Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 30 (19.8.1914)
- Date
- 1914-08-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahra. XV. Erscheint jeden Mittwoch Nummer 30. ♦♦ W ♦ Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungar», halbiährig . Kronen 820 ganzjährig.Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig.Mark 12 — Rußland, ganzjährig.Rubel 6 — Balkan, Frankreich . . ..Franks 14•— ss——— -a Mit der hebräischen Beilage המצפה Herausgeber: Max Hickl. 8---J Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe 9. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm» Leipzig. Inserate: die üspaltige Petitzeile 3V h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono» riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Wien-Budapest. Brünn. K Mi914 Prag-Lemberg. Wir bitten unsere Leser, uns alles, was die Allteilnahme der Juden, am Kriege betrifft, (Spenden, Taten der Tapferkeit, Beförderungen infolge Tapferkeit u. s. w.) milzuteilen. Iülli8clle Kärger! In der schweren Zeit, die über unserer Monorchie und den Staat, dessen treue Untertanen wir sind, hcrangebrorhen ist, wenden wir uns. die geistigen Wegweiser des jüdischen Volkes, an Euch, unsere Brüder und Mitbürger, mit Worten herzlicher Teilnahme und auch vernünftiger Einsicht. Eine Menge von unseren tapferen Jungju- Den, viele von unseveir'Gesinnungsgenossen, l-aben ihren Beruf und ihr Studium, ihre Privatbeschäftigung, ihre häusliche Bequemlichkeit, sowie chre heiligen Parteipflichten Umtauschen müssen gegen die aufopferungsvolle Arbeit am Altäre der wichtigsten und herrlichsten Bürgerpflichten. — Ich sage: Umtauschen ״müssen", aber dies ist blo.s eine Redewendung. . Tatsächlich fiitö sie alle gerne auf den ersten 'Appell dort hingeeilt, wo die Glocke der Geschichte sie gerufen und das Gefühl der Empfindungen sie getrieben hat. Und so seid uns gegrüßt ihr jungen Söhne des jüdischen Volkes, ihr Soldaten und Verteidiger der Ehre des jüdischen Volkes! Kämpfet im Bewußtsein, daß ihr dem Staate, und dem Kaiserl-ause, dem lvir alle ergeben sind, Dienste der Ritterlichkeit leistet, aber daß ihr außerdem auch der Tapferkeit des jüdischen Stammes neue Ruhmesbeweise liefert. Aber nicht nur wegen reiner Pflichterfüllung und edler Sentimente ist es in diesem Kampfe Oesterreich-Ungarns mit seinen Feinden zu foui. Ein Weltkrieg ist ausgebrochen, von dessen Ausgang die eine gefesselte Ration vielleicht Befreiung die andere wenigstens Aendernng ihrer schrecklichen Lage erwartet, ein Weltfeuer ist entdrannt, angesichts dessen es gilt, alles aufzubieten, damit der Despotismus des Zarenreiches verbrannt werde. Und hier beginnt auch die nationale Mission der jüdischen Kämpfer. — Wo immer auch der Kommandobefehl jedem einzelnen den Platz zuweisen wird, gegen den rücksichtslosesten Juden- Verfolger in Europa werden sie alle insgesammt ihr Leben einzusetzen, haben. — Und fürwahr — so teuer und l-eilig uns das Blut! unserer Brüder ist, das Ziel ist so mächtig und wertvoll, daß wir mit Bereitwilligkeit diesem Ziele alles, was wir besitzen, unterordnen dürfen. Und deswegen rufen wir unseve Jugend zum Kampfe auf:'Meldet euch freiwillig und kriegslustig: ihr, denen daS Alter und die physische Kraft es nur gestattet; meldet euch zu allerlei anderen Diensten, zur Heilung der Verwundeten u. Kranken und zur Sicherung der öffentlichen Ruhe: alle diejenigen, denen das Schwert noch nicht oder nicht mehr entsprechen kann: gebet eure Zeit und eure frauenhafte Geduld den Samaritanerdiensten zur Verfügung: ihr jüd. gutherz. Frauen spendet — alle 01111c Ausnahme —ך kleinere und größere Sninmen für die Känrpfenden und deren zurückgebliebenen Familien. — Tenn der ,Mampf wütet in ganz Europa, die ganze Menschheit ist mobilisiert, und eS wäre unwürdig deS Makkabäergeschlechtes, wenn eS in diesem großen Momente sich nicht ebenso groß und der Situation gewachsen zeigen sollte. Und ihr, jüdische Mütter und Ehegattinneu, Töchter und Schwestern, die ihr zurückgebliebei! seid, in Angst und Tränen, stärket euch, und in den erhabenen und edlen Leistungen der Weggezogenen schöpfet Ausdauer und Glauben! Tatenreich und lorbeergekränzt werden eure Söhne und Männer, Väter und Brüder vom Schlachtselde lpeimkehren, dem ji'idischen Opfermute Glanz zufügen, den Opfern von Kischinewer Pogroms Genugtuung und Erleichterung bringen, und der jüdischen Ration wie der ganzen Kulturwelt dazu verl>elfen, daß man aufatmen können wird, nachdem der Koloß der Tyrannei zusammensinken oder wenigstens geschwächt daliegen wird nach dem luftreinigenden Kriegsturne. Wir leben in einem konstitutionellen Staate und die leitenden Behörden werden sicherlich darauf bedacht sein, daß euch Vereinsamten in der Abwesenheit euerer Beschützer nichts Böses geschehen soll: obrigkeitlicher Schutz wird euch gewiß nicht versagt iverden, die Heldentaten euerer Nächsten und und unserer Connationalen werden zweifellos Anerkennung finden, und die ökonomischen Verhältnisse, die dann aufblühen müssen, werden unS rasch für alle Entbehrungen entschädigen: die wir jetzt erleiden. Kein Platz also nun mehr für Trauer und Verzweiflung! Vertranensseelig dürfen wir der Zukunft! entgegensehen und opferbereit dürfen wir — jeder von 11115 — im gegenwärtigen Angenblick seinen Mann stellen, damit man auch bei diesem grandiosen-historischen Ereignisse hier im Staate ein vereintes Judentum bewundern soll: vereint in traditionellem Patriotismus, vereint in kühnem Pflichtbewußtsein, vereint im gegenseitigen Tröste und gemeinsamer Hoffnung! Feuilleton. Eine Mutter. Skizze aus der Zeit der Judenhetze in Rußland. j Von Clara Michelson-Riga. ן Cin grauer Tag. Ter Himmel grau, die Häuser in grauen Nebel gehüllt, und grau und schmutzig die Straßen, und grau und schwer die Stimmung. Es i!t ־ noch nicht zwölf. Josefa Meier geht ans Fenster und schaut hinaus. Kein Laut auf der sonst so belebten, Straße. Keine Elektrische, die lärmend vorüberzieht,! keine Laftwagcn die das Haus in den Grundfesten wankcn machen, keine Arbeiter, die laut redend vorüber-, eilen, keine Droschke, die raffelnd fährt. Alles ist tot und still hier, als ob das Leben erstorben wäre. Aber! Josefa Meier weiß, wohin sich das Leben geflüchtet hat. Dort weit in dem armen Judenviertel hat es furchtbare Gestalt angenommen. Sie legt beide Hände auf die Augen und sicht entsetzliche Bilder, die ihr das Blut in den Adern erstarren laffen, sieht schwache, blinde Greise,1 die jammernd auf den Knieen mit kraftlosem Arm den 1 Knüttel zu fassen suchen, den vertierte Menschen über! ihrem Haupte schwingen, sieht Mütter, die den Säugling an die Brust preffen, um den Messerstich abzuwehren,! sieht junge kräftige Gestalten in Blutlachen mit verunstaltetem Antlitz und grinsende, von wilder Grausamkeit verzerrte Gesichter, die alles Menschliche verloren zu haben scheinen, und die in grenzenlosem Blutdurst heulen: ״Nieder mit den Juden!" Sie schreit auf, sie kann nicht mehr, sie will voll den Bildern loskommen, die sie bestürmen. Da tut die Tür sich auf, der Sohn tritt ein, das einzige Kind, das einzige Gut, das der geliebte Mann ihr hintcrlaffen. Er ist jung, schön, er ist edel und klug. DaS beste aus ihrer Seele hat sie in seine gcgoffen, sie hat ihn die Wahrheit lieben gelehrt über alles und sich selber achten in jedem Menschen. ״Mutter" sagt er, ״lebe wohl! ich gehe." Und er schwingt die blinkende Waffe hoch durch die Luft. Josefa Meier erbleicht. Sie weiß, wohin er geht. Er geht ins Berberden, er eilt zu Hilfe den gepeinigten Brüdern. Er — ein einzelner und dort Hunderte gegen ihn, Hunderte von gekauften Bestien, die mit kitzelnder Wollust daS rote Judenblut fließen sehen und lachen, lachen, wenn es langsam den grauen Schmutz der Straße purpurn färbt. Aber sie darf ihn nicht halten, sie darf ihn nicht in die Arme nehmen und sagen: ״Bleibe hier. Du mein ganzes Glück, Du mein alles. Du mein Herzblut!" Dann würde die Wahrheit, die sie ihn gelehrt, zur Lüge werden und das große Vertrauen an seine Mutter bersten. Sic hat ihm den Glauben an die Menschen gegeben, und sie darf die erste nicht sein, die ihm diesen Glauben wieder raubt. Und sie verschließt die namenlose Angst um ihn, die an ihrem Herzen rüttelt, und sie zuckt mit der Wimper kaum, als sie die Hand ihm gibt und sagt: ״Gott steh' Dir bei, mein Kind! Er ist gegangen. Josefa Meier ist allein. Ihre Kniee halten sie nicht mehr. Sie sinkt aus den Boden nieder, sie ringt die Hände stumm, aber ihre Seele schreit: ״Webe, wehe, dreimal wehe über Euch, die auch Ihr sagt: Liebet Euren Nächsten wie Euch selbst: und in vertiertem Egoismus Mensch auf Menschen hetzt!" Und die Sekunden kriechen, langsam, schleichend, sie zählt sie an dem lauten Ticken der Uhr, langsam werden sie zu Minuten, langsam, langsam werden sie zu Stunden. Josefa Meier steht am Fenster und sicht, wie die Sonne untergeht. Jetzt ist sie schon ganz 1111■ ten, noch eilt schmaler Streifen, und dann sicht man sie gar nicht mehr, nur an der Wand ist noch ein roter glühender Schein, und dann ist eS ganz dunkel im Zimmer, und kein Laut . . . Sie legt sich aufs Sofa und versucht zu schlafen. In ihrem Kopi ist alles wirr, sie weiß nicht, ob sie wacht oder träumt. Da, horch: cs klopft, laut, große schwere Schläge. Sie hebt den Kopf, sie lauscht . . . Nein, es ist nichts, es ist nur das Herz, das klopft und zu zerspringen droht. Und sie legt den Soeben erschienen: ״Hickls jüd. Volkskalendcr". i i ti i i I i