Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 29 (30.7.1914)
- Date
- 1914-07-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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«ette 4. ״Mische *•IMfrhw«• Nr. 29. erloschen; da half kein Blasen, kein Schären!" I ״:Ja! Wenn Sic die Glut ersterben lassen", sprach der Staatsrat, »dann freilich nützt kein Blasebalg mehr; Lic tote Glut bleibt tot!" ׳ Meine Herren! — sagte der Maggid — dies ist mein Gleichnis. Hören Sie noch die kurze Anwendung: Unsere heilige Religion stellt die erhabensten Fordcrungen an uns, ihre Bekenner. Unsere Väter erfüllten ihre Religiösen Pflichten mit Begeisterung, sie brachten die größten Opfer für dieselben, denn die heiligen Flaminen der Glaubcnstrcue loderten in ihren Herzen. Diese 'Glut tvurde reichlich genährt durch die hundert und hundert Satzungen und Bräuche, welche sie mit frommcm Sinne erfüllten. Sie wollen jetzt einen großen 'Teil dieser religiösen Acuherlichkcitcn abgcschafft wissen; Sic möchten dem Judcntume neue, leichtere und gcfälligcrc Formen geben. Ich hätte nichts dagegen. Allein beachten Sic Eines wohl, damit cs Ihnen nicht ergehe ioic Direktor jenes Hüttenwerkes: Lassen Sie. während Sie die neuen Einrichtungcn treffen, die heilige Glut des Glaubens im Herzen der Jugend nicht erkalten, nicht ersterben! Denn ist einmal die Flamme jüdischer Glaubcnsinnigkeit erloschen, dann bleibt das kommende Geschlecht kalt und unempfänglich für seine Aufgaben. Beachten Sie das Eine wohl, meine Herren! Laßen Sic das .,Hislohawos" die zündcndc Begeisterung für die Religion unserer Väter im Herzen der Kinder nicht ersterben, lassen Sic nur den Funken nicht ausgehcn, sonst nützt alles Blasen n i ch t!" Dies mögen sich auch jene Zionisten, die sich über religiöse Vorschriften und Satzungen leichten HerzcnS , hinwegsctzen, gesagt sein lassen; denn das crloscheue Feuer der religiösen Begeisterung läßt sich durch die modernen Mittel, mögen sic ivic immer geartet sein, durchaus nicht mehr anfachcn. Und ein Judentum ohne religiöse Begeisterung hat keine Existenzberechtigung. Zion wird durch Gerechtigkeit und die Wicdcrkchrenden durch Tugend und Gottesfurcht erlöst." Fr. KAFFEEGESCHAEFT Rosenbaum BRÜNN, Liechtensteing. 1. LiechtensteinR. 1 Vermischtes. Revision des Judencditts. In der Bayerischen Rcichsratskammcr wurde gestcrn noch einmal die geplante Revision des Judencdikts behandelt. Der Erzbischof v. Hauck hob die Bedenken mancher orthodoxen Kreise gegen eine Revision des Judencdiktcs hervor. Solange die Juden nicht völlig einig in dieser Frage seien, sei es wohl besser, das Edikt nicht zu ändern. Der Kultusminister erklärte, daß die Judcnhcit in Bayern zwar über die Notwendigfeit einer Revision sich völlig im klaren sei, daß aber die verschiedenen Richtungen eine befriedigende Revision erschweren. Selbstverständlich dürste bei dieser Nevision kein Gcwiffcnszwang ausgcübt werden. Ein Rabbiner in Audienz beim Papst. Ans Ncwyork wird geschrieben: Rabbi Dr. Josef Krauskops, Rabbiner an der Synagoge Emanucl, eines der angesehensten Mitglieder des amerikanischen Re-! sormrabbinatcs, ist soeben von seiner Weltreise heimgelehrt. Dr. Krauskopf hielt sich auch einige Tage in Rom auf, >vo er auch vom Papst in Audienz empfangen Ivnrdc. Dr. Krauskopf, der von seiner Reise lvohl einzclne Berichte an amerikanische Blätter gesandt hatte, will über seine Erlebnisse und ganz besonders über die verschiedenen jüdischen Sekten, denen er in Asien und Australien begegnet ist, ausführliche Beschreibungen veröffentlichen, in denen auch seiner Audienz beim Papst eine Abhandlung gclvidmct werden soll. Streik in den jüdischen Tischlereien. Lodz, 7. Juli. In vielen hiesigen jüdischen Tischlereien sind die Gesellen und Arbeiter in den Ausstand getreten. Sie fordern tägliche lOstündigc Arbcitszeit, mit einer Stunde Unterbrechung für das Mittags- und einer halben Stunde für das Frühstückcffcn, 20—30 Prozent Lohnerhöhung und regelmäßige' Auszahlung des Lohnes. König Salomos Badezimmer. Das Badezimmer ist eine Erfindung des Königs Salomo, so schreibt die englische wisscnschaftlich-litcrarische Zeitschrift ״Chroniclc". König Salomo besaß bcrcits ein luxuriös eingerichtetes Badezimmer 1000 Jahre vor Entstehung des Christentums. Es war sündhast, das Allcrhciligstc zu betreten, bis der ganze Körper nicht frisch gereinigt war, und für die Priester warcn auch am Eingänge in den Tempel Badclvannen angebracht. Nach den bekannten Maßen, die uns von der Badewanne Salomos überliefert sind, hatte diese einen Umfang von 45 Fuß und war 0'/- Fuß tief. Die Wanne ruhte auf geschnitzten Säulen, die die Figur eines Stieres trugen, und bestand aus einem Stück gegossenen Stahles, versehen mit verschiedenartigen Verzierungen aus der Blumenwelt. Jüdische׳ Bankiers vor mehr als 2300 Jahre». Diese historische Feststellung ergibt sich aus unlängst entdeckten Urkunden, die der Zeit von 471—411 v. Ehr. angchörcn. Sie werden in einem Werk von Prof. A. H. Sayre und A. E. Cotvlcy »Aramaic Papyri discovcrcd at Assuan" (Alexander Moring Ltd.. London) veröffentlicht. Hier wird die Lage der Juden in Aegypten im 5. Jahrhundert v. Ehr. interessant bcleuchtet, und aus jenen datieren, gut erhaltenen Urkünden geht nach der .,Intern. Wchsch. für Miss., Kunst und Technik" hervor, daß im Süden Aegyptens 100 Jahre nach dem Tode Jeremias, der ihre Großeltern in das Land geführt hatte, eine Siedclungsgenossenschalt von Juden als Bankiers tätig war. Sie bildeten eine besondere Gemeinde mit einem eigenen Gerichts- Hof und einem eigenen Heiligtum. In diesem verehrten sie den ..Gott der Juden", die Sitte, die später das Aussprechen seines Namens verbot, findet sich in ihnen noch n'.cht. Sic lvnrdcn nicht für Bürger angesehen, doch befolgt-»« sic wahrscheinlich das ägyptische Gesetz, in wclchen! die rcchtsmätzige Nachfolge nach der Mutter rechnet. Jni übrigen lebten sie unter persischem Gesetz. Die Papvri gehören Herrn Robert Mond und Lady William Ceeil. Eine Episode aus dem Leben des Baron Hirsch. In Karlsbad wurde einst Baron Hirsch ein rcichcr jüdischer Fabrikant aus Rußland vorgestellt, der eine Million für ein jüdisches Spital gespendet hatte. Im Gespräch erwähnte er, daß er in seinen Fabriken durchwegs Christen beschäftige. Da sagte Baron Hirsch: ״Es wäre besser. Sie hätten ein Spital für die Ehristcn erbaut und würden dafür lieber Juden als Arbcitcr in Ihren Fabriken beschäftigen." Warum ist MoseS der größte Mann? *” In einer amerikanischen Sabbat-Schule passierte jüngst folgende ergötzliche Geschichte. Die Lehrerin fragt die Kinder: ״Wer war der größte Mann?" ״Moses", kam cs im Chorus zur Antlvort. ״Warum denn Moses?" — fragt die Lehrerin weiter. Darauf gar keine Antwort. Nur einer der Kleinstcn erhebt bittend seine Hand. ״Ich weiß cs", rief er aus. ״Also warum?" ״Weil er alle zehn Gebote auf einmal gebrochen hat", platzte der Kleine triumphierend heraus. Heine als Jude. Zu Anfang dieses Jahres erschien bei Reutz und Jtta ein neuer Stilgcbaucr Roman: ״Harry". Es ist eines jener Bücher, die einem etwas Bleibendes geben, an die man nicht vergißt. Wollte man seine» starken Eindruck analysieren, nach seinen Griindcn fragen, so müßte man sie sowohl in Heines so gelvaltig cinlvirkcnder Persönlichkeit als auch in Stilgcbauers hervorragend künstlerischem Können finden. Er versteht cs, uns den Dichter menschlich näher zu bringe», er lvciß die Stimmungen, aus denen Heines Kunst geboren tvurde, so hervorragend zu zeichnen, daß man Heine mitfühlt, daß man empfinden zu können glaubt, was Heine empfunden haben mochte, und entzückt ist, wenn das aus der Stimmung geschaffene Gedicht Heines in ergreifenden Worte» dem eigenen Fühlen Ausdruck gibt.- Es ist nur ganz natürlich, daß bei einer so erschöpfenden biographischen Studie, tvie sie der vorlicgcnde Roman bietet, auch so manches aufgeteilt ist, tvas aus den Juden Heine Bezug hat, und dessen gibt es die Menge; ist uns doch im jungen Heine der für jene Zeit charakteristische Typ des Juden überliefert, der im Judentum nicht mehr den Gcgentvcrt findet für die mit seinem Judentum verbundenen Leide», deshalb schwach wird und abfällt. Im jungen Heine sage ich, denn bei Heine geht die Entwicklung weiter, er erkennt die Nutzlosigkeit und Verwerflichkeit seines Tuns, ja noch mehr: er findet zum Judentum zurück, wahrhafter und ehrlicher im Empfinden, als mancher der cs nie verlassen. — Für jede Phase dieser Entwicklung bringt der Autor ein paar wunderschöne Szenen. Heine stammt aus einer gutjüdischcn Familie. Sein Vater Samson, war ein biederer, aufrechter Jude, der sich aus den Indcnspöttclcicn seiner Düsseldorfer wenig machte; seine Mutter, Peierche, das Ideal einer jüdischen Mutter, der die Liebe zu ihren Kindern des Lebens Inhalt, der Kinder Glück des Lebens Ziel bedeutet. Und sie war cs auch, die den kleinen Harry erzog, ihm die jüdischen Feste deutete, die Bibel las, ihn in den Tempel führte. Umso entsetzter mußte sie sein, als sich eines Tages der Direktor des Lyzeums, das Harry besuchte, bei ihr melden ließ und sic in ernsten mitfühlenden Worten dann» bat, den Kleinen taufen zu lassen; ״denn Harry vcrspreche etloas Großes zu werden, und er, der Rektor, habe Acngsten, wenn er sich vorstclle, daß Heine Jude bleiben sollte, daß infolge dessen, was, wie er glaube, nicht ausbleiben könne, sein Innerstes verbittert würde und es graue ihm, was aus diesem Talente werden könnte, wenn es auf eine falsche Bahn gelenkt tvürdc." Und noch eine andere Szene aus Heines Jugend, deren sich seine Mutter später so oft erinnerte. Heine hatte eines Tages als Schulkollegen Wilhelm Schnitthcuncr aus Revlaar bekommen, der ihn erzählte, er sei schtvcr krank gclvcsen, aufgcgeben von den Aerzten. Nun hätten sie in Revlaar ein wundertätiges Marienbild. Zu dem sei seine Mutter gepilgert, habe eine gelvei.hte Kerze dargebracht und am nächsten Morgen sei er, der Schwcrkrankc, gesund gewesen. — Mit glühenden Wangen kam Harry an diesem Tage nach Hause und bat Frau Seierche, mit ihm in die Kirche zu gehcn, er wolle ein Marienbild sehen und ernstlich böse wars er, als ihm die Mutter es verwies: ״Wir Juden habe» dort nichts zu suchen." ״Oh, Mutter, ich bin oft sehr traurig darüber, daß wir Juden sind, nicht tun und lebe» dürfen, wie ״die andern"." —- Nun, das war aber doch nur mehr oder weniger eine Augcnblicksäutzerung; um den Juden Heine ist cs damals noch nicht so schlimm bestellt, d. h. nicht schlimmcr als die andern seiner Glaubensgenossen. Er kommt nach Absolvierung des Lyzeums zu sejnem Onkel ins Geschäft, verkehrt beinahe ausschließlich in jüdischer Gesellschaft, geht ebenso wie es die ander» tun, in den Tempel, hält, lvic die andern, die jüdischen Feste, denkt ebensowenig, wie die anderen, nach über wahres Wesen und wahren Wert seines Judentums, kennt ebensoviel oder besser ebensowenig, wie die meisten seiner Genassen, jüdische Geschichte und hat ebenso loie die andern Mitleid für seine unglücklichen Glaubensgenossen, kurz Heine lvar damals der ״gute Jude" seiner Zeit und man kann tvohl ruhig behaupten, daß er es in diesem Milieu auch zeitlebens geblieben wäre. — Das ändert sich aber mit dem Augenblicke, da er seinen Lieblings- Wunsch: zu studieren durchsetzt und die Universität in Göttingen bezieht. Da kommt er zum crstcnmale in die Zwangslage. Für sein Judentum cinstehen zu sollen, er soll es gegen Anwürfe verteidigen und da er cs zuerst versucht, kann ers nicht, denn er kennt cs ja zu lvcnig und das, was er kennt, genügt ihm nicht, bcfricdigt ihn nicht mehr. Und gleichviel soll er dafür leiden, soll er cs sich sagen müssen, daß er zeitlebens Menschen, denen er sich geistig um Riesenhöhc überlegen fühlt, seines Judentums halber erbarmungslos preisgcgcbcn ist, soll er sich sagen müssen, daß er sich gegen sic wohl ivird wehren müssen, sich ihrer aber doch niemals lvird erwehren können. Und tvofür, wofür das alles? So mochte er in jener Zeit wohl oft gedacht habe» und das mochten seine Gedanken gewesen sein an jenein für ihn so schreckliche» Tage, da seine Kolleggcnossen, ihn als Denunzianten in einer Ehrenaffärc verleumdend vor seine Wohnung zogen und ihm die unslätigstcn Judenschimpfercien zuriefcn, das mochte er wohl denke», als sein Erstlingswerk ״Alinansor", das endlich bei der Brannschlvcigcr Hofbühnc aufgcführt wurde, nach den drei ersten mit Heller Begeisterung aufgcnommcnen Akten, deshalb durchficl, lvcil jemand von der Galerie hcrabrief: ״Ei» Judenstück bewundert ihr?" und daraufhin das Publikum empört das ״Judcnstück" auszischte. Und dazu kam noch, daß ihm selbst viele seiner ״Glaubensgenossen" widerwärtig, verhaßt waren. Das alles wirkte zusammen und man kann sich nicht lvundcrn, wenn in Heine der Entschluß, sich tausen zu lassen, reif wurde. Wenige Wochen nach seiner Promotion zum Doktor der Rechte tritt er über. — Armer Heine! Er ahnt nicht, daß dieser Ucbcrtritt die bitterste Enttäuschung seines Lebens in sich schließe» sollte! Er hatte gehofft, durch die Taufe das ״Entrittsbillctt" in die gute Gesellschaft" zu erlangen und hat es sich dadurch noch mehr verscherzt. Denn jetzt war er nicht n u r Jude, jetzt lvar er g c t a u f t c r Jude, das heißt, er hatte selbst cingesehcn, daß man als Jude minderwertig war; das haben sich seine Spötter nicht entgehen lassen! Und sie fallen über ihn her, dessen junger Ruhm sic in die Augen sticht: da er sich um die Dozentur an der Münchner Universität bewirbt, intriguicrt die kl-.׳- rikalc Partei, Platcn an der Spitze, gegen ihn und er wird ausgcschlagen, ״weil er ein Jude ist". — Die erste Zeit, die Heine jetzt in Frankreich verbringt, ist eine der schwersten und einsamsten seines Lebens. Er ist