilt wird, befinden sich gegenwätig in der östr.-nng. Monarchie ca. 1:>0.000 jüdischer Soldaten. Unsere braven jüdischen Soldaten webden ihre Pflicht erfüllen. Legen verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht. ״Sternhofer Bitterwasser*‘ Mild, doch zuverläBlich. Sternhof, Post Sokolnitz bei Brünn. Gottesdienst während des Krieges in Wien. ' l. Während der Tauer des Krieges wird in den Gemeindebethäusern von den! zuständigen Rabbiner jeden Freitag Abend eine Ansprache an die Beteiligten!die Einrückenden nnd ihre ׳Augehörigen» gehalten. — 2. Soll für die Gefallenen täglich eine Kaddisch d'rabbonon gesagt werden. l>. Bei vorheriger Anmeldung soll auch an Wochentagen. wenn es dringend erscheint, für ins Feld ziehende Mannschaft ein Gottesdienst veraustaltet werden. - Spät, aber doch! hat!ich der K'nltusvorstand an seine primitivsten Pflichten erinnert. Freiwillige Kriegsdienstleistung. Kriegsdicnstlcistung des jüdische» Wanderblindes ״Blau-Weis!" i» Wie». In! Anschluß an die Anregungen der Tageszeitungen hat sich laut Beschluß der Führerschaft der jüdische Wanderbnnd ״Blau-Weiß" verpflichtet, seine Wanderer für Feldarbeiten der Behörde unentgeltich >u!׳ Verfügung zu stellen. Alle Wanderer und Wände rinnen der Wiener Ortsgruppe haben sich vor läufig beim Frühappell um 0 Uhr zu melden. LandtngS-Abgevrdncter Tr. Tobias Aschke- »aze iä:'> Jahre alt! ist freiivillig zur Kriegs d ie n st l e i st n n g ein ge rückt. Wie». Das Kaiserin Elisabeth Lehrmäd cheu- und Arbeiierinnenheim, Leovoldsgasfe. har sein Heim mit einem Beleg׳׳anm für 100 Betten dem ״Roten Kreuze" zur Verfügung gestellt. Die ärztliche Leitung übernimmt Herr kais. Rat Dr. Krieger. Wie». Das Bräsidinm der israel. Knltnsgemeinde hat de»! k.!!. f. Kriegsniinislerinm 100 Mannschaftsreiten nnd 10 Offiziersbetten zur Verfügung gestellt. Wie», 8. August. Das Kuratorium der R'o thaniel Freiherr von Rothschild!»)!!! StiNnng s. Nervenkranke hat den Beschluß gefaßt, in seinen beiten Stistnngsanstalten den vollen Belegranni. und zwar in der Nerven-Heilauftalt Rofenhügel!>2 Betten, in der Nervenheilanstalt Maria-Tlie refien Schläue! 00 Betten der Kriegsverwalrnng zur Unterbringung von internkranken, verwnn Een und rekonvaleszenten Offizieren und Mannschaftsversonen zur Verfügung zu stellen und die Kosten für die Perpflegnng aus eigenen Mitteln zu tragen. -Hambnrg, 8. August. Der gieß Jir. humanitäre Franenverein, der infolge der schwierigen Ereianisse sein Erholungsheim in Segeberg geschlossen hat, hat in einer Vorstandsiitznng einstimniig beschlossen, das Heim mit den 70 Betten niid dem gesamten übrigen Inventar der Militärbehörde zur Verfügung zu stellen, was von dem kommandierenden 'General des 0. Armeekorps mit besonderem Tank angenommen wurde.