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Jüdische Volksstimme · 1914-07-30 · Heft 29 (30.7.1914) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 29 (30.7.1914)
Date
1914-07-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 29. ,Zttischr Bott,stimme" Seite 5. verbitterter denn je. Und seine Feinde lassen ihm nicht Arche; die boshaftesten Namen erdenken sie sich für ihn; Plate» nennt ihn den Pindar vom Stamme Benjamin, de» Petrarca des Laubhüttcnfcstes. Nun, Heine ist ihnen nichts schuldig geblieben, er hat immer ehrlich Wort für Wort zurückgczahlt. Denn er sieht in jener Zeit in- »erlich wieder fest, er hat seinen inneren Halt wieder gefunden, allerdings nach einer bitteren Enttäuschung und einem herben Trost. Er hat schon längst cingesehen, daß seine Taufe ganz nutzlos geblieben war, daß er für die anderen doch nur der Jude bleibt, versehmt, und er findet sich jetzt damit endgültig ab. —- Und dann kommt die letzte Phase seiner Entwicklung: fast gleichzeitig mit seiner Erkrankung. Wenn die peinigenden Schmerzen Nachlassen, dann dann greift er nach einem Buche, das er stets unter dem Kopfkissen bereit hat, und sucht Trost und Erfrischung in seiner Größe und Schöne — und dies Buch ist die Bibel. In ihr fand er jene Scliätze, die in seinen hebräischen Melodien leuchten; und cs lag vielmehr darin, als er vielleicht selbst hincinlegen mochte, tvenn er sich in jener Zeit so oft den ״armen, totkrankcn Juden' nannte. Ernst Lebenhart. Uordruckerei « « « Pli$$ieran$talt « « _fanta, Po$tfla$se r. Jahrzeit. Der neunte Tag des Monates Ab ist Jahrzeit für das jüdische Volk. Noch immer begeht der größere Teil des Volkes die Traucrseicr um den Verlust seines Volksdascins »ach der uralten Sitte, wie sic die im gräßlichen Feuerschein des lodernden Tempels fliehenden Weisen als 'Ausdruck ihres namenlosen Wehes um das Unfaßbare dem, wie Stcppcnrosse im Sturme sich an sic drängenden, nun so tvillig gewordenen Volke vergczeicynet haben. Das weltenferne Gebot der babh- Ionischen Gesetzgeber gebietet noch heute dem lebhaften Gcschäftstrcibcn in den Ghetti von Newhork, London, Warschau, Odessa, Bagdad halt. Wo jüdische Traditioii noch tiefe Wurzeln in alle Herzen geschlagen hat, wird die düstere Bedeutung des Tages »och mit allen äußerlichen Zeichen der Familientraucr begangen. Der Schatten versunkener Welten greift plötzlich in das sommerhelle, blühende Leben hinein und verdunkelt die Strahlen der ewigen Sonne. Der Sohn des alten Volkes, wie ihn Josef Israels in seinem 1111־ sterblichen Bilde so ergreifend erhaben-lächerlich festgchalten hat, lebt in zahllosen Gestalten iin^jüdischen Quartiere der Weltstädte. In Millionen Geistern projizicrt sich an diesem Tage das Bild panzerstarrendcr Römer, blutender Leichen, rauchender Trümmer und je- »er furchtbaren erhabenen Brandfackel des in Flammen sterbenden Tempels. Vor den Türen des Gelvölbes, die für die heiteren Bedürfnisse des Jctztes geöfsnet sind, siehst Du das düster sinnende, von den Entbchrungcn des Tages beschattete Antlitz des Sohnes des alten Volkes. Nochmals wird Kamza vor das Geeicht der Nachwelt aus dem Grabe gerissen. Denn die Geschichte von Kamza und Bar-Kamza ist unsterblich. Während Rom die Grundvestcn des jüdischen Reiches nnterivüscht und das Verderben in der gelvittcrschwülcn Atmosphäre dräut, ringt in den Mauern Jerusalems Jude gegen Jude in verächtlich kleinlichem, persönlichen Hasse. lieber Kamza und Bar-Kamza mußte Jerusalem zerstört werden. So beginnt die talmndische Legende von dem 1111־ tergange des jüdischen Reiches. Da tvar Einer, der einen Freund namens Kamza uno einen Feind namens Bar-Kamza hatte, lind er gab ein Mahl, zu tvclchcm er durch den Diener auch Kamza laden ließ. Dieser aber ladet Bar-Kamza. Der edle Gastivirt lveist dem erschienenen Feind die Türd. Dieser fleht, ihn doch nicht öffentlich zu beschämen, er!volle sein Mahl bezahlen, . . . dann, er wolle die Hälfte der ganzen Gasterei bezahlen, . . . das Ganze! Umsonst, der Hausherr zischt ihm haßerfüllt zu, das Haus zu verlassen. Daraus entstand der jüdische Krieg, denn Je- »er ging hin und dciilinzierte die Art des Opferdiensics. Da mag tvohl der schnöde Gastgeber ein höherer Priester gclvcscn sein! Freilich, solch' wilden Haß hegt auch nur ein Pricstcrbcrz! . . . Ta eilt, der, froh durch die unenoartetc Einladung, überraschte Feind zu dem Versöhnungsmahle, sein Auge sucht den großmütigen Gegner, dessen Edelmut er mit doppelter Freundschaft heimzahlen will, da tritt ihm ein finster dräuender Rachegcist entgegen, der sich dämonisch an der Dcinntigung des Gegners weidet. Tie leise, flehende Bitte um Schonung seiner Ehre, alle gebotenen Vorteile gelten nichts gegenüber der Sättigung des heißen Rachegefühles. Den Römern ist er ein demütiger, kriechenderI wo Knecht, seinem jüdischen Bruder gegenüber schnellt aber der feige, niedergehaltene Hochmut gar gewaltig empor. Was soll der Tempel, in welchem solche Priester ivalte»? Der Tempel ist die Stätte der Liebe, der Eintracht und des Friedens! Wo entartete Priester den Haß. die Zwietracht und den Zank lehren, ist immer ei» Ehurban-bcth hamikdasch für das geistige Auge ebenso furchtbar, als ein in Flammen zusammenslürzendeS Gottes- Haus. . . . Und weiter sinnt unser Sohn das alten Volkes, während dem das Leben des neunzehnten Jahrhunderts nach der Zerstörung um ihn spielt. Wenn sich doch Zeloten und Sikarier für einen Moment geeinigt hättcn! Stünde da nicht heute noch der Tempel? War Niemand da, der die Wahnsinnigen zur brüderlichen Eintracht ermahnte? Freilich ... in solchen Zeiten der Verblendung ist es ein gefährliches Tun, die Eintracht zu suchen. Wer weiß, ob nicht Mancher, der zur Eintracht mahnte, als Verräter an der guten zelotischen Sache von dem eigenen Bruder »iedergesloße»!vnrde. unter der furchtbaren Anklage . . . kein guter Zelote mehr zu sein. . . . So geht die Gottesstadt rettungslos ihrem Schicksale entgegen. Tausende Jahre gingen darüber hinweg und die Nachfahren des Kamza trugen babylonische, persische, spanische, französische, deutsche, polnische, russische Kleidüngen im Style aller Jahrhunderte, aber in der mannigfaltigen Hülle stak der unsterbliche, unausrottbare Gegensatz von Kamza und Bar-Kamza, die so zum Verwechseln ähnlich, durch die unheilvolle;!Nacht des Priesters zu Gegensätzen wie Erzengel und Sammael geschaffen wurden. Da steht Kainzas Epigone nach 1841; Jahren wieder sinnend vor dem Laden, vor der Quelle seiner Erislenz neben dem Stammesgenossen Bar-Kamza. an welchen ihn alle Bande des Blutes und der (beschichte knüpfen. Aber an der Tafel ihres Priesters, welcher sie, die im Kampf ums Dasei» Gegner sind, hier zu einem einzigen Opferdienste für ihr Volk versainmeln sollte, dürfen sie nicht vereint sitzen. So bleibt die melancholische Introduktion der Legende über den Tempelbrand ewig neu: ״Kamza u Bar-Kamza chareb Jerusalem.' Drei Jüdinnen des Mittelalters. AIS die Juden Ende des 15. Jahrhunderts in so empörender Weise aus Spanien vertrieben wurden, befand sich unter den zahllosen Flüchtlingen, die eine neue Heimat suchten, 11. a. eine durch Armut und hohe geistige Ueberlegenheit hervorragende Frau Namens Maria Nunncs Pereyra. Auf ihrer Flucht nach Holland wurde sie von einem englischen Schiff zur Gefangenen gemacht, entzückte aber durch ihr bezauberndes Wesen und ihre Vornehmheit den Besitzer des Schiffes, einen englischen Herzog, derart, daß er leidenschaftlich um ihre Liebe warb; ihre Zurückhaltung und Züchtigkeit ließen ihn aber bald erkennen, daß jede Verführung unmöglich sei und daß die schöne Jüdin wie so manche ihrer Uuglücksschwestern sich eher das Leben als die Ehre nehmen lassen würde. Da bot ihr der Herzog seine Hand an. und obwohl sie dieselbe ausschlug, weil sie, um sein Weib zu werden, ihre Religion hätte aufgebeu müssen, so hoffte er doch ihren Widerstund, der immer mehr feine Bewunderung erregte, zu überwinden. Er blieb als ritterlicher Beschützer an ihrer Seite und in London angclangt, stellte er sie der Königin Elisabeth vor, die sich ihrerseits außerordentlich für die schöne und gebildete Jüdin interessierte. Wenige Zusammenfünfte genügten, um die Königin für Maria so einzunehmen, daß sie ihr ihre ganze Zuneigung schenkte und sic bat. Christin und die Gemahlin des Herzogs zu!vcrdcn. So tiefen Eindruck auch die Gunst der königlichcn Frau jener Zeitepoche war: Donna Grazia Nasi. fremden Landen Tchutzbedürftige auch machen mußte, sie blieb fest an ihrem Judentum hangen und weigerte jeden Ueücrtritt. Endlich ivurde sie. nicht ungnädig, entlassen und ging nach Holland. Sie versammelte in Amsterdam einen Kreis rechtgläubiger Juden um sich und bildete somit den Anfang zu der sich später ent-!vickelndcn großen und einflußreichen Judcngemeinde.* > Eine andere interessante, geistig überlegene jüdische Frau jener Zeitezoche war: Donna Grazia Nasi, geboren in Portugal 1510; s» ihrem fünfundzwanzigstcn Jahre Witwe gctvordcn, stand sie den schwierigsten Verhältnissen gegenüber, auf eigenen Ra! und eigene Tat angewiesen. Tic Einführung der Inquisition, wel che Jahr für Jahr unter den nichiigslcn Vorwänden von den Juden ungeheure Summen erpreßte, zirmng Grazia. um Leben und Vermögen zu retten, zur Fluch! nach Holland. Hier mußte sie ihren (Klauben verleugneu, doch sie konnte die erzwungene Heuchelei nicht ertragen, und bestrebte sich nach einem E rt überzusiedeln, sie ihre Religion bekennen durfte. Erst nach unsäglichen Leiden und Opfern gelang eS ihr. in Venedig eine Freistatt zu finden. Von hier ging sie nach Ferrara, endlich nach Konstantinopel. Hier unter Türken fand sie, was Christen ihr versagt halten: ein ruhiges Leben ohne Lüge und Heuchelei. Sie bekannte sich offen zum Judentum, nannte sich Hannah und bekundete ihre tiefe Religiosität in der Liebe zu den Glaubensge Nüssen und in Werken der Wohltätigkeit. Sie legte Bel- und Lehrhäuser an. förderte in jeder Weise die allgemeinen Wissenschaften und unterstützte die Armen und Verfolgten, tvohl wissend, was sie selbst erlitten. 'Als der Papst Pius IV. sich entsetzliche Grausamkeiten ge gen friedliche Juden zu Schulden kommen ließ, wußte Grazia-Hanuah die Hilfe des Sultans anzurnfen und Schul) und Zuflucht für die bedrängten (Klaubens genossen zu erivirken. Sie starb im Juni 1500 rief betrauert. Ihre Tochter, deren (gatte aus Liebe zu ihr und aus Ehrfurcht vor ihrer Mutter zum Judentume übergetreten war. - ist von Anfang an!veil mehr als Hannah ourch das (glück begünstigt, ja sie stieg mit dem (gemabl von Stufe zu Stufe, bis sie gar Herzogin von Naros lvird. Ihrem (galten, einem überaus umsichtigen, vielseitigen Manne, ivurde vom Sultan Suleiman die Stadt Tiberias geschenkt, welche er mit Juden bevölkerte. Des Sultans Freund Selim erhob ihn zum Herzog von Naros und der übrigen Eykladischen In- 1'eln. - ES iit viel über ihn. Wahres und Unwahres geschrieben ivorden; uns kümmert hier nur seine G1!- tin, Hannahs Tochter, Donna Reyna. Die Herzogin verivendete an Hochherzigkeit und?reue zur angesiammten Religion ihrer Mutirr ähnlich ihr Ver mögen zur Förderung der Wissenschaften; besonders erwarb sie sich durrh Anlegung von Druckereien ein Verdienst. Zur Psychologie des Juden. Von Anatole Leroy-Beanlien. Ter Geist ist bei dem Juden kräftiger als der .Körper. Was den einen gescliivächt, Kat den andern häufig gekräftigt. Die lange und schreckliche Prüfung, Ivel che seine Körperkraft vermindert und an seinen Muskein gezehrt, hat die Spannkraft seines Geistes erhob! und sein (gebiru geläutert. Der (geiitesapparat iii dar aus leisiungsfäbiger und biegsamer hervorgegange». Insbesondere der Versiand ist gefestigt und zugleich geschmeidigt worden. Eine Härtung durch fünfzehn Jahr- Hunderte Verfolgungen hat daraus ein dehnbares und feiles Metall gemacht, schmiegsam und!videriiaudskrästig: es in sozusagen unzerbrechlich. Man hat behauptet, der Jude gewöhne sich unter allen Himmelsstrichen an das .Klima. Für seine Gei sleskrr.fi ist dies noch zutreffender, denn wenn!vir ihn unter den verschiedensten Breitegraden vorfinde». 10!vissen wir nicht immer, um ivelchen Leidenspreis er dort lebt. Bezüglich seiner moralischen Gewöhnung be steht kein Zweifel; sie vollzieht sich in inerNoürdig schneller Weise. Der Jude weiß sich in jede llmgebuug. jede Sphäre zu finden. Es 01 dies um io überraschen, der, als er infolge!einer Absiammuaa, seiner lleber lieserung, seiner Abichließungsgeivolinlieilen der ivenigu schmiedbare und wenigst veränderliche der Mensche» eischeint. Z,u dieser Geistest-ehendigkeii, zu dieser Veruau dessliullieit iit er durch die Jalirhunderie gedrillt!vor den. Alles Hai dazu beigetragen:!eine historische Er ziehung, die Verfolgungen und die Deinütigungen. die er erduldet, die Berufsarten, zu ivelchen er verurteil; gewesen, die verschiedenen Zivilisationen und die ver schiedeneu Länder, die er durchschritten hat. Keine Rane in so harten Turuübuugeu des (Keines und .Körpers unterivorfeu ivorden. Der Jude e> innert an jene!׳e dauernsiverten Kinder, deren Gliedmaßen und Kuo.li.u für alle Gelenkigkeitsnbuugeu föruilirl! gebrochen und ausgerenkr ivorden sind; er!übet die ernanuliäiaev .Knunreiterilückcheii, die gefährlichsten Sprunge mir Leichtigkeit aus und kommt immer wieder an! die Fuße zu iielicu. Ein anderes Merkmal des jüdischen (Keines in dessen Klarheit. Schärte. Helle. Folger,chiigken. Der jüdische (Keilt in ein Präzisionsinstrument, er arbenel tuit der Genauigkeit einer Wage. Der (Kriind in aurl! hier einfach: er lieg! in dem Leben!einer Väter, in den Gewohnheiten und Fertigkeiten, lvelckie 111111 die von seinen Vorfahren während achtzehn Jahrhunderten be triebenen (Kewerbe ei »geprägt haben. Jo jedem, unter uns leben seine Väter!ort; unsere Seele und unser (Kein unterliegen nicht miudrr als unser Fleißl!;11״ Vererbu»gsge 1 e»eu. Eriiitur» wir aus daran, :vas die Voiiahren des modernen Juden geivesen!iud. lim ,la! *> Die Peremus sind uoä! heule weil vervr.׳׳tel und zum Teil tu hochangesehener Steilung.

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