Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 30 (19.8.1914)
- Date
- 1914-08-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2, ״Jüdische BolkSstimme." Nr. 30. kerkert dem Zarentum fruchten, die Dostajewski, die Fnrgenjew, die Gorki, die Tolstoi, der jahrelanfl eingekcrkeric Schewtschcnkc erhoben flaminenden Protest gegen das blutige Unrecht mit den sich der Zar gegen das Slaventmn versündigt , . hat. Und gab cs einen Kongreß an dem wir nicht Unmöglich ist Lei den l-eutigen Verhältnissenflammenden Protest erhoben gegen das blutige enunal gar »ichls. Unsere Phantasie durch die Unrecht mit dem der Zar sich gegen das Judenwuchtige» Weitereignisse erhitzt arbeitet unaustum versündigt hat? Min. cs gibt keinen Juden hörlich. Stehen wir doch heute vor Tatsachen, die noch vor geraumer Zeit, als hüchstunwahrscheinlich erschienen. Wer;olltc es für möglich!)alten, das; ein England und eine Grand-Nation ihr Prestige auss Spiel setzten uin ein Land zu uiiterstützen, daß indirekt diesen österreichischen Königsmord quasi inauguriert hat? Tic Bannerträger der Kultur, der freien Lernunft, der Achlnng des Menschenrechtes, wie konnteir die nur so einen mephistophelischen Pakt schließen mit dieser finsteren Macht der Verdummung und Verderbnis? Haltet ein, ihr Tränen und seid gewiß, daß sich das noch bitter rächen wird. Man kann, welches auch die diplomatische Konstcllation sein möge, nicht mit den Waffen. Ideen verteidigen, die man im tiefsten Herzensgründe hassen und verachten muß, wenn man sich nicht selbst hassen und verachten will, wenn die eigene Matitrn, der eigene Staat nicht zum Gespött und Unsinn werden soll. Wie immer sich auch die Lage gestalten möge, wir Juden stehen besorgt den Ereignisscn gegenüber. Macht sich doch der Juden größtes Uebel fühlbar: das Fehlen eines jüdischcn Masscnzcntrums. Einer Stätte, von der man sagen kann., daß sie das Groß der Juden verkörpert. Und alle unanfechtbare Produzenten. Nicht Juden, denen man wie gegemvärtig Parasitismus vorwirft. Es fehlt uns das Land, das einst jüdisch war und heute eine Wüste ist. Und haben wir mal diese Wüste in Händen, dann wollen wir sic mit unsevein Schlveiße tränken, sie mit unseren Händen pflegen, unter dem Pflug nehmen, ihr Wert geben, sie zu einer Stätte lebhaften Güteraustausches, blühender Kultur, musterhafter Ordnung machen bis sic wieder wie einst ein Garten ist. Und dagegen sollten Regierungen etwas cinzuwenden haben? Wäre cs nicht dem türkischen Reiche Europa selbst zum Gewinn? Wenn die Rose sich selbst schmückt, schmückt sie nicht den Garten? Doch ich sagte Anfangs: Ter Juden größtes Uebel mack)t sich fühlbar. Das Fehlen eines jüdischen Mafsenzentrums. Ja! Weil ich glaube, daß es da nicht so arg kommen könnte, wie jetzt in der Diaspora, wo sich gegenübersteht Bruder an Unser Allincifter Nordan wurde ausgelacht, als er sich bemühte vor der anläßlich des jüngsten Balkankriegcs in London einberusenen Botschastcrkonserenz die Judcnfragc als eine Wcltfragc einer endgültigen Lösung zuzuführcn. Was ein Volk van viereinhalb Millionen Seelen mit Leichtigkeit vermocht hätte, blieb uns versagt. Und wir Juden sind zwölf Millionen. Einzig und allein weil der Machtkoloß, der vom Pol bis zum schwarzen Meer gebietet, cs nicht wollte. Und dieser selbe Zar spielt heute die Nolle des Standartcnträgers des Slavcntums! Aber alle die erlauchten Vertreter des slavischcn Nationalgcistes, die verbannt und cingeweder hüben noch drüben, der nicht beseelt wäre von dem Gedanken, daß die mächtigen Strahlen der Vernunft es waren, die diese ausgedorrten russischen Stätten in Brand gesetzt. Auf, ihr Juden, der Tag ist gekommen, an dem es gilt mitzutun an der Befreiung unserer fünfeinhalb Millionen Glaubensbrüder! Juden! Wir in Oesterreich-Ungarn sind im Vollbesitz der freien Bürgerrechte. Wer für sich Rechte in Anspruch nimmt, muß auch Pflichten kennen. Wenn daher die Rose sich selbst schmückt, schmückt sic auch den Garten. Wien. Fritz Rosncr. Kopf wieder hin und lauscht, lauscht... Da hört sic klingen, leise, leise, dann immer lauter, große, schwere Glockenklängc. Da draußen stürzt die Welt zusammen, und sie liegt hier allein und der Sohn ist dort! Sic ringt verzweifelt die Hände und dann wird sic wieder still, ganz still, und horcht auf die Glockenklängc. Das sind keine Glockenklängc, die Tclcphondrähtc sind cs, die singen und in ihrem kranken Hirn laute Töne wecken. Und sic horcht und horcht mit angchaltenem Atem, das Herz klopft und das Telephon singt, und sonst nichts, garnichts. Doch jetzt, da kommt was wirklich, langsam und schwer kommt cs die Treppe herauf, jetzt ist cs nicht weit von der Tür. Josefa Meier will aufstehen, ober sic kann nicht, ihre Glieder sind gelähmt, sie ahnt, was da kommt langsam und schwer die Treppe herauf. Aber sic kann nicht Nachsehen, cs geht nicht, kein Mensch rührt sich. Jetzt ist cs an der Tür, jetzt läutet cs an der Glocke. Sie springt aus, reißt die Tür los und da! Da liegt er auf der Bahre, er, der ihr alles, ihr Glück, ihr Stolz, ihre ganze Hoffnung, mit zertrünnncrtem Schädel, gebrochenen Beinen, und Jo sefa Meier schlägt laut in die Hände und lacht schrecklich gellend und springt und tanzt durch die Stube und ihre Lippen lallen: Wehe, wehe, dreimal wehe über Euch... Zum österr.-russ. Krieg. Ein jüdischer Offizier, Mitarbeiter unseres Blattes, sendet uns folgenden Bericht zn, den wir in Anbetracht der .Kriegslage im Zusammenhänge mit jüdischem Leben unseren Lesern übermitteln. Geehrter Herr Redakteur! 'Nach einigen Tagen Eisenbahnfahrt komme ich nun dazu, Ihnen einen Bericht zu senden. Es sind dies die ersten Eindrücke, die wir im Angesichte und unter dem Zwange einer neuen Situation empfangen und die es verdienen, unter der Masse anderer Kricgsbetrachtungcn ebenfalls registricrt zu werden. Nach Jahrzehnten ungestörten Friedens können wir unmittelbar als Zeitgenossen ernste Ereignisse welthistorischer Bedeutung, letztere in ihren ersten wichtigsten Aeußerungen beobachten und haben wir speziell Gelegenheit, als aktiv Beteiligte so manche interessante Begleitcrscheinnngen dieses Weltkrieges zu studieren. lieber militärische Maßnahmen kann ich Ihnen nicht berichten. Was an Nachrichten von! .Kriegsschauplatz durch die Zeitungen in die Oeffentlichkeit dringt, wird auch van den Lesern Fhres Blattes mit dem gebührenden Interesse verfolgt werden. Meine Aufgabe soll cs nur sein, jene Eindrücke zu sammeln und Ihnen zu über- Mitteln, die ein Soldat, der sich auch im Felde seines Judentums beloußt bleibt, aus Interesse für jüdische Fragen und jüdisches Leben zu getvinneu vermag. Allerdings heißt es, die Augen offen zu halten, denn es gibt viel zu sehen. Besonders für uns Westjuden, die wir Ostjuden in ihren Massemvohnsitzen niemals gekannt haben. — Das erste, was wir bei unserer Auswaggonicrung sahen, waren diese Juden. Galizische Grenzjuden, aufgescheucht aus ihrer Ruhe. Es ist erstaunlich zu sehen, wie vor allem unsere galizischeu Juden! durch den Krieg in Mitleidenschaft gezogen werden. Aufgcschreckt angesichts der militärischen Maßnahmen und der Massendnrchzüge von Militär sind sie n-ervös geworden und leben in dieser Nervosität in einein latenten Zustände der Furcht. In der Furcht vor einem rohcn, gehaßten Feinde, in der Furcht vor Ver- Wüstungen und Drangsalierungen. Unseren Soldawn aber ist die jüdische Bevölkerung wohlwollend zugetan, jeder Soldat erscheint ihr als Schutzgott für ihr Leben und Gut. Hieraus ist die Begeisterung, der Jubel zu crklä ren, mit welchem unsere Truppen an den Grenzen empfangen werden. Für sich selbst erwarten die galizischen Inden eine Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage ״!Nach dem Krieg wirds besser gehen״. Es ist dies derselbe Ausdruck eines Optimismus, wie wir ihn auch im Westen wahrnchmen konnten. Und für die russischen Juden erwarten sie alles von der Kraft unserer Waffen. Die galizischen Juden, die durch die geographische Lage und den scclischeu Habitus noch nicht den Kontakt mit ihren russischen Brüdern verloren haben, rechnen wie mit einer fertigen Tatsache iMnit, daß wir als neue Apostel den russischen Juden eine neue, die lang ersehnte Freiheit bringen. Ja, die galizischen Grenzjuden beschwören uns, sobald wir nur dieses Thema anschlagen, mit einem unheimlichen Feuet in den schwarzen Augen, die Ketten der Brüder dort ״drüben" zu sprengen, die Fesseln zu lösen, welche die geistige und körperliche Ent- Wicklung der russischen Juden hemmen. Unsere braven Juden begleiten ihre Wünsche mit sroniinen Segenssprüchen in der Sprache der Bibel. Es ist -rührend, elementare Aeußerungen ebenfalls unfreier Menschen zu vernehmen, solch instinklive Willenskundgebungen als den Ausdruck einer bcwundcrungswerten Solidarität zu hören. ״Aber schonet unsere Brüder, beraubt sie nicht, schändet nicht die Frauen!" Ist das nicht ein Stück atavistischen Unterempfindens, das in diescn jüdischen Massen fort'.ebt, wohl noch aus jener Zeit finsteren Mittelalters her, wo die Ahnen dieser Juden die Roheit von Erobercrherren und uinherziehender Soldateska hart an ihrem Körper einpfunden haben?! Wen hier sein jüdisches Gefühl iricht mitreißt. Wer h i e r nicht den Weg zu feinem Volke zurücksindet, der hat eben kein menschliches Herz, oder er will einfach die jüdische Volksseele nicht verstehen. Unsere Kameraden, darunter westliche jüdische Assimilantcn, die unfreiwillig in ein unverfälscht jüd. Milten gernlen sind, erleben, wenn auch kurz summarisch ein Stück jüdischer Weltgeschichte mit aller ihrer Tragik mit. Wir jüdischen Offiziere!)atzen aber Mitleid mit diesem Völkchen, das brav denkt und es wirklich ist. Wir lassei׳ es nicht an Nersprechungen fehlen, an wohlgefälligen Drost. Und weil wir Offiziere sind, bedeuten wir diesen Juden mehr als wir uns jemals vorstellen könnten. Als Juden haben wir uns zu erkennen gegeben und genießen, trotz dem beinahe familiären Uinganges, eine Autorität bei diesen Leuten, die uns stolz macht. Das ist der edle Stolz vor furchtsamen Inden, die ihr Vertrauen und ihr Wohl in unsere Hände legen, derselbe Stolz,der uns auch vor eine jüdische Lebensaufgabe stellt: Jeder von uns bewußten Juden ist glücklich, unsere russischen Brüder ans unerträglicher Lage, vom niederträchtigsten Zarismus und grausamer Pogrompolitik zu befreien und ihnen ein menschenwürdiges Dasein znschaffen. Wir haben genügend Muße, auch andere jüdischc Fragen anzuschneiden. Das Interesse gilt wohl dein Krieg, der die gesamte Bevölkerung in all ihrem Denken absorbiert und da sich unsere Gespräche rammet wieder nur im und um das Judentum bewegen, stößt man unwillkürlich auf Momente, die Bedenken und Besorgnisse erregen. Es ist z. B. kein Zufall, daß sich allerorts Juden gegen Juden im Felde gegcnüberstehen. Unsere abnormale Entwicklung, die vorerst zur Diaspora führte und hier die Juden Anteil uehmen ließ an der Gesamtcntwicklung der Wirts- Völker und Staaten, führt natürlich auch die einzelncn Teile der Judenschaft iu den Krieg. Sie werden auf ihre Posten gestellt, und es können sich Möglichkeiten ergeben, die das Herz eines Juden, dessen Gefühle durch das Kriegshandwerk nicht schon vertiert sind, zerreißen müßten, Momente, wo das Pflichtgefühl mit dem größten Aufgebot aller geistiger Selbstbeherrschung jede Sentimentalität Niederschlagen würde. Jüdische Soldaten können vor Aufgaben gestellt werden, die das größte Heldentum zur Durchführung erfordern. Wir wollen aber stark sein, eingedenk des großen- Willens, des Wunsches, in treuer Pflichterfüllung unterdrückten Menschen Erlösung zu bringen. Möge dies auch unseren armen Juden zugute kommen! Weitere Berichte folgen. Schweizer Schokoladen I. Strachon & Cie., Brünn Bahnhofplatz. Ostwärts. Von Dr. M. Horuik. Aus dem Widerstand der Kräfte geht die Realität des Daseins hervor. Dort wo zwischen den einzelnen Kräftrichtungen die resultierende Linie verläuft, da ist der feste Weg des Lebens. Dieses Gesetz gilt in der kosmischen, wie iu der organischen und sozialen Welt und ist so unabändcrlich-ehcru wie alle anderen Gesetze der!Natur. Wir müssen diese Gesetze kennen, nm aus ihrer Grundlage bauen zu können. Der ideale und der irdische Trieb sind die Komponenten, zwischen denen die Menschheit